Alles endet irgendwann.

…und nachdem mein Blog, der irgendwie auch meine Seele, mein Herz, mein Innerstes widerspiegelt, so herrenlos und unvollendet im Netz brach liegt, ist es heute an der Zeit, meine zehntausende von Wörtern abzuschließen, den Sack voll Buchstaben sozusagen zuzumachen. Ich war im vergangenen Jahr recht krank und hab etwas Zeit gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Nun geht’s gut.

Und an dieser Stelle finde ich es mehr als passend, eines meiner Lieblingsgedichte zu hinterlassen. Eigentlich hatte ich immer im Sinn, meinen Blog zu beenden, wenn ich meine Liebe in meinem Leben gefunden habe. Eine, die mich trifft, wie der Blitz. Eine, in der ich mich fallen lassen kann. Meine eigenen Fehler in den Hintergrund rücken lassen und die des anderen gleich mit. Eine allumfassende Liebe. Innen wie außen. So wünsch ich es mir. Nur. Für den Moment sieht es aber immer noch so aus, als zöge sich dieser Vorgang weiterhin etwas in die Länge. Vielleicht werde ich ja auch irgendwann eines besseren belehrt. Das war ja schön öfter der Fall. Aber Träume…Träume haben darf man ja wohl…Ich hänge ja schon an der Vorstellung, in der Seniorenresidenz, in der ich meine lilasilbernen Locken samt den lackierten Nägeln und bemalten Lippen an einem rosafarbenen Rollator  (mit Sitzpolster!) durch die Flure schiebe und dort von der Liebe getroffen werde. Wir teilen uns dann Pudding und Prothesenglas, gehen gemeinsam zu Bingo und Physiotherapie und chatten mit unseren Kindern über WasweißichfüreinNetzwerk mit extra großen Buchstaben und drehen unsere Hörgeräte lauter, erzählen uns unsere alten Geschichten. Immer wieder von vorn. Uns fällt immer etwas neues ein, das wir schon wieder vergessen hatten :-).

Aber ich schweife ab – das Gedicht von den Stufen von Hermann Hesse.

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Es zeigt doch, dass wir Menschen uns seit Jahr und Tag mit den immer gleichen Gegebenheiten, dem Abschied und dem Neubeginn, der Geburt und dem Tod, dem Loslassen und Festhalten beschäftigen (müssen). Es ist das Menschsein. Jeder kann doch dazu ein Lied singen, oder? Hermann Hesse hat’s in ein Gedicht geschrieben. Und nachdem bei aller Ungleichheit, verschiedener Glaubensarten und Weltanschauungen im Grunde doch uns so vieles verbindet, tröstet es auch: Wir sind nicht allein. Niemals.

Und weil jedem Anfang ein Zauber inne wohnt, lasse ich jetzt Altes los. Fest in meinem Herzen verankert. Aber dennoch an der Zeit, nach vorn zu blicken. Ich kümmere mich jetzt nicht mehr um die Krankheit meines Mannes sondern um die Gesundheit von mir. Heiter sollen wir Raum um Raum durchschreiten. Zu traurig macht es mich oft, wenn mir Geschichten von Euch zu Nahe gehen, meine eigene wieder viel zu greifbar wird, obwohl schon lang geschehen. Ich muss abschließen können. Einen Schlussstrich ziehen.

Ich danke jedem einzelnen meiner treuen Leser. Fürs Zuhören, Nachdenken, Auseinandersetzen, Mitteilen, fürs Lachen und Weinen, für  Ehrlichkeit und Mitgefühl. Für Trost und Zuversicht. Und jedem einzelnen wünsche ich von ganzem Herzen ein Leben mit Liebe, Sinn, Zufriedenheit und bestmöglicher Gesundheit erfüllt. Ganz nach eigenen Vorstellungen und Wünschen. Ganz viel Kraft für scheinbar unbegehbare Wege, Blickwinkel, die ändern lassen, Atemzüge, die befreien und schlussendlich Geborgenheit in seinem Leben.

Man sieht sich ja immer zwei mal im Leben – vielleicht schreibe ich ja ein Buch über etwas Lustiges :-) oder versuche mal ganz etwas anderes.

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

…denn ihr wisst ja: Schwarz steht mir einfach nicht…

Alles Liebe, Eure Anja

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2 Gedanken zu “Alles endet irgendwann.

  1. Ich hatte Sie und Ihre Texte vermisst. Der Post über das SWR-Nachtcafé auf FB liess mich hoffen, dass bald wieder von Ihnen zu lesen ist. Ich kann Sie gut verstehen. „Nur wer loslässt hat die Hände frei!“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen alles erdenklich Gute.

  2. Liebe Anja,

    ich lese Deine Zeilen mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn auch, wenn es in den letzten Monaten immer länger dauerte bis ein neuer Eintrag kam, fand ich jeden einzelnen doch lesenswert.
    Trotzdem kann ich Dich sehr gut verstehen und finde es auch richtig, was Du tust.

    Ich hoffe, wir hören oder begegnen uns vielleicht so einmal wieder, denn ich bin trotzdem brennend gespannt, wie es weitergeht – und ich bin sicher, Deine Wünsche werde auch nicht bis zum Altersheim warten, um sich erfüllen zu lassen.
    Wenn Mr. Right mal da ist, kann ihn auch ganz leicht erkennen: Mann kann beim Richtigen bekanntermaßen ja nichts falsch machen (und kann daher von der ersten Sekunde an wunderbar man selbst sein) und beim Falschen nichts richtig, (Daran erkennt man dann gleich, wenn es der Falsche ist :-))
    Und bis es soweit ist, verbringt man die Zeit eben mit guten Freunden und dem Menschen, der einen sogar garantiert bis in den Tod hienein begleitet und einen so gut kennt, wie sonst niemand: Mit sich selbst.

    Alles gute für Dich!
    Susanne

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