…lebe unerschrocken…

„Lou, lebe unerschrocken…“

Ich war heute mehr als spontan im Kino. Es sind ja endlich auch in Bayern Ferien, ich habe Urlaub und eigentlich war „K&K“ mit Nils bei dem Regenwetter geplant. Kochen und Kinoabend. Alle Zutaten besorgt, die Filme ebenfalls – der Plan für den Abend stand. Bis Nils mich von einem Freund aus anrief: Ach, Mama. Bitte, bitte darf ich heute hier schlafen. Biiiitttteeeee….Ich mach morgen auch alles, was du willst und helfe dir alles im Haushalt. (In Gedanken fertigte ich schon eine Liste an vom Abschneiden verwelkter Blütenköpfe über Rasen mähen bis hin zur Nutzung unseres Staubsaugers. Aber wir hatten doch einen Plan. Naja. Dadurch, dass ich seine Sommerferien schon früh im Jahr ziemlich organisiert haben muss – ich kann ihn ja schlecht die Wochen immer allein zu Hause lassen – hat er auch recht wenig Zeit, sich in den Ferien mit Freunden zu treffen. Also, was wäre ich denn da für eine Mutter. Auch, wenn es bedeutete, wieder umzudrehen, wo ich doch gerade im Begriff war, in die Einfahrt des Freundes einzubiegen…
Ich gebs zu – ich bin ungern zu Hause, wenn Nils außerhäusig schläft. Irgendwie fühlt sich das meistens bei mir an, wie verlorene Zeit. Aber es ist schon besser geworden ;-) – die letzten Male war ich eigentlich oft zu Hause geblieben. Heute wollte ich aber nicht. Schließlich habe ich ja auch noch Urlaub. Unbedingt sehen wollte ich „Ein ganzes halbes Jahr“ – das Buch hatte ich schon vor knapp zwei Jahren gelesen. Also saß ich vorhin inmitten schniefender, heulender Frauen im Broadway-Kinosaal, während Will seiner Lou einen letzten Brief hinterlassen hat, in dem er sich auffordert: Lou, lebe unerschrocken.

Ich heule ja schon bei Grey’s Anatomy Rotz zu Wasser – also fiel ich heute auch nicht weiter negativ auf ;-). Aber trotzdem hat es mich zum Nachdenken angeregt. Vor allem, weil sich die Nachfragen vermischt mit Sorgen häufen, warum ich denn hier nichts mehr schreibe. Ob alles in Ordnung ist. Und man würde doch so gern wieder mal etwas von mir lesen.

Also nutze ich heute den mir eindrücklich gebliebenen Satz „Lebe unerschrocken“, um mich zurück zu melden. Und darüber nachzudenken, warum ich so furchtbar lang nicht mehr geschrieben habe, wo mir doch der Blog hier und auch die Schreiberei als solches so viel bedeutet. Eigentlich hätte ich sehr gern von unserem absolut traumhaften und zeitlosen Urlaub auf Korfu berichtet. Darüber, dass ich am Liebsten jeden auf diese Insel schicken würde wollen, weil es ein so wunderschönes Fleckchen Erde ist, dass ich es kaum fassen konnte. Eine Insel so groß wie der Bodensee und so facettenreich. Blau und grün und strahlend. Freundlich, lecker, warmherzig und sehr detailreich. Eine Insel, auf der meine Zeit zeitlos geworden ist. Und ein Kind, das auch nicht mehr nach Hause wollte – jedenfalls nicht so schnell – ja, in der Tat. Nils und ich  waren doch ziemlich ausgelaugt, als wir bei Regenwetter morgens 6 Uhr auf Korfu landeten und haben einen ganzen Tag damit verbracht, im Bett zu liegen, zu schlafen, zu lesen, fernzusehen, zu essen und uns aufzutanken, um dann am nächsten Tag mehr als ausgeruht und ohne eine Wolke am Himmel zu sehen, aufzuwachen. Niemand hat eine Magen-Darm-Grippe bekommen, alles lief rund. Und ich war nicht einen Tag traurig, „nur“ Nils und ich sein zu „müssen“. Es war schlicht und ergreifend eine Zeit, in der ich jede einzelne Minute genossen habe.

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Auch hätte ich gern darüber geschrieben, dass ich die diesjährige Walküre im Bayreuther Festspielhaus „gespürt“ habe. In Gedanken habe ich den jeweiligen Blogeintrag schon immer abrufbereit. Wie ich in diesem altehrwürdigen Gebäude vorn in der fünften Reihe ganz genau in der Mitte saß und „walkürisiert“ wurde. Wie eine Freundin sagte: Anja, das habe ich mir gleich gedacht, dass DAS dir gefällt…
Oh ja – und wir es mir gefiel. Die Musik, das Zusammenspiel der Instrumente, die Kraft der Stimmen, die Inszenierung an sich…alles hat man buchstäblich am ganzen Körper gefühlt. Man ist dabei mit allen Sinnen. Und ich habe kein einziges Mal gegähnt ;-). Und es war auch nicht schlimm, dass ich allein war. Neben mir saß eine Frau, die schon öfter Aufführungen besucht hat und an die ich mich auch mit all meinen Fragen wenden konnte. Und über das, was ich vor und nach der Walküre sowie in den Pausen an Menschen, Unterhaltungen und Posen beobachtet habe, würde wahrscheinlich ein ganzes Buch füllen. Es war in jedem Fall SEHR unterhaltsam. Und für alle, die gern noch etwas dazu lernen wollen: Erstens: Man versteht ja echt kein Wort von dem, was die da vorn singen. Zweitens: Das Festspielhaus sieht von innen aus, wie das Caesars Palace in Las Vegas. Warst du doch auch schon. Schau dir das mal an. (Muss ich gleich mal googeln, ob das stimmt…). UND letztens ging ein Aufatmen durch den Saal, als man gesammelt feststellte, dass die Inszenierung GOTT SEI DANK keine Konventionelle war…auch wenn man das nach den ersten Minuten befürchtete…
Alles in allem hätte ich mir das gute Stück gleich noch mal angetan und hoffe, dass ich mal wieder die Möglichkeit bekomme, „vom Ring“ etwas erleben zu dürfen.

Ebenso wollte ich gern berichten, wie ich mich gefühlt habe, als ich das erste Mal im Beerdigungschor meinen Einsatz fand. Und es mir keinen Kloß im Hals beschert, neben einem eingelassenen Sarg vom ewigen Leben zu singen. Im Gegenteil – wie ich spüre, dass man mit unserer mehrstimmigen Musik und den wunderschönen Liedern sehr viel Trost spenden kann und ich froh über diesen Schritt bin, mich zu trauen. Dass ich mich im Kreise meiner Mitsänger gut aufgehoben fühle und mich der Melodie, der Stimme und dem Text hingeben kann. Dabei spüre, wie viel Kraft in mir steckt. Auch, wenn ich mich oft frage, ob ich vielleicht gefühlskalt bin. Oder bestimmte Dinge vor der Tür lasse. Schlussendlich bin ich aber zu dem Entschluss gekommen, dass ich vielleicht eher dazu neige, den Tod tatsächlich als das zu akzeptieren, was er ist. Ein Teil des Lebens. Natürlich gibt es Unterschiede in der Art und Weise und ganz sicher hinterlässt jeder Mensch einfach eine Lücke, die sich nicht schließen wird. Aber auch das ist ein Teil des Ganzen. Nichts davon ist unnormal. Man muss es nur zulassen können. Es versuchen. Die Akzeptanz. Ich glaube eigentlich, dass dieser Umstand einem einen ganz wichtigen Trost spenden kann.

Tja. Und schlussendlich ist es einfach ein sehr intensives Jahr mit vielen Aufgaben. Und was mir manchmal einzig und allein an allen Ecken und Enden fehlt ist: Zeit. Es gab so viel zu tun – in allen Bereichen. Und ich bin leider manchmal gerade eine Freundin, die sich rar macht. Was ich in den letzten Jahren auch einfach gelernt habe, ist auf meinen Bauch zu hören. Auf das untrügliche Bauchgefühl. Und wenn mir das sagt, dass es jetzt vielleicht besser wäre, lieber mal ein Stündchen lesend in der Hängematte zu liegen oder zeitig schlafen zu gehen, dann hat das Gefühl meistens recht. Ich muss nichts übers Knie brechen oder irgendjemandem etwas beweisen. Am allerwenigsten mir selbst. Was nicht bedeutet, dass ich keine Pläne, Ziele oder gar Träume hätte. Im Gegenteil. Momentan spielt das Wort „Plan“ bei uns auch eine große Rolle. Stimmt’s liebe Mutti? Wir planen jetzt nämlich mal, lieber nichts zu planen. Tut man manchmal besser dran. Nils wollte auch schon wissen, wie dieses oder jenes dann zu organisieren wäre, wenn das neue Schuljahr begonnen hat. LIEBER NILS: Jetzt sind erst einmal Ferien. Und wie sich dann was bewerkstelligen lässt und was nicht, entscheiden wir dann, wenn der Stundenplan vorliegt, die OGS gebucht ist und so Kram. Woher er diese Leidenschaft für Pläne hat…das frage ich mich. Ganz im Ernst…… :-).
Nichts desto trotz bin ich für Spontaneität zu haben – am Ende mehr als für von langer Hand geplante Events. Und das ist ein Gesetz auf dieser Welt, das bleibt immer gleich: Spontan ist immer am schönsten. Ob spontan von einer Minute auf die nächste aufs Bürgerfest zu gehen, mit meinen Eltern zum Grillen zu verabreden und einen entspannten, schönen Abend am Lagerfeuer verbringen, oder: ach komm, lass uns schnell einen Kaffee zusammen trinken. Und dann schließen sich manche Kreise wieder. Dass der Moment wichtig ist. Weil keiner weiß, was morgen passiert sein kann.

Lebe unerschrocken.
Heute. Jetzt.

Und weil mir die Zeit manchmal fehlt, die gelassene „Ich-bin-in-Schreibstimmung“ fehlt, weil ich mit meinem jetzt schon 36 Jahren den wichtigen Schlaf schon allein wegen der Antifaltenbildung und der wachen Gehirnzellen brauche, entscheide ich mich so oft eher dafür, abends in meine Kissen zu sinken anstatt mich an den Rechner zu setzen.

Heute aber –  heute war mir aber mehr als nur danach, mich endlich mit ein paar Zeilen zurück zu melden.

Meine lieben treuen Leser. Ich bin da. Und ich schreibe wieder. Versprochen. Ich plane jetzt mal absolut rein gar nichts – aber vielleicht melde ich mich ja bevor wieder ein viertel Jahr vergangen ist. Bleiben wir am Ball.

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Ein Gedanke zu “…lebe unerschrocken…

  1. Schön, mal wieder von Dir zu lesen Und zu wissen, dass es Dir gut geht. Ich gestern mit meiner besten Freundin (die vor 6 Jahren sehr schwer an Krebs erkrankt war) ein Gespräch darüber, warum sie vor 2 Jahren all Ihr Engagement bei der deutschen Krebshilfe eingestellt hat.
    Sie sagt: „Ich hatte, das Gefühl, es hielt mich am Ende davon ab, wirklich ins Leben zurückzukehren, und ich denke, knapp 5 Jahre Engagement und dabei auch viel Selbsthilfe aufzubauen war eben meine persönliche Zeit.
    Vielleicht hat auch Dein Blog einfach seine persönliche Zeit…

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