Mein ganz persönlicher SWR Nachtcafé-Rückblick

So, Freunde der Nacht. Ich weiß, dass ich vor ungefähr vier Wochen geschrieben habe, ich würde mich morgen endlich mit einem Blogeintrag melden. Und ehe man es sich versieht, sind 25 morgige Tage auch schon wieder vergangen. Wer kennt das nicht heutzutage. Mir scheint, je älter man wird, umso schneller zieht die Zeit an einem vorbei. Zwei mal blinzeln und schon wieder ist eine Woche vorbei, in der man sicher sehr viel geschafft hat aber bei weitem nicht alles und schon gleich gar nicht genug. Immer bleibt irgendetwas übrig. Und in diesem Strudel aus so vielen Dingen, die sich in einem ganz normalen Alltag auftürmen habe ich mir sagen müssen: Stop. So nicht. So kracht das ganze Gebilde bald irgendwann in sich zusammen und am Ende hat da keiner was davon. Also – mal wieder – alles ein bisschen auf Anfang. Aussortieren. Was ist wichtig und was nicht. Wo lohnt sich die ganze Mühe und wo nicht. Und an welchen Punkten muss vielleicht ich bei mir ansetzen und nicht bei anderen. Ihr seht schon – Gedanken über Gedanken. Ich wäre wohl nur ein halber Mensch, könnte ich mich nicht in jeder freien Minute mit irgendwelchen internen Zusammenhängen beschäftigen.

Krasser Schnitt. Da war ich also im wunderbaren SWR NACHTCAFÉ. Der ein oder andere wird sich daran erinnern – ich werde alle meine Erlebnisse und Begegnungen dort mein Leben lang in meinem Herzen tragen. Angefangen bei einer kurzweiligen (ernsthaft) 5 stündigen Zugfahrt (ich hab jedenfalls nicht gewusst, dass es mich irgendwie überfordert, wenn der Zug auf halber Strecke plötzlich „anders rum“ fährt…wieder was gelernt…auf der Rückfahrt war ich vorbereitet) bei der wir feststellen durften, dass das Transportmittel „Deutsche Bahn“ bis auf den allerletzten Stehplatz sehr wohl genutzt wird über ein sympathisches „vom-Bahnhof-abgeholt-werden“ bis hin zu einem Hotel, in dem ich stundenlang die Treppen auf- und abgewandelt wäre, hätte ich ein entsprechendes Kleid aus früheren Jahren an. Meine Schwester meint ja immer, ich wäre im falschen Jahrhundert geboren :-).

Wandelhalle

Ich war schon nervös und auch aufgeregt. Was erwartet mich? Wie sind die anderen Gäste? Habe ich einen Blackout vor laufender Kamera? KANN ICH DAS ÜBERHAUPT? Tja. No way out. Da musst du jetzt durch Mädchen.

Das E-Werk in Baden Baden ist eine Augenweide. Nicht nur äußerlich sondern auch in seiner ganz besonders warmen Ausstrahlung. Überhaupt empfand ich die ganze Atmosphäre sehr herzlich und willkommen heißend. Ausgehend von jedem, der dort tätig war. Seien es die Techniker, die Redakteure, Maskenbildner – jeder einzelne – und oben auf natürlich Michael Steinbrecher. Meine Maskenbildnerin habe ich gefragt, ob sie das nicht jeden Morgen bei mir machen könne. Ein Traum…einfach hinsetzen, Augen schließen, Augen öffnen: fertig ist der Lack. Herr Steinbrecher hat mit jedem Gast einzeln das Procedere besprochen, was ich persönlich als große Erleichterung empfand. Man „kennt“ sich praktisch schon irgendwie, wenn die Kameras rot leuchten.

Nachtcafe

Ich habe mich nicht allein oder einsam gefühlt. Hinter mir sitzend gab mir ein wichtiger Freund „Rückendeckung“ und ich wusste, dass meine ganze Familie zu Hause mindestens ebenso aufgeregt war, wie ich und in Gedanken ganz fest bei mir waren – so wie viele Freunde auch.

Tja. Wie habe ich die Sendung sonst noch erlebt? Als einen der wunderbarsten Momente, die ich je erleben durfte. So menschlich. So ehrlich. So verbunden. Oft war mir, als säßen nur wir in unseren Sesseln. Ohne Kameras. Ohne Publikum. Ich weiß noch, dass ich irgendwann dachte: Himmel. Die können alle so gut reden – wie sollst du das schaffen. Aber ich verrate euch etwas. Man lässt sich einfach drauf ein. Und ist wie man eben ist. Die Sendung „Wenn das Leben früh endet“ hatte wirklich ein schweres Thema mit harten Schicksalsschlägen  und es war vorher natürlich auch die Sorge spürbar, ob wir das alle gut hinbekommen. Und das haben wir. Jeder für sich und wir alle gemeinsam. In dem wir versuchten – jeder für sich und auf seine Art und Weise – den Tod ins Boot zu holen. Ihn – auch wenn er so ein furchtbar unliebsamer Weggefährte ist – nicht auszugrenzen. Ihm den Schrecken und die wahnsinnige Größe zu nehmen, in dem man darüber spricht. In dem wir uns in die Augen geblickt haben und zuzwinkerten: Wir schaffen das. Wir werden am Leben festhalten. Egal, welche Hürden und Steine einem dauernd und immer wieder in den Weg geworfen werden. Und dieser Moment, diese beiden Stunden der absoluten Gemeinsamkeit ist eigentlich wirklich unbezahlbar. Ich denke wirklich – trotz des tragischen Themas – sehr, sehr gern an das zurück, was ich dort empfunden habe und was ich für mein eigenes Leben gelernt habe und mitnehmen konnte. Und ich habe gefühlt, dass das uns allen dort so ging. Jeden einzelnen habe ich in mein Herz geschlossen und sind Wegbegleiter geworden. Wir haben uns auch unter anderen Umständen kennen gelernt. Nicht einfach nur blabala…Smalltalk. Sondern innerhalb kürzester Zeit ging es rasant in die Tiefe in einem selbst. Das verbindet. Und nicht der Tod verbindet uns – sondern das Leben. Den immer wieder so wichtigen schärfenden Blick auf Familie, Freunde, Glauben, Zufriedenheit, Zuversicht. All das spendet Kraft und Lust auf mehr.

Wir wurden allesamt noch zum gemeinsamen, sehr, sehr kurzweiligen Abendessen eingeladen und haben uns gleich noch zu einem gemeinsamem Frühstück verabredet. Ach schön. Einfach nur schön. Erdend. Zustimmend nickend. Jawohl. Meine Lieben!

Alles in allem waren es sehr aufwühlende, emotionale, wunderschöne, erlebnisreiche, besinnende Tage und ich bin dankbar, dass ich das erleben und euch kennenlernen durfte.

Lieber Benni Wollmershäuser.
Liebe Brigitte Trümpy.
Liebe Angela und Alexander Pointner.
Lieber Georg Pieper.
Liebe Christina Hecke.

(Und natürlich MUSSTE ich ein Foto von mir und Alexander Pointner machen…als alte Skisprungkennerin, die schon als Kindergartenkind mit ihrer Schwester aus der Hocke von der Treppe in die Arme unseres Papas mit den Worten „Ziiiieeeeeehhhhh“ gesprungen ist.)

Anja in Baden Baden

Am Karfreitag habe ich mich dann nur noch auf Nils mit dem ganzen Rest der Familie gefreut. Heimkommen ist schön.

Art und Weise. Meine Art und Weise. Nur kurz ein Ausflug.
Ich weiß, wie ich bin. Ich weiß, wie ich wirke. Ich weiß auch, dass es viele einfach irritiert. Wie ich vom Tod meines Mannes sprechen kann und dabei so strahlen kann. Es liegt an dem, was ich mitgenommen habe. Von ihm für mich. Den Fokus auf das zu richten, was jetzt gerade passiert. Den Moment zu lieben, in dem unsere Herzen schlagen. Und zu spüren, wie recht ich doch habe, zu glauben. Ich ganz für mich.
Ich weiß auch, dass manch einer mit meiner Art und Weise nicht zurecht kommt. Das muss er auch nicht. Umgekehrt ist das ja auch tatsächlich ab und an so ;-). All die Unterschiedlichkeiten, Sichtweisen, Einstellungen und Lebensarten machen unsere Welt doch erst bunt. Und ich habe in den Zeiten nach dem NACHTCAFÉ gelernt, dass es auch gut so ist, wie es ist. Meine Mutter hat in einem Gespräch zu mir gesagt: Anja, jeder Mensch hat seinen Grund warum er ist wie er ist. Man kann ihn dafür nicht verurteilen. Jeder tut gut daran, sich ab und an vielleicht einmal in das Gegenüber hineinzuversetzen. Das tue ich jetzt häufiger – es bringt Verständnis und Gelassenheit mit sich. Ein schönes Gefühl! Manchmal kommt es dann eben ein bisschen auf den Ton in der Musik an und auch ein bisschen auf den Respekt, den man vielleicht zollt. Keiner wird gezwungen mein Buch zu lesen oder meinem Auftritt im SWR zuzustimmen. Jeder darf seine Meinung haben. Es muss ja nicht alles geteilt werden.
Ach, wie schön – was ist es doch schön wieder etwas gelernt zu haben.
Und ihr Lieben: Das ist meine Art. Ich liebe es Freude zu empfinden für das was ich tue. Ich liebe es zu lachen und mich an den Dingen dieser Welt zu erfreuen. Ich liebe die Leichtigkeit des Seins und halte auch am Straßenrand, weil ich von  den waldbodenflächendeckenden Frühblühern unbedingt ein Foto machen muss…oder zwölf.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Schnappschuss im Wald

Und meine Freude zeige ich. Das ist meine Art und Weise.
Das heißt nicht, dass ich nicht auch eklige Zeiten durchlebe oder ständig und dauernd lache. Ganz und gar nicht. Dieses Jahr geht es schon gewaltig auf und ab. Ich möchte mich gern irgendwie da durchfinden und das finden, was mir gut tut, uns gut tut. Da muss man halt ein bisschen rum probieren. Und Prioritäten setzen. Die verliere ich auch gern mal hin und wieder. Aber bisher hab ich es ja – mit und ohne Winke mit Zaunspfählen – auch wieder in die Spur gebracht.

***

Bedanken möchte ich mich bei den unzähligen und so berührenden Briefen, Nachrichten in allen Netzwerken, Anrufen, persönlichen Worten. Ich war und bin immer noch ganz hin und weg. Und wenn ich dem ein oder anderen eine kurze Leichtigkeit oder ein Lachen eingebracht habe, dann kann es doch nur gut sein. Ich freue mich einfach von ganzem Herzen, wenn das, was ich tue, einem Anderen in irgendeiner Form hilfreich sein konnte. Ich habe es gern getan.

***

Wer sich die Sendung noch einmal anschauen möchte, kann das hier tun (mir reicht es allerdings, mich einmal gesehen und GEHÖRT zu haben…SO BIN ICH?!?…nun denn… :-) )

http://swrmediathek.de/player.htm?show=9f9b6250-f2d3-11e5-a0a4-0026b975f2e6

Und wer mein Buch „Schwarz steht mir einfach nicht“ lesen möchte:
http://www.amazon.de/Schwarz-steht-mir-einfach-nicht/dp/3453280725/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1461785912&sr=8-1&keywords=Anja+Lauckner

 

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2 Gedanken zu “Mein ganz persönlicher SWR Nachtcafé-Rückblick

  1. Liebe Anja,
    grossen Dank, dass Du uns sooo an Deinem Leben teilhaben lässt. Ja, das Nachtcafe war schon etwas extrem Besonderes. Und das Leben danach ist anders als vorher für Dich. Und doch bleiben Ups and Downs unsere Begleiter, entspannte Nächte, schlaflose Nächte…..
    Ich kenn das …..
    Du hast die große Gabe mitbekommen, dass Du uns andere „berühren“ kannst, mit dem was Du sagst, mit dem, was Du schreibst, mit dem, wie Du bist.
    Mir fällt dazu ein das tolle neue Lied von Christina Stürmer „Seite an Seite“ ein – das berührt mich auch. So wie Du. Danke.

  2. Habe das Buch „Schwarz steht mir nicht“ in zwei Tagen gelesen. Mußte einfach weiterlesen. Beeindruckend! Respekt vor Anja. Sie hat vieles intuitiv richtig gemacht. Das viele Lächeln jedoch war für mich schwer zu ertragen. Der Kommentar „wir wären sowieso nicht zusammen geblieben“ unpassend. Mein Sohn ist mit 17 Jahren ums Leben gekommen, das ist jetzt ca. 30 Jahre her und ich trauere immer noch. Es zerreist mir nicht mehr täglich das Herz, Man lernt mit den Schmerzen zu leben. Scheidung, kam bei mir hinterher noch dazu und große finanzielle Probleme. Schön, daß Anja abgesichert ist, das ist ein Segen; Das hat Anja ihren Eltern zu verdanken. Was für ein vorausschauender, besorgter Mann Kai war, voller Liebe und Respect für seine Familie .Eine Ausnahme denke ich. Ich wünsche Anja und Nils ein gutes, gesundes neues Leben!

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