Von der Nähe – sowohl als auch

Meinen letzten Blogbeitrag „Von guten Mächten wunderbar“ hat der unglaublich tolle Wolfgang Burkholz mit einem Satz kommentiert, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Und wenn mir etwas nicht mehr aus dem Kopf geht, so heißt das, dass ich in meinem Kopf darüber nachdenken muss.

Das Leben ist schon „komisch“ und der Tod erst recht.
Aber Du hast die Gabe, ganz nah ran zu gehen – sowohl als auch.

Ist das so? Habe ich tatsächlich die „Gabe“? Was bedeutet das….

Auf jeden Fall ist das mal eine ganz tolle Vorstellung. Wer möchte schon nicht ganz nah ran gehen. Dabei sein. Mitten drin. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Unglaubliches erlebt, wenn man Grenzen übergeht. Sei es Grenzen, die vorgegeben sind, weil die nun mal so sind. Grenzen in meinem Kopf. Grenzen in meinem Herz. Grenzen in meiner Seele. Grenzen sind wichtig und zeigen einem den Weg. Da darf man mich nicht missverstehen.

* * *

Und jetzt, meine lieben Leserinnen und Leser passiert etwas, das ich noch nie getan habe. Die Zeilen bis hierher habe ich vor ungefähr drei Wochen begonnen zu schreiben. Ich wurde unterbrochen und wollte eigentlich „morgen“ weiter schreiben. Und schon ist eine halbe Ewigkeit vergangen und viel passiert. Jetzt sitze ich hier und lese diese Wörter da oben noch einmal durch. Und stelle fest: Das Ding mit den Grenzen lässt sich furchtbar leicht runtertippen. Aber mit der Umsetzung hapert es machmal etwas. Oder anders formuliert: Hin und wieder sind eben auch eigene Grenzen erreicht. Und das war in den letzten Tagen und Wochen bei mir definitiv der Fall. Ich bin ganz nah rangegangen. Ganz, ganz nah. Ich denke mir schon oft: Anja, wirklich jetzt. Das muss doch zu schaffen sein. Und Anja möchte sehr gern mit allen Dickköpfen dieser Welt durch die Wand. Grenzen durchbrechen. Sich über Gegebenheiten hinwegsetzen. Als hätte ich die Macht darüber. Sicher haben wir vieles in unseren Händen. Können formen und probieren. Ich bin aber immer noch überzeugt davon, dass wir das Große Ganze nicht in der Hand haben.

Und was passiert, wenn mir die Dinge entgleiten? Richtig. Ich bekomme Panik. Aber so was von. Mein Kopf denkt sich Tage und Nächte durch die Zeiten, schnappt über und kommt ja doch zu keinem Ergebnis. Ich bin mir sicher, der ein oder andere kennt diesen Zustand der „Hirnohnmacht“. Nun halte ich unschöne Emotionen, Situationen, Gefühle etc. pp. immer noch sehr schlecht aus. Ich möchte auch andauernd gern hinter die Crux an der Geschichte kommen. Wieso, weshalb, warum gerade dieses oder jenes passiert ist. Und dann gehe ich schon wieder ganz nah ran. Manchmal muss man gnadenlos ehrlich zu sich selbst sein, um irgendeine brauchbare Lösung für den desolaten Zustand zu finden. Oder aber – und das habe ich noch nicht so gut gelernt – es einfach zu akzeptieren. Dass manche Dinge einfach sind, wie sie sind. Dass sie geschehen, wie sie eben geschehen sind. Mir fällt noch ein wenig das Maß in beiden Sichtweisen. So wie mir das ein oder andere Mal eben auch die Maße fehlen.

Back to basic. Cut. Alles auf Anfang.

Ich kenne mich ja. Und nachdem ich auch schon sehr erfolgreich professionelle Hilfe in Anspruch genommen habe, kenne ich mich inzwischen auch sehr gut. Ich war kürzlich bei einer Skitagesfahrt ins Hochzillertal unterwegs. Irgendwann stand ich am Berg vor traumhafter Kulisse (immerhin schien bis mittags die Sonne bevor der große Schneesturm einsetzte) und sagte zu meiner Freundin: Weißt du was? Ich bin grad echt überhaupt nicht glücklich. Normalerweise hilft mir so ein Ausflug immer. Es war schon schön irgendwie. Meine Freundin und ich haben den gleichen Schwung, das gleiche Launen-Level, den gleichen Hunger und können unter anderem super gemeinsam Busreisen unternehmen. Ich muss nicht reden, wenn ich nicht reden will. Ich kann ohne Punkt und Komma Geschichten vom Stapel lassen, wenn uns danach ist und gleiches gilt natürlich in umgekehrter Art. Das entspannt mich. Wir müssen uns nicht zwingen, dauernd irgendwas zu bequatschen. Wir können auch herrlich nebeneinander schweigen oder den Busfahrer nerven (die Scheibe ist beschlagen, du fährst aber weit rechts, du fährst aber weit links, du fährst aber weit auf, was ist das für ein Geräusch, was ist das für eine Anzeige, wir haben Durst, wir haben Hunger, wir müssen mal…so in Etwa… :-) ). Natürlich haben wir auch den absolut notwendigen Aprésski mitgenommen. Und gleich zu Beginn sagte jemand zu mir: Anja, du siehst so richtig glücklich aus. Tja. Was soll ich da noch sagen. Ich bin eine Meisterin im Strahlen – auch wenn mein Innenleben gerade gehörig durcheinander gekommen ist. Frei nach dem Motto: Was will ich – was will ich nicht – was kann ich – was kann ich nicht – wo möchte ich gern hin oder wo möchte ich gern bleiben. Und, als wenn’s vorherbestimmt war, kam dann auch noch das Lied von Kristin Otto „Die immer lacht“. Ja genau – da hat doch tatsächlich jemand ein Lied über mich geschrieben ;-). Aber soll ich euch was sagen? Das ist mein Wesen. Das bin ich. Ich war es schon immer und werde es wohl auch immer so bleiben. Wahrscheinlich schütze ich mich einfach ein wenig. Weil ich mit mir selbst oft schon hart genug ins Gericht gehe.

Übrigens – als kleiner faktischer Zwischenhinweis. Auch, wenn es einem vorkommt, als wäre Österreich gar kein richtiges Ausland: Ausweis nicht vergessen! Dieser Tage ganz besonders wichtig. Ich hatte nämlich keinen dabei, weil ich mir morgens – oder besser abends 2 Uhr – noch dachte, dass wir ja nur nach Österreich fahren und ich so wenig wie möglich wichtige Dinge, die verloren gehen können, mitnehmen wollte. Also: Immer schön dran denken. Papiere einstecken.

Back to basic.

Ruhe finden. Abstand. Ein bisschen aussortieren, dass Arbeit und Events nicht über Hand nehmen. Das hilft mir immer. Runterfahren. Durchatmen. Sich auf das Kleine Ganze besinnen. Beten. Sich Gott anvertrauen. Und am allermeisten kann ich mich anvertrauen, wenn ich singe. Und wie angedroht: Ich singe. Ab sofort im Stockauer Kirchenchor und sehe mich – trotz der bisherig einzigen Chorprobe – bereits als festes Mitglied. Ich hab auch schon eine entsprechende Playlist bei Spotify. Und kann beinahe alle Lieder aus meiner Liedermappe ;-).
Liebe Leute – ich kann euch sagen…ich bin davon geflogen. Mein Herz und meine Seele waren so leicht und unbeschwert. Zufrieden. Glücklich. Im Gesang. Alt ist meine Passion. Auch schon, wenn ich mit meiner Schwester singe. Was habe ich die Chorprobe geliebt. So so so sehr. Die Wörter, die Melodien, die sich zusammenschließenden Stimmen, bei denen man sich einfach nur denken: Wow. Wie schön. So richtig, richtig schön. Ich weiß, dass das nicht jedermanns Sache ist. Muss es ja auch nicht – aber meine ist es. Definitiv. Das möchte ich unbedingt weiter verfolgen. Und auftanken. Im Glauben. Im Gesang. In der Harmonie aus beidem. Auch wenn dieser Chor maßgeblich auf Beerdigungen singt. So gehe ich hier auch ganz nah ran. An die Grenzen zwischen dem Leben und dem Tod. Weil ich weiß, wie viel Kraft es geben kann. Zu hören. Zu fühlen. Ja, Kai ist ziemlich zeitig und auch ein bisschen tragisch gestorben. Dennoch schrecke ich nicht davor zurück, in einer Kirche zu stehen und vor einer Trauergemeinde zu singen. Weil es dazu gehört. Der Tod. Und weil es schön ist zu wissen, dass jemand da ist, der einen trägt und stützt.

Gestern Abend waren wir bei Freunden – da war auch so ein netter Musik-Spotify-Junkie und es lief eine Version von „The Sound of Silence“ (von Disturbed), die ich noch nicht kannte und gerade jetzt auch nebenher laufen lasse. „Das war das letzte Lied, dass Kai und ich gemeinsam gehört haben. Bevor er gestorben ist.“ Und wenn ich es höre, riskiere ich immer einen Blick in das Zimmer in der Vergangenheit. Dann bin ich froh, dass wir uns so verabschieden konnten. Und wir beide so aufeinander zugegangen sind. Auf dem Weg der Trennung.

Heute hätten wir Hochzeitstag. Ja, genau Ende Februar. Ihr wisst ja, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die dauernd auf den Friedhof rennen. Deswegen habe ich ja schon den Grabstein an und für sich schön gestalten lassen – den würden üppige Blumenpflanzungen und Töpfe nur stören. Und Kai wollte das ja auch nicht. Dass wir eine Art „Grabkult“ betreiben. Ich bin trotzdem gern mal oben – aber eben genau dann, wenn ich will und nicht, wenn ich muss. So war ich auch nicht an Kais Geburtstag da. Dafür aber heute. Weil ich heute wollte. Weil ich heute all den ganzen braungrauen Winterpflanzkram entsorgen mochte. Und das habe ich dann auch getan. Alles weg. Ich hatte echt die Faxen dicke. Stattdessen thront jetzt eine weiße Vase mit sonnengelben  Tulpen auf dem weißen Kies vor seinem hellblauen Fenster. Mit einer Kerze. Sonst nichts. Strahlend spartanisch. So mag ich das. Und Tulpen sind meine absoluten Lieblingsblumen. Die, die mich kennen und die, die mein Buch gelesen haben, wissen, wie sich die Dinge verhalten haben. Ob das auch jeder nachvollziehen kann, sei mal dahingestellt. Darum geht es ja auch nicht. Ich denke, jeder Mensch hat so seine Hürden im Leben zu meistern. Aber trotzdem hatten wir auch schöne Zeiten, richtig gute Zeiten. Zeiten, in denen ich Kai mehr als alles andere geliebt habe. Ein schönes Gefühl. Ich erinnere mich gern an seine Nähe, seine Wärme, seinen Tatendrang und an sein Lachen, wenn er mir eine Freude bereitet hat. Und letzten Endes musste alles genauso passieren, wie es passiert ist. Wir hätten es nie in der Hand gehabt. Und ich bin froh, dass ganz genau ich die Frau von Kai gewesen bin. Keine andere. Und deswegen war ich heute gern an seinem Grab – auch wenn’s ein fest stehendes Datum ist – und habe einen hell scheinenden Blumengruß dagelassen.

Und weil das Leben so ist, wie es ist, der Blick maßgeblich nach vorn zu richten ist, freue ich mich schon jetzt darauf, meinen Geburtstag in diesem Jahr ganz anders zu feiern:  Nämlich auf einer Insel mit den Füßen im warmen Sand unter hoffentlich strahlend blauem Himmel (aber keine Sorge – wenn Regenwetter sein sollte: Sauna und Massagen rufen). Binnen von Minuten war der Wunsch geboren und innerhalb weniger Sekunden festgeklopft: Das ist es. So möchte ich das.

HimmelundErde
Zwischen Himmel und Erde.

Leben. Das möchte ich. Auch, wenn es manchmal weh tut. Aber bei wem ist das nicht auch ab und an der Fall.

Aufstehen – Krone richten – weitergehen.

Oder?

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