Von guten Mächten wunderbar

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Dietrich Bonhoeffer

Von guten Mächten wunderbar geborgen.
Das habe ich mir gedacht, als ich in dieser Woche das erste Mal seit Kais Beisetzung am 08. Oktober 2011 in unserer Stockauer Kirchen saß. Ganz hinten – ganz rechts. Bisher war ich immer in anderen Kirchen unterwegs.

Kais Grab war zwar immer das erste – oder das letzte – in seiner Reihe auf dem Friedhof und eine Neue wurde inzwischen auch schon angelegt, aber irgendwie war da trotzdem immer ein Platz leer. Seit Montag nicht mehr. Und mir ist, als musste genau dieser Platz für Hans freigehalten werden. Auch ein Familienvater bei dem der Krebs unerbittlich zugeschlagen hat. Auch seine Frau, seine Kinder werden jetzt irgendwie ein neues Leben führen müssen.

So saß ich in der Kirche. Wartend. Und auch ziemlich traurig. Weil man es manchmal eben nicht fassen kann. Und weil manchmal auch alles ziemlich viel ist, was man zu bewältigen hat. Und weil manchmal das Leben einen vor riesige Herausforderungen stellt und ich kein Mensch bin, der dann einfach umgekehrt oder stehen bleibt. Nein. Ich gehe da durch.

Was habe ich gefühlt – ganz hinten rechts in der Kirche. Von guten Mächten wunderbar geborgen. Ich denke, keiner von uns war allein. Ich auch nicht. Auch ohne Mann an meiner Seite. Ganz im Gegenteil. Es zeigt die vielen guten Türen im Leben. Bei all der Traurigkeit. So war doch ein Gefühl der tiefen Verbundenheit und des innigen Mitgefühls so präsent in meinem Herzen. Der Trauergottesdienst war wunderbar. Ein richtig tröstender und Halt gebender Abschied. Egal ob Pfarrer Maisel oder diejenigen, die einen Nachruf aussprachen, haben ganz wunderbare Worte gefunden. Nichts althergebrachtes. Sondern Worte, die die Herzen berührten. Ein Lied von der Wiesn‘ bei dem man nur leicht lächelnd sagen konnte: Ja, genauso.

Mittendrin. Mein Herz ist mittendrin. Und zwar im Glauben. Der bezaubernde Kirchenchor hat so wunderschön gesungen – mehrstimmig, klar, zusammengehörend, dass es mir durch Mark und Bein ging. Ich konnte meine Augen schließen, fühlte mich beschützt und geborgen. Zu wissen, dass es mit dem Tod nicht vorbei ist. Dass wir vieles nicht in der Hand haben. Dass wir uns durchaus treiben lassen können, weil ein anderer die Obhut hat. Das befreit mich. Tröstet mich. Viele Fragen können hier unten eh nicht beantwortet werden. Aber man kann daran glauben. Mir hilft das unwahrscheinlich viel. Und weil ich den Chor so wohltuend schön fand und ich zeit meines Lebens gern und viel gesungen habe, so werde ich einfach mal die nächste Probe besuchen und sehen, wohin mich dieser Schritt treiben wird.

Von guten Mächten wunderbar geborgen.

Unglaublich zu sehen, dabei zu sein, wie viele helfende und stützende Hände doch da sein können. In Zeiten der Trauer und der Traurigkeit. Wie sehr es doch verbindet, gemeinsam und Hand in Hand den Weg der Krankheit, des Abschieds und des Neubeginns zu gehen. Mich freut das für die Familie sehr. Und für Hans. Der einen so würdigen Abschied bekommen hat, wie er ihn ganz sicher auch verdient hat. Ein Abschied, der so unglaublich traurig macht aber auch zu zeigen vermag: Wir sind da. Es wird weiter gehen. Und irgendwann wird es auch leichter ums Herz werden. Denn ein Leben ist niemals weniger wert, nur weil man einen lieben Menschen an seiner Seite verloren hat. Im Gegenteil. Es sollte einen dazu anhalten, noch achtsamer zu sein. Und sich auf die guten und wohltuenden Momente im Leben zu besinnen und vor allem auch derer anzunehmen. Ja, das darf sein. Ja, man darf sich erfreuen. Ja, man darf leben. Ja, man darf sich neu einrichten. Und ja, es ist richtig.

Wir alle haben unsere Berge und Täler im Leben zu bewältigen. Jeder für sich aber dafür jeder ganz sicher. Es ist immer ein Abwägen. Und es ist auch niemals vorbei. Wenn man aber die Täler bewusst und mit offenen Sinnen durchläuft, so werden die Berge umso sonniger und weitblickender. Weil man im anstrengenden Teil sehr intensiv lernen musste, worauf es im Leben ankommt und welche Dinge auch mal getrost vernachlässigt werden können. Das funktioniert bei mir dann mal besser und mal schlechter :-).

Nils war es irgendwie wichtig, dass Kai Hans als Nachbarn bekommt und als ich ihm das erzählte, hat er breit gelächelt und gemeint, dass die beiden Stockauer ja jetzt gemeinsam durch den Himmel ziehen können. Nils wollte auch alles ganz genau wissen – wer war da, wer hat was gesagt, was wurde gesungen und überhaupt. Für Oma und Opa kaufe ich auch mal ein Grab – auch wenn ich nicht gern davon spreche – und Mama, wie soll Dein Grabstein mal aussehen? Was ist, wenn ich nicht so modern bin um auch einen für dich modernen Stein zu gestalten…

Genau. Nils.
Aber es sind genau die Momente. Wenn wir gemeinsam bei Kerzenschein zu Abend essen und Nils gern einen Plan hätte (woher er das nur hat….). Dass ich dann gern bereit bin, mit ihm über den Tod zu sprechen. Und dass wir nicht ausklammern, dass es auch die Familie treffen kann. Nein. Treffen wird. Dass das Sterben dazu gehört.  Er sagt: Mama, man kann es nie richtig verarbeiten. Es wird immer mein Papa sein, der gestorben ist. Aber ich kann gut damit leben und bin auch glücklich. Und wenn wir so dasitzen, beinahe so darüber sprechen, als ginge es darum den morgigen Tag zu planen, dann weiß ich, dass ich so meinem Kind ein Stück Bedrohlichkeit des Todes nehmen kann. Auch, wenn es manchmal nicht leicht für mich ist.Denn ich mag bitte auch nicht pausenlos daran denken, dass auch meine Eltern irgendwann nicht mehr da sein werden. Aber noch sind wir nicht soweit. Heute sind wir alle da. Und „Heute“ zählt.

Und dass es für Hans in der ersten Nacht nicht gar so dunkel ist, habe ich bei Kai ein Licht angezündet.
Für beide. Möge der Wind in Eurem Rücken sein.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

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4 Gedanken zu “Von guten Mächten wunderbar

  1. Meine Güte muss ich jetzt weinen, du schreibst so wunderschön, liebe Anja. Aber du hast so recht mit deinen Worten. Auch wenn für Ute und ihre Mädels immoment dicke schwere Wolken über ihnen drohen, wir sicher auch bald wieder die Sonne für sie scheinen.

    LG Kerstin

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