Zwischen den Jahren samt Ziel und Sonders

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass bei mir die Zeit „zwischen den Jahren“, die man üblicherweise zwischen Weihnachten und Neujahr begeht, eher zwischen den Schuljahren und während der Sommerferien, speziell in meinem SommerJahresUrlaub ihr Zuhause findet. Während ich in der Weihnachtszeit eher besinnlich zur Ruhe komme, so nutze ich allem Anschein nach gern den Sommerurlaub, um Lebensansätze zu überdenken, Ziele neue zu ordnen und Vergangenes aufzuarbeiten. Es ist immer so. Wirklich immer. Zumindest seit Kai gestorben ist. Ich träume auch immer so oft von ihm. Sicher liegt es auch daran, dass zu Beginn des neuen Schuljahres der Todestag um die Ecke steht und wir damals im September ein neues Leben begonnen haben. Neues Leben – neues Jahr.

Auf jeden Fall kann ich feststellen, dass es der schönste Sommerurlaub seit Kais Tod war. Auf Hotelurlaube habe ich mich immer gefreut und musste dann im Nachhinein feststellen, dass ich mich im Gesamtbild doch oft recht einsam gefühlt habe. Schöne Tage in den Bergen waren da schon besser, aber da muss man so viel wandern ;-). Und nach meiner gesundheitlichen Unpässlichkeit während der Sommertage war ich definitiv noch nicht fit genug für Kaiserschmarren auf Hochalmen.  Keine Sorge, ich langweile hier jetzt nicht mit ausführlichen Reiseberichten. Aber. Wir waren bei meiner Schwester – das erste Mal seit unserem Unfall am 1. April. Und um uns die Reiseroute etwas angenehmer zu gestalten, haben wir genau in der Mitte eine „wir-bleiben-hier-jetzt-über-Nacht“-Pause direkt in Frankfurt eingelegt.

Good-Morning_web

Ich stelle immer wieder fest: Wenn ich irgendwo bin, wo es mir besonders gut gefällt und ich weiß, das Vergnügen ist nur von kurzer Dauer, dann sauge ich auch jedes einzelne Fitzelchen an Minuten auf. Und ich glaube, Nils ist da ganz genau so. Was hatten wir für eine herrliche Zeit in unserem Hotel mit Open Sky Schwimmbad. Mein Sohn hätte auch ziemlich gern noch den 24-Stunden-Zimmer-Service in Anspruch genommen…aber irgendwo ist dann auch mal gut. Heute hier – morgen da. Unsere Devise. Herrlich. Fast eine Art Jet-Set-Leben (…aber auch nur fast…). Dreh- und Angelpunkt war meine Schwester mit allerliebsten Kindern und Kegel. Wir tobten im Wasser, frühstückten im Nachthemd bis spät, zogen mit den Kids los, tranken entspannten Milchkaffee (natürlich nicht ohne frische Waffeln mit heißen Kirschen und Vanilleeis dazu zu bestellen….), spielten mit absolutem Ernst die Siedler von Cartan, lagen auf Sofas, gingen spazieren, kochten lecker und hatten zusammen in Herz und Seele mit Groß und Klein eine so wunderbare Zeit. Als wäre ich Wochen weg gewesen fühle ich mich. Eine liebe Freundin, die es in den Ruhrpott verschlagen hatte, besuchten wir auch. Ich sehe sie jetzt beinah öfter als zu Zeiten, in denen sie noch im nahe gelegenen Thüringen gewohnt hat. Absolutes Highlight aber war mein neues Lieblingsland: die Niederlande. Samt der Nordsee mit ihren traumhaften Stränden. Fast keine Wolke sahen wir dort. Nils zog mit seinen Schaufeln davon und war einfach mal Kind. So sorglos. Ging total darin auf, Burgen zu bauen, Kanäle und Gräben zu ziehen, im Sand Fallrückzieher zu üben, Muscheln mit mir zu sammeln oder im Strandkorb zu lümmeln und Lucky Luke zu lesen. Zufrieden mit sich selbst und der Welt. Es war so entspannend und so weit weg, dass ich bis heute von dieser schönen Zeit zehre. Weitläufige Strände, dichte Dünen, satte Landschaften. Mir fiel auch auf, dass ich überhaupt nicht mehr darauf acht gebe, ob Leute uns beide beobachten, sich fragen, warum die Mutter da allein und ohne Mann mit dem Kind durchs Land reist. Inzwischen ist das unsere Normalität. Unser neues Leben. Irgendwie funktioniert das auch. Mal sehr gut, machmal hängt es ein bisschen. Aber das kommt schließlich in den besten Familien vor, oder? Und schlussendlich sind wir auch 2.000 km gefahren in diesen Tagen und irgendwann hat auch Nils aufgehört im Auto zu beten. Er hat wieder Vertrauen gefunden. In weite Strecken, Regenfälle, dichten Verkehr und konnte sich auf das, was kommt, freuen.

Traumstrand_web

Einen ganz enormen Denkanstoß habe ich beim gemütlichen Sonntagsfrühstück (denn die feuchteste Region Deutschlands im Bergischen Land lädt ganz famos zu purer Gemütlichkeit ein…) las der Mann meiner Schwester eine kleine Morgenandacht. Nils ist auch immer ganz dabei. Besonders, wenn einem dann noch Fragen gestellt werden. In Zusammenhang mit Gott. Nämlich die Frage nach dem Ziel im Leben. Nicht nur irgendwelcher materieller Natur, sondern Ziele mit Nachhaltigkeit. Mein Torwartsohn stellte gleich mal seines in den Raum: Also mein Ziel ist es mal beim BVB zu spielen (eh klar)…wenn das nicht, dann beim FC Erzgebirge Aue (ihr erinnert euch: Der Steiger kommt.) So kann er dann seinem Gedankengang zu folge entweder bei meiner Schwester oder meinen Eltern einziehen. Nicht, dass er etwa gedacht hätte, ich würde ebenso von der Partie sein…weit gefehlt…aber ich könnte ihn ja schließlich an den Wochenenden dort oder dort besuchen.

Ich mache mir seither eigentlich sehr häufig und mit großem Ernst Gedanken, wo meine Ziele liegen. Dieses Jahr ist so ein Umbruchjahr mit enorm vielen Erfahrungen. Ganz wunderschöne. Und welche, die man ziemlich bearbeiten muss. Ich geb’s zu. Ich bin kein Mensch, der einfach in den Tag leben kann. Ich weiß, dass ich meine Planleidenschaft etwas im Zaum halten muss – aber sich Ziele setzen ist ja schließlich ganz was anders. Und was schönes noch dazu. Mir hilft es auf jeden Fall, mal Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Meinen Weg auf Kurs zu bringen. Was will ich. Was tut gut. Mir. Nils. Meinem Umfeld, das mir wichtig ist.

Und je mehr ich über meine ureigenen Vorsätze in mir drin oder um mich herum nachdenke, um so mehr komme ich dahinter. Nämlich, dass es wichtig ist. Dass es wichtig ist, einen Sinn in seinem eigenen Leben zu haben. Es anzufüllen – reichhaltig. Eine gute Mutter zu sein. Tochter, Schwester. Ehefrau (früher halt). Tante. Freundin. Mitarbeiterin. Dass man Entscheidungen trifft, die man auch auf Holperstrecken noch weiterverfolgt. Wenn man nach seinem Empfinden, seinem Verstand und natürlich auch der Emotion oder dem berühmten Bauchgefühl folgt, es okay ist. Auch, wenn’s manchmal schief gehen kann. Aber man kann sich ja durchaus eines Besseren belehren lassen. Und dann wieder zeigt sich, dass es doch genau die richtige Entscheidung war, die man vielleicht vor Jahren unsicher aber doch von Herzen getroffen hat.

Ziele. Lebensziele.

Es gibt leider so viel Krankheit, plötzlichen Tod oder langsames Sterben – überall. Jeder kennt es. Und seit jeher gehört es auch dazu. Zu dem Kreislauf, in dem wir uns alle befinden. Viel zu oft vergessen wir es oder schieben ihn beiseite. Den Tod. Am Ende verlieren wir dadurch doch nur wertvolle Zeit. Und mir tut es dann auch von Herzen unendlich leid, wenn auch andere Familien das mitmachen müssen, was wir vor vier, fünf Jahren durchlebt haben. Ich kann mich aber noch ganz genau daran erinnern, dass ich noch mit Kai gemeinsam oder ich für mich allein Pläne geschmiedet habe. Was ich alles machen kann, wenn es vorbei ist. Denn dass es vorbei sein wird, wussten wir mit dem Tag der Rezidivdiagnose. Wenn man sich traut, trotzdem in eine – wenn auch andere – Zukunft zu schauen. Um die Ecke blinzelt und sieht, was vielleicht trotzdem oder gerade deshalb auf einen wartet. Ziele – besonders die mit Nachhaltigkeit, die die einen im Herzen und das eigene Leben , am Ende das eigene Wesen prägen – können einem einen Weg zeigen. Mir jedenfalls. Ich kann nur jeden ermutigen, es auch zu versuchen. Auch, wenn der Tod um die Ecke steht und man nicht weiß, wie man jemals mit dem Verlust klar kommen kann. Bei allem Schmerz und manchmal horrenden Herausforderungen darf man sich nicht vergessen. Offen sein, für die wohltuenden und heilenden Dinge, die das Leben noch so zu bieten hat. Und achtsam umgehen mit unserem gottgegeben Atemzug. Es wird weitergehen. Ich kann das sogar versprechen. Und irgendwann weichen die Tränen einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Wir sehen uns ja eh alle wieder. Davon bin ich überzeugt.

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Nun. Ich denke. Das neue Jahr kann dann mal kommen. Ich befürchte ja fast, es wird enorm.

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4 Gedanken zu “Zwischen den Jahren samt Ziel und Sonders

  1. Liebe Anja,
    ich glaube da geht’s uns ähnlich. Bisschen was weißt Du ja von meinem Sommer. Inzwischen ist noch mehr passiert, was die Endlichkeit schlagartig aufblitzen ließ. Und am Ende steht immer und immer wieder dieser eine Gedanke den Du so treffend formuliert hast:
    Wir sollten nichts anderes als „Offen sein, für die wohltuenden und heilenden Dinge, die das Leben noch so zu bieten hat. Und achtsam umgehen mit unserem gottgegeben Atemzug.“
    So lange wir da sind, wird es für uns weitergehen. Auch wenn wir die Umstände oft nicht beeinflussen können.
    Aber so lange wir unsere ganz persönlichen Ziele haben und diese Ziele nicht aus dem Erfüllen von Normen oder Modeträumen bestehen sondern wir auf das hören, was unser Herz uns vorgibt, werden wir automatisch das Richtige zur richtigen Zeit tun können.

    1. Liebe Susanne, ich wusste schon gleich am Frühlingsanfang in diesem Jahr, dass du ein besonderer Mensch bist! Das mit den Normen und Modeträumen und dem Herz: Ich kann nur nickend bestätigen.
      Dir ein trotz allem schönes Wochenende! Bis bald!

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