Glück auf, Sommersucht

Ja, die liebe Sommersucht. Es gibt sie auch anders. Nicht die Sucht IM Sommer wie damals bei Kai sondern die Sucht NACH Sommer. Und einen Sommer haben wir dieses Jahr in jedem Fall. Heiß. Trocken. Immerhin hat mein knirschender, brauner und beinah flächendeckend verbrannter Rasen im Garten einen ganz großen Vorteil: Er muss nicht gemäht werden!

Mir scheint, als ist das Jahr 2015 ein Lehrjahr. Und Lehrjahre sind ja bekanntlich keine Herrenjahre. Da kann man schlecht mitreden und muss irgendwie das beste aus jeder sich bietenden Situation machen, lernen und gelehrt bekommen. Im Großen wie im Kleinen. Da hat mein Kopf ganz ordentlich etwas zu tun, denn ich lerne ja schließlich gern. Ich kann es auch nicht sein lassen…ich muss es erörtern in alle Richtungen. Ihr kennt das sicher – irgendwas ist ja dann doch immer, oder? Und ebenso erscheint mir, als ist schlussendlich das ganze Leben ein ganz einiger Lernprozess. Lehrjahre reihen sich eines ans andere. Das muss dann nicht immer etwas mit Schulbesuchen zu tun haben.

Jeder braucht auch mal Pause in seiner Lehrausbildung. Und meine Pausen verbringe ich gerade sehr gern zu Hause im Vogtland. Da bin ich zwei Tage und fühle mich, als wäre ich eine Woche im Urlaub gewesen. Heimat. Ich habs euch ja schon erklärt, wie das bei mir ist. Eine Gegend. Ein Gefühl. Und ganz deutlich spüre ich, fühle ich bis ganz tief ins Herz hinein, wie alles gut ist. Da kann ich dann in aller Ruhe mein Gelerntes durchdiskutieren – was ist gut, was nicht so, was seh ich anders…sehe ich es trotzdem richtig?

Jetzt bin ich nun 35 Jahre alt und kann seit drei Tagen endlich behaupten, dass ich mit wachem Sinn und Verstand meine allererste(n) Sternschnuppen gesehen habe. Mit meiner Mutter hab ich in der Dunkelheit die Liegestühle aufgetragen und ganz fachwissend starrten wir in den weiten Sternenhimmel. Altbekannte Sternbilder erkenne ich sogar…und jetzt auch die Schnuppen. Wir haben ganz wahrhaft Wunderschöne gesehen, mit langer Flugbahn, Schweif und allem Drum und Dran. Funkenregen. Ich kam im Grunde mit der ganzen Wünscherei nicht hinterher, so oft blitzten die Flugobjekte zwischen den Sternen auf. Und bei jeder Sternschnuppe war ich von neuem von den Socken und ganz geblendet. Und wenn ich geblendet und von den Socken bin, dann hört man das auch. Und noch mehr hört man das Mitten in der Nacht, wenn ich mit meiner Mutter in die Nacht hinein jubele, dass das ja schon wieder eine war. Und was für eine. Sooooo schön. Ich fass es nicht. „Mädels, bei aller Euphorie, aber geht’s ein kleines bisschen leiser? Die Nachbarn schlafen schon.“, meinte mein leicht besorgter Papa. Man nutzt das eigentlich viel zu wenig. Unsere Welt. Dauernd hat man zu wenig, nur für anderes oder gar keine Zeit und oft denke ich, ich sollte jetzt mal doch lieber schlafen, als noch die Sterne zu bewundern. Aber es gibt Momente, die muss man nutzen. Die muss man sich ergreifen und auf Schlaf und Pflicht pfeifen. Die meisten Verpflichtungen laufen sowieso nicht weg und warten geduldig auf einen. Das ist etwas, was ich in den letzten vier Jahren gelernt habe: Den Moment zu leben. Egal, was und wer wie wartet oder erwartet wird – ist es da, das Zauberhafte, das Tolle, das, was einem ein breites Lachen ins Gesicht zaubert, dann tauche ich ein, sauge auf, speichere, erfreue mich daran und für den ganzen Rest ist danach immer noch Zeit. Das tut gut. Manchmal muss ich es wieder mehr üben, aber zur Zeit klappt das ziemlich reibungslos.

Ach ja, Sternschnuppen sind schön.

Und Stadionbesuche sind auch schön. Ich erwähnte ja früher schon, dass ich einfach den Fanzusammenhalt, die Stimmung, das Stehen hinter der Mannschaft so liebe. Und jetzt bin ich Fan. Vom FC Erzgebirge Aue. Ja, ganz genau. Glück auf, Glück auf der Steiger kommt. Und ich möchte da bitte auch wieder hin. Meine Eltern hatten uns eingeladen am Wochenende und Nils war eh ganz aus dem Häuschen. Hat er ja auch das neue Trikot bekommen. Für ihn war ja das non-plus-ultra-Erlebnis in seinen jungen Jahren, den Besuch der VIP-Loge, als der Fußballclub noch in der 2. Liga gegen Union Berlin gespielt hat. Und seither schlägt auch sein Herz für Aue.

Erzgebirge Aue II Meine Mutter durfte ich hier leider nicht abbilden. Wie ihr euch sicher denken könnt, ob ihrer hinterlassenen Gene, sieht sie aus wie ein „verquollener Pfannkuchen“ (Zitat!) und möchte diesen Anblick allen lieber ersparen. Ohne Worte.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich als Kind oft mit ins Wismut-Aue-Stadion ging (musste). Zum Glück waren immer Freundinnen dabei, die auch keine Wahl hatten, als mit zu gehen. Damals fand ich das Ganze einfach nur langweilig. Aber heute? Schon allein der Tatsache geschuldet, dass Nils ziemlich begeistert und nicht ganz ohne Talent als Torwart im Verein spielt, kennt man sich fußballerisch doch ein wenig aus. Schön anzusehen waren die Spieler auch noch, gewonnen haben wir (…denn ich gehöre ja jetzt dazu…) auch noch und ich freue mich schon aufs nächste Spiel. Nils hat das weltbeste Steak in seinem Leben gegessen und die Mannschaft abgeklatscht. Er wollte nie wieder seine rechte Hand waschen, meinte er. Ja, wahre Liebe kennt keine Liga, oder wie war das? Glück auf!

Auerbach von obenSchlossturm

Und da ist er wieder. Der Moment, der gesammelt werden muss. Hat nicht irgendjemand mal behauptet, dass es das Glück als Ganzes im Stück nicht gibt, sondern aus vielen einzelnen erlebten glücklichen Momenten? Dem kann ich nur zustimmen. Aus meiner ganz persönlichen Erfahrung. Da geht mein Herz auf, wenn ich in lauen Sommerabenden frei von allem mit meiner Mutter und einem Eis in der Hand die drei Wahrzeichentürme von Auerbach im Vogtland erkunde. Wir die Sonne untergehen und die Lichter der Stadt aufgehen sehen. Wenn die Häuserwände von der Sommerhitze warm zurückstrahlen und man sich fühlt, als wäre man im Süden unterwegs und nicht mitten in Deutschland. Wenn man sich konzentriert, besinnt, lacht und verrückte Fotos macht. Sommerluft atmet.

Wandmalerei

Mit den Kinds im Wasser rumspritzt, breit lachende Gesichter sieht und merkt, dass unsere Zeit damit sehr bewusst und wertvoll verbracht wurde. Man aufs Neue erkennt, wie tief ich mit meinen Lieben verbunden bin. Dann sind das Momente, die genau mein Leben lebenswert machen. Auch, wenn mein Mann an Krebs gestorben ist. Auch, wenn man sich oft ziemlich angestrengt durch den Alltag kämpfen muss. Wenn man Steine im Weg überwinden muss, wie jeder andere eben auch. Genau dann, mitten in der Glut dieses Sommers mit all seinen Momenten erwecken meine Sommersucht.

Die Sucht nach Mehr.
Die Sucht nach Leben.
Mit jeder Faser.
Mit meinem Sohn.
Meinen Eltern.
Meiner Schwester, meinen Großeltern,
Familie und Freunden.
Das ist das Leben.
Dankbar bin ich dafür.

Glück auf, Sommersucht!

Brunnen

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