Heimat für jeden

Heimat. Jeder hat eine. Zumindest sollte jeder eine haben. Die Heimat ist wie ein Schoß, die Wurzel von allem. Ich liebe meine Heimat. Das ist mir letzte Woche wieder sehr bewusst geworden. Intensiv. Und wie wichtig es ist, seine Heimat nicht zu vergessen oder zu vernachlässigen. Abzutun, als wär das nichts weiter. Ist es aber doch. Meine auf jeden Fall und ich möchte auch, dass das so bleibt. Immer.

Gerade in Zeiten, in denen man nicht ganz auf der Höhe ist, kann so eine Wurzel ziemlich heilend und erholend sein. Ich war in der letzten Zeit alles andere auf der Höhe und werkelte recht lang an so einer Bauchgeschichte rum. Mama, könnt ihr mich holen? Nach Hause? Bitte? Nils ist eine ganze Woche im Schullandheim, ich noch halbtags im Bett liegend und weiterhin krankgeschrieben. Mich zieht es in meine Heimat. Zum gesund werden, Kraft schöpfen. Erholen. Ich glaub, ich war noch nie zu diesem Zweck bei meinen Eltern.

Ach, war das herrlich.

Kindheit. Das war es, was mir als erstes in den Sinn kam, als ich morgens im alten Zimmer meiner Schwester die Augen aufgeschlagen hatte. Hier riecht es wie in meiner Kindheit. Es dauerte einen halben Tag, bis ich darauf kam, dass es die riesigen Linden vor dem Haus meiner Eltern waren, die mit dem Duft ihrer Blüten und dem Rauschen der Blätter dieses Bild von früher in meine Sinne projizierten. Ich konnte liegen, wurde versorgt, las drei fette Krimis in einer Woche, schaute Lieblingsserien zu unmöglichen Zeiten: Mittags. Oder vormittags. Schlief. Döste im Schatten auf der Terrasse und fühlte mich einfach nur gut aufgehoben.

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Während kurzer Spaziergänge ist mir auch sehr bewusst geworden, dass ich an einem wirklich schönen Fleckchen Erde groß geworden bin. Hügelige Wälder, Felder, Wiesen am Rande zum Erzgebirge. Man mag das von mir wohl gar nicht denken, aber ich bin ein absolutes Waldkind. Sommer wie Winter stromerten wir Kids von der Gartenstraße durch die Natur. Gingen heimlich im Waldsee baden, bauten unzählige Lager, schleppten Nahrungsmittel davon, vergaßen die Zeit, jagten uns mit der Jungs-Gang. Bis zu meinem 14. Lebensjahr war ich eigentlich gut dabei. Schlitten fahren, bis wir die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnten, testen, ob das Eis nun schon dick genug auf dem kleinen Teich ist…nein, war es nicht. Mist. Frösche fangen, kühles Bachwasser trinken, Dämme bauen, Beeren sammeln. Und Pilze. Wie oft waren wir mit meinem Papa „in den Pilzen“. Schon als junge Gören lernten wir, welche essbar und welche wir keinesfalls anrühren durften. Mir fiel dabei auch wieder ein, dass mein Papa uns immer eingeschärft hat, wir sollten leise bei der Pilzjagd sein, denn wenn man zu laut rumschrie oder kicherte, würden die Pilze sich in den Boden zurückziehen oder gar nicht erst vorstoßen.

Stimmt das? Ich glaub nicht, oder?!?

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Und heute? Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wann Nils Zeit hätte, im Wald ein Lager zu bauen, außer wir sind auf Ferien bei meiner Schwester. Irgendwie ist alles schon sehr schnelllebig und medienbezogen geworden mit den Jahren. Auch für die Kinder. Oder gerade für die Kinder. Ob das immer alles so gut ist?

Netterweise wohnt meine Familie immernoch in meiner Heimat – das wertet das grüne Hügelland natürlich noch einmal enorm auf. Alle Welt zieht weg, wandert aus in sämtliche Ecken dieser Erde und wenn man nicht aufpasst, hat man den Faden verloren. Zurück zum Beginn. Den Leitfaden sozusagen. Wenn man elendig krank ist und lange nicht recht auf die Beine kommt, merkt man auch, was einem gut tut. Was man braucht. Was einem wirklich hilft, gesund zu werden – neben allem Medizinischen natürlich. Sich Kümmernde. Wie meinte mein Hausarzt so treffend? Frau Lauckner, ein kranker Körper muss merken, dass sich um ihn gekümmert wird. Und wenn man allein ist, ist das ganze Unterfangen natürlich noch etwas schwieriger. Nils war es auch immer ganz angst und bange, obwohl ich mir schon große Mühe gab, nicht ganz so wehleidig vor seinen Augen zu sein. Aber froh war er jetzt schon, als alles wieder seinen halbwegs normalen Gang läuft. Freunde sind auch ganz wichtig und es tut unheimlich gut zu merken, dass man auch für andere einen gesunden Wert hat. Letzten Endes aber zog es mich zu meinen Eltern. Meiner Schwester. Da kann man liegen, muss nichts reden. Nicht für Unterhaltung sorgen. Man hört den Haushalt munter klappern, ist mittendrin. Beruhigend. Aber ohne, dass man selbst sich um irgendetwas bemühen muss, außer Ruhe zu halten. Und so eine Familie, wie ich sie habe, ist mit nichts aufzuwiegen. Wir sind immer füreinander da. Und wenn es drauf ankommt, erst recht. Immer viel aber niemals zu wenig.

Heimat und Familie. Beides sollten wir sehr achtsam behandeln. Daraus sind wir entstanden. Sicher hatte es nicht jeder schön oder leicht in seiner Kindheit. Umso froher bin ich, dass ich so eine Mutter, so einen Vater habe. Meine eben. Und die von meiner Schwester :-).

Ich habe mir jetzt vorgenommen, alle öfter zu besuchen. Auf alten Wegen zu gehen und so viel Neues dabei sehen. Auch, wenn es schon alt ist. Weil der Blick so anders geworden ist. Mein Blick. Kleinigkeiten rücken in mein Blickfeld und ich kann einfach nur stauen. So schön. Früher habe ich das nicht so wahrgenommen. Jetzt schon. Düfte, Ausblicke, Menschen. Begebenheiten, Veränderungen. Gewichtungen, die sich verschoben haben. Kinder, wie die Zeit vergeht.

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Jeder sollte so eine Heimat haben, wie meine.

Ich wünsche es euch.

Von Herzen.

Es ist einfach nur wohltuend.

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Ein Gedanke zu “Heimat für jeden

  1. liebe anja,
    es ist soooooo schön dich wieder zu lesen. zu lesen, dass es dir wieder besser geht und dass dein heimaturlaub dich wieder zu kräften hat kommen lassen.
    dein satz „immer viel aber niemals zu wenig“ hat mich sehr berührt. nicht nur in diesem satz, nein in deinem ganzen artikel steckt so viel liebe und geborgenheit. wie schön, dass deine familie für dich da ist

    zufälig verbinde ich auch den lindenduft mit den sommern meiner kindheit. wie sehr einen ein geruch abholt……

    weiterhin gute besserung
    alles liebe
    babs

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