…und die Dinge haben sich verändert

Kennt ihr das? So Tage wie diese eben. Tage, an denen es einen trifft, wie ein Blitz. Eben ist man noch völlig im Trott und im nächsten Moment muss man aufpassen, dass man den Tritt nicht verliert. Wenn sich einem mal wieder die Erkenntnis offenbart.

Alles ist anders.

Heute morgen – beim zweiten Blick in den Spiegel (denn der erste zählt ja nicht, finde ich) dachte ich mir: meine Herren, deine Haare sind jetzt aber ganz schön kurz. Die Krux an der Sache ist aber, dass die Haare jetzt dann doch noch mal drastisch gekürzt werden mussten, um in Harmonie wieder etwas wachsen können: Haare ab für längeres Haar. Das dauert nur wieder. Aber, wie heißt es so schön : Gut Ding braucht Weile. Aber, keine Sorge, liebe Männerwelt da draußen…ich werde definitiv nicht mit langem Wallehaar im Wind stehen. Die Herausforderung wird sein, mein Kinn zu erreichen.

Und genauso ist – war und wird es sein im Leben. In meinem allemal. Manchmal muss es erst drastisch werden, bevor es besser werden kann. Der Tag der Diagnose im November 2009, die Rezidive genau ein Jahr später und am 26. September dann der Tod. Da fragt sich mancher: und was ist geblieben? Was ist dir geblieben!

Ich. Ich bin mir geblieben.
Nils. Wir. Wir sind da.
Leben. Das Leben ist mir geblieben.
Erinnerungen. Viele Erinnerungen sind mir geblieben. Wunderschöne. Eklig doofe.
Familie. Meine Familie ist geblieben. Immer da. Blut ist dicker als Wasser.
Freunde. Alte Freunde. Neue Freunde.

Und es ist etwas völlig neues dazugekommen. Danach. Ich nenne das jetzt mal „Emotionales Wissen“. Das Wissen um den Tod, den Leidensweg eines Sterbenden und schlussendlich das Wissen darum, dass es jeden und zwar jederzeit treffen kann.

Neulich habe ich eine Freundin im Krankenhaus besucht. So richtig gut geht es ihr nicht gerade und lange hatte ich sie auch nicht mehr gesehen. Im Prinzip hatte ich sie noch rosig und gesund in Erinnerung. Ganz und gar nicht die Frau, die mich aus dem Krankenhausbett angeschaut hat. Und was passiert mit mir? Mein „Emotionales Wissen“ ist beinah wie auf Knopfdruck präsent. Da mag man meinen, wenn der eigene Mann so viel Zeit von Kopf bis Fuß mit dem ollen Krebs infiziert in der Klinik verbringt und dummerweise auch auf diesem Weg das Leben hier unten verlässt, hat man erstmal genug von medizinischen Häusern. Aber. Ha. Weit gefehlt, meine Liebe. Doch nicht bei mir.

Denn, die Dinge haben sich verändert.

Ich glaube, ganz gut einschätzen zu können, wie es einem kranken Menschen geht. Wie er sich fühlt. Also nicht mit Larifarigrippe oder so. Sondern körperlich um die Gesundheit kämpfend. Da stehe ich da, fühle mich vertraut mit dem Geruch, der Bettwäsche, mit den mit verschiedenen Flüssigkeiten gefüllten Plastikbeuteln. Den diversen Procedere. Mit dem Gefühl, nicht mehr liegen zu können. Und? Ich wachse. Aber ich wachse nicht um meiner Selbst willen, um mich am Ende vielleicht noch erhaben zu fühlen oder sonstigem profilierenden Gehabe ergeben zu sein. Nein. Ich wachse, um ganz viel geben zu können. Einfach dazu sein. Zu helfen. Und sei es, auch mal über die unschönen Auswürfe zu reden oder darüber, dass man eben nicht weiß, was wird. Ohne dass man Rücksicht nehmen muss, ob sich das jetzt nun gehört oder nicht, nicht von der alleserwartenden Hoffnung durchströmt zu sein. Die Dinge dürfen durchaus ihren Namen haben. Dadurch verlieren sie nämlich ihre Schrecklichkeit, wie ich finde.

…und die Dinge haben sich verändert.

Meine Güte, wenn ich da an früher denke. Ja, das klingt jetzt auch, als wäre ich schon uralt. Dabei bin ich noch nicht mal 35…lach. Früher, da konnte ich nicht mal meine Mutter im Krankenhaus besuchen, ohne dann in den Flur oder auf den Parkplatz mich zu übergeben. Ich konnte auch nicht Nils nach einer popligen Mandel-OP in Empfang nehmen, ohne dass ich mich der Ohnmacht sehr, sehr nahe, lieber gleich mal selber aufs Bett legen musste, bevor man mich noch irgendwo auflesen muss. Oder, wie oft ich üben musste, Kai auf der Intensiv zu sehen. Und jetzt? Jetzt ist alles anders. Und ich schätze diese Eigenschaft sehr an mir. Ich mag es, kranken, verletzten Menschen den Rücken zu stärken, die Hand zu nehmen und zu halten. Vielleicht werde ich ja in meinem nächsten Leben doch noch Ärztin ;-).

In der Nacht nach diesem sehr denkwürdigen Krankenhausbesuch, der den eigenen Mist dann auch mal eben komplett relativiert, habe ich auch gleich von Kai geträumt.

Wir waren in Wernesgrün, mit der Familie unterhalb der Sandstraße am Waldrand. Kenner werden wissen, wo das denn ungefähr wäre. Und Kai ist im strahlenden Abendsonnenschein auf eine Fichte geklettert. Allein. Bis ganz nach oben. Er hat sein Gesicht in den lauen Abend gereckt, tief eingeatmet, den Ausblick genossen. Und. Kam nicht mehr wieder. Er ist dort oben in den Wipfeln der Bäume gestorben. In Ruhe und vom orangefarbenen Himmel getragen. Ich sehe es wirklich noch genau vor mir. Meinen, diesen Traum. Und ich? Ich war traurig. Aber, es war ein schönes Traurigsein. Keines, das elendig weh tut. Sondern eines, bei dem ich aufgeatmet habe. Warum ist das so? Ich denke, weil wir beide akzeptiert und irgendwie irdisch abgeschlossen haben. Es hätte nie eine andere Möglichkeit gegeben. Egal, welche Wunder wir hätten heraufbeschwören sollen. Welche Methoden und Mittel wir hätten sonst noch in Erwägung ziehen sollen. Nein. So musste es sein irgendwie. So konnte es nur passieren. Emotionales Wissen. Ich weiß das. Ich weiß das deshalb, weil ich nur so zulassen konnte, dass die Dinge sich verändern. Dass sie mich entwickeln. Dass es richtig ist.

Es ist richtig, das Leben zu haben, zu leben.

Und.

Es zu lieben!

Und ja. Irgendwie. Tatsächlich.

Ich liebe mein Leben. Mit allen Höhen und Tiefen. Mit genau allem, was ganz einfach dazu gehört.

Wir haben es schließlich nur einmal. Oder?

Himmel

tbc

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2 Gedanken zu “…und die Dinge haben sich verändert

  1. nicht nur dinge haben sich verändert.
    sicherlich hast auch du dich verändert. bist an situationen und dem leben gewachsen. im allerpositivsten sinn.
    ich les dich so gerne
    du schreibst für mich einfach nur großartig
    alles liebe
    babs

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