In seinen Händen

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Erinnert ihr Euch? Mit diesem wunderbaren, und so treffenden Gedicht ging ich letztens in die Osterferien.

Heute, am Sonntag, mitten im April lese ich die Zeilen mit einem zum Teil ganz neuen Bewusstsein.

So voll Freude waren wir – richtig vergnügt – auf dem Weg ins Bergische Land. Schwesterherz besuchen samt dem so wichtigen Anhang. Ach, Anja, dann machen wir dies und das und vor allem machen wir es uns besonders schön. Ich freute mich auf das Baby und darauf, es so gut wie nie aus der Hand zu geben. Den kleinen Moritz mit den sensationellsten Augen, die ich je gesehen habe. Ich frage meine Schwester auch immer, welchen Conditioner sie für die unbeschreiblich langen, geschwungenen Wimpern des kleinen Jungen so benutzt. Nils war auch sehr aufgeregt und baute in Gedanken schon einen Legostein auf den anderen. Der Sturm über Deutschland ließ nach und das Wetter war gut. Mein weißes Auto blitzte und blinkte – blankpoliert, neue Reifen, neue Durchsicht, neue Tür, neuer TÜV…beinahe wie neugebaut sozusagen.

Was sind wir vergnügt, erlöst, befreit.

Nur noch 136 Kilometer – von 520 – stellten wir fest. Gerade eben hatten wir heftigen Graupelschauer vorsichtig hinter uns gebracht und fuhren der Sonne entgegen. Bald sind wir da.

Im nächsten Moment ist alles anders. Wir schwimmen. Keine ordentliche Bodenhaftung mehr zwischen Reifen und Autobahnasphalt. Wir drehen uns, ich versuche gegenzulenken. Keine Chance. Prallen links gegen die Leitplanke und von da an war klar, dass das hier jetzt nicht gut ausgehen kann. Bis dahin hatte ich die leise Hoffnung, das Auto unter Kontrolle bringen zu können. No way.

Bitte. Bitte lieber Gott. Lass das nicht zu.

Wir werden quer über die Fahrbahn getrieben. Nils von Sinnen brüllend. Runter von der Fahrbahn, auf den Grünstreifen…immer wartend, wann der Schmerz einsetzt. Wann das unweigerliche passiert. Wann ein nicht mehr bremsen könnendes Fahrzeug uns erwischt. Immer noch ziemlich flott unterwegs hielten wir auf einen kleinen Graben zu – bremsen unmöglich – prallten dagegen und überschlugen uns. Bleiben auf dem Dach liegen. Wir hingen kopfüber fest in unseren Gurten. Nils weint und schreit „Ich will zu Tante Janine. Was wird jetzt aus unserem Urlaub bei ihr.“ Genau das waren seine Worte. Ich kann uns abschnallen und dem Himmel sei Dank ging die Fahrertür auf. Schnell rausgeklettert, Nils befreit.

Ich? Ich kann nicht weinen. Ich kann nur glücklich sein. Und immer wieder betend danken. Ich sehe auf unser demoliertes Auto. Ich sehe auf Nils. Ich sehe auf mich.

Wir leben.

Mein Gott! Wir haben das überlebt. Ich kann es nicht fassen. Ich möchte wirklich schreiend jedem sagen: Wir leben. Uns geht es gut. Kein Blut. Kein Knochenbruch.

Die ersten Autofahrer halten nicht an. Eine Familie mit einem kleinen Kind im Auto schon. Sie haben sich sofort um Nils gekümmert, der kurz vom Umkippen immer noch bitterlich weinte. Sie haben ihn in ihr Auto gesetzt, eine Jacke angezogen und mit Limo versorg. Ein netter LKW-Fahrer hat sich dazu gesellt, die Unfallstelle abgesichert, die Rettungskräfte informiert. Es dauert über eine halbe Stunde bis jemand kommt, da hinter mir sich viele Unfälle aufgrund des Wetters und der schwimmenden Fahrbahn ereignet hatten. Inzwischen habe ich auch schon mit meiner Mutter und meiner Schwester telefoniert. Glücklicherweise konnte ich mein Telefon aus dem Auto retten. An den Rest wie Ausweispapiere , Geld oder irgendwas war kein Herankommen.

Und mit der Minute relativiert sich alles. Das Sorgenbarometer wird neu gemischt.

Solang man lebt, sind alle Probleme lösbar.

Daniel, der Mann meiner Schwester hat sich sofort auf den Weg gemacht. Zwei Rettungswägen, die Feuerwehr und Polizei kam angerollt. Wenn man sich mit dem Auto überschlagen hat gibt es ein besonderes Procedere. Man MUSS in die Klinik mit Traumazentrum gebracht werden. Und eigentlich auch jeder in ein gesondertes.

Nein. Das geht nicht. Nils und ich müssen zusammen bleiben. Es gibt keine andere Option. Wir sind in der Fremde. Auf dem Weg in den Osterurlaub. Ich kann Nils nicht allein lassen.

Nun, dann wurde solang gesucht, bis ein Krankenhaus gefunden wurde, dass uns beide zusammen aufnimmt.

So lag ich dann am Hals stabilisiert auf einer speziellen Liege, bereits an Infusion, EKG und noch so Zeugs angeschlossen, über mir Blaulicht und Sirene und dachte mir, dass man nun echt nicht immer alles im Leben mitmachen muss.

Dem netten Notarzt vertraute ich dann man Handy an, der sehr nett an Daniel schrieb, wo genau wir denn dann zu finden wären.

Das Kind und die Mutter.

So wurden wir dann in der Notaufnahme immer benannt.

Erstaunlicher Weise war auch mein Kreislauf stabil, Puls ruhig und kräftig.

Krisenerprobt. Oder? Weit weg von zu Hause, der Familie ohne alles.

Nachdem alles gründlichst untersucht wurde, überall nur ungläubig mit dem Kopf geschüttelt wurde, ob des Zustandes unserer beiden Leiber, ich schon drauf und dran war im Glücks-Überlebens-Adrenalin-Rausch ein Rad zu schlagen, um den Herrn Doktor zu überzeugen, dass wir bitte, bitte nur noch zu meine Schwester wollen, konnten wir gehen. Netterweise durfte ich noch vorher das Abschleppunternehmen befragen, ob ich an mein Auto darf und wo es denn steht. Daniel erreichte ich auch – er war beinah da.

Meinen Eltern erzählte ich am Abend, dass ich so gern meine roten Kratzer in der Tür zurück hätte. Was wäre ich glücklich mit dem kleinen Makel. Es relativiert sich. Auch das. Sch… auf die kleine Beule. Im Ernst.

Ich kann euch sagen…wenn der Schock mal nachlässt…mir tat alles weh. Von Kopf bis Fuß. Ist halt doch nicht ohne, wenn man meint, das Skelett wurde mal komplett durchgewirbelt.

Ich habe mir auch ein bisschen antrainiert, gleich an etwas schönes zu denken, wenn sich der Film immer und immer wieder abspielen möchte. Das funktioniert ganz gut. Nichts desto trotz kann ich kein weißes Auto mehr haben und mir wird schon ein bisschen schlecht, wenn ich daran denke, wieder zu meiner Schwester zu fahren. Und zwar mit Vorfreude! Sobald alles mal mit Versicherungen und Co. geregelt ist, ich ein neues Auto habe werden wir uns auf den Weg machen. Ich werde aber eine andere Strecke fahren. Es ist nicht leicht – auf der einen Seite habe ich eine das-Leben-ist-wertvoll-Injektion bekommen und auf der anderen Seite mischt die Angst dennoch gehörig mit. Es ist ein ziemliches Maß an Übung erforderlich, um da wieder richtig in die Spur zu kommen. Man darf sich da nicht reinsteigern oder Dinge bedenken, die quasi nicht auszudenken sind. Es ist nicht so. Wir wurden bewahrt. Von oben. Denn irdisch ist das ganze nicht zu erklären. Und bis heute – über eine Woche nach dem Unfall ist jeder Polizist, Sachverständige, Versicherungsmitarbeiter, Autoabschlepper, Arzt wirklich mehr als nur erstaunt, mich aus diesem Auto mit diesem Hergang vor sich stehen oder am anderen Ende der Leitung zu haben. Eine ganze Horde Schutzengel waren da am Werk. Nils und ich wie in einer beschützten Blase.

Und dann wird es mir auch erst recht bewusst, wie viel Wert das Leben ist. Und dass ich es ja gern schön habe. Und auch jetzt bereit bin, mit Herz und Hirn daran zu arbeiten, das hinter mir zu lassen und freudig nach vorn zu schauen. Auch wenn es im Moment noch etwas schwer ist und ich recht zart besaitet bin, was Unannehmliches anbelangt, oder Getöse und Gekrache. Im Krankenwagen habe ich durchs Oberlichtfenster in den grauen Himmel geschaut und gedacht: nein, ich will echt noch nicht sterben. Jeden kann es treffen. Da muss keine furchtbare Krebskrankheit daherkommen und ein Leben beenden.

Ich lebe gern.

Wir leben gern.

Und wir leben gern schön.

Also packen wir es an. Immer und immer wieder.

Und irgendwie wird sich der ganze Mist auch noch regeln, der da gerade so über uns hinweg tuckert. Eins nach dem anderen. Ich bin ja da. Wir sind ja da. Und alle anderen auch. Was besseres hätte uns nicht passieren können.

So tut es wahnsinnig gut, zu spüren, wie eng in solchen Schrecksekundenminutenstundenzeiten die Familie zusammen rückt. Da ist. Einen hält und trägt. Ob ganz nah oder auch über Entfernungen hinweg unsägliche Brücken baut. Hilft zu bewältigen und abzuarbeiten – und da meine ich nicht nur die seelische Verfassung sondern auch den ganzen elendigen Papierkram, der noch dran hängt. Eine Familie zu haben, mit der man lacht und weint. Ich habe lange nicht so von Herzen gelacht, wie beim Rommeespiel mit meinen Eltern, meiner Schwester und ihrem Mann am vergangenen Freitag. Ebenso tut es gut, hier zu Hause gut aufgehoben zu sein, Freunde zu haben, die sich sorgen, kümmern und freuen, dass wir wohlbehalten wieder da sind. Dass wir nicht allein sind sondern in einer Mitte. Es gehört einfach mehr dazu. So vieles. Und glücklich können wir uns schätzen, so vieles zu haben. So vieles gern zu haben.

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Von Herzen, Eure Anja

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