Getragen

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.
Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich.
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen.
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsal hält, weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Hanns Dieter Hüsch

Gestern habe ich die neue Woche in meinem Kalender aufgeschlagen. Einem Postkartenkalender namens „Fliegende Wörter“, falls es jemanden interessiert. Und manchmal ist es so im Leben. Da bekommt man kleine Zeichen oder auch große Zeichen. Und dieses kleine Gedicht fügt sich so gut in meine Zeit, meine Woche ein.

Wenn ich mal nichts zu tun habe, denke ich schon gerne mal darüber nach, warum alles so ist, wie es ist. So richtig eine Antwort gibt es wohl nicht auf diese Frage. Aber ich kann durchaus beantworten, warum ich jetzt um diese Uhrzeit hier sitze und für diesen Moment vergnügt und auch ein kleines bisschen furchtlos bin. Tatsächlich habe ich gerade mal gar keine Angst. Ich bin zufrieden und gelassen. Trotz vieler Arbeit und Termine ziemlich gelassen. Das stellte sich in bereits vergangenen Wochen dieses Jahres noch ganz anders da. Ich glaube ein wichtiger Teil der Lösung ist, dass man Stärke und Zuversicht entwickelt, wenn man mit vollem Bewusstsein, intensivem Gefühl und hoher Emotion durch die Täler geht. Es bringt nichts, sich dem zu entziehen. Versucht man irgendwie drum herum zu kommen, lässt man nur Kräfte, die einem fehlen, wenn es einen doch einholt. Und irgendwann tut es das nämlich. Man kann es nicht wegschließen, ohne dass es dann doch ständig an einem nagt. Nein, es hilft alles nichts. Man muss da durch. Durch den Sturm, den Regen, den Trübsinn. Holprig und manchmal auch den Weg nicht genau kennenden. Hauptsache nach vorne. Ja, genau.

Und gerade, wenn es mal nicht so gut geht, Entscheidungen anstehen, Fehler begangen wurden – also von mir jetzt  mal – dann fehlt mir schon der zweite Teil zu Hause. Einfach jemanden zu haben, mit dem man vertraut ist. Der einen kennt und auch mal auf den Boden der Tatsachen zurückholen kann. Mit dem man reden kann, ohne dass meine Worte ein immenses Gewicht bekommen. Es aber wichtig ist, dass diese Worte mal raus aus meinem Kopf kommen. Ob es nun etwas tolles war, dass ich auf Arbeit erlebt habe, oder ich eben das blöde Auto angefahren habe, den TÜV vergessen habe oder Nils einen ganz besonders weisen Satz zu Wege gebracht hat. Ein Hast du schon gehört? So eine Rolle kann auch nicht die engste Freundin übernehmen, oder meine vertraute Familie. Irgendwie fehlt es – das Teilen. Zu Hause. Das Mitteilen. Auch mal blöd sein zu können. Antennenhaare morgens zu haben und wackelige Unterarme.

Und dennoch.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

Es überkommt mich dann immer mit voller Macht und ich genieße es.

Warum? Warum ist das so?

Weil ich glaube.

Ich gebe es zu – doof, ich weiß – allermeistens und eigentlich auch erst so richtig seit Kais Tod – spreche ich zu Gott, halte mich an ihm fest, wenn es grad extrem an allen Ecken und Enden hapert. Es hilft. Zu glauben. Doch jemanden zu haben, dem man sich offenbaren kann. Auch in tiefster Nacht.

Ich glaube.

Ich glaube daran, dass irgendwie alles einen Sinn hat.
Ich glaube daran, dass Täler uns stark machen.
Ich glaube an das Leben. An das Gute im Leben.
Ich glaube daran, dass mein Leben genauso wertvoll ist, wie Kais Leben es war.
Ich glaube daran, dass es einen Himmel und ein Danach gibt.
Ich glaube daran, es nicht zu Ende sein wird.
Ich glaube an die Liebe. In so vielen möglichen Formen.
Und ich glaube daran, dass mir all das hilft, es doch eigentlich gut zu haben.

Ich glaube an Vergebung!

Wenn ich so von oben auf mein Leben herab schaue…mal ganz nüchtern betrachtet – so läuft es doch. Ein bisschen was hat man ja in der Hand – das große Ganze ja sowieso nicht. Daran glaube ich auch. Dass vieles einfach passiert, weil es passieren muss. Aber man kann das annehmen, was man hat. Und wenn man es irgendwie schafft, jede noch so eklige Situation anzunehmen. Sie mit zu nehmen im Leben. Dann findet man auch einen Weg.

Ich glaube an einen Sinn. An meinen Sinn. Und versuche so wenig wie möglich auf der faulen Haut zu liegen, um dem gerecht zu werden.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

Im Licht der Ostersonne bekommen die Geheimnisse der Erde ein anderes Licht
Friedrich von Bodelschwing (1831-1910), evangelischer Pastor

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2 Gedanken zu “Getragen

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