Kontraste

Also gut. Nachdem ich nun schon immer wieder und auch immer wieder öfter gefragt wurde: Anja, warum führst du deinen Blog nicht weiter. Anja, schreib doch wieder mal etwas. Anja, bitte höre nicht auf…lass ich mich überreden: nein, ich höre nicht auf. Und ja: ich mache weiter. Und gern auch mit der nötigen Konsequenz, die ja scheinbar ein ganz wichtiger Bestandteil des ordentlichen Bloggens ist.

Wenn das heute noch nicht ganz so gut klappt, bitte ich um tiefe Nachsicht. Mein Kopf ist verschnupft. So, wie wohl die Hälfte aller deutschen Köpfe vergrippt zu sein scheint. Da ist es kein Wunder, dass trotz monatelanger, stetiger Vitaminzufuhr, heroischem Händewaschen und Daraufhinweisen, doch bitte in die Armbeuge zu husten oder zu niesen, statt die bloße Hand zu verwenden, es irgendwann auch den Letzten erwischt und das Immunsystem ergeben die Hände hebt und streikt.

Vergangene Woche erst habe ich wieder ein Stündchen bei Kais Onko-Doc im Gespräch verbracht. Ich unterhalte mich wirklich gern mit ihm und komme auch immer wieder zu neuen Erkenntnissen und Sichtweisen. Ich wollte unbedingt jemandem die Praxis zeigen, in der Kai so viele Stunden zugebracht hat, das Zimmer mit dem kirschroten Teppich über den Dächern von Bayreuth. Und fand mich an der gleichen Stelle wieder, an der ich mit Kai vor 4 Jahren saß und Kai seinen Arzt fragte, wie viel Zeit er ihm noch gibt. Das kann man nicht sagen, meinte der Doc. Jeder Mensch ist anders. Jeder Krebs ist anders. Jede Zelle ist ein Individuum für sich. Ich brachte dann damals den Satz aufs Tablett: Also, kann man aber sagen: 40 wird er nicht mehr.

Nein. 40 wird er nicht mehr.

Das war ab dem Moment der wichtigste Satz für Kai. Die Erkenntnis samt fundierter Gewissheit. Es auch aus medizinischer Sicht zu hören, nicht nur selbst zu fühlen. Der Tod ist das Ende meiner Krankheit. Für Kai war es wichtig, genau diesen Satz Familie und Freunden weitersagen zu können. Es in irgendeine, sicher zutreffende Zeit packen zu können, nicht sagen zu müssen: er gibt nur noch Wochen. Nein, sagen zu können: Also, Leute, 40 Jahre werde ich sicher nicht mehr. Das war dann seine Art zu sagen: Ihr Lieben, ich sterbe. Und zwar bald.

Also, dann mal kräftig in die Hände gespuckt und los: Packen wir es an und füllen jede Sekunde mit irgendetwas. Hauptsache, sie ist nicht vertane Zeit.

Und am vorvergangenen Freitag. Freitag den 13. Da wäre er 40 geworden. Zum nun schon vierten Mal hätte Kai Geburtstag ohne uns…oder wir ohne ihn. Es ist und bleibt ein Tag, an dem Nils und ich immer an ihn denken werden. Nils hat sich den 13. sogar schon Wochen vorher ins Hausaufgabenheft eingetragen. Er weiß auch immer ganz genau, wie alt sein Papa geworden wäre. Allein bin ich an diesem Tag selten gern. Ich möchte ihn schon immer ein wenig besonders begehen. Auch, wenn es sich Jahr für Jahr doch immer etwas ändert, immer wieder einiges anders geworden ist, das Leben sich verändert und Sichtweisen neu ins Bild gerückt sind. Da passt es doch gut, ein kleines Abendessen zu arrangieren und Freundinnen einzuladen. Menschen, die man lieben und schätzen gelernt hat. Menschen, die Kai auch überhaupt gar nicht kannten. Das war sicher nicht bewusst von mir gewählt aber unterbewusst doch aufgenommen. Es war ein richtig schöner Abend. Wir haben viel gelacht, ja richtig gegackert. Wie sich das für ein Tisch voller Mädels in der Blüte ihres Lebens gehört. Wir haben gegessen, getrunken, genossen. Alle zusammen. So verschieden wir auch waren, so unterschiedlich unsere Lebenswege sich gestalten, so außerordentlich gut gewürzt war die Unterhaltung in dieser Runde. Ich habe mich richtig wohl gefühlt. Außerordentlich zufrieden und glücklich.

Nils liebt es natürlich auch, wenn es lauter kleine Dinge gibt, die er mag und man ewig am Tisch sitzen und essen kann, ohne dass die Mutter recht aufpasst, was im Mund des Sohnes so alles verschwindet.
Und für ihn und die Tochter einer Freundin gab’s als Abschluss noch den Film „Fack ju Göhte“

Wow, Mama, wir haben den Film zu Hause? Das wusste ich ja gar nicht.
Ja, wir haben die DVD geliehen hier. Und du weißt, ich möchte dich mit keinem einzigen der Wörter aus diesem Film je erwischen… ;-)

Mama, ich glaub, ich weiß, was „Fach ju Göhte“ heißt.
Nils, ich will das, glaub ich, nicht aus deinem Mund hören und es auch nicht wissen.

Okay, aber Mama, darf ich dich trotzdem mal was fragen?
Klar.

Wie schlimm ist eigentlich das Wort „Göhte“?

Ich musste so lachen und kann mich bis heute kaum beruhigen und immer wieder grinsen, wenn ich daran denke. Herrlich. Spätestens zu seinem 18 Geburtstag werde ich ihm das so richtig schön unter die Nase reiben.

Ja, das sind die Kontraste im Leben. Meine Kontraste. Die ich alle liebe.
Ich erinnere mich gern. Vor allem und natürlich an unsere schönen Zeiten. Und das Zauberhafte, dass wir erleben durften. Vor allem während der Krankheit in Todesnähe. Unsere einzigartigen Momente. Und ich lebe weiter. Noch dazu sehr gern. Hier und jetzt mit einem kleinen Blick um die Ecke.
Mit mir.
Mit Nils.
Mit meiner Familie.
Mit meinen Freunden.
Mit Bekannten und Wegbegleitern.
Alles zusammen – das Leben und der Tod – bildet den Kontrast. Das, was das Leben auszeichnet, was es lebenswert macht und einen tiefe Täler durchwandern lässt um bald danach wieder die Sonne im Gesicht zu spüren.
Morgen hätten wir unseren elften Hochzeitstag gefeiert.
Lang hatten wir damals nach eine passenden Trauspruch gesucht. Es sollte einer sein, der natürlich zu uns beiden passt, so verschieden wir auch waren. Und nicht immer nur mir gefallen sollte und Kai macht mit ;-).
Wir hatten uns dann dafür entschieden. Es gab für uns auch keine Alternative.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, der Tod muss dich und mich scheiden. (Ruth 1,16f)

Der. Ja der ist es. Eindeutig.

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