drei

Auf die Minute vor drei Jahren saß ich bei Kai. Er starb nunmehr schon vier Tage vor sich hin, ohne recht gehen zu können. Sound of Silence. Ich erzählte davon. Dieses Bild ist auch heute – drei Jahre später – noch ziemlich bunt in meinem Kopf. Ein Abschied in Eintracht. Und so angefüllt mit innerem und äußerem Frieden. Orange. Und warm. Wenn ich mich so erinnere, kann ich es eigentlich nie glauben, dass Kai gestorben ist kurz nachdem ich sein Zimmer verlassen habe. Nicht mehr geatmet hat. Abgeschalten. Aus. Wir beide sind nach Hause gegangen. Haben die Türen zugemacht. Und neue geöffnet.

Und dann frage ich mich – hätte es etwas geändert? Hätte er seinen letzten Atemzug in meiner Gegenwart getan? Ich wünschte es mich ja immer sehr. Dabei zu sein. Ihn nicht allein zu lassen. Hätte es etwas geändert? Ich glaube schon. Heute nach drei Jahren denke ich, dass es mir sicher viel mehr zu schaffen gemacht hätte, den Tod allgegenwärtig zu sehen. Und Kai wollte es einfach nicht. Er wollte sein Ding allein machen. Durchgehalten bis zum Überletzten.

Wäre ich bis zum Schluss geblieben (denn selbst ein Kai muss ja irgendwann die Segel streichen…), könnte ich heute immer noch den Frieden spüren? Wäre dann mein Bild nicht getrübt? Wie hätte ich reagiert? Wie hätte es sich angefühlt? Fragen, die ich mir früher stellte und jetzt nicht mehr. Wir haben uns getrennt, wie es für jeden in dieser Situation am bestmöglichen war. Jedes Jahr brachte mir an diesem Tag anderes Gefühl. Auch heute. Drei. Drei Jahre. Es erscheint mir unglaublich nah und so sehr weit weg. Unvergesslich und ein Stück weit unbeschwerter.

Frieden.
Innerer Frieden. Äußerer Frieden

. Sonnenuntergang

Genau so ist dieser Tag heute. Gestern habe ich noch kurz vor knapp Kais Grab in Schuss gebracht. Ich muss da ja nicht hingehen, um bei ihm zu sein. Aber ich schau‘ es mir doch gern an. Wenn mir danach ist und ich Lust habe. Weil so viel Herzblut und Kreativität und Ideenfindung dahinter steckt. Hinter und unter diesem Stein. Aber, dass ich regelmäßig gen Friedhof laufe, so ist es nicht. Deswegen versuche ich meine Pflanzschale auch so einfach wie möglich zu halten. Jetzt hält es auf jeden Fall bis Weihnachten. Weiß, silber und grün sind die Farben meines Herbstes am Cloud-White-Grabstein. Ach, hab ich mich gefreut. Das lieb ich dann schon, Pflanzen zu suchen und die richtige Kombi fürs Auge und die Seele zu finden. Ich bin ja absolut kein Gärtnertyp und ich gebs zu – Gartenarbeit strengt mich an…ich finde das so dermaßen uninteressant. Ich nutze den Garten lieber mit einem Buch und einem Getränk samt Sonne und leichtem Wind. So mag ich das. Aber bei Coporate Design von Grabpflege bin ich wieder ganz weit vorn dabei. Und mit Kleid und Stiefeln und lackierten Nägeln bin ich dann direkt zum Friedhof um vor Ort in der Erde zu wühlen.

Heute bin ich das erste Mal an diesem Tag allein zu Hause. Bewusst. Und es ist einfach schön. So gemütlich. Warm. Orange. Lauter schöne Lichter und leise Musik. Selbst Nils, der in den letzten Wochen sehr gelitten hat, war heute ganz friedlich. Als kehrte die Ruhe heute in uns zurück. Besinnend. Dass es uns gut geht. Dass wir uns haben.

Wir haben gerade gemeinsam Fotos angeschaut. Vom Juli 2011.
Mama, zeig das noch mal. War das mein Papa da gerade?
Ja, Nils.
Na, der sah aber auch schon mal besser aus.
Hmm. Das Foto war auch nur zwei Monate vor seinem Tod aufgenommen.
Ach, na dann ist das ja verständlich. Krass. Wie der da aussieht.

Nils ist heute schon den ganzen Tag von einer besonderen Rührseligkeit befallen. Jetzt fragte er noch nach einem Briefumschlag. Ich bekäme noch eine Überraschung von ihm. Ich wundere mich ja fast. Das Kind, dass es nicht mal fertig gebracht hat, mir zum Geburtstag ein Bild zu malen, sondern einen alten Keks aus seiner Spielzeugschublade gezerrt und schnell ein Strichmännchen zu Papier gekritzelt hat mit dem Zusatz „Das ist Mama“ – denn ohne den Zusatz hätte man meinen können, irgend ein Scribble für eine neue Figur in der Geisterbahn und nicht ich persönlich wäre das gewesen.

Und dann genieße ich heute den Tag. So anders als die letzten. Mir ist nicht nach Menschen. Oder Gesellschaft. Ich bin nicht einsam. Kai ist da. Ich bin da. Erinnerungen. Erinnerungen, über die ich so dankbar bin. Die mich begleiten. Die mich lehren. Die mich motivieren. Frieden ist da. Drei Jahre danach kann ich ihn ganz deutlich spüren. Seit langem haftet mir jetzt keine Hektik, kein Stress an. Nichts, was alles noch bewältigt werden muss.
Es wird kommen. Und gehen. Und wieder kommen. Und auch wieder gehen. Wie immer eben.
Aus diesem Grund tauche ich vollkommen in so schönen Momenten ein.
In Momenten der wunderbaren ZuFRIEDENheit.

Ich bin ja ein Mensch der Symbolik. Und der Kontraste. Ich glaube, das wird sich auch niemals mehr ändern. Und so fühlte ich mich heute ziemlich wohl in meinem schwarzen Strickkleid mit den knallroten Strumpfhosen. Bewusst gewählt. Ein bisschen Abschied und ein bisschen Neubeginn. Irgendwie fühle ich es ganz deutlich.

In einem Jahr wird sich viel getan haben. Wer weiß. Und sei es, dass Nils über meinen Kopf gewachsen ist und den Schulwechsel schon hinter sich gebracht hat. Ich bin bereit.

Danke.
An alle, die heute besonders an uns gedacht haben. Sich zu Wort gemeldet hatten. Egal, in welchem Medium.

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2 Gedanken zu “drei

  1. liebe anja,
    du machst mir mut. nicht weil ich in deiner situation bin, sondern weil ich die erkrankte bin. aber es macht mir mut, dass es danach „weiter geht“, gut weiter geht. für alle…….
    vor 7 jahren hatten wir meine mutter beim sterben begleitet. auch sie ist alleine gegangen und ich bin überzeugt davon, weil sie es so wollte.
    du hast recht, um einem verstorbenen nahe zu sein bedarf es keinen definitiven ort. dein kai ist überall da, wo du ihn wahrnimmst.
    du bist eine tolle frau
    alles,alles liebe
    babs

  2. Liebe Babs,
    Krebs ist ziemlich Mist. Jede Krankheit ist Mist, aber Krebs manchmal noch ein bisschen mehr. Es ist nunmehr schon eine Volkskrankheit, habe ich den Eindruck.
    Für alle gibt es ein „gutes danach“. Für Dich und für die, die du zurück lässt. Es gibt immer gute und schlechte Phasen im Leben. Man muss letzten Endes, so meine Meinung auch auch meine Erfahrung, alle möglichen durchlaufen – samt Freude und Schmerz. Beides liegt oft so nah beieinander. Und irgendwann dreht es sich um – das Kräfteverhältnis. Der beiden Phasen. Gute werden immer häufiger und mit den schlechten lernt man umzugehen. Wenn man es möchte und ein wenig daran arbeitet, kann das durchaus hinhauen.
    Es freut mich, dass ich dir Mut machen kann und wenn dir auch etwas die Angst nehme, habe ich mein Ziel recht gut erreich.
    Alles Liebe, Anja

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