Wandertage in ein neues Level

Im Urlaub. Hollersbach im Pinzgau. Genau zwischen dem Nationalpark Hohe Tauern und den Kitzbüheler Alpen. In diesem Jahr hatten Nils und ich Glück und durften einen tollen Urlaub verbringen. Ohne komische Krankheiten, Tränen, geschlossene Check-In-Schalter oder sonstige Zwischenfälle. Ich liebe die Berge. So richtig. Es fühlt sich beinahe an, als wäre das mein drittes zu Hause. In den Bergen fühle ich mich immer sicher, sorglos und frei. Wir wohnten auf einem Bauernhof ziemlich weit oben, fern ab von Verkehr und Straßen und wurden morgens nicht einmal von meinen „heiß geliebten“ (Achtung: Ironie) Vögeln geweckt. Denn die leben scheinbar eher lieber tiefer im Tal. Jedenfalls haben wir überhaupt nichts gehört. Einfach nur Stille. Herrlich.

Wir haben uns dort mit unseren „Gipfelfreunden“ getroffen. Die Freundschaft mit Dorena samt Kind und Kegel ist doch etwas erstaunliches. Ziemlich besonders sogar. Mir zeigt es eindeutig, dass es meine Bänder, die hellblauen, ja doch gibt. Wir sehen uns leider ob der Entfernung so selten und schaffen es meist nicht einmal regelmäßigen Kontakt zu halten. Aber wenn wir dann aufeinander treffen, ist es, als saßen wir erst letzte Woche bis tief in die Nacht beisammen. Eigentlich verbringe ich meinen Urlaub doch lieber allein mit mir und Nils. Früher noch mit Kai. Denn eigentlich bin ich so furchtbar egoistisch – besonders, wenn ich urlaube, dass ich mich ungern nach anderen Menschen richte. Ich nicht unbedingt an einer stetigen Unterhaltung interessiert bin und ich erst recht keine neuen Freundschaften fürs Leben schließen möchte, da ich ja mit meinem sonstigen sozialen Umfeld schon so meine Schwierigkeiten habe, jedem und mir selbst gerecht zu werden. Jedenfalls nicht so, wie ich es gern hätte. Aber mit Dorena? Und Martin? Und Nico? Weiß ich nicht. Kann ich nicht beschreiben. Aber es passt einfach. Einfach so. Ohne, dass es jahrelanger Kennenlernzeremonien bedurfte. Jeder darf Zeit haben. Und jeder darf sich Zeit nehmen. Genau so, wie ich es mag. Und ich bin mir sicher: auch genau so, wie es die anderen mochten.

So saß ich gelassen und entspannt nach einer tollen Bergtour auf einer Bank. So eine richtig klobig und alte Bank aus ehrwürdigem Alpenholz. Nils fuhr mit Nico Kettcar, die anderen hatten sich gerade etwas zurück gezogen und ich beobachtete die Kids beim Spielen. Vor ziemlich genau sechs Jahren saß ich mit Kai auf haargenau dieser Bank. Und wir sahen gemeinsam Nils beim Spielen zu. Jetzt in diesem Sommer saß ich allein auf der Bank. Ich spürte unwahrscheinlich intensiv Kais Wärme. Als hätte er sich direkt neben mich gesetzt. Seinen luftigen Arm um mich gelegt. Wahrscheinlich hat er sich gedacht: meine Herren ist Nils ein großer Kerl geworden. Und ich? Ich war beinahe überwältigt von meinem Gefühl und meiner Erinnerung. Wer hätte denn damals geglaubt, was das alles für ein Ende nehmen würde. Für uns beide. Jeden einzeln und gemeinsam. Unsere Ehe wurde beendet. Kais Leben aufgehoben. Ich wurde gezwungen, mich mit vielen Dingen auseinander zu setzen und mir fiel es an diesem Abend mehr denn je wie Schuppen von den Augen: es ist alles gut.

It’s a kind of magic.

Jetzt nach drei Jahren, in denen ich meinen Weg ohne einen lebendigen Kai weiter gegangen bin (und die Betonung liegt auf „weiter gehen“), habe ich ganz klar gesehen, dass ich ein neues Level erreicht habe. Ich komme mir nicht mehr unvollständig vor, wenn ich allein oder mit Nils einen Raum, eine Gastwirtschaft oder irgendeine Art von Gesellschaft betrete. Ich bin da. Ich stehe mit meinen Beiden in meinem Leben. Ich gebe zu, dass es manchmal etwas wackelig und durchaus auch schlammig und matschig ist, aber ich bin es. Gute Zeiten. Schlechte Zeiten. Gute Zeiten. Eine weitere wertvolle Erkenntnis habe ich ebenfalls gewonnen: ich schaffe das. Ich schaffe das, völlig selbständig und ohne Kalendereintrag an mein Heizöl für den Winter zu denken, mich um einen halbwegs ordentlichen Garten zu kümmern oder eine Geburtstagsparty zu schmeißen. Einen Mann um mein Leben auch so hinzubekommen ist nicht zwingend erforderlich. Ich genieße es regelrecht, meinen eigenen Stiefel zu machen. Denn jetzt geht es mir erstmals richtig gut. Ich habe keine Panikattacken mehr, schlafe nachts durch und das alleruntrüglichste Zeichen: ich habe zugenommen. Aber so was von. Igitt. Wie die Made im Speck. Besser gesagt, die Made im Kaiserschmarren. Und im Käse. Und der frischen Milch. Ja, ich habe im Urlaub zugeschlagen. Und noch einmal Ja, ich habe es genossen. Jeden einzelnen Bissen vom Pinzgauer, jede Gabel mit fluffigem Schmarren samt Pflaumenröster, jeden Mohr im Hemd und jeden Schluck, den ich zu mir genommen habe. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass wir aber auch extrem viel gewandert sind. Meist waren wir 5-8 Stunden – sicher mit Pausen – auf den Beinen. Immerhin: solch straffe Beine hatte ich lang nicht. Und Arme auch nicht…der Genuss hat sich dafür sehr ungerecht in meinem Gesicht und in der Bauchgegend niedergelassen. Nun, auf Regen folgt Sonnenschein und dann auch mal wieder Regen. Der ordentliche Guss ereilte mich dann mit dem Gang auf die Wage. Huch. Nee. Kann nicht sein. Ich hab die Wage sogar in ein anderes Zimmer getragen, um das blöde Ergebnis zu überprüfen. Dummerweise zeigt das wahnwitzige Gerät immer die gleiche utopische Zahl an. Es half nun alles nichts. Der Speck muss weg. Zumindest, bis ich wieder eine Zahl erkenne, die im Wohlfühlbereich liegt. Und netterweise bin ich bereits auf dem besten Weg dorthin. Noch mal Schwein gehabt.

Neues Level. Also. Ich schaff das schon. Und weil ich sehe, dass ich auch wirklich schlimmes und doofes irgendwie überstanden habe, kann ich auch mit anderem Gefühl auf Kai zurück blicken. Angenehmer. Tiefer. Es tut nicht mehr so schlimm weh. Anders, wenn es mich überkommt. Wärmer. Umfassend und gänzlich. Vor allem, da mir immer wieder vor Augen gehalten wird – auch von mir selbst – was ich tatsächlich an ihm hatte. Das auch bei dem ganzen Mist, der hätte nicht sein müssen, er so viel hatte, auf das ich so großen Wert lege. Auch heute noch. Und ich glaube nicht, dass Kai jetzt noch die Augen verdreht. Sondern eher beruhigt immer öfter seiner Wege kann, ohne zu beobachten, ob ich das alles hinbekomme. Jetzt weiß er es. Kann sich zurück lehnen und seine Fenster bauen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass es ihm richtig gut geht. Dass wir ihm fehlen ohne Zweifel. Aber wir sind ja da. Und manchmal kann ich es richtig fühlen und freue mich. Ich liebe ihn. Wirklich. In der einen Ecke meines Herzens, die er immer bewohnen darf. Aber ganz oft nun liebe ich mein neues Leben. Irgendwie dann ja doch. Neues Level.

Neues Level. Nils. Eine Herausforderung, die mich oft an meine Grenzen bringt und ich am liebsten nachgeben würden. Dass es mir das Herz zerreißt. Mein Kind wird älter. Und reifer. Größer ja ständig. Er bekommt in seiner Entwicklung gen Teenager ein neues Bewusstsein. Er nimmt intensiver wahr, wie andere Väter mit ihren Kindern Zeug machen. Fußball spielen, toben, schwimmen gehen, Sachen bauen. Rumfahren. Wie Väter einfach da sind. Und dann steht er vor mir und hält ein Foto von ihm mit seinem Papa an seine Brust gepresst und weint bitterlich. Ihm fehlt er so sehr. Sein Papa. Sein einziger, lieber Papa. Und er fehlt ihm nicht nur für sich selbst, sondern für mich gleich noch mit. Weil Nils so gern hätte, dass mir mal jemand unter die Arme greift. Weil er sich nicht vorstellen kann, dass es toll ist, immer für alles allein verantwortlich zu sein. Und das, obwohl wir unser Zeug wirklich super hinbekommen (also mal mehr und mal weniger super…so wie es unter jedem Dach eben ist…). Dann kann er sich kaum beruhigen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu trösten und die kaum zu versiegenden Tränen wegzuwischen.  Mit dem, was ich unbegrenzt zur Verfügung habe. Mutterliebe in der sagenhaften Kombination einer warmen und haltenden Umarmung.

Neues Level.

Wir finden schon den Weg. Und wenn es der falsche war, dann justieren wir eben unsere Richtung etwas. Dann wird das schon. Irgendwie wird’s doch immer. Oder?

Mir fiel es in diesem Jahr unwahrscheinlich schwer, zu Hause anzukommen. Den Urlaub hinter mir zu lassen, um mich dem Alltag zu stellen. Hach, das war schon ein bisschen ätzend. Geb‘ ich zu. Ziemlich ungleich hing das Lot in meiner Seele. Ein Umbruch irgendwie. Leichtes Chaos in Herz und Kopf. Neues Level. Schaff ich auch das? Bekomme ich die neuen Zeiten hin? Das neue Schuljahr, ein größer werdender Nils, eine neue berufliche Herausforderung, ein Leben, das mal wieder ziemlich Fahrt aufzunehmen scheint? Türen die sich für immer schließen und andere wiederum, die sich neu öffnen?

Mit einigen Startschwierigkeiten, vielen Gedanken und Kreisen, Überlegungen und Blicken in den Spiegel, Gesprächen und Begebenheiten, so denke ich:

Klar. Neues Level. Her mit der Herausforderung. Sonst wird’s doch langweilig am End‘. Wer will das schon. Ich nicht.

It’s a kind of magic.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Wandertage in ein neues Level

  1. liebe anja,
    ein neues level. ja, du/ihr packt das. ich kann mir vorstellen, dass nils seinen vater immer mehr vermisst…..
    ihr seid ein tolles team. wirklich.
    dein schreibstil hat für mich genau die richtige mischung: humor und hinschauen, fühlen und loslassen.es ist beeindruckend wie gut du deine gefühle und empfindungen beschreiben kannst. die bank aus alpenholz sehe ich direkt vor mir…….
    den alltag leben, sich nicht vergessen und wirklich weiter gehen…..hut ab
    herzliche grüße und ein fester drücker
    babs

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s