Sommererdbeeren und Vanilleeis

Wir wir alle nun schon zur Genüge kennen gelernt haben und wissen, liebe ich den Kontrast. Und ganz besonders den Kontrast zwischen Weiß und Rot. Weiß wie Schnee, Rot wie Blut und schwarze Haare wie Ebenholz hab ich auch noch. Na, wenn das mal nicht zu Frau Schneewittchen passt. Fehlt nur noch der Prinz, der auf seinem Boot daher geschippert kommen könnte. So langsam wär das doch mal an der Zeit, oder?

Ich gehe ja immer sehr gern in unser Krankenhaus. Ich kann da auch Stunden zubringen. Ein Kaffee auf der Palliativstation. Auf dem Balkon in der Sonne sitzend. Mit den lieben Schwestern sprechend. Ich war im Februar mal da. Hach. War das schön. Ich kann das gar nicht recht beschreiben – zumindest nicht so, dass es nicht der Rest der Welt irgendwie nachvollziehen kann. Da ist Kai nun doch ein bisschen quälend vor sich hingestorben, hatte viele Operationen und Hiobsbotschaften hinter sich gebracht und ich finde es schön. Schön, durch die Gänge zu laufen. Den Geruch wahr zu nehmen. Ich wollte eigentlich nur kurz auf der Palli vorbei schnippen und mich mal wieder blicken lassen. Unsere Physiotherapeutin lief mir als erstes auf der Treppe entgegen. Ich hatte sie das letzte Mal an Kais Beisetzung gesehen. Vor beinahe drei Jahren. Und doch wiedererkannt und herzlichst umarmt. Gleich mit Tränen in den Augen und einem Herzlachen. Ach komm – ich muss Sie jetzt mal drücken.
Auf der Palli selbst war Stress. Aber ich kenne mich ja aus. Hab mir – wie schon fast Gewohnheit – meinen Cappuccino gemacht, mich mitten rein gesetzt und alles auf mich wirken lassen. Eine Frau saß auf ihrem Bett. Dürr und glatzköpfig. Man konnte nicht sagen, wie alt sie wohl sein mag. Vor ihr ihr Mann? Ihr Sohn? Ratlos und ängstlich. Ich wäre am Liebsten in das Krankenzimmer gegangen und wäre da gewesen. Für die kranke und sichtlich bald sterbende Frau. Und für ihren lieben. Haben Sie keine Angst. Es wird gut. Es wird gut werden, wenn es vorbei ist und man sicher sein kann, dass es leichter wird, wenn der Kampf mal ausgefochten ist. Freilich bleibt der Schmerz im Herzen. Mal mehr – mal weniger. Und manchmal, wenn man ganz still ist, genau hinhört und es zulässt, wird der Schmerz irgendwann in Frieden sich verwandeln. Deswegen empfinde ich einfach nur Frieden und Gelassenheit, wenn ich auf der Palliativstation unterwegs bin. Und gern möchte ich den Menschen helfen, die Angst vor dem Sterben zu verlieren. Ich hab ganz genau aufgepasst und hingeschaut. Es mir gemerkt. Es ist nicht schlimm. Es kehrt eine wohltuende Ruhe ein. Und für jeden einzelnen wird dieses Ende ein wohltuender Anfang. Ganz gleich, wo sich seine Seele dann befindet.

Eigentlich wollte ich nur mal quer durch die Gänge laufen und dann durch den Park zurück zum Auto. Und so viele Menschen habe ich getroffen und wieder erkannt. Meine Lieblingsärztin auf der Onkologie von deren Ausstrahlung ich einfach nur in Bann gezogen wurde. Einen Draht, den wir beide schon von Beginn an damals hatten und bis heute immer wieder verfolgen. Und mein Lieblingsarzt (der gleichermaßen der Mann meiner Lieblingsärztin ist). Obwohl ich nun doch reichlich anders aussehe, hat er mich sofort erkannt. Und sich an Kai erinnert. Keine Nummer. Nein, ein Mensch. Na Sie sehen aber gut aus, Frau Lauckner. Ja, herzlichen Dank – ich werde wohl doch rot jetzt. Letzten Endes gehören all diese Ärzte, Schwestern, Bett-durch-die-Gegend-Schieber, Therapeuten und sonstiges Klinikpersonal zu diesem Teil dazu. Sie haben alle ihr bestes gegeben um vielleicht doch noch zu retten, was nie zu retten gewesen ist. Jeder einzelne ist ein Teil dieser ganzen umfangreichen Geschichte. Ein Bezugspunkt für mich.

Bisher war Nils nicht wieder auf der Palli. Ich gebe zu, ich habe mich auch nicht recht getraut, da es oft auch schwierig ist und ich mich manchmal dann doch überwinden muss, die Themen an- und auszusprechen, die er so anspricht. Momentan mag er gar nicht auf den Friedhof und meidet recht viel, was mit seinem „toten Papa“ zu tun hat. Der lebendig in Erinnerung gebliebene Teil wird dafür wieder sehr häufig und mit Freude ans Licht gezerrt. Tränen müssen geweint werden. Lachen gelacht. Gedanken gedacht. Auch bei Kindern. Und auch, wenn es mir manchmal dabei unwahrscheinlich das Herz zerreißt. Aber, ich merke immer wieder, dass es einfach gut ist. Wir alle müssen durch die Täler unseres Lebens schreiten, um sie irgendwann überwunden zu haben. Und das nimmt Kinder nicht aus. Sie gehen nur oft einen anderen Weg durch ihr Tal als Erwachsene. Und oft leiden wir größere Qualen bei dem Gedanken daran, als das Kind selbst. Nur – besprochen muss es eben werden.

Fly with me. Take the sky. Close your eyes. And feel the wind.

Im Krankenhaus hält sich Nils nun ja für sein eigenes Wohl sehr gern auf. Unglaublich finde ich das. Nils ist für sich erst dann der Held, wenn das Blut tropft, die Spritze angesetzt wird und je größer und umfangreicher der Tropf der Infusion, je dicker der Verband – dann – ja dann leuchten die Augen von meinem Kind. Röntgen? Das wird ein Spaß. Verbinden – ein Traum! Pflaster MUSS sein. Und das Trostpflaster dann schließlich auch. Muss ja alles mitgenommen werden, oder?!? Wir waren am Montag zum Blutabnehmen in der Kinderklinik. Keine Sorge. Nichts dramatisches. Und freilich hat Nils geheult. Aber doch nicht wegen der ollen Kanüle samt Nadel – nein, wegen dem entsetzlichen Hunger am frühen Morgen, da er nüchtern antreten musste. Unser behandelnder Arzt kam ja gar nicht darüber hinweg, wie gelassen Nils das hat über sich ergehen lassen und sogar zuschaute, wie er angezapft wurde. Während ich mich dann doch vorsichtshalber mal weggedreht habe. Man weiß ja nie. Die Blöße, dann plötzlich umzukippen wollte ich mir dann auch nicht geben. Krankenhaus ist schön. Er weiß, dass alles getan wird. Nur dass das dann auch einfach mal nicht mehr ausreichen kann um ein Menschenleben zu retten. Aber zum Glück ist ja bekanntlich das Gras auf der anderen Seite eh viel grüner, so dass es ja nur noch besser für uns weiter gehen kann.

Nach unserer Voruntersuchung letzte Woche hatten wir noch Zeit und ich beschloss spontan mit meinem großen Kind auf der Palliativstation anzugeben. Sie kennen Nils ja alle noch mit 4, 5 Jahren. Der kleine süße Fratz, für den man auch gern ein Osternest versteckt hat. Jetzt geht es in großen Schritten auf die 4. Klasse zu. Ich hatte ja schon etwas Sorge, dass das vielleicht in die Hose gehen könnte und Nils diesen Besuch nicht verkraften könnte. Auf der anderen Seite gehört es dann doch ja auch dazu. Na, ich bin ja da. Das bekommen wir schon hin.

Und jetzt komme ich da mit einem beinahe neunjährigen Kind daher, dass mir bereits bis zum Kinn reicht. Ach. Und es war toll. Ich habe gestrahlt. Nils hat sich so gefreut, es wieder zu erkennen. Nicht alles, aber doch einiges. Die Zitter, auf der er immer gespielt hat, die Küche, die Gänge. Er hat auch brav geantwortet. Die Lieblingsfrage aller Ärzte und Schwestern im Krankenhaus ist nämlich: Na, und? Gefällt dir die Schule? Muss ich jetzt lachen. Ganz im Ernst. Beinahe jede/r hat das gefragt. Und Nils hat immer brav geantwortet: Ja, geht so. (Ich hätte ja gern, dass er Mathe und Deutsch wohlwollend erwähnt…aber…nun…dem war dann nicht so.)

Und dann holt uns der Kontrast wieder ein. Der Kontrast in meinem Leben, den ich so liebe. Purpurrot zu hellem Weiß. Kirschrote Lippen zu weißen Blusen. München zu meinem Dorf. Sommererdbeeren zu Vanilleeis. So saßen wir dann und bekamen genau dieses vor die Nase gesetzt. Ein Leben, dass es zu schmecken gilt. Süß und kalt. Warm und sauer. Kontraste. Gegensätze. Die, die es auszeichnen.

Ach Frau Lauckner, Sie haben das toll gemacht. Beeindruckend.

Dabei machen wir – also Nils und ich – es einfach nur aus dem Bauch heraus.
Wir haben dabei nur einen Vorsatz: wir wollen es gut haben. Wir alle haben doch nur ein Leben. An dieses sollten wir glauben, es halten, es leben.

Suchen wir uns die Kontraste. Die Würze im Leben.
Lassen wir es uns schmecken!

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3 Gedanken zu “Sommererdbeeren und Vanilleeis

  1. liebe anja,
    ich bin auf deinen blog gestossen. dein schreibstil und der inhalt haben mich in bann gezogen. zu lesen, wie es der partner mitgeht, was da geht. sehr berührend. offen. authentisch.
    ich hatte öfter tränen in den augen……
    wenn es für dich ok ist, dann würde ich gerne den ein oder anderen artikel auf meinem blog verlinken!?
    alles liebe
    babs

  2. Hallo Anja, ich habe deinen Blog letztes Jahr im Internet entdeckt als mein Mann verstorben ist und ich viel recherchiert habe. Ich muss sagen deine Zeilen zu lesen haben mich zum lachen aber auch viel zum weinen gebracht, viel Kraft gegeben und ich habe viele Parallelen zu meiner Geschichte entdeckt. Lange konnte ich nichts von dir lesen, habe immer wieder mal vorbei geschaut und heute entdecke ich einen neuen Eintrag. Vielen Dank dafür. LG Kristin

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