Gipfelsturm

Dem Himmel so nah

Ich weiß, ich springe hier beim Schreiben etwas in meinen Zeiten. Ich springe ja eh immer gern herum. Wie meinte gestern jemand zu mir: Frau Lauckner, ich habe den Eindruck als müssten Sie immer etwas herumwirbeln.
Ja, in der Tat. Ich liebe Wirbel. Vor allem viel Wirbel um nichts. Das ist mein Hobby sozusagen.

Also gut. Springen wir zurück in den Sommer des vergangenen Jahres. August 2012.
Ich mache ja sehr gern Urlaub. Und diese Art des Zeitvertreibes hat Nils von mir vererbt. Kai musste das erst lernen, als er mich kennenlernte. Aber auch er lernte es lieben, vor allem, da wir das gemeinsam so gut konnten. So verschieden wir doch in uns waren, so einig waren wir, wenn es hieß: wir fahren in den Urlaub. Rückblickend finde ich es umso erstaunlicher und schöner, wie Kai in diesen freien Zeiten doch ein ganz anderer Mensch war.
Jedenfalls buchte ich uns kurzer Hand in einem Hotel Maurach am Achensee ein. Für alle Wissbegierigen: es ist der höchstgelegenste Badesee in Österreich. Und dementsprechend kalt. So kalt, dass Nils nicht in ihm badete. Wieder jede Menge Erbmasse (Kai ging in freie Gewässer eigentlich erst bei 35°C im Schatten und einer Wassertemperatur von 25°C PLUS). Ich bin da nicht so zögerlich. Mute ich auch doch ab und an als dramatisierendes, verwöhntes Gör an – in kalte Gewässer gehe ich. Ohne weiteres. Da kenn ich nichts. Vor allem hab ich immer vor Augen, wie ungemein straffend das doch für die Haut sein muss :-).

Wir waren als Familie schon einmal am Achensee. Im selben Familienhotel. Damals war Nils gerade zwei Jahre alt und wir nach 10 Tagen Urlaub urlaubsreif. Mit unserem lauffaulen Spross. Als wir beide nicht mehr tragen konnten und wollten, hatten wir alle paar Meter ein Gummibärchen platziert und haben so tatsächlich Nils dazu bewegen können, den einen, kleinen Berg auf seinen eigenen Füßen zu bewältigen. Pädagogisch äußerst wertvoll. Aber irgendwann sind eben auch Grenzen erreicht.
Nun, lauffaul ist Nils heute noch. Es sei denn, man legt ihm einen Ball zu Füßen. Wanderurlaube muss ich wohl mit anderen Leuten in Angriff nehmen. Das weiß ich JETZT auch.

Als allererstes beschloss Nils auf dem Weg nach Tirol reisekrank zu werden. Von da an jetzt auch immer, es sei denn er ist ausgeschlafen. Dann geht das halbwegs. Super. Auf der Autobahn bei voller Fahrt: Mama, ich glaub mir wird…zu spät. Ein Hoch auf Restbestände von Kais Kotztüten, die noch in der Tür steckten. Nils hat das ganz großartig gemacht. Blieb ihm ja nichts anderes übrig. Und mir auch nicht. Man kann ja nicht so einfach mir nichts dir nichts auf dem rechten Fahrbahnstreifen parken. Seit dem sind sämtliche Spielereien oder Leseaktivitäten im Auto passé.

Natürlich steckt in unserem Urlaub – wie soll es auch anders sein – noch viel mehr. Wir hatten sensationelles Wetter. Ende August. Hoch oben. Immer noch 30 Grad Celsius. Der Plan: keinen Plan zu haben. Und keinen Sehenswürdigkeitenstress. Einfach tun und lassen, wonach uns beiden gerade war. Aber immer natürlich einen Weg findend, der uns beiden gut tat. So spielte ich nicht 12 Stunden am Tag mit Nils Fußball und er musste nicht jeden Tag Berge erkunden oder Bücher in der Sonne lesen. Aber ein Dingchen wollte ich dann doch umsetzen. Wir besteigen einen Gipfel. Wir fahren mit der Seilbahn bis zur Bergstatioin (…man muss ja nun wirklich nicht übertreiben…) und gehen dann los. Bepackt mit Lunchpaket und Co. machten wir uns bei sengender Hitze auf den Weg. Echt. Auch hoch oben war es so dermaßen heiß, dass es fast nicht auszuhalten war. Und eben auch weit und breit kein Schatten. Bereits nach 100 Metern meinte Nils, er könne nicht mehr. Das war ja klar. Nee. Nils. Wir gehen weiter. Wer den ganzen Tag Fußball spielen kann – egal, wie heiß es ist, der schafft das hier auch. Letzten Endes kamen wir bis zur ersten echten Gabelung der Wanderwege. 45 Gehminuten von der Bergstation entfernt. Nils hatte eine Blase am Fuß bekommen. Logisch. ANJA. Bei NEUEN Wanderschuhen. Außerdem hatte ich keine Pflaster dabei und ebenso zu wenig Wasser. Also gut. Gehen wir zurück, legen uns an den See und probieren es morgen noch einmal. Dann aber richtig und ganz in echt. Versprochen, Mama. Morgen.

Morgen wachten wir beide auf…und…beschlossen: heute nicht. Nee. Heute bekommt uns keiner auf irgendeinen Berg. Leute. Ich sags euch. Von 45 Gehminuten bergauf und 45 Gehminuten bergab konnte ich jede Faser meines Körpers spüren. Mensch. Was bin ich doch fit. Dabei mach ich doch fast täglich irgendwie Sport.
Wir haben uns den ganzen Tag immer erzählt, wie weh doch unsere Beine täten und dass das nun wirklich nichts geworden wäre mit dem Gipfelsturm. Da ist so ein Faulenzertag am See doch sehr heilsam. Aber, morgen. Ja, morgen.

Und tatsächlich. Morgen gingen wir es an. Mit noch mehr Lunch im Paket, der doppelten Menge Wasser, eingelaufenen Schuhen und Pflaster, Scheren und Mullbinden sowie – man weiß ja nie – Tabletten gegen Durchfall akut.
Voller Freude passierten wir die erste echte Rückkehr-Weggabelung und gingen weiter. Ziel: Rofanspitze. 2.259 m hoch.
Da oben gings mir gut. In der Bergwelt fühle ich mich so oft einfach zu Hause. Diese gewaltige Macht der Berge beruhigt mich. Dem Himmel so nah. Einem himmelblauen. Tief und weit. Platz für Augenblicke, Weitblicke. Ruhe. Motivation. Zu Atem kommen. Lust am Leben. Lust auf Mehr. Keine Sorgen, kein Alltag. Einfach nur gigantische Weite. Das war schon immer so. Wie oft waren Kai und ich irgendwo in den Bergen unterwegs. Wir wollten immer, wenn wir mal Groß sind, unseren Lebensabend irgendwo im Bergmassiv verbringen. Eine Liebe, die wir teilten. Nils und ich sammelten Steine und bemalten sie. Fürs Grab. Und als Erinnerung. Und Verbindung zum Himmel mit all seinen schönen Strahlen.
Auf dem Weg zum Gipfel sahen wir immer mal wieder eine Familie. Mutter, Vater, Sohn. Die Mutter blieb irgendwann zurück. Ich weiß noch, dass sie Dreiviertel-Hosen trug und ein hellgrün kariertes Hemd, blonde Haare. Wir gingen weiter. Bei dem Schild „Achtung Steinschlag – Stehenbleiben verboten“ fing Nils an zu heulen. Hilfe. Wir werden sterben. Naja. Der Papa und der liebe Gott werden schon auf mich achten. Sie sind ja immer da. Auch, wenn ich sie nicht sehen kann. Genauso ist es, lieber Nils. Und dann konnte Nils nicht mehr. Wir gingen trotzdem weiter. Denn sonst müsse ich ihn ja vom Fußballverein abmelden, wenn er denn so gar keine Kondition mehr habe. Das brächte dann ja nichts mehr. Er jammerte, ich motivierte. Nur noch ein bisschen. Schau, wir sehen schon den Gipfel. Scheinbar uralte Mütterchen überholten uns. Aber so Berg-Omis sind ja fit bis 100. Die wachsen so auf, werden groß mit Wandertouren mal eben zwischen Kirche und Sonntagsessen. Aber, sie lobten Nils. Wie gut er seine Sache machte…in Turnschuhen (…die Wanderschuhe konnten wir ja auf Grund Blasenrelevanz nicht anziehen…).

unser Gipfel

Irgendwann gabs gar keinen richtigen Weg mehr und wir suchten uns einen Steig quer über ein Geröllfeld, den halb verblassten und verwaschenen aufgemalten Pfeilen folgend. Rechts auf einer Plattform saßen dann der Vater samt Sohn der Familie, die wir immer wieder beobachtet hatten. Nils heulend voraus…er pfeife auf den lieben Gott und Papa…stürzte er in die Tiefe können die auch nicht mehr helfen. Er schaffe das nie und das wäre viel zu gefährlich und und und. Der Vater auf der Plattform mit Brotzeit in der Hand erklärte uns wohlwollend und kauend, dass der Abstieg eh viel schlimmer wäre. Na herzlichen Dank. Für diese aufmunternden Worte. Ich meinte schon, dass ich ja für Notfälle meine Handy dabei hätte. NUR, Netz hatte ich keines…und eine Bergrettungsnummer schon gleich gar nicht. Ich muss gestehen, dass mir auch nicht ganz ohne war. JETZT. Immerhin haben wir noch niemals einen Berg bestiegen. Ich nehme an der Predigtstuhl gilt von der Seilbahn-Bergstation aus nicht…Und im Flachland waren wir auch noch nie gemeinsam wandern. Eben immer mit dem Kopf durch die Wand. Komischer Weise war der Brotzeit-Plattform-Vater samt Sohn tatsächlich vor uns oben angelangt. Die scheinen das wirklich öfter zu machen. Der blonde Junge vereinnahmte Nils sofort und lud ihn ein, neben sich Platz zu nehmen. Ich kann auch ein Foto von Ihnen beiden machen und schicke es per Mail, empfahl sich der zuvorkommende Bergsteigervater. Das wäre wirklich sehr nett. Herzlichen Dank.
Ich hab es früher schon einmal erwähnt. Ich lerne jetzt nicht so gern Menschen im Urlaub kennen. Irgendwie habe ich genug mit meinem fabelhaften Freundeskreis zu tun, um ihm in notwendigem Umfang gerecht zu werden. Und auf belanglose Smalltalk-Gespräche hab ich im Urlaub auch nicht soooo die Lust. Am Ende hat man dann Leute an der Backe, die man lieber nicht da hätte. Aber hier? Das war irgendwie nett. Doch. Und irgendwie war ich auch froh, eine erwachsene Begleitung beim Abstieg in petto zu haben. Am Ende auch noch eine, die sich damit auskennt. Was hätte mir mein topmodernes Smartphone schon genützt…wir hätten uns vielleicht bei einem Regenguss unter das Telefon stellen können – mehr Schutz bot das Ding aber dann auch nicht.
Nico – mit C :-) und Martin. Nico nahm Nils gleich voller Tatendrang unter seine Fittiche. Und Nils war so abgelenkt, dass er doch tatsächlich keine Angst mehr hatte. Nico sprang die Wege entlang, als handelt es sich um den täglichen Gang zur Schule…schon tausendmal erprobt. Und Nils tat es ihm gleich. Unterwegs sammelten wir noch die Mutter ein. Dorena. Und genau jetzt, während ich das schreibe, ziert ein ganz furchtbar breites Lächeln mein Gesicht. Wir beschlossen, gemeinsam noch in der Almhütte oberhalb der Bergstation einzukehren. Ach. Das war so schön. Nils heulte dann zwar schon wieder. Was denn jetzt wäre…naja, er hat die ganze Zeit gejammert, dass er sich nichts zutraut und dachte, wir schaffen das nie und dann haben wir es doch geschafft und er muss nun immer über seinen Jammer jammern. Vor lauter Jammer. Ganz genau so ist Nils. Wie er leibt und lebt.
Schlussendlich nahmen wir Nico mit zu uns ins Hotel und verabredeten uns für später am See. Tja und dann war es besiegelt. Unsere Freundschaft. Umgeben mit ganz vielen Seelenbändern in hellblau. Und tatsächlich. Wir verbrachten jeden einzelnen Tag unseres restlichen Urlaubs mit den Winters. Unglaublich. Für mich. Weil, eigentlich bin ich das nicht. Ja, eigentlich. Es war sensationell. Genau wie ich. So herrlich gelassen, lustig, ernst, wunderbare Zeit vertreibend. Jetzt, trinken wir erstmal einen Kaffee und dann sehen wir weiter. Wir liefen und wanderten in Sonne und Regen, aßen Kaiserschmarren und Apfelstrudel, genossen, tranken naturtrübes Radler, redeten, schwiegen. In einer Gemeinsamkeit, die ich nie und nimmer erwartet hätte. Ohne Stress und ohne Druck. Keiner musste sich dieses auferlegen. Jeder durfte genauso sein, wie er war und genau nach eigenem Gusto die Zeit verbringen. Es passte wunderbar. Fast ein bisschen einzigartig. Ich glaube nicht, dass mir das noch einmal so passieren wird.

Heute sind Dorena, Martin und Nico ein fester Bestandteil in unserem Leben geworden. Wir sehen uns zwar leider ob der Entfernung nicht oft, aber wenn, dann ist es so, als kennten wir uns schon Jahre und sähen uns jedes Wochenende. Sehr vertraut. Die Kinder verstehen sich auf einer emotionalen Ebene, die ich selten kennen gelernt habe. Kümmernd. Einer um den anderen. Und Dorena? Martin? Ich finde es wundervoll, so zu einem passende Menschen auf der Spitze eines Berges mitten Österreich kennen zu lernen. Voller Wertschätzung. Ohne Vorurteile. Den anderen mit seinem ganzen Sein und Leben so annehmend, wie er ist. Weil es eben dann doch einzig auf den Menschen ankommt. Man mag ihn? Liebt ihn sogar? Dann sind äußere Umstände egal. Dann darf ich auch breit lachend, schwatzend und genießend auf der Alm sitzen, sonnenbeschienen und genau von einem Gefühl durchströmt werden:

GLÜCK

Ich danke allen lieben Menschen, die uns begleiten.
Bergab und bergauf. Immer wieder. Täler durchschreitend um Gipfel zu stürmen.

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