Good bye, Crete

Ach, was freute ich mich auf das Ende des Sommers. Unsere Reise nach Kreta. Die Insel mit den schönen Stränden, dem klaren Wasser, den Oliven und dem Wein, denen ich verfallen war. Land und Leute einfach nur sympathisch.

Kreta – wir kommen.

Ich kann Euch sagen, die letzten Tage der Sommerferien waren beinahe minutiös geplant. Nils verbrachte ein paar Tage bei meiner Schwester in der Nähe von Köln und ich holte ihn dann ab. Was ich auf meiner Reise durch Mitteldeutschland erlebte, wird auf einem anderen Blatt stehen – das würde heute Abend wahrlich den Rahmen sprengen.

Meine Schwester, klein Moritz, Nils und ich reisten gemeinsam vom Bergischen ins Oberfränkische. Die Koffer hatte ich bereits gepackt – lediglich Kleinigkeiten fehlten noch. Wir übernachteten also zum Koffertausch hier in Stockau, machten uns nen schönen Abend unter Schwestern und schafften es mit einem engelsgleichen Wimpernschlag, das Haus für eine kurze Zeit in absolut sympathisches Chaos zu verwandeln. Ich lief raus und rein – goss die Blumen, karrte Taschen verschiedenster Art zum Auto, suchte dies und das in der Garage, während ein Dämmungs-„Ding“ (der Fachbegriff liegt mir auf der Zunge…fällt mir aber partout nicht ein…) sich vom Garagendach löste. Es hing so halb unterm hochgeklappten Tor fest. So blöde, dass das Tor nicht mehr aufzugehen drohte, wenn es einmal runtergelassen werden würde. Kai hielt es ja für absolut notwendig einen elektrischen Garagentoröffner einzubauen. Naja. Das war ne Geschichte. Ich empfand das nämlich als Investition, die nicht unbedingt sein musste – ich würde auch weitere Jahre damit zubringen, bei Wind und Wetter das Ding zu betätigen – HÄNDISCH. Gerechterweise muss ich aber dann heute doch zugeben, dass es durchaus seine Vorzüge hat, einzig auf einen Knopf zu drücken, wenn man in die Garage möchte.
So, das blöde Dämmungs-„Ding“ muss dann mal runter – also – fluchs auf den Knopf gedrückt, schnell in die Garage und prompt hielt ich den Störenfried in den Händen. In dem Moment wurde mir allerdings bewusst, dass ICH IN der Garage und sich der ÖFFNER NICHT IN der Garage befand. Sondern nämlich im Auto VOR der Garage. EIGENTLICH dachte ich auch, dass es vorgesehen ist, sich versehentlich Eingesprerrte, wieder zu befreien. Aber das Stück Draht, welches von dem Motor runter hängt, hat eigentlich nur eine Funktion – nämlich funktionslos dämlich in der Gegend rum zu hängen. Ich kam nicht raus. So viel stand fest. Fakt war auch, dass die Garage quasi hermetisch abgeriegelt war und ich keine Chance hatte, auf mich aufmerksam zu machen, als stetig gegen das Tor zu hämmern. Blöd nur, dass der Nachbar just in dieser Zeit den Rasen mäht, die Kids im Garten lauthals tobten – und zwar auf der ANDEREN Seite des Hauses und Janine im Haus den Staubsauger über die Teppiche schob. Ich sags Euch. Bei Hitze braucht das kein Mensch. Nach einer halben Stunde dann wurde ich auch tatsächlich vermisst und ich machte so lang auf mich aufmerksam, bis mein Schwesterherz den Weg zur Garage einschlug. Scheinbar muss man das nun auch mal mitgemacht haben.

Zurück zu Kreta. Lieb gewonnene Diskussionen wurden entfacht, über die  Zeit und die Art und Weise wer uns wie und vor allem wann zum Flughafen nach Leipzig brachte. Ach, wir haben doch Zeit. Flug geht 15.30 Uhr. Hab mir gedacht, dass wir gegen 10 Uhr aufbrechen. Dann können wir noch in Ruhe etwas essen dort und die Kids sich die Flieger zusammen anschauen. An Bord meines Autos waren dann also meine Mutter, meine Schwester, klein Moritz, nicht mehr ganz so klein Nils und ich. Stau hatten wir auch und wir sind absolut gemütlich und stressfrei und ein klein wenig umwegig – aber dennoch schön – am Flughafen angekommen. Wir fanden nicht so recht den Check-in – fuhren hoch und runter – lange Wege hin und zurück. Wir haben ja schließlich Zeit. Pustekuchen. Irgendwann schaute ich mal auf die Abflug-Tafel. Hatte ich mich doch tatsächlich in der Zeit geirrt. Und zwar um eine ganze Stunde. Der Flug sollte eine ganze Stunde FRÜHER gehen. Ha. Nee. Oder? Na, jetzt aber mal zügig. Letzten Endes ging dann alles recht schnell – die Kinder heulten. Nils hatte schon jetzt Moritz-Weh und Moritz wollte sich ebenso wenig von Nils trennen aber vor allem MITFLIEGEN – in den  Urlaub. Egal, wohin. Hauptsache fliegen darf er. Ist aber auch mal eine schöne Erfahrung, im Transitbereich keine unnötige Zeit totschlagen zu müssen, sondern lediglich noch ein Comicheft für Nils zu kaufen und los geht das Bording. Gestartet sind wir letzten Endes dennoch 15.30 Uhr, da wir elektronische Probleme an Bord hatten und eine Stunde an Ort und Stelle sitzen bleiben mussten. Immerhin verteilten sie Eiscreme.

Wir landeten bei absoluter Hitze in völliger Dunkelheit in Heraklion, fanden – JUHUU – gleich unser Gepäck und unseren Transferbus. Hürde geschafft.
Zwischendurch muss ich kurz stolzer Weise einfügen, dass ich bei BEIDEN Koffern UNTER dem zulässigen Höchstgewicht lag – und zwar deutlich! Ich hatte wesentlich weniger Schuhe dabei (außer die Sportschuhe…die mussten sein – weil manches lernt man oder Frau eben NIE…) Im Urlaub abnehmen und tägliches Work-Out machen…?!? Das ich nicht lache…ich sollte mir das aufschreiben. Außerdem hatten wir nur einen Handgepäcks-Rucksack. Und das auch noch von der „The Last Tour – James-Last-Tour“ ;-).

MEMO 1.0: vor Buchung abklären, wie weit das Hotel vom Zielflughafen entfernt liegt und welche Stunden der Transfer dorthin in Anspruch nimmt

Tja. Völlig überraschend lagen dann doch zweieinhalb Stunden Busfahrt quer durch die ganze Insel vor uns. Neidisch und sehnsüchtig blickte ich den Fahrgästen nach, die beim Ikaros Village ausstiegen. Ach Nils, weißt du noch? Mama, warum haben wir nicht dieses Hotel genommen? Naja. Es hatte seine Gründe – und die waren nicht nur finanzieller Natur….

Also gut – irgendwann kurz vor Mitternacht kamen wir in der südlichsten Stadt Europas an – Ierapetra. Falls das jemandem etwas sagt – wenn nicht, habt ihr jetzt gelernt, dass es keine südlichere Stadt in Europa mehr gibt als unser diesjähriges Urlaubsziel.
So, Anja das alte Gewohnheitstier. Wie sieht es denn hier aus….gefällt mir das? Also, jetzt im Nachhinein ist es ein schönes Hotel. Man darf eben nur nicht vergessen, in welchem Land es erbaut und mit welcher Mentalität entworfen wurde. Nur brauch ich immer etwas meine Zeit, um mich den Gegebenheiten anzupassen, fremde Menschen zu „mögen“ und mich einzugewöhnen.
Wir waren aber eh so fertig von der Reise, dass wir relativ zügig ins Koma fielen.

MEMO 2.0: solang du noch in der Mutter-Sohn-Kombi unterwegs bist, liebe Anja, verzichte lieber auf den Aufenthalt in Familienhotels.

MEMO 3.0: genau lesen, welche Beschaffenheit der Strand hat und sich NICHT auf feinen, hellgelben Sand zu verlassen. Nur, weil wir im Norden Kreta sensationellen Sandstrand so weit das Auge reichte zur Verfügung hatten, heißt das noch lange nicht, dass es im Süden gleichfalls so ist. STEINE…HEISSE STEINE…ab 11 Uhr nicht mehr mit bloßem Fuß zu betreten…

Keine Sorge, ich werde hier jetzt nicht detailgetreu berichten, was und wie wir unsere Tage verlebt haben. Ich weiß nur, dass es nichts für mich ist, elf ganze Tage lang von Familien aller Altersklassen umgegeben zu sein. Väter, die ihre Kinder ins Wasser schmissen, Daddies, die Minigolf spielten und mit den Zöglingen Fische beobachteten. Familien, die hordenweise über das Buffet herfielen, Männer, die ihren Frauen die Getränke brachten und sich einfach hatten. Freilich waren auch alleinerziehende Frauen unterwegs, aber die waren durch die Bank älter. Nils fand schnell Freunde und zischte recht bald ab. Es gab Tage, da sprach ich zwischen den Mahlzeiten kein einziges Wort. Mit wem denn auch. Abends auf der Terrasse mit dem Cappuccino und dem „Sun-Downer“ in der Hand waren mein Tisch samt der drei weiteren freien Lounge-Sessel meist die einzig freien. Hand aufs Herz. Welche Frau und Mutter und Mitglied einer kompletten Familie von Mutter-Vater-Kind-plus-minus lässt sich auf ein Gespräch mit so einer, wie mir ein. Noch relativ jung, mit Kind, OHNE Mann und – man sagt es mir nach – nicht ganz so potthässlich. Und welcher Mann wagt es, mich anzusprechen. Das ist einfach nichts für mich und das muss ich so langsam auch mal einsehen. Man kann es eben nicht erzwingen. Meist hab ich dann gelesen, mich mit den absolut reizenden Animateuren/-innen unterhalten und mich irgendwann dem Clubleben ergeben. Sprich – letzten Endes hab ich auch einfach die kleinen, russischen Kinder an die Hand genommen und sie durch die Minidisko am Abend geleitet, deren choreographisches Programm ich schnell raus hatte. „Der Tag geht zu Ende….“ Das war allemal besser, als allein rumzusitzen und mich von jedem beobachtet zu fühlen. Auch, wenn es vielleicht nicht so war – so fühlte ich. Nicht gerade leicht hat es mir mit einer allergische Reaktion auf die Sonne meine Lippe gemacht. Die untere war von links bis rechts entzündet. Getränke konnte ich nur mit Strohhalm zu mir nehmen, lachen so gut wie gar nicht und die Krönung brachte ein Wasservolleyball, der mir mit Höchstgeschwindigkeit mitten ins Gesicht krachte.
Kleiner Tipp in die Welt – Salzwasser ist KEINE wirksame Möglichkeit, die eitrigen Stellen zur Heilung zu bewegen. Ich hab das nämlich ausprobiert und meine Unterlippe eine viertel Stunde ins Meerwasser gehalten, während ich auf der Luftmatratze vor mich hintrieb. Danach habe ich ganz furchtbar dringend eine Ibuprofentablette nehmen müssen. Und bei 35 Grad Hitze und Dauerbrandsonnenschein heilt so eine Wunde aber auch wirklich schlecht. Ich konnte mit Nils weder rutschen noch schnorcheln geschweige denn irgendeine Art von Sport treiben. Ich kann da im Grunde also rein gar nichts dafür, dass ich eher faul auf der Liege rumlag und Bücher stemmte…

Zu einem Ausflug konnte ich Nils überreden. Aber auch nur mit Zuckerbrot und Peitsche. Wir besuchten via Boot die Insel Chrissy mit ihrem „Golden Beach“. Niemals in meinem Leben habe ich solch türkisblaues Wasser gesehen. So muss es wohl in der Karibik sein, sagte man sich. Atemberaubend. Ich bin auch recht weit rausgeschwommen. Und inmitten diesen absolut himmelblauem, strahlend intensiven Wassers war ich Kai ganz plötzlich ganz nah. Ich kam mir vor, als bade ich in seinem Blick, in seinen blauen Augen. Ganz umgeben von ihm. Von den guten Momenten. Wirklich nur von unserer schönen Zeit. So erinnerungswürdig. Naja. Manchmal bin ich ja nun schon ein verrücktes Huhn – ich sang unser letztes Lied. Das Lied, dass sich wie ein roter Faden durch die Sterbephase zog bishin zur Beisetzung und Steingestaltung. Möge die Straße uns zusammen führen. Ich stelle mir ja schon manchmal vor, wie es ist, wenn wir uns wieder sehen. Da oben. Da ist es bestimmt ganz ordentlich und aufgeräumt. Manchmal rückt die gemeinsame Zeit so weit weg und dann ist sie wieder allumfassend da. Aber eines hat sich geändert. Es tut nicht mehr weh. Nicht mehr so sehr. Ich erinnere mich gern. An Momente, Augenblicke die uns gemeinsam auszeichneten. Und eigentlich immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Ja Kai, möge die Straße uns zusammen führen und der Wind in Deinem Rücken sein.

In der Nacht nach unserem Chrissy-Ausflug habe ich von Kai geträumt. So real, dass ich noch jede Minute rekonstruieren kann. Er war wieder da. Er stand plötzlich vor mir. Keine Haare, in guter Verfassung. ABER sichtbar krank. Hab ich mich gefreut, ihn wieder zu sehen? Soll ich ehrlich sein? Jein. Und noch ehrlicher – mehr nein als jein. Es war schön, ihn zu sehen. Ihn zu berühren und in den Arm genommen werden. Ich WUSSTE aber, dass mir das nicht gut tut. Ich spürte es – in diesem so wahnsinnig intensiven Traum. Das waren meine Gedanken, die ich Kai auch umgehend mitteilte:

1. aha – es ist also doch nicht sicher, dass wirklich DIE verbrannten Gebeine von Kai sich in der Urne befanden (das habe ich damals schon meine Mutter gefragt…ob man da auch sicher sein kann…)

2. WO WARST DU DIE GANZE ZEIT????!!!!???? (ich meine, dass ihn dennoch DER Geruch umwehte…)

3. Mist, wir müssen mit der Behandlung weiter machen und Dr. Hübner alias Andreas ist im Urlaub. Und das war er tatsächlich zu der Zeit, als wir auf Kreta waren. Welche Chemo machen wir? Müssen wir auch bestrahlen? Ich nehme an, die Metas im Kopf sind schon da, oder? Kai?

4. Jetzt geht der ganze Scheiß (es gibt nur dieses Wort dafür…) schon wieder los. Wie lang wird das jetzt dauern, bis du wieder stirbst, noch mal der ganze Zinnober, noch mal das Sterben, noch mal das schlussendliche Leiden, noch mal die Beerdigung, noch  mal Abschied nehmen – ich will das nicht. Nicht noch einmal. NEIN.

Und 5. Und der Punkt ist leider auch nicht zu vernachlässigen – WER SOLL DAS ALLES BEZAHLEN. Denn, lieber Kai, rein theoretisch bist du tot – und praktisch ja auch, hast keine Kranken- oder Rentenversicherung mehr, die BU ist längst gekündigt und die Lebensversicherung haben wir nun auch schon für die erste Beerdigung und Co. in Anspruch genommen. Wie soll das gehen?!?
Tatsächlich haben mich genau diese Punkte im Traum sehr beschäftigt.

Ich wohnte auch in einer anderen Wohnung und hatte mir alles selbst eingerichtet. Vielleicht war nicht jeder Nagel perfekt in der Wand, aber es war eben „Anja“. Kai wollte dann anfangen mit dem Akkuschrauber in der Hand, alles PERFEKT zu machen. Alles zu überarbeiten, was sich so hingebogen hatte. Es zeichnete ihn aus. So war er. Oft war es toll und selten auch kaum aushaltbar. „Kai, so geht das nicht. Das ist meins. Das gehört mir. Du kannst jetzt nicht einfach herkommen und alles auf den Kopf stellen.“

Und der Traum machte mir unterbewusst doch einiges klar. Freilich fehlt er mir. Als Mensch und Mann und Vater unseres Sohnes. Aber es ist jetzt auch mal gut. Ich habe besonders im letzten Sommer viel eigenes auf die Beine gestellt. Anjas new life. Anders, aber eben meins. Mal ganz nüchtern betrachtet, bleibt mir ja auch nichts anderes übrig, oder? Selbst alles Geld der Welt, Wunder über Wunder würden ihn nicht wieder bringen. Und das ist auch gut so. Was absolut nicht heißen mag, dass ich ihn bis zu meinem Tod in meinem Herzen trage und immer mal wieder denke: ach Kai. Schön wars mit Dir. Anstrengend, aber schön. Ich glaub, so ist es auch mit mir – anstrengend, aber schön ;-). Schlussendlich war das ein wichtiger Teil der Verarbeitungsphase. Ich habe ein Stück davon da draußen im kretischen, himmelblauen Meer gelassen. Reingewaschen. Mit allen Sinnen.

Ja. Doch. Ich freu mich auf zu Hause. Die Abreise. Das kann das erste Mal in meinem Lebtag gewesen sein. Dass ich mich auf zu Hause freute. Nils freute sich auf REGEN und Hackepeter mit Schwarzbrot ;-). Das wünschte er sich für den ersten Abend in Deutschland. Also, den Regen sollte er ja bekommen.

Letzter Abend – mein liebe Meike und Sebastian, Matthias – wie sie alle heißen. Wir wollten uns noch einen richtig schönen Abend machen. Trotz der zeitigen Abreise spät ins Bett, trinken und essen, lachen, soviel wir mochten. Ich begann schon vor dem Abendessen viel zu spät mit der Packerei (ich gebe zu – so hyperordentlich war es in unserem Zimmer nie…das brachten wir beide nicht zu stande…Nils und ich…in Maßen eben nur.). Nils deutete an, ihm wäre komisch. Logisch. Es war ja auch wieder sehr heiß und sehr windig gewesen. Nils den ganzen Tag aktiv, vielleicht zu wenig getrunken – das kriegen wir leicht wieder hin.
Beim Abendessen saß ich dann schon allein. Nils hatte keinen Appetit und wollte lieber im Bett etwas fernsehen. Also gut. Hilft ja nichts. Ich verabschiedete mich dann von meinen AnimateurInnen unter Tränen und legte mich bereits 21 Uhr zu Nils ins Bett. Ihm wäre etwas schlecht. Na, Nils. Nicht dass du etwas zu viel Sonne abbekommen hast. In meiner umfangreichen Reiseapotheke hatte ich dann auch etwas gegen Übelkeit dabei und gab ihm das. Er schlief ein und ich dann irgendwann auch. Bis genau 3.30 Uhr. Da weckte mich Nils – ihm ist schon wieder übel. Ich dachte eigentlich, wir hatten das hinter uns, da er wirklich gut geschlafen hatte. So. 3.40 Uhr gings dann los. Die elendige Kotzerei. Um fünf Uhr sollte unser Wecker klingeln und um sechs Uhr der Bus kommen.
Pünktlichst war ich auch fix und fertig mit den Nerven. WIE SOLL ICH DAS SCHAFFEN? Als allererstes informierte ich meine Mutter. Per SMS. Obwohl ich genau wusste, wie sehr sie sich Sorgen machen würde – vor allem, da sie absolut rein gar nicht helfen konnte. Aber, ich wollte eben einfach nur sie. Und niemand anderen. Mir wird ja nur dran schlecht, wenn ich schon allein mich erinnere. Ich glaube kaum, dass meine Worte hier wirklich das ausdrücken können, was ich tatsächlich fühlte.
Ich hatte von der Kinderärztin ein spezielles Zäpfchen dabei, da Nils immer sehr leicht in eine Art Brechmechanismus verfällt. Sprich, alle zehn Minuten über einen langen Zeitraum. Ich zählte die Sekunden, die es drin blieb. Und es blieb. An Ort und Stelle. Viele Stunden. Was war ich dankbar. Hilft ja nichts. Reiß dich jetzt zusammen – in acht Stunden hast du es geschafft – das bekommen wir hin. Sind ja überall Menschen, die man fragen kann.

Nils musste ich im Liegen anziehen und in die Lobby TRAGEN – dann ZWEI Koffer hinterher ziehen und meinen Rucksack beherbergen. Der Portier telefonierte nur. Morgens 5.50 Uhr. Hab gesagt, dass ich eine Frage hätte und wollte wissen, ob er lieber in deutsch oder englisch sprechen wollte. Und soll ich euch was sagen? Die Antwort – und diese Antwort hörte ich so oft in diesem Jahr auf dieser Insel – war: griechisch bitte.  A……….h! Sei es drum. Der Bus kam und ich legte Nils ganz hinten quer über die lange Bank. Ja – zweieinhalb Stunden über Holperstraßen. Genau das richtige für Magenkranke. Man setzte sich auch möglichst weit weg von uns und der Busfahrer organisierte noch Tüten. Ich konnte immerhin daneben – also neben meinem „schlechten“ Kind sitzen und eingepackten Kuchen essen. Es war das einzige, was mir half. SÜSSIGKEITEN! ENERGIE. Am Flughafen endlich angekommen, sich in Sicherheit wiegend, fragte ich unsere Reisebetreuerin, ob es einen Platz gäbe, an dem ich Nils ablegen könne, da er krank sei. Oh, da gibt es hier keine Möglichkeit. Da muss er hier draußen vor dem Flughafengelände bleiben und auf der Bank liegen…bei bereits 30 Grad Hitze morgens um zehn. Man fragt sich dann schon, was das jetzt soll und ob man vielleicht im falschen Film weilt.

Dieses System in Heraklion ist mir sowas von zuwider. Erst stellt man sich gefühlte Stunden beim CheckIn an und dann noch mal so lang, um sein Gepäck aufzugeben. Nils verfrachtete ich auf einen Gittersitz in der Nähe. Er musste aber allein liegen bleiben. Es half leider alles nichts. Tüte in der Hand. Ich hatte nette Mitreisende, die ab und an meine beiden Koffer in der Reihe hüteten, während ich nach Nils schaute. Puh. Endlich an der Reihe. Ich reichte meine Pässe hin und die Schalterfrau wollte Nils sehen und gab mir in gleichem Atemzug die Papiere zurück. Äh. Wie jetzt. Wo sind meine Flugtickets? Bekommen Sie nicht. Sie dürfen nicht fliegen. Nicht mit Ihrem kranken Kind. Das muss zuerst zu einem Arzt. Selbst wenn ich könnte, ich möchte Sie so nicht einchecken.
Nein. In dem Moment dann war es  um mich geschehen. In keiner Situation in meinem Leben habe ich mich dermaßen überfordert und alleingelassen gefühlt. WAS SOLLEN WIR DENN JETZT TUN? Ich heulte Rotz zu Wasser. Es wollte nicht aufhören. Ging nicht. Und Nils, der arme. Der heulte mit. Aber nicht, weil ihm nicht gut war, sondern weil er sich die Schuld daran gab, dass ich jetzt heulend in Heraklion stand und nicht zu beruhigen war. Welches „blöde“ Kind wird auch schon im Urlaub krank, meinte er zu mir. Ach. Er tat mir leid. Und ich mir erst. Wir mussten dann zum Flughafenarzt, der am absolut anderen Ende des Geländes niedergelassen war. Menschenmassen, die sich in ganzen Trauben versammelten. KEINER geht auf die Seite. Keiner hilft einem. Jeder ist scheinbar in dieser Welt nur sich selbst der nächste. Ich organisierte mir dann so einen Kofferwagen – denn die zwei Kolosse hatte ich ja auch noch an der Backe. Setzte Nils drauf und schob uns durch die Massen. Mir war so elendig heiß. Also standen wir zu zweit heulend beim griechischen Arzt. Warum wir denn weinen würden, war seine Frage. Nils bedeutete ich hinterm Arztrücken immer, ob er nicken oder verneinen solle mit seinem Kopf. War ja alles auf englisch. Ich muss auch offen zugeben, dass ich bei der Beantwortung meiner Fragen eher gelogen denn wahrheitsgemäß geantwortet habe. Ich wollte einfach nur weg – und das nicht mal mehr eine Stunde vor Abflug.
Wir haben tatsächlich das Attest „fit to fly“ bekommen. Also den ganzen Weg zurück zur Check-In-Tante. Schön. Schalter bereits für den nächsten Flug nach Zürich geöffnet und Leipzig geschlossen. Ich hab sie mir aber geschnappt und ihr mein wertvolles Dokument unter die Nase gehalten. Nein, das kann nicht sein, meinte sie und hielt nochmals Rücksprache mit dem Herrn Doktor während Nils hinter mir krähte, ihm wäre schon wieder so schlecht. Ich schob ihn einfach nur HINTER die Menschen, so dass die „blöde Kuh“ ihn bloß nicht sehen kann. Ich bin wirklich sehr stolz auf Nils. Er muss  manchmal schon wesentlich selbständiger sein, weil es einfach nicht anders geht. Er macht aber auch in solchen Situationen seine Sache hervorragend und ich bin sehr stolz auf ihn! Ich mein. Einer muss ja der letzte sein. Der letzte beim CheckIn, der letzte bei der Gepäckaufgabe, der letzte bei der Kontrolle und auch der letzte an Bord, oder? Das waren dann mal wir. Die letzten bekommen auch immer den Platz ohne Fenster. Ich war einfach nur aufgebraucht und am Ende, aber dennoch unsäglich froh, endlich an Bord des Fliegers zu sitzen. Bitte, ich brauche jetzt schlicht nur mal einen Kaffee in Ruhe. Nils mit der Tüte neben mir – Durchfall kam dann auch noch dazu und wenn die Hälfte in die Hose ging, so war mir das herzlich egal. Denn, wir waren auf dem Weg in die Heimat. Good old Germany. Und – das wichtigste – auf dem Weg zu meinen Eltern.

Niemals in meinem Leben habe ich mich so nach meinen Eltern gesehnt. Danach, „Tochter“ sein zu können. Dass ich die jenige bin, um die sich gekümmert wird. Und da bin ich ja bei meinen beiden absolut an die richtige Adresse geraten. „Kümmern“ können die sich…das ist der Wahnsinn.
Nach der Landung und beim Verlassen des Flugzeugs kippte Nils dann vollends weg. Kein Schritt ging mehr, halb ohnmächtig und kreidebleich. Also – Rucksack aufgehuckelt und Kind getragen – 8 Jahre – 146cm – 33 Kilo. Nils hat seine Taschentücher fallen gelassen. Der „nette“ Mann, der hinter uns lief, sagte, er hebe es schon auf. KEINER hat mal gefragt, ob man mir Nils vielleicht abnehmen könne. Der Weg war so lang. Aber als Muttertier entwickelt man einen Kampfgeist und ungeahnte Kräfte wenn es darum geht, denn Spross zu beschützen.
Bei der Gepäckausgabe angekommen und hinter der Zolltür sah ich dann in eines der vertrautesten Gesichter meines Lebens – in das meines Papas. Ich hätte schon wieder heulen können. Geschafft! Endlich in Sicherheit! Ich schob Nils durch die Tür und war einfach nur froh.

Meine unvergleichliche Mutter hatte das Auto in einen Krankenwagen verwandelt. Tüten, Tees, Zwieback, Kissen, Decken, Bettlacken, noch und nöcher in mehrfacher Ausführung waren zugegen. Vielleicht ein klein wenig übertrieben umsorgt, aber besser zu viel als zu wenig, oder?!? Zu süß war, dass sie dachte, dass die rote Seitenlackierung unseres Fliegers der mitfahrende Notarztwagen sein würde, der uns in Empfang nimmt. Naja. Da musste ich dann doch etwas lachen.

In seinem Elend hat Nils mich um eines gebeten: bitte Mama. Machen wir nächstes Jahr im Hotel „Bayerischer Hof“ hier in Bayreuth Urlaub? Dann musst du auch nicht so viel Geld für den Flug oder den Sprit ausgeben. Und wenn was ist, können wir auch mal schnell heim fahren…

:-)

Das wird es nicht ganz – aber vom südlichen Ausland – ganz speziell dem Griechischen – habe ich gestrichen die Nase voll. Was freu ich mich auf einen Urlaub hoch oben in den österreichischen Alpen.

Good bye, Crete.

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