KRETA – am Meer voller Gedanken, Ehrlichkeiten und Einsichten

Gebucht. 9 Tage Kreta für den Mai 2012. Unser erster Urlaub zu zweit – nur Mutter und Kind. Als es Kai immer schlechter ging und er dem Tod näher stand als dem Leben, beschloss ich schon in meinen Gedanken: Anja, wenn das alles vorbei ist machst du Urlaub. Komisch, oder? Da stirbt der Mann und ich denke bereits jetzt daran, die Füße in den warmen Sand stecken zu können. Ich lebe, wie ihr wisst, in meinen Erinnerungen in Bildern. Und ich habe auch noch ein „Bild des Bildes“ von damals im Kopf. Wie ich mich sehe mit Nils zusammen. Weit weg, die Abendsonne im Gesicht, den Blick zum Himmel, das Rauschen der Wellen im Ohr, den salzigen Geschmack des Meeres auf der Zunge und die Wärme am ganzen Körper spürend. Denn das habe ich mir damals schon gewünscht. Dass wir es schaffen, dass das Leben für uns weiter geht und dass wir es genießen können. Auch ohne Kai. Er ist ja eh dabei. Jedes Mal wenn ich in den blauen Himmel schaue.

Also gut. Auf geht es nach Kreta. Ich hab mich bereits auf dem Papier in das Hotel verliebt. Meine geliebte Reisekauffrau – die mich und meine „Ansprüche“ bestens kennt, schickte mir genau drei Angebote. Sie brauche gar nicht weiter suchen, meinte ich. Wir nehmen das Ikaros Beach auf Kreta. Und soll ich Ihnen was sagen? Es soll mir einmal im Leben egal sein, was es kostet. Das muss sein.

Womit beginnt so ein Urlaub? Richtig. Mit dem Packen der Koffer. Die erste Einsicht, die ich aus diesem Urlaub mitnehme: ANJA, mäßige dich! Im Klamottenkonsum im Urlaub. ABER – da braucht man eben Schuhe fürs Frühstück – ist vielleicht noch nicht so warm. Dann Schuhe für den Strand. Aber ich kann unmöglich die türkisfarbenen Zehenteiler zum roten Zweiteiler anziehen. Und die schwarzen Flip-Flops passen dafür umso besser zum schwarzen Strandoutfit mit Tuch. Die haben auch noch schöne Dekosteinchen – gingen also auch an der Strandbar :-). Und am Ende geht mir noch ein Paar kaputt, also braucht es Ersatz. Ein weißes Paar Strandschuhe sind dafür bestens geeignet. VIELLEICHT möchte ich auch gerne am Strand entlang joggen – in der Morgensonne – oder in der Abendsonne. Dafür braucht man die Laufschuhe, die ich tatsächlich mitgeschleppt hatte. Memo an mich: Unfug. Ich werde NIEMALS in irgendeiner Sonne am Strand entlang joggen. Weder morgens noch abends noch sonstwann. Tja, und dann die Abendgarderobe. Es ist absolut unmöglich zu meinen achtzundzwanzig Kleidern und Röcken für NEUN Tage die selben Schuhe tragen. Weiteres Memo an mich: für einen Pauschal-Strandurlaub in sonnensicheren Gebieten: keine T-Shirts. Anja, nimm bitte keine T-Shirts mit. Von dem fast zweihandbreiten Stapel habe ich ganz genau Null angezogen. Ebenso viele Hosen trug ich. Und wie herrlich war das, dass Nils ja nicht so viele Kleidungsstücke brauchte, da er ja erstens: männlich ist und zweitens: kleiner als ich. Somit fallen Badehosen, Schuhe und Co auch kleiner aus. ERGO – es ist noch Platz im Koffer für mich :-). Bücher, Blöcke, Stifte, Düfte, Make-Up – alles was man so herrlich dringend braucht, wenn man den ganzen Tag am Strand der Erholung frönt. Die Hausapotheke muss freilich auch noch mit. Was ist, wenn…?!? Kann man den kretischen Apotheken trauen und was ist mit den Ärzten? Notfalls sollte ich lieber doch für eine Not-OP am offenen Herzen ausgestattet sein.

So kam es, dass ich auf das Gramm genau den Bestimmungen der Fluggesellschaft die zwei großen Hartschalenkoffer bepackte. Zusätzlich das Handgepäck. Nils sollte seines so packen, dass er es selbst betreuen kann. Klar Mama, ist doch babyleicht mein Rucksack. Nebenbei möchte ich bereits jetzt anmerken, dass ich schlussendlich in der Leipziger Nacht sowie der kretischen Flughafenhitze ZWEI Koffer und ZWEI Handgepäckrucksäcke an der Hand hatte – zusätzlich zur Obhut fürs Kind. WIEDER WAS GELERNT!

Unter großen Ängsten meiner Familie starteten wir in einer Nacht im Mai mit dem eigenen Auto und selbst am Steuer fahrend (…mach dir keine Sorgen, liebe Mutti!) gen Flughafen nach Leipzig. Keine Frage, dass meine wohlsorgende Mutter mich gezwungen hat, mich 21 Uhr bis 0.30 Uhr ins Bett zu legen. Nils war völligst aufgeregt und ihm war ganz komisch im Bauch. Es wackelt da so, meinte er. Im Flughafenparkhaus angekommen meinte er schon: Ach Mama, wie ist das schön auch mal ein anderes Parkhaus zu sehen als immer nur das vom Rotmaincenter. Ha. Mein Kind. Eindeutig. Ich sehe auch gern mal andere Parkhäuser in anderen Städten dieser Welt :-). Weil ich mich kenne und so unwahrscheinlich gut mitdenken kann – manchmal – habe ich sogar ein Foto von unserem Auto samt Parkhausnummer gemacht. Ich kann euch sagen, dass ich, jetzt über ein  Jahr danach, auch ohne dieses Foto noch weiß, dass wir auf Deck Drei den Platz 359 hatten. Aber, man weiß ja schließlich nie.

Aus vielen, verschiedenen internen und externen Gründen waren wir schon ewig nicht mehr mit dem Flugzeug unterwegs und Nils eh noch nie. Eigentlich wollten wir im Februar 2010 in die Makadi Bay nach Ägypten fliegen. Hatten ein super Hotel und wollten Kais „Nicht-Raucher-Spar-Geld“ auf den Kopf hauen. Tja. Drei Tage nachdem wir gebucht hatten, wurde bei Kai die Diagnose Magenkrebs gestellt.
Dementsprechend mulmig war mir dann auch, als ich im Flughafengebäude nach dem weiteren Vorgehen Ausschau hielt. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: Anja, das kann jeder Blöde und am Ende nicht soooo schwer sein, dann schaffst du das auch. Schließlich verfügst du doch auch über eine solide Grundintelligenz! Und – tatsächlich. Wir haben am „Selbstbedinungsschalter“ eingecheckt, uns sogar noch einen Fensterplatz ausgesucht (einer älteren Dame weiter geholfen und so getan, als fliegen wir dauernd und ständig) und schon hieß es: warten.
Ich weiß nicht, wie oft ich „Mama, wie lang dauerts noch“ und „Mama, mir ist langweilig“ gehört habe. Obwohl ich mich doch ab und an gegen den hohen Konsum der digitalen Spielemedien für Kids wehre und versuche, alles Grenzen zu halten, war ich am frühen Morgen gegen halb vier sehr froh, Nils den iPod in die Hand drücken zu können, um wenigstens in Ruhe einen Kaffee trinken zu können.
Auf geht’s zur Durchleuchtung. Bei Nils piepste das Radargerät ziemlich laut. Der war schreckensbleich und rief mir zu: Mamaaaa, wir haben doch gar keine Waffen dabei…! Ach, ja. Herrlich. Wir lieben doch alle unsere Kinder!
„Junge Dame (DANKE – JUNGE DAME HAT ER MICH GENANNT!!!) – gehört Ihnen dieser rote Rucksack hier?“
„Ja, das ist korrekt.“
„Tja, dann bitte mal ALLES ausräumen“.
War ja klar – Nach höchst ausgeklügeltem System hatte ich in mühsamer Kleinarbeit gepackt: Bücher, Brillen, Medis für den Notfall, Handcreme, Taschentücher, Feuchttücher, Kotztüten, Sonnencreme, Kaugummis für mich, Kaugummis für Nils, Timeplaner, Stifte, Papiere, Pässe…Was man eben so dringend im Handgepäck braucht..Also, alles raus und alles wieder rein. Die Handcreme konnten sie nicht identifizieren (Anmerkung: in Kreta musste ich die gleiche Prozedur wiederholen!).
Nun – rein ins Flugzeug. Dankbar nehme ich das Bonbon der freundlichen Stewardess an während Nils mit „Nein Danke, davon bekommt man schlechte Zähne und wird fett“ höflich aber bestimmt ablehnt. Ja, wir lieben unsere Kinder immer noch!

Ich bin sehr stolz! Wir haben den Flug gut überstanden – auch ohne Mann, Freund, Partner oder sonstiger zusätzlicher schutzgebender Begleitung! Wir haben unsere RICHTIGEN Koffer bekommen (…davor hatten wir beide etwas Angst…) UND wir haben aus den gefühlt tausend wartenden Bussen den richtigen für unser Hotel gefunden! Als wir im klimatisierten Reisebus eines renommierten deutschen Automobilherstellers saßen, die Koffer verstaut, das Handgepäck am Mann und ich das richtige Kind neben mir hatte, konnte ich so langsam aufatmen und mich freuen. Ja. Wir sind da. Im Urlaub. Und uns geht es gut.

Wir stiegen im richtigen Hotel aus, wurden tatsächlich mit einem wunderschönen Zimmer bereits erwartet und ich frage mich heute immer noch, wie dieser spindeldürre, kleine, freundliche Mann BEIDE Koffer auf EINMAL ins Zimmer tragen konnte!

Also – völlig verzaubert von diesem wundervollen Hotel mit den noch wundervollereren Menschen dort, verbrachten wir eine tolle Zeit miteinander. Ich weiß noch, wie ich feststellen konnte, wie es sich anfühlt mal komplett sorgenfrei zu sein. Sich keine Gedanken zu machen, an schlechten Zeiten noch zu arbeiten hat, nichts organisieren oder planen zu müssen. Sondern sich einfach voll und ganz auf das  Hier und Jetzt in Kreta einzulassen und alles zu aufzusaugen.
Nils hatte noch nie das Meer gesehen und war beeindruckt. Klar, dass er auch sofort ins Wasser springen musste, während ich von meiner Liege in der ersten Reihe aus ihm und den leichten Wellen – umgeben von tiefblauem, strahlenden Himmel – zuschaute. Er hatte seine helle Freude. War begeistert. Ich mein, schmeckt man das nicht beim ersten Tropfen? Dass das Meerwasser recht salzig ist? Nach zwanzig Minuten Badevergnügen stolperte Nils einige Meter rechts von mir an den Strand und kotzte umfassend in den Sand! Nils war also rechts und ich blickte nach links. Meine Güte, wem gehört denn dieses Kind, dass Spaghetti Bolognese erbricht. :-)
Nun, das viele geschluckte Salzwasser war dran schuld und seither bleibt der Mund immer fest verschlossen. Allerdings liegt das auch in den Genen. Kai reichte ein halber Tropfen Meerwasser AUF der Lippe und er musste schon heftigst würgen! Ein Hoch auf Süßwasserpools in der Hotelanlage.

Nils und ich kamen wirklich gut miteinander aus. Für Nils stand von vornherein fest, dass er mit keinem Kind spielen oder sprechen möchte, sondern dass ich seine Bespaßung übernehmen sollte: Mama, du bist schließlich meine Mutter. Die machen sowas! Letzten Endes kamen wir so überein, dass wir unsere Erholungszeiten abwechselten. Nils‘ Erholungszeit bestand darin, mit mir im Wasser zu toben, zu tauchen, Wettschwimmen zu veranstalten, Sandburgen- und löcher (Achtung: Blasen an den Händen! Ich!) zu bauen, Krebse zu fangen, Fische zu jagen, mit der Luftmatratze wilde Manöver im Meer zu starten (OHNE Wasser zu schlucken), Frisbee und „Strandtennis“ zu spielen, Eis zu essen, Uno zu spielen und so Zeug eben. Habe ich das alles zur vollen Zufriedenheit mitgemacht, be- und überstanden, stand mir meine Erholungszeit zu. Lesen, lesen, lesen. Mal in Ruhe schwimmen. Und – und darauf bestand ich – 10 Uhr auf der Terrasse über den Klippen den ersten Cappuccino des Tages erholsam zu trinken. Nämlich einfach nur die morgendliche Sonne im Gesicht zu haben und den Blick über das weite Meer und den noch leeren Strand schweifen zu lassen. Und so klappte das ganz gut. Und mittags nach dem Essen war eh eine Stunde Mittagsruhe. Nils durfte sich aussuchen, ob er eine Stunde schläft oder ruhig im Schatten auf der Liege etwas liest oder malt. Nun. Geschlafen hat er nie ;-).

Auf Kreta konnte ich auch feststellen, was für ein selbständiges Kind ich doch habe. Und ich bin sehr stolz. Er hatte nie Angst, fand sich bestens zurecht, pendelte auch allein zwischen Zimmer, Strand und Restaurant, vergaß nie die Chipkarte, benahm sich gegenüber anderen Menschen und mir sehr löblich. Wir machten den Schwimmtest, den er außerordentlich gut bestand und konnten so sehr entspannen und loslassen. Er organisierte sich sein Essen selbst vom Kinderbuffet und ich ließ es zu, dass er jeden Tag Rührei mit Speck aß oder Abends IMMER Nudeln oder Pommes. Ich musste mich nie kümmern. Das Personal für unseren Tisch hatte immer irgendwas nettes für ihn parat und ja – ich liebte sie zum Schluss alle. Meine Lieblingsfrau hat uns nach dem Abreisefrühstück auch ganz fest gedrückt.

Ich bin ja eher komisch, wenn ich urlaube. Grundsätzlich brauche ich keinen anderen Kontakt. Urlaubsbekanntschaften sind nichts für mich. Ich möchte gern mein Ding machen und nicht abhängig davon sein, was andere jetzt gern mit mir machen würden wollen oder nicht. Viele schätzen dieses Verhalten als eine Art von Arroganz ein. Ist es aber nicht. Nur einmal im Jahr möchte ich mich ganz auf mich und meine Familie konzentrieren. Und wenn es passiert, mit den anderen Urlaubern, dann passiert es eben. Kai und ich waren uns da sehr ähnlich. Wir waren uns immer genug und haben besonders die Urlaube miteinander sehr genossen. Wir brauchten niemand anderes dazu.

Tja. Abendessen. Immer schick gekleidet – auch Nils im Hemd (zum Leidwesen von ihm – aber er hat sich dran gewöhnt) genossen wir unterschiedlichstes. Ich gerne ein Glas kalten, regionalen Weißwein dazu. Für die Oliven könnte ich jedes Mal wieder sterben! Ich gab mir immer Mühe, mich mit Nils auch zu unterhalten. Der war natürlich schnell fertig – viel schneller als ich – und verzog sich dann. Voll langweilig der Mutter beim GENUSSVOLLEN Essen zuzuschauen. Und reden wollte er dann auch nicht mehr. MÄNNER! Eben.
Und dann wurde es mir doch seltsam. So allein am Tisch zu sitzen, während rundherum reges Gesprächstreiben herrschte. Ich wollte es aber genießen. Das Für-Mich-Sein. Ging aber nicht. So sehr ich bemühte, es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Ich kam mir wahnsinnig allein und allein gelassen vor. Beobachtet von anderen „Schaut mal, die dort drüben…so allein am Tisch…komisch“ – zumindest bildete ich mir das ein. Äußerlich hat mir bestimmt niemand angesehen, wie ich innerlich täglich mit dieser Situation zu kämpfen hatte. Und letzten Endes war auch ich froh, wenn ich das Abendessen überstanden und ebenso abhauen konnte. Und da beschloss ich, dass ich nicht noch einmal allein in den Urlaub fliege.

Irgendwann machte ich dann auch mal mein Handy an. Meine Güte. Das vibrierte. Irgendwie ist bei der Familie zu Hause untergegangen, dass ich gut angekommen war und alle waren in heller Aufregung und schon fast verstritten – aber irgendwie auch etwas böse auf mich. Nun, auch davon habe ich gelernt. JEDER bekommt zukünftig eine kurze Notiz des heilen Angekommenseins UND den nun beginnenden Status des „offline-modus“ für die Dauer des Urlaubs. Dann weiß auch wirklich JEDER Bescheid und muss nicht denken, wir sind im Meer ertrunken oder gestohlen worden.

Und tatsächlich lernten wir dann doch noch Menschen kennen. Urlauber. Ziemlich nette sogar. Und Nils gewann für zwei Tage einen Freund mit dem es ihm noch viiiiiel mehr Spaß machte, die Freizeit zu gestalten als mit der so „mittelalten“ Mutter (Aussage von Nils! – übrigens bin ich auch nur mittelhübsch – da gibts schönere Menschen, meint er!). Ich traf mich gern auf einen Spätnachmittagscocktail oder auf einen Tanz an der Bar am Abend. Es waren zwei sehr schöne, bemenschte Tage. Nils war am Abend immer so fix und fertig, dass er im Zimmer bleiben wollte. Ich switchte dann halbstündlich hin und her und es klappte prima. Nils durfte einen Film anschauen, während die Mutter auch mal Frau war. Am Abend an der Bar. Ohne, dass irgendjemand irgendetwas komisch daran fand. Freilich wurde ich gefragt, was so eine junge, hübsche Frau (vielen Dank!) allein mit Sohn in Kreta verloren hat. Und sich herausstellte, dass sich seit einigen Tagen der ein oder andere Gedanken darüber machte, was wohl die Umstände dahinter sein mögen. Die Umstände erläuterte ich dann in meiner mir eigenen Art, erntete betretene Gesichter, herzliche Umarmungen und „darauf trinken wir jetzt einen „Ouzo-Lemon“ (den ich wohlgemerkt seither NICHT mehr anrühren konnte! Igitt!). Ich tanzte  – auch mit meinem Barkeeperfreund Nikolai – lachte, sang und hatte einfach eine schöne Zeit. Nikolai kam nicht umhin mir an meinem letzten Abend unter Tränen zu berichten, wie toll er mich fand und er sehr traurig wäre, dass ich nun abreisen würde. Ob er noch einen letzten Tanz mit mir haben dürfe und gab mir letzten Endes obenauf einen Kuss. Ach ja. Der Nikolai. Das war schon ein Netter! :-) Da haben wir es wieder. Mit wunderschönen, hellblauen Augen!

Während meinen Strandspaziergängen mit ohne Nils- begannen sie dann. Die vielen Gedanken. Revuepassieren (ihr kennt das – meine Leidenschaft). Mir fehlte Kai. Ich hätte ihm das gern gezeigt. Mir fehlte der Kai, der gegangen war. Aber, und das gestand ich mir in aller Ehrlichkeit ein, nicht der Kai, den ich damals kennen lernte.

Ich durchstöberte alles. Jedes Jahr, viele Begebenheiten. Warum? Um zu erkennen und lernen. Vor allem für meine Zukunft. Ich war ja schließlich noch da und wollte ein gutes Leben haben. So gut es eben machbar sein wird. Und ich war gnadenlos ehrlich mir gegenüber und meine Gedankengänge taten mir für Kai schrecklich leid, je intensiver und offener sie wurden. Aber, sie mussten auch einfach mal raus. Sie mussten gedacht werden; nicht immer hinter verschlossenen Hirnzellen rumdümpeln. Zu merken, da ist was ohne es komplett zu ignorieren.

Schlussendlich teile ich mein Leben mit Kai in zwei Hälften. Die Hälfte vor unserem Umzug ins „eigene“ Haus und die Zeit danach. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, wenn man liebt. Wenn man verliebt ist. Wenn Schmetterlinge flattern. Bis zum Schluss. Bei jedem einzelnen Besuch im Krankenhaus.
In meiner Ehrlichkeit kam ich auch zu dem Entschluss, dass ich hätte Kai eigentlich gar nicht so heiraten dürfen. So ist das aber, wenn man jung ist. Alles hatte Routine. Unser Leben und unser Alltag. Ohne sich groß Gedanken zu machen. Weil wir uns auch schon so lang kannten. Und die Dinge, dich ich so gar nicht an Kai mochte, habe ich einfach ignoriert. Letzten Endes hatte ich mir aber vom Leben doch etwas anderes erhofft. Ja. Ich bin so ehrlich. Und Kai weiß das auch.
Zu Beginn meiner Schwangerschaft war es soweit, dass ich sagte: Kai, entweder ändert sich etwas oder aber, wir trennen uns. Er sollte sich klar darüber werden, wie er weiter leben möchte. Ich wollte nicht, dass unser Kind – mein Kind – in so eine Beziehung hinein geboren wird. Das war mein ganzer Ernst und er wusste das auch. Für andere war er immer da. Arbeitete bis nachts. Ich war ja sicher. Brauchte man keine Mühe mehr walten lassen. Und andere – die sind dann schließlich auch mal für uns da, wenn unser Haus fällig werden sollte, war seine Meinung. Wir hatten einfach kein gemeinsames Leben mehr und ich glaube, das war auch einer der Gründe, die mir die Schwangerschaft so elendig schwer gemacht hat. Ich hab in den ersten drei Monaten zehn Kilo abgenommen. Ich fand wirklich nie Gefallen daran, mich auf seinen Baustellen rumzutreiben oder in Garagen zu hocken und Männern beim Fachsimpeln über Werkzeuge, fahrbare Untersätze zuzuhören und beim Anstoßen zuzuschauen. Er machte das zu oft – für mein Gefühl und meinen Wunsch fürs Leben. Eigentlich führte er oft einfach das perfekte Junggesellenleben – nur hatte er eine Frau eben auch noch. Ich.

Nach unserer dennoch wirklich schönen und auch in diesem Leben aufrichtigen Hochzeit sind wir noch des Nachts in die Flitterwochen geflogen. Es war furchtbar für mich. Gefangen zwischen Himmel und Erde. Anja, hast du das richtige getan?!? Du bist jetzt VERHEIRATET! Für immer! Mit Kai. SCHEISSE! Vollste Panik überfiel mich. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.
Mit der Landung in Ägypten habe ich beschlossen, dass es gut ist. Dass ich mich jetzt darauf einlasse und ein schönes Leben haben werde. Mir dabei alle Mühe gebe.
Es waren trotzdem Flitterwochen die hätten schöner nicht sein können. Und das meine ich ganz im Ernst. Sie ließen mich aufatmen und genießen. Das war mein Kai. Das war mein Mann. So, wie wir dort die Zeit und die Gemeinsamkeit verbrachten, hätte ich es wenigstens ab und an im Alltag gehabt. Und so kam es dann auch! ZUM GLÜCK!

Kai entschied sich also für uns. Als Familie. Und mit dem Baustein des für uns gekauften Hauses wurde alles besser. Ich wurde glücklich und zufrieden in dem, was ich hatte. Mistete umfassend und stürmend Freundschaften aus, empfand Schmerz. Großen Schmerz und fand dadurch zurück zum Wesentlichen. Und mit dem Tod vor Augen, mit der Gewissheit, ernsthaft und unheilbar krank zu sein, ließ Kai schließlich eine Seite ans Tageslicht kommen, die ich so sehr liebte. Und so sehr vermisste. Und immer strahle, wenn ich an diesen Kai zurück denke. Was für ein Mann! Was für eine Leistung für so einen sonst in sich gekehrten Menschen, sich mir gegenüber so zu öffnen. Mit diesem Mann wäre ich ganz sicher sehr gern und furchtbar lang verheiratet geblieben. Und das Beste – nur für mich. Er liebte mich so sehr, dass er es mir noch zeigen musste. Was eigentlich in ihm steckte.

Und so kam ich am Strand von Kreta dahinter. Wir zäumten das Pferd von hinten auf. Und so hat alles seinen Sinn. Ich habe so viel gelernt aus dieser Zeit. Für mich. Für die Zukunft. Für die Gegenwart. Ich habe ihn sehr geliebt, als er gestorben ist. Und ich glaube, das ist viel, sehr viel wert. Für mich ist es das jedenfalls. Und wir waren wie für einander gemacht in der Krankheitszeit. Ich weiß, dass es Kai nicht hätte besser erwischen können mit seiner Frau „fürs Grobe und Feine“ ;-) – und umgekehrt ebenso.

Sehr aufgewühlt war ich in den letzten Tagen. Und ich hatte auch so ein schlechtes Gewissen Kai gegenüber. Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Aber, es musste sein. Es erfordert sehr viel Mut, sich das selbst einzugestehen.

Und dann hieß es Abschied nehmen von dieser wundervollen Insel. Der Plan: am Abend die Sau rauslassen und EINMAL so viel vom wahnsinnig leckeren Essen vertilgen, wie ich nur konnte. Wenigstens einen Abend lang!
Wie gewohnt gingen wir vom Strand direkt in die Badewanne. Ich frönte meinem „Cool-Down“ auf dem Balkon, während Nils ausgiebig die Badewanne benutzte. Und dann war ich an der Reihe. Jeder mit der nötigen Zeit und Ruhe. Keiner stresste den anderen. Das haben wir auch gelernt dort. Einfach mal alle viere grade sein lassen! Das kann ich sonst eher nicht so gut, nämlich ;-). Am letzten Abend allerdings wollte ich die Luft aus der Matratze lassen um sie in den ÜBERQUELLENDEN Koffer zu packen (ich schaffte es wirklich kaum, die blöden Teile zuzubekommen!!!). Und an dieser Aktion des Luftauslassens scheiterte ich. Ich kapierte das einfache System nicht, es war mir zu mühselig und aufwändig und dann begann einfach zu heulen. Weil ich es nicht hinbekam, diese elendige, mistige, furchtbare Luftmatratze leer zu bekommen. Und ich projizierte das auf mein Leben. Das ich es am Ende auch nicht hinbekäme. Das ich daran scheitern werde, alles gut und ordentlich zu machen – für mich. Nicht immer nur perfekt und das auch annehmen zu können! Das Ende des Liedes und des Abends war, dass ich mit Sonnenbrille beim Abendessen saß und NICHT aufhören konnte, zu weinen. Ich konnte weder etwas essen noch etwas trinken. Und Nils? Der heulte auch. Er hatte sich eine Art Sonnenallergie oder Sandfloh oder was weiß ich eingefangen und meinte vor Juckreiz fast zu vergehen. Und jeder, der uns ansprach, was denn los wäre, ließ uns nur noch mehr heulen. Ein Elend sag ich euch. Ich war ehrlicherweise auch mit meinen Nerven so am Ende, dass ich Nils‘ Geheule auch kam ertragen und somit auch keine rechte Hilfe für ihn sein konnte.

Tatsächlich aber beruhigten wir uns irgendwie wieder, verbrachten die letzten Stunden unter der untergehenden, glutroten Sonne mit unseren „Strandfreunden“ und flogen am nächsten Tag zurück ins Leben. In unser Leben hier.

Und?
Am 30. August 2013 fliegen wir wieder nach Kreta. In ein anderes Hotel. Und? Nur Nils und ich.
Ich freu mich drauf!
Diesmal wird es kein Wellness- und Spa-Hotel sondern eines, in dem Kinder ihren Spaß haben. Dann habe ich nämlich meinen auch. Kann das bunte Treiben beobachten und selbst am Strand liegen und lesen und Blicke schweifen lassen. Auch zu dieser Erkenntnis bin ich gekommen. Wellness und Spa geht auch locker noch, wenn Nils mal größer ist.

Kreta – wir kommen!

Nachtrag – Memo: So ein „Kofferband“ besorgen…welches dazu da ist, den Koffer im Notfall zusammenzuhalten, sollte der Verschluss sich öffnen. Nur für alle Fälle. Wenn ich heimlich die Laufschuhe und das vierzehnte Kleid mit eingepackt habe. Sieht doch eh keiner….(lach).

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