Ich lebe – mit aller Konsequenz und Quittungen

Wie war das gleich im letzten Jahr? Ich sitze hier und lasse – mal wieder -Revue passieren. Ein wenig froh, den Blog nicht immer „während dessen“ zu schreiben sondern manchmal mit etwas Abstand. Eine Mischung aus „up to date“ und Zurückliegendem.

Vor einem Jahr – ja – da musste ich viel lernen. Große Erfahrungen machen. Enttäuschungen erleben und vor allem aber verstehen, dass nicht jeder so denkt wie ich, die allerwenigsten so fühlen wie ich und man mich am Ende noch viel weniger versteht.

Wenn ich jetzt mein zweitausendundzwölf hoch und runter passiere, drehe und wende, von allen Seiten betrachte, so stelle ich fest:
Anja, du musstest einfach einmal leben. Nach Monaten und Jahren voller Krankheit, notwendigen Strukturen und vielen Sorgen zog mich die Sorglosigkeit in ihren Bann. JETZT ist ES erst einmal vorüber. JETZT kannst du ausprobieren, was Dir gut tut um Deine Seele und dein Gleichgewicht verbunden mit dem völlig neuen Leben und seinen tausenden neuen Möglichkeiten  zu bringen. Und das tat ich auch. Mit der Naivität eines Kindes, möchte ich meinen.

So fuhr mit meinen „Mädels“ im Februar in ein Wellnesswochenende. Ach, was war das herrlich. Es war knackig kalt mit strahlend eisblauem Himmel. Da haben wir es…das schön blau, das ich so liebe. Und wie es sich für mich gehört, residierten wir einem Parkschloss. Nun, ich muss einsehen, dass ich mich in langen Gängen, wandelnden Treppen, verschnörkelten Wänden, massiven Türen, schweren Teppichen und gemütlichen Lobbies einfach ziemlich wohl fühlte. Ich ließ Trauer und Gedanken vollends zu Hause und widmete mich gänzlich der inneren und äußeren Pflege meiner Erscheinung. Zu viert waren wir und ich teilte mein Zimmer mit Katja. Verreisen können wir ziemlich gut miteinander und haben maximalen Spaß. Die Flasche Champagne wurde geköpft, das Bad bevölkert und die Sekunden und Minuten komplett ausgeschöpft. Wir ließen uns von der Sonne bescheinen, auf Hamam-Liegen massieren, reinigen und cremen. Wir schwammen in Pools, ließen salzige Luft auf uns wirken, klimperten auf Klavieren, genossen Cocktails an der Bar, lachten, redeten, schwiegen, schliefen und hatten alles in allem schlicht  eine tolle Zeit. Mir ging es so gut wie schon lang nicht mehr und ich denke immer sehr gern daran zurück!

Und genau während diesem Wochenende, am Samstag Morgen, kurz nach dem Sektfrühstück und noch kürzer vor der ersten Behandlung klingelte mein Handy. Meine Eltern waren dran. Sie bewachten mein Haus und ihr Enkelkind während die Tochter sich auswärts vergnügte. Sie ermöglichen es mir so oft, dass ich auch „mal raus kann“. Und Nils ist immer glücklich, wenn sein Opa Volkmar und die hübsche Oma Elke zu Besuch kommen.
Nun, es war die absolut kälteste Zeit des hiesigen Winters und das Thermometer sank auf minus 25 Grad Celsius.
„Anja, deine Heizkörper werden nicht warm! Ich war gerade im Heizungskeller und habe festgestellt, dass Dein Öl restlos aufgebraucht ist und ich die beiden Tanks sogar anheben kann!“ sprach mein Papa mir ins Ohr.
Tja, da holte es mich ein. Kurz und knackig. Das Heizöl. Ja. Das hab ich ja total vergessen. Vor allem, dass der schier unerschöpfliche Vorrat nun doch tatsächlich zur Neige gehen kann. Und dann auch noch völligst unerwartet. Ach Mist. Das hat mir aber auch wirklich keiner gesagt!
Nun, unbedacht meinte ich, dass das doch nicht so schlimm wäre. Ich kümmere mich drum, wenn ich wieder da bin und sie sollen einfach den Kamin nicht ausgehen lassen.
Was antwortete meine Mutter?
„So nicht, liebe Anja. Wenn du es Dir so leicht machst, packen wir jetzt unsere Sachen, bringen Dir Nils im Passauer Land vorbei und fahren dann nach Hause!“

Himmel…eine Aufregung.
Wo bekomme ich jetzt – mitten im tiefsten Winter an einem SAMSTAG HEUTE Öl her? Vor allem da die aktuellen Lieferzeiten ein bis zwei Wochen betrugen. Und genau hier kam mir ein Mensch – ein lieber Freund – in den Sinn. Wenn dieses Unmögliche jemand schafft, dann genau er. Peter. Der Mann von Birgit, meiner besten. Er hat den Sachverstand, die Listen und VOR ALLEM die nötige charmante Penetranz, genau das umzusetzen.
Und wie dankbar sind wir ihm heute noch! Er hat es tatsächlich geschafft. Keine drei Stunden später waren meine Tanks befüllt, meine Eltern glücklich und bereit erklärend, doch noch zu bleiben, ich voller Adrenalin und um eine gehörige Portion Erfahrung reicher! Das wird mir wohl nicht mehr passieren!

Wenn ich heute zurück denke, finde ich es fast ein bisschen unwirklich, kein halbes Jahr nach dem Tod von Kai den örtlichen Karneval zu besuchen. Ich tat es. Im rosa Cowgirl-Kostüm. Zusammen mit meinen Wellness-Mädchen. Ich hatte Spaß, war ausgelassen und hab mich gefreut, viele bekannte Leute zu treffen. Es gab mir auch jeder das Gefühl, dass es nicht negativ bewertet wurde, dass ich mich dem Irrsinn hingebe und sich eigentlich jeder nur freute, dass es mir gut geht. Schließlich bin ich alles andere als ein Faschingsfan. Aber ich machte einfach mal mit und hatte eine tolle Nacht. Mir ging es einfach gut und ich habe es genossen, mal den Verlust und die weniger schöne Seite des Lebens vor der Tür zu lassen.

Ich ging mit Freunden essen, besuchte einen Weinabend, tanzte auf der Neujahrsveranstaltung mit mir eigentlich sehr vertrauten, lieben Menschen. Ich schaffte mir Oasen. Oasen zwischen den Momenten, in denen ich nicht glauben konnte, dass der Tod uns eingeholt hatte. Tagen, an denen ich viel weinte. Augenblicke, die einfach nur weh taten. Ich gab dem nach, was MIR gut zu tun schien. Oasen, in denen ich den Puls des Lebens spüren konnte, die Zuneigung meiner Familie und meiner langjährigen Freunde. Oasen, in denen ich Kraft schöpfte, an Kai dachte und WUSSTE, dass er jetzt auf seiner Wolke sitzt, verschmitzt runter schaut und meint „Anja, Daumen hoch. Du machst das gut. Erinnerst du dich? Wir hatten eine Abmachung. Und du versuchst es, merkst, es klappt und gewinnst wieder mehr Vertrauen in die Zukunft und in dich selbst!“

Das tat mir gut. Ich habe IMMER ein Lächeln auf den Lippen, wenn ich derartiges spüre und sehe. Und ja, ich sehe und spüre komplett.

Wenn ich bedenke, was nach der Faschingsnacht alles auf mich einprasselte, wäre ich lieber nicht gegangen. Aber so musste ich eben lernen, das ich für mich wahrlich tun und lassen kann, was ich möchte. Ich habe die Freiheit und die Möglichkeit. Muss aber mit den Konsequenzen meines Handelns zurecht kommen. Und das tat ich nicht.

Ich erinnere mich genau. Ich saß eines April Nachmittags im Wohnzimmer lieber Freunde. Die mir doch recht behutsam beizubringen versuchten, dass sie mich kennen und verstehen und durch Gespräche und Akzeptanz mich und meine Art mit meinem neuen Leben umzugehen, mögen. Nur eben, dass ich mir wohl nicht ganz bewusst zu sein scheine, wie ich auf andere wirke.
Im ersten Moment war ich leicht irritiert. Dann aber sagte ich mir, ja, ich weiß. Menschen, Nachbarn, die mich nicht kennen – ja, das kann ich verstehen. Besonders da Krankheit und Tod einfach zu fest in Schubladen steckt. Schubladen, in denen ich mich so atemlos fühle, dass ich dort nicht hineingepresst werden möchte. Ich möchte lieber über den Schüben sitzen und die Beine baumeln lassen. Aufstehen, herumlaufen, springen oder einfach nur den Blick in die Ferne schweifen lassen. So, wie ich es in diesen und jenen Momenten eben fühle.
Nachdem ich wirklich intensiv bat, mir zu verraten, wer genau leichte Probleme hat und ich rein gar nicht locker gelassen habe, kam schlussendlich halb ans dämmernde Tageslicht, dass mir fremde Menschen gar nicht fremd sind. Sondern, dass eher Bekannte und auch gute Freunde von Unverständnis geplagt sind. Und dann? Dann brachen bei mir alle Dämme. Ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Heulend saß ich da, konnte es einfach nicht verstehen. Hey. Ihr kennt mich doch. Ihr wisst doch, wie ich bin. Und vor allem, wie unterschiedlich Äußeres vom Inneren sein kann. Welche Ängste mich plagen. Ach. Da holte es mich ein. Das Leben.
Ich bin ein Mensch, bei dem grundsätzlich alles über Emotion läuft. Alles Mögliche habe ich probiert, um mir irgendwie einen Hauch von dickem Fell zuzulegen. Ohne Erfolg. Alles geht durch Herz und Seele verbunden mit vielen Gedankenwirrungen und Entwirrungen.
Wie ein Schluck Wasser verabschiedete mich, versorgte Nils zu Hause und fühlte mich einfach nur elendig. Das kann doch nicht sein. Eigentlich störte mich nicht, dass man mich nicht verstand. Sondern eher, dass eigentlich niemand auf mich zu kam um mit mir zu reden. Darüber zu reden. Das erwartete ich eigentlich von einer Freundschaft oder auch guten Bekanntschaft. Du Anja. Können wir mal reden? Ich mach mir Sorgen. Oder, warum machst du das? Wieso das alles. Erklär es mir. Ich könnte es nicht…
Irgendwie so etwas. Diese Art. Das hätte ich mir gewünscht.

Am Abend dann klingelte es an der Tür. Bereits in Pyjama und Bademantel gebettet öffnete ich…immer noch verheult. Peter stand vor der Tür. Mit einem Strauß Blumen, um mich etwas aufzubauen und zu bestärken.
Auch Peter sagte: Anja, manches verstehe ich einfach nicht. Ich kann dich nicht einordnen. Bist du so? Oder wie bist du?
Wir redeten viel. Sehr viel. Und ich weinte auch die ganze Zeit. Schlussendlich meinte er beim Gehen: Anja, jetzt sehe ich klarer. Besser. Und finde es richtig, dass du genauso handelst, wie es Dir gut tut. Es sind neue Wege. Andere Wege. In einer Ecke voller Tabus. Und, eigentlich muss man nur mal mit dir reden. Das tat mir ebenfalls sehr gut.

Danke. Danke für das Leben.

Ich habe viel nachgedacht, manchmal etwas bockig, dann wieder einsehend. Und abschließend gewann ich viele Erkenntnisse. Zum einen – klar – ich bin wie ich bin. Das ist aber weder eine Entschuldigung noch eine Rechtfertigung. Ich gehe meinen Weg. Stolpere hin und wieder, manchmal stoße ich mir auch arg den Fuß an herumliegenden Steinen auf meinem Weg. Und dann widerrum hüpfe ich leichtfertig dahin, als wäre nichts gewesen. Aber – ich gehe eben MEINEN Weg. Mit meinen Gefühlen. Meinen Erfahrungen. Meinen Sichtweisen. Meinen Fehlern. Und meiner Zukunft. NICHT den Weg der anderen. Oder den Weg, den andere gern hätten.
So habe ich aber auch gelernt, andere – Fremde wie Freunde – ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Sicher verstehe ich auch nicht immer alle Beweggründe, warum der ein oder andere dieses oder jenes tut. Aber, es ist seins. Er muss für sich leben – mit aller Konsequenz und allen Quittungen. Ich akzeptiere das. Schlimmstenfalls ist eben eine gehörige Portion Toleranz von Nöten.
Mir ist bewusst geworden, dass, wenn ich einen Menschen mag, ja sogar liebe, dann tue ich das vollends. Mit meinem ganzen Herz. Und zum Mögen gehören eben alle Dinge. Nicht nur die glänzenden Seiten sondern auch die schattigen. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Und nehme den Mensch, die Freundin, den Freund. Jeden. So an, wie er ist. Mit all seinen Vorzügen und Makeln, die genau diese Person auszeichnen. Lasse ihm aber ganz sicher die Freiheit, eigens zu handeln und zu leben. Das konnte ich früher ebenfalls nicht gut – heute aber, nach vielen Gesprächen und Emotionen bin ich genau dort angekommen.

Ich lebe. Mit aller Konsequenz und Quittungen.
So erlebe ich neben normalen Alltagen, tränenreichen Nächten aber auch ganz besondere Momente. Wirklich ganz besondere Momente.
Der Puls des Lebens pur. Rein. Unverdünnt.

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