Loslassen

Zwischendrin schreibe ich dann doch gern mal Brandaktuelles. Abweichend von der, sprich meiner/unserer Chronologie.

Es ist Gründonnerstag Zweitausendunddreizehn.

Ich stehe in unserem hiesigen Einkaufszentrum. Eigentlich gewillt, einen netten Kinoabend, ein entspanntes Essen oder ein von Erfolg gekröntes Shopping-Erlebnis auf meiner „Done-Liste“ zu verzeichnen. Mit festem Willen, eines von den Dingen zu erreichen, stand ich in unserem Center. Die in Erwägung gezogenen Blockbuster begannen erst ein bis zwei Stunden später. Hunger hatte ich noch keinen rechten, also nahm ich mir fest vor, das Frühjahr mit einer neuen Handtasche einleiten zu können.

Zugeben muss ich, dass es mir oft schwer fällt, Dinge allein zu erleben. „Kino“ geht mittlerweile ganz gut. Da unterhält man sich im optimalen Fall ja eh nicht sondern konzentriert sich auf die Handlung. Nach einigen Experimenten habe ich auch meinen besten Weg gut durch einen Kino-Abend zu kommen, gefunden.
Bin ich seltsam? Manchmal etwas eigenartig? Kürzlich – also zwischen den Jahren – fand ich mich in einem rappelvollen, großen Kinosaal wieder. Mitten, mittendrin. Also horizontal und vertikal ganz genau in der Mitte. Vor mir der absolut gut aussehende Daniel Craig (…für den würde ich ja fast mein Vaterland verraten…). Und je ranziger Herr Craig alias Mr. James Bond in seinem aktuellen Streifen „Skyfall“ aussah, umso mehr verliebte ich mich in den Typen. Nur saß ich genau zwischen…genau: MENSCHEN. Und zwar VIELEN  Menschen. Eigentlich gar nicht so abwegig in einem Kino, oder? Ich hatte mich sehr auf den Film gefreut. Nils war bei den Großeltern bestens versorgt und ich sah mir den ersten Bond-Film ohne Kai an. Naja, war ja vielleicht auch besser so, nachdem ich am liebsten in die Leinwand gekrochen wäre ;-).
Jedenfalls ist es meiner enormen Durchhaltekraft zu verdanken, dass ich diesen „Bond“ auch tatsächlich im Kino gesehen habe. Denn bereits noch vor Ende der Werbespots überlegte ich fieberhaft, ob ich das durchstehen würde. Die kommenden vielen, vielen Kinominuten. Hinter mir nahm ein älteres Ehepaar Platz, welches mit ihren Enkelsöhnen, die circa 12 Jahre alt waren, dem Ereignis gemeinsam entgegenfieberten.  So saß ich da und bekam von hinten schon mit dem Winterjackenreißverschluss eins übergebraten. Natürlich ist es in der heutigen Zeit total OUT, sich für dererlei Unbenehmen zu entschuldigen. Schließlich war es MEIN Kopf, der den Weg der Flugbahn der ausgezogenen Jacke versperrte. Mit einem lauten Stöhnen ob der alten Knochen ließ sich die Reihe hinter mir gesammelt nieder. Eine Erfrischung erhielt mein Nacken, als mit einem nicht zu überhörenden „Plopp“ und dem dazugehörigen spritzigen Zischen die Bierflasche geöffnet wurde. ICH gehöre ja der unmenschlichen Fraktion an, die die Aufnahme von Nahrungsmitteln verbieten würde. Zumindest die der geruchsintensiven. Hatte irgendjemand hier schon einmal das Vergnügen, neben einer Döner-verschlingenden Meute im Kino zu sitzen. NEVER EVER! Kann ich da nur sagen. Nun gut. Links von mir saß ein Mann, der scheinbar zeit seines Lebens Kettenraucher war und schon arge Probleme hatte, bereits im sitzenden Zustand mit seiner Lunge anständig und sauerstoffausreichend zu arbeiten.  Der Geruch, der von ihm ausging, bestätigte meine Vermutung irgendwie. (Allerdings rettete mich der Mann, als ich mich ganz furchtbar während des Films erschrak. Und zwar während einer Szene, in der ich scheinbar die einzige war, die zusammenzuckte und zeitgleich laut aufschrie….) Rechts von mir zwei Freundinnen. Wohl um die vierzig. Die sich ebenfalls einen netten Abend in diesem Saal mit Daniel Craig machen wollten. Leider passte die Dame rechts neben mir nicht ganz optimal in den roten Klappsitz. Auf ihrem Schoß fand eine XXL-Portion Tortillas mit Käsesoße platz. Wie lang ist der Film gleich nochmal?!? Elendig lang…und das Knabbergebäck hielt auch den ganzen, langen Film…ähnlich eines Fasses ohne Boden. Und so vervielfältigten sich meine Nachbarn in alle Richtungen. Zu Beginn des Films meinte ich schon, keine eigene Luft zum Atmen zu Verfügung zu haben. Warum mussten die auch alle Luft holen…mir war, als hätte ich nur verbrauchtes Dioxid für mich übrig. Nun, ich WEISS dass das nicht der Problem meiner Mitkinokucker ist sondern mein ganz eigenes.
Also lernte ich beim nächsten Mal bei der netten Frage, wo ich denn sitzen möchte, darauf zu achten, möglichst randnah meinen Platz zu finden. Und das höchste Glück ereilt mich, wenn neben mir mindestens noch ein Platz frei ist. Herrlich. So liebe ich Kino, wenn ich ohne Begleitung bin!

Zurück ins Center. So stand ich nun allein inmitten all der Menschen. Probierte Schuhe und Taschen. Und plötzlich überfiel es mich. Ein ganz seltsames Herzrasen. So schlimm hatte ich es noch nie. Es ließ sich auch nicht mit wohltuenden Gedanken und Plänen vertreiben. Im Gegenteil. Es wurde damit umso hartnäckiger. Und ließ sich auch beim besten Willen nicht ignorieren.
Schlussendlich blieb mir nichts anderes, als nach Hause zu fahren. Ich hörte Musik. Wurde mir zu viel. Radio aus. (Menschen, die mich kennen, wissen, dass Anja+Musik=Einheit bildet) Im Auto versuchte ich mich zu beruhigen und sagte mir. Dir ist alles nur etwas viel. Zu Hause schürst du den Ofen an, kochst Dir eine Kleinigkeit, gönnst Dir ein Glas Wein und schaust den Rest der noch übrigen Desperate-Housewives-Folgen (Jahaaaaa. Ich schaue das. Von der ersten bis zur allerletzten Folge habe ich keine verpasst. Na und? Jetzt tut nicht so…) Zu Hause angekommen ging es mir ein klein wenig besser. Aber – während ich so versucht-gemütlich im Wohnzimmer lag war mir, als explodierte mein Herz. Lang ignoriertes und verdrängtes. Schön geredetes. Nicht zu erlebendes. All das wirbelte zusammen, verband sich zu einer schlingenden Masse, die durch meinen ganzen Körper zu strömen versuchte.
Kai war in diesem Moment so nah. Es begann auch plötzlich an zu scheinen. Wie wild. Und es tat so weh. Niemals seit Kai krank geworden ist fühlte ich dergleichen. Ich fühlte mich, als zerreißt es mich. Vor Verlust. Die Einsamkeit durch meine Adern fressend. Begreifend, WAS passiert ist. Und WIE es passiert ist. Die Fäuste geballt. Die Tränen heiß auf meinem Gesicht. Die Trauer überschwemmte mich. KAI. Weg. Für immer. Jetzt, fast auf den Tag genau anderthalb Jahre später scheint auch das Letzte Ding in mir zu begreifen, dass es alles wahr ist. Passiert. Immer mehr beutelte und schüttelte mich mein Weinen. Und, wenn ich bisher immer darauf zählen konnte, mir es nicht ansehen zu lassen, so konnte ich in dieser Nacht nicht in den Spiegel schauen. Es schien, dass all der Schmerz, der irgendwo noch in mir saß, nun sichtbar wird. Das innerste meiner Seele nach außen gestülpt. Rot. Verquollen. Geschwollen. Fleckig. Verschmiert. Und nicht gerade ansehnlich. Irgendwie hässlich. Aber ich glaube, so was kann auch nicht schön aussehen. Meine Güte. Soll ICH das sein, dir mir da entgegenblickt? Nein. Das kann ich nicht glauben. Ich wollte noch schreiben, aber die Buchstaben kamen nicht über meine Finger. Es ging nicht. Blockiert. War nicht möglich. So kannte ich mich nicht. So kenne ich mich nicht. Und so weit weg war ich in dem Moment vom Rest der Welt. Und Kai so unglaublich nah.
Allerdings hörte ich Kai. Wie er sagt: Anja, so geht das nicht. So hatten wir das nicht besprochen. Was soll das jetzt. So viel Zeit später fängst du von vorne an. Ich will das nicht. Hör auf damit.
Keine Ahnung…ich lag im Bett. Wie im falschen FILM. Völlig leer. Leergeweint. Leergefühlt. Leergehofft. Leer alles. Und leer schlief ich ein. Alles raus. Nichts war mehr in mir drin. Nichts, was mir für Kommendes im Weg stehen könnte. Beim Einschlafen hielt ich noch krampfhaft Kais Hand fest. ICH WILL NICHT LOSLASSEN!
Doch Anja. Du musst. Das ist der Weg. Du kannst das. Wir sehen doch alle, dass du es kannst. Und DU WILLST es auch!

Morgens erwachte ich. WAS ich träumte, erzähle ich jetzt NICHT. Es zeigte mir aber – es ist soweit. Während meines Schlafs ließ ich los. Und zwar nicht nur so, dass es die anderen sehen konnten und ich dennoch heimlich alles an mir festband. Sondern meine Hand lag verlassen da. Sie krampfte nicht. Ballte sich nicht zur Faust. Und hatte das Band losgelassen. Kai losgelassen.
Es bedeutet nicht, dass er nicht mehr da ist. Er ist freilich da. Aber anders. ICH sehe ihn anders. ICH fühle ihn anders. Er ist ein Schutz. Mein Schutz. Nils‘ Schutz. Aber wir gehen auf unseren eigenen Füßen. Gehen unseren eigenen Weg.

HIMMEL – dachte ich, als ich mich im Spiegel sah. Nein, das war ich nicht gewöhnt. Alle Zweifler hätten ihre wahre Freude dran. ENDLICH sieht auch Anja mal scheiße aus. Tja. Nur sah es eben keiner. Was solls. Mich stört es nicht. Wer läuft schon gern mit rotgeäderten Augen und geschwollener Nase draußen rum. Nennt mir eine Frau, die das mag! Ich gebe es offen zu – ich gehöre nicht dazu.

Und während des ganzes Elends am Karfreitag Morgen schien aus einem kleinen Wolkenloch die Sonne in mein Gesicht. Ich musste zwar die Sonnenbrille aufsetzen und konnte sie erst gegen Mittag wieder absetzen ob der unmenschlichen, ungewohnten Helligkeit in diesem langen Winter, aber ich fühlte, dass es nun besser wird. Dass ich einen ganz wichtigen Schritt hinter mich gebracht hatte. Der irgendwann kommen musste. Und wie bezeichnend ist denn nicht dieser Karfreitag. Mit einem folgenden, wunderschönen Osterfest in meiner verrückten Familie.

Während ich noch am Karfreitag morgen dachte: Anja, wie sollst du das nur schaffen, fröhlich mit Deiner Familie beisammen zu sein, so wurden es doch schöne Tage. Während des Tages erholte ich mich von der Nacht. Mit meinen Eltern zusammen. Ich erzählte ihnen davon. Mit der Bitte, nicht überzuanalysieren und es einfach als das zu sehen, was es war: NOTWENDIG.

Nicht der Sorge wert. Aber umso besser fühlte ich mich an diesem Tag bei ihnen aufgehoben. Als Kind. Als Frau. Als Mensch. Als Tochter. Ihr wisst, wie toll ich genau diesen Tag mit Euch fand!

Und genau seit diesen Tagen habe ich nicht mehr weinen müssen. Gar nicht.

Ich fühle mich anders. Irgendwie justiert. Und ein bisschen stärker. Und auch ein bisschen stärker bei mir selbst und bei Nils.

Seit langem fühle ich mich wieder ein wenig sicher in der Welt.

Ohne Kai.

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