Die Geschichte vom iPhone

Es war im Juli 2011. Ich kam vom Büro nach Hause und sah es liegen. In der Küche.

Ein iPhone 4. Niegelnagelneu. Bereits mit Karte und Vertrag. Auf meinen Namen.

KKKKKAAAAAAAIIIIIIIII!!!!!!!!!!!!!! (ihr dürft Euch das gern auch geschrien vorstellen!)

Was soll das? Für wen soll das iPhone sein? Ich will keins. Ich bin mit meinem Handy mehr als zufrieden. Wer braucht denn schon so ein doofes Smartphone. Und dann auch noch für so viel Geld!

Ich muss dazu sagen, dass Kais Brieftasche besonders im letzten halben Jahr SEHR locker saß. Er sah dahinter ganz sicher einen guten Zweck und mir tut es auch leid, immer so dazwischen gefunkt zu haben, aber ich hatte keine Lust zusätzlich zur Krankheitsmisere auch noch in finanzielle Not zu geraten. Da waren wir aber kurz davor. Kai hatte es sich zum Ziel gesetzt, den Baumarkt leer zu kaufen. Und vorzusorgen. Ich weiß. Ich weiß. Es ist ja schon sehr liebenswert und löblich, dass ich plötzlich drei Flaschen Aperol im Keller stehen hatte, DREI Packungen Majoran (wovon gerade mal die erste dieser Tage geleert worden ist!), Unmengen an Duschbad & Co. (ich zehre immer noch davon) im Keller stehen habe. Auch kann ich es nachvollziehen, dass die Home-Cinema-Dolby-Surround-Anlage unbedingt gekauft werden muss. Inklusive Blueray-Player. Das ist schließlich die Zukunft. Das Carport lasse ich mir auch noch eingehen, ebenso alle gepflasterten Wege, den Garagentoröffner. Auch weiß man nie, wen ich mit den vielen Packungen verschiedener Schrauben und Nägel alles so beeindrucken könnte. Freilich gibt es mir auch absolute Temperatursicherheit, wenn unser Haus über FÜNF Wetterstationen verfügt. So kann ich mir den Mittelwert aus der Temperatur vom Gartentürchen, dem Schuppen-Areal, der Haustür und der Terasse errechnen und erlange so den wirklich ganz genauen Wert! Toll. UND, ich kann überall, wo ich im Haus gehe und stehe einfach einen Blick werfen und erhasche IMMER die Temperatur innen, die Temperatur außen, Datum, Uhrzeit UND die Wettertendenz. Ein Diagramm kann ich anfertigen, wo die Übereinstimmungen liegen und wo nicht. (Ich glaube, jetzt bekomme ich gleich eine geknallt…von da oben :-) ) Wobei ich erwähnen muss, dass Kai vergessen hat, mir zu sagen, WO sich die Außenfühler der Stationen befinden. Drei habe ich gefunden. Zwei sind mir bisher verborgen geblieben. Weil: man muss schließlich auch mal Batterien austauschen. KNOPFBATTERIEN, die man ja auch IMMER im Haus hat. Stimmt’s?
Auch finde ich es grandios in nahezu jedem Zimmer eine Dockingstation für den iPod zu haben.

Von Sarkasmus und Ironie keine Spur…..ich bitte Euch…

ABER ICH WOLLTE KEIN iPHONE!

Ich schaute es eine ganze Woche nicht an. Packte es nicht einmal aus.
Irgendwann kam Kai dann ganz geknickt zu mir und meinte, er bringe es jetzt zurück.
Na gut. Ach. Das brachte ich dann auch nicht übers Herz. Hatte ich jetzt eben zwei Handys. Toll. WEIL DER ALTE VERTRAG NOCH NICHT EINMAL GEKÜNDIGT WAR! AAAAAHHHHHH.

Aber, ich beruhige mich jetzt mal wieder.
Anja, ich dachte du freust dich. Du bist doch so ein Apple-Fan.
Ja, das bin ich. Trotzdem. Aber okay. Ich nehm halt jetzt das iPhone und du bekommst dafür mein Handy.

Also war ich von nun an stolze Besitzerin des  Apple-Smartphones. Welches man so schnell auch nicht wieder losbekommt. Und auch gaaaar nicht viel kostet im Monat mit allen möglichen Flatrates und Sonderangeboten. Aber, ich wollte mich doch beruhigen.

Ich habe ja schlussendlich doch ein großes Herz und so wurden das iPhone und ich doch noch gute Freunde.

Viele Fotos habe ich gemacht. Einfach zur Erinnerung einen Schnappschuss hier oder aber zu Beweiszwecken da. Kai wollte mir immer nicht glauben – im August 2011 – dass er so furchtbar war in der Nacht und meinte, ich denke mir das alles nur aus, um ihn zu schocken.

Ich habe hier schon so viel geschrieben, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich bereits erwähnt habe und was nicht. Wenn ich mich also unangenehm wiederhole, überlest es bitte einfach. Oder nehmt es als „Reminder“.

Wie immer, wenn Kai länger als zehn bis zwanzig Minuten das Bett verlassen hatte, wachte ich auf. So eine Art Alarmsystem habe ich mir da angeeignet. Meistens fand ich Kai dann im Bad. Wenn der da nicht war, und in der Küche auch nicht, wurde es schon brenzliger. Ich mochte es gar nicht, wenn er das Haus verlassen hatte mitten in der Nacht. Das kostete mich viele, viele Nerven und ließ meine Sorge förmlich überschnappen. Als ich ihn dann endlich gefunden hatte oder er zurück gekommen war, war ich natürlich alles andere als freundlich. Ich war superfroh, dass es gut ausgegangen war, konnte aber meinen Unmut nicht verbergen, mir dauernd solche Schrecken einzujagen und sich selbst in Gefahr zu bringen. Morgens wusste er meist davon nichts mehr.

Im Bad holte ich dann doch mal die Videofunktion des iPhone zu Hilfe. Kai war komplett abwesend. Saß erst völlig desolat auf dem Toilettendeckel, schnauzte mich an und versuchte dann durch den Spiegel das Bad zu verlassen. Die Tür sollte wohl der fest angeschraubte Handtuchhalter sein. Er regte sich maßlos auf, dass dieses „Scheißding“ klemmte und warum er da nicht rauskam. Diese Szene hielt ich dann fest. Per Video. Ich fragte mich, in welcher Welt er da schon steckte. Allerdings musste ich furchtbar viel Verständnis aufbringen, um ihn irgendwie dazu zu bewegen, sich doch wieder ins Bett zu legen. Mit Strenge kam man da nicht weit. Das wusste ich mittlerweile. Eigentlich schaffte ich es immer. Irgendwie. Mit ganz viel Erfindungspotential. Es war völlig egal, ob es stimmte, was ich ihm erzählte oder nicht. Hauptsache, er lag wieder an Ort und Stelle. Alles andere war nicht relevant. Und erst dann konnte ich auch wieder aufatmen und schlief ebenfalls umgehend ein, wenn ich die gleichmäßigen Atemzüge neben mir vernommen hatte.

Kai schaute sich dann das Video am nächsten Tag an. Er war entsetzt und löschte es gleich wieder. Er wollte es nicht sehen. Klar. Kann ich verstehen. Aber ich wollte ihm auch zeigen, was des Nachts los war und wie oft ich ihm einfach geholfen hatte, unbeschadet zu bleiben und die so nötige Erholung zu bekommen.

Als wir Anfang September – der Vierte war es – in den Leipziger Zoo fuhren (Wahnsinn…er sollte doch tatsächlich 22 Tage später gestorben sein…unvorstellbar…) habe ich auch Beweisfotos geschossen. Wir haben auf dem Heimweg bei elendiger Hitze bei Dittersdorf eine Abendbrot-Rast gemacht. Fanden einen kleinen Gasthof Nähe der Autobahn und erholten uns dort ein wenig. Wir sind dann fast in Streit geraten, da ich Kai doch gebeten hatte, wenn er soooo müde und geschafft ist, seinen Kopf doch auf den Arm aufzulegen.
Ich muss sagen, dass der Tag zwar sehr schön aber nervlich fast nicht auszuhalten war. Kais Arm und Beine schwollen derart an und es war extrem heiß. Eigentlich eine absolute Tortur, die wir da auf uns genommen hatten. Allerdings war es auch das letzte und wohl auch einzige Mal, dass Kais Familie komplett gemeinsam einen Ausflug machte. Von daher passte das schon. Nur schultern musste ich eben wieder vieles. Ich glaube, so richtig bewusst ist niemandem gewesen, was im Hintergrund alles dazu gehörte und ich IMMER in Bereitschaft war. Jede noch so kleine Veränderung an Kai wahr nahm und versuchte, entsprechend zu handeln oder zu behandeln, was in meiner Macht und meinem soliden Laien-Basis-Wissen lag.
Zurück zur Rast. Nils spielte mit dem Ball und ich atmete einfach mal im Schatten auf. Endlich Ruhe. Und Kai bekam wieder diesen unnatürlichen Schlaf. Ich konnte es einfach nicht ertragen. Ich bekam jedes Mal Herzrasen und ein ganz ungutes Gefühl. Wenn er mitten im Satz einschlief und ganz komische Gesichtszüge bekam. Das war nicht mehr Kai. Er beteuerte aber, dass er ja wohl nicht schlafe. Was mir einfalle, ihm derartiges zu unterstellen. Also, zückte ich in meinem Unmut die Handykamera und hielt auch das fest um es ihm an nächsten Tag unter die Nase zu halten. Ist das gut? Ist das schlecht? Keine Ahnung. In dem Moment wollte ich es einfach. Ich wollte, dass er sieht, was ich sehe. Und dass es einen Grund gibt, warum ich manchmal leicht hysterisch werden konnte.

Auf der Palliativstation machte ich in den letzten Tagen auch ganz viele Fotos. Von unseren Händen in der Sonne. Gemeinsam haltend. Oder dann eher – ich haltend – ihn. Niemals wagte ich es, sein Gesicht abzulichten. Aber diese  Bilder waren mir sehr wichtig. Etwas letztes, gemeinsames. Etwas warmes und schönes.

Als wir uns von Kai am 27. September verabschiedeten – meine Mutter und ich – wollte ich gern auch noch einmal seine Hände fotografieren. Wie sie gekreuzt auf der weißen, frischen Decke lagen. Kalt. Das habe ich auch getan. Nur die Hände. Nichts weiter. Und einmal lichtete uns meiner Mutter ab. Sagt man da noch uns? Wenn von „uns“ nur noch einer lebt? Ja, von UNSEREN BEIDEN Händen. Wie ich ein letztes Mal seine hielt. Ich warm. Er kalt. Meine Hand sichtbar lebend. Seine Hand sichtbar nur als Hülle anwesend.
Diese Fotos schaute ich mir oft an. Immer wieder mal. Viele Wochen und auch Monate. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Ist das zu verstehen? Aber man muss ja nicht immer alles verstehen. Man kann es auch einfach mal so hinnehmen, wie es ist. Oder?

Als wir in den Herbstferien meine Schwester besuchten, durchstöberte ich mein Handy. Und fand eine elendig lange Voicemail. Die ich bisher nie gesehen geschweige denn abgehört hatte. Sie war von Kai. 23. September. Drei Tage vorher.
Man konnte ihn kaum verstehen, da er einfach nur noch nuschelte. Aber eigentlich sagte er eh nur ein Wort. Genauer gesagt, nannte er einen Namen. Immer wieder. Ganz oft hintereinander.

Anja.
Anja?
Anja.

Im Hintergrund hörte ich, dass meine Eltern samt Moritz bei Kai zu Besuch im Krankenhaus waren. Keine Ahnung, wo ich steckte.
Meine Mutter bemerkte, dass Kai WIE AUCH IMMER ER DAS GESCHAFFT HAT, mit dem  Handy hantierte.
„Anja Handy“ steht da. Sagte meine Mutter.
Hallo? Anja? Bist du da? Hmm. Keiner dran.

Nur aufgelegt hatte sie nicht. Wusste wohl nicht, wie das bei dem Handy funktionierte.
So konnte ich noch mithören. Einige Minuten. Dass Kai seine Tasse fallen ließ oder irgendetwas umschüttete, wo Kaffee drin war. Er umgezogen werden musste. Das Bett bezogen werden sollte. Und meine Mutter in ihrer unvergleichlich tollen Art das Regiment in die Hand nahm. Kein Knurren von Kai gelten ließ und nur zu seinem Besten handelte. Ich wusste, wie sehr Kai das an ihr schätzte. Vor allem, da er selbst nicht mehr in der Lage war, irgendetwas in die Hand zu nehmen. Das alles hörte ich mit. Über die viertelstündige Voicemail meines iPhones. Entdeckt, als Kai schon tot war.

Auch das hörte ich mir an. Immer mal wieder.

Tja. Und am 30. Januar 2012 ging es aus. Das Gerät. Und nicht wieder an. Egal, was ich mit wem unternahm. Es blieb aus. Tat keinen Muckser mehr. Für einen kurzen Moment – na gut – für einen etwas längeren Moment war ich überaus hysterisch.

MEINE BILDER! MEINE VOICEMAIL! ALLES WEG….nichts mehr da. Gar nichts mehr.
Ich musste schmerzhaft erfahren, dass man möglichst konsequent und stetig Daten sichern sollte. Auch von einem Telefon. Das hatte ich nicht getan.

Von: Anja Lauckner
Gesendet: Dienstag, 31. Januar 2012 09:58
An: @all
Betreff: Kontaktdaten

Ihr Lieben,

ohne, dass irgendjemand das weiter kommentieren muss : mein iPhone hat die Grätsche gemacht…und alle meine Kontaktdaten mit in den Abgrund gerissen. Und ja, ich habe versucht ein BackUp zu machen und nein, es hat nicht funktioniert.

Von daher bitte ich Euch herzlichst, mir Eure relevanten Kontaktdaten (Mobil, Festnetz, ev. E-Mail) zu mailen, so dass ich alles parat habe, wenn mein mobiles Telefongerät aus dem Krankenstand entlassen ist. Derzeit darf ich ein Leihgerät benutzen und bin immerhin erreichbar. Aber eben ohne Adressbuch…

Herzlichst!
Eure Anja

Schlussendlich konnten die Apple-Leute meine Handy nicht reparieren. Aufgrund der Garantiezeit bekam ich einfach ein Neues. Ein Leeres. Eines ohne Erinnerung.

VORHANG AUF ZWEITAUSENDUNDZWÖLF

…oder wie war das?!?
Na herzlichen Dank auch.

Ich behaupte ja, Kai hats kaputt gemacht. Er wollte, dass ich mir nicht immer die Bilder seiner gelben Hand anschaue. Oder seine kranke Stimme höre. Er wollte das einfach nicht. Ich sollte ihn in Erinnerung behalten in „gut-aussehend“. Der eitle Kerl, der.
Auch wenn ich jetzt seine Augenbrauen in die Höhe schnellen sehe: Aber, hat er schlussendlich nicht immer seinen Willen bekommen?!?

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die Geschichte vom iPhone

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s