Erste Feiertage – ohne Kai

Weihnachten 2011 steht vor der Tür.

Das erste Weihnachten – und überhaupt die ersten „großen“ Feiertage im Jahr, die Nils und ich ohne Kai verbringen werden.

Jedes Jahr aufs Neue veranstalten wir am 23. Dezember eine Art zwangloses Klassentreffen. Weil viele von unserer einstigen Klasse – inklusive mir – aus aller Herren Länder zum Weihnachtsfest ins Vogtland reisen, um die Feiertage mit den Familien zu verbringen. Wer da ist, ist herzlich eingeladen. So habe auch ich mir vorgenommen, endlich mit zu gehen.

Ich glaube, ich habe noch Wochen von diesem Abend gezehrt. Es war einfach nur schön.
Vorher hatte ich schon etwas Angst, wie es werden würde. Da Kai und ich als Teenager bereits miteinander „gingen“, kannten viele von meinen Heimatfreunden auch UNS. Also auch Kai. Mei, was haben wir für Geschichten durch, stimmts Christina? Oder Sabine – erinnerst Du Dich noch an die Klassenfahrt in diese Sportlerherberge im Erzgebirge? Muss ich jetzt schmunzeln. Ob der Erinnerungen. Irgend so eine Sportmannschaft gastierte dort im Trainingslager. Nett war das!
Viele wissen vorher nicht, wie man mit mir umgehen darf/soll/kann/muss. Ich verstehe das JETZT auch. Ich kann verstehen, dass viele, viele vom Rest der Welt Berührungsängste haben und eben nicht mit dem Tod oder einer schweren Krankheit des mit nahestendsten Menschen im Leben umgehen kann. Jedenfalls nicht in der Art, wie ich es lebe.
Ich glaube, ich lachte wieder den ganzen Abend. Manchmal war es auch das versteckende Lachen aber meistens ein ganz herzliches und ehrliches. Für mich ist es seelenheilend, wenn ich darüber sprechen kann. Deswegen hilft mir auch der Blog hier sehr.
Und, viele die auch schon mit dem Tod in Berührung gekommen sind, werden bestätigen, dass man das Leben einfach anders schätzt. Oft auch anders wahr nimmt. Besser damit umgeht. Pfleglicher. Und dann sieht man Dinge, die anderen vielleicht verborgen bleiben. Oder fühlt besonders, wo sich eigentlich nur alltägliches dahinter verbirgt. Das ist sicher ein Teil, der mich ausmacht.
Ich durfte viel erzählen an dem Abend. Und immer mehr Fragen wurden gestellt. Sich getraut. Und ehrlich beantwortete ich. Gern. Und gerade in solchen Momenten – auch wenn unschönes auf den Tisch kommt – ist Kai mir doch nah.
Ich danke von ganzem Herzen allen, die damals dabei waren, mir diesen unvergesslichen Abend beschert zu haben. Ich trage ihn fest in meinem Herzen und diese Stunden bedeuten mir sehr viel.

Weihnachten läuft bei uns immer sehr familiär und traditionsbewusst ab. Ihr wisst bereits, wie sehr ich das liebe. Es hat mir sehr gut getan, unser Haus wieder zu dekorieren und im erzgebirgischen Lichterglanz erstrahlen zu lassen. Inklusive Joachims und Susis Stern. Der leuchtete nur für Kai. Dass er sieht: dort sind sie. Dort sind sie zu Haus.

Und so fiel mir auch das Weihnachtsfest in zweitausendundelf nicht schwer. Im Gegenteil. Wir erinnerten uns als Familie an viel schönes. An vergangenes. Aber auch, wie wir alle unter Anspannung waren, als Kai im vergangen Jahr nun doch recht viel Ente und Gans gegessen hat. Mit Schmerzen und Durchfall darnieder lag. Kai war zwar nicht mehr da, aber ganz sicher nicht weg.

Haltet mich für verrückt oder nicht. Aber ganz oft fühle ich seine Nähe. Ich kann ihn mir her holen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er irgendwo ist. Dass es ein „Danach“ gibt. Jetzt zum Beispiel könnte ich schwören, dass er hinter mir steht, die Arme auf der Stuhllehne verschränkt mir über die Schulter blickt: Na, was tippste denn da schon wieder, hmm?
Einmal in den Nacken gefasst (ich liebe eine warme Hand in meinem Nacken), ein Kuss auf die Wange und schon wieder weg.
Es ist nicht so, dass ich mir wünsche, er wäre wieder hier. Dafür habe ich mich schon viel zu sehr an mein neues Leben gewöhnt. Aber es ist schön, wenn er ab und zu mal vorbei schaut. Stimmt’s Andreas? So, wie letzten Freitag.
Und so war er auch an Weihnachten ganz nah. Besonders nah. Der 26. Dezember stellte dann gleich das erste „Jubiläum“ dar – ein viertel Jahr. Ein viertel Jahr sollte nun schon vergangen sein. Es war so kurz und doch so lang. Das fiel mir dann schon etwas schwer. Besonders die Heimreise nach Bayreuth. Das erste Mal kam ich gänzlich allein nach Hause. Nils ist bei den Großeltern geblieben, da ich zwischen den Jahren arbeitete. Ich erinnere mich, dass es schon anstrengend war, mich an das ganz und gar „ohne-Alleinsein“ erst gewöhnen musste. Jetzt rückblickend daran zu denken fühlt sich sehr seltsam an. Ich glaube – nein ich weiß, dass ich damals noch nicht angekommen war. Und auch noch nicht gänzlich realisiert habe. Das war noch „diese besondere Zeit“ – in der lebt man eh anders. Und fühlt auch anders. Ist viel mehr in seiner eigenen Welt drin, als jemals wieder danach.

Vor Weihnachten noch wurde auch der Grabstein fertig. Und konnte – ob des günstigen Wetters – sogar noch gesetzt werden. So konnte ich das Jahr 2011 auch abschließen. Einen Strich ziehen. Einen Punkt setzen. Ich nahm mir fest vor, dass 2012 mein Jahr werden sollte. Eines, in dem ich mich um die Belange von Nils kümmere und um mich. Meine Seele. Meine Zukunft. Denn, wir waren ja noch da. Gesund und munter. Eine Schande, das einfach so wegzuwerfen, oder?

Mein Silvester war ganz besonders schön. Ganz spontan, nachdem ich keine Pläne verfolgte, wurde ich bei einer befreundeten Arbeitskollegin zum Silvesteressen eingeladen. Ganz zwanglos. In deren Freundeskreis. Es fühlte sich für mich gut an. Da haben wir es wieder – das Fühlen. Es fühlte sich gut an, mit jemandem den Jahreswechsel zu verbringen, der nichts mit Kai zu tun hatte. Der nicht zu meinen engen Freunden oder gar Familie gehörte. Und es wurde – trotz des Todes einige Wochen vorher – eines der schönsten und intensivsten Silversternächte, die ich je hatte.
Eigentlich wollten wir mitternachts auf dem Festspielhügel unsere Raketen loslassen. Und – hier haben wir es wieder – das Leben ist wie ein Film – oder der Film wie das Leben?!? – genau in dem Moment, als wir unsere kleine Wanderung begannen, regnete es aus Eimern. Man sah nichts. Die Knaller zündeten nicht. Ich weinte. Der Himmel weinte. Alex, meine Kollegin, hielt mich ganz fest. Ganz fest. Und weinte mit mir. Machs gut Kai. 2011 geht. Unser Jahr verabschiedet sich. Jetzt beginnt wirklich eine gänzlich neue Zeit. Ohne Dich. Ohne Krankheit. Und ich verspreche Dir, ich gebe mir allergrößte Mühe, das Beste draus zu machen. Ach, was war dieser Moment traurig. Da zieht sich mir immer wieder mein Herz zusammen, wenn ich daran zurück denke. Das ist auch ein Moment, der in Bildern sehr fest in meinem Hirn verankert ist. Ein wichtiger Moment. Ein lieber Freund schrieb mir noch, dass es ein gutes Jahr werden wird. Eines, in dem ich ruhig Pläne schmieden darf. Einen Toast auf das neue Jahr.

VORHANG AUF FÜR ZWEITAUSENDUNDZWÖLF

Danach ließen wir die Korken knallen und tanzten in der Küche bis in den frühen Morgen. Wir tanzten und sangen uns um Kopf und Kragen. Einem neuen Jahr entgegen und ich habe mich sehr, sehr gut aufgehoben gefühlt. Glücklich brachte mich gegen fünf Uhr morgens ein Taxi nach Hause.

Birgit – meine Beste – samt Familie lud mich zum Neujahrs-Ente-Essen ein. Ich stiftete zur Feier Tages eine Flasche Champagner. ChampANJA :-). Bei Birgit fühle ich mich immer wie zu Hause. So auch an diesem Ersten Januar. Wir erzählten viel. Auch von  Kai. Gedachten ihm. Es kam die ein oder andere Träne, die aber von einer herzlichen Freundschaft weggewischt wurde. Wir hatten einfach Spaß zusammen. Das Leben ist das Leben. Es ist eh nicht zu ändern. Ich habe gelernt, dass wir das große Ganze nicht in der Hand haben. Aber, wir haben in der Hand, bestmöglich uns den Widrigkeiten der Tage zu stellen und ihnen unsere Stirn zu bieten. Ihm zu zeigen, dass eben doch auch Licht zu finden ist, wenn man im Schatten steht. Manchmal muss man nur etwas intensiver danach suchen. Und auch danach suchen wollen. Und dann widerrum muss auch ich mich daran erinnern. Ich weiß, dass es Tage und Wochen gibt, wo es einem einfach nur schwer fällt, sich selbst davon zu überzeugen, dass das einfach der Weg ist. Er so sein musste. Und nicht anders. Unser Weg.

Na, Kai (hinter meiner Schulter). Zufrieden?
Na, Anja. Zufrieden?

Ich glaube, schon.

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