Cloud White

Schon wieder das Ding mit den Farben. Farben sind für mich immer sehr wichtig. Ich arbeite im „Grafischen“ und verbinde einfach sehr viel mit Farben. Sympathie. Antipathie. Ich meine zu fühlen, wenn es passt. Wenn es harmoniert. Ich verbinde auch Farben immer mit Menschen. Und stelle ganz schnell eine Disharmonie fest, wenn getragene Farben nicht mit dem Menschen einher gehen. Jedenfalls in meiner ureigenen Vorstellung.

Ich selbst war früher bunt. Bunte Haare. Bunte Klamotten. Jetzt liebe ich den Kontrast und noch viel mehr die Farbe Weiß. Wobei das ja keine direkte Farbe ist. Ich bin quasi weiße-Blusen-süchtig. Kaum kann ich an einer vorbei gehen. Im Kontrast zu Weiß trage ich ziemlich dunkle Haare und am allerliebsten einen kirschroten Lippenstift. Und so komme ich auch in der gestalterischen Arbeit ziemlich treffsicher hinter die passende Farbkombination. Ich muss das anderen Leuten auch immer sagen. Wie sonst alles ja auch. Dass dieses intensive Grün (wie heute geschehen) eben super der hübschen, blonden Powerfrau steht. Ihr gutes Wesen und ihre Ausstrahlung noch mehr unterstreicht. Oder das hellblaue Hemd den charismatischen Typ noch mehr zur Geltung bringt.

Kai war hellblau. Hellblau mit weißen Streifen. Oder weiß mit hellblauen Streifen. Dann kam sein Wesen erst so richtig zum Vorschein. Ach, was liebte ich diese Farben an ihm. Es passte so gut zu seinen strahlenden, stechend blauen Augen. Auch ein schlecht gelauntes Gesicht konnte durch helle Farben bei ihm gleich ganz freundlicher aussehen :-). Oft genug sagte ich ihm das auch. Da kann ich ja förmlich dahinschmelzen. Bei der perfekten Kombination aus Farbe und Mensch. Kann das hier eigentlich irgendeiner nachvollziehen? Irgendjemand? Oder bin ich die einzige? Ich hoffe ja mal nicht!

So war es für mich natürlich auch sehr wichtig, für Kai den passenden Stein zu finden. Also den Grabstein. Von der lieben Pfarrerin bekam ich den Kontakt eines ortsansässigen Steinmetz. Die außerdem ihre Produktionsanlagen hier im Fichtelgebirge unterhalten. Kein „made-in-China“-Kram. Das war mir wichtig. Ebenso war mir der Prozess der Steinfindung wichtig.

Deren Ausstellungsbüro war – wie treffend – anhängend an den Südfriedhof der Stadt. Ach, und immer noch – ich mag diese Einrichtung einfach nicht. Richtig begründen kann ich es nicht. Ich fühle mich dort einfach nicht wohl. Nicht der Friedhof im Allgemeinen sondern eben ganz genau dieser Friedhof dort.

Wir liefen also – zu Demonstrationszwecken – die Urnengräber ab. Und?
Also. Dieser nicht. Oh weh – nein, der auch nicht. Hmm. Nein. Dieser nicht. Und dieser nicht. Und dieser auch nicht. Ach, ich suche einen ganz, ganz hellen Stein. Einen Granit, wenn möglich. Nicht rauh aber auch nicht glänzend. Und bitte ohne Gelbstich. Und schon gar keinen Rotstich. Kai hatte keinen dieser speziellen Stiche, finde ich…einen anderen vielleicht manchmal – aber eben keinen in Gelb und auch keinen in Rot. Also gut. Die nette Steinmetzfrau wollte Muster besorgen und mich dann anrufen.

Gesagt. Getan. Und. Leider wieder nichts dabei. Ich muss das ja fühlen. Ich fühle immer, ob etwas gut ist oder nicht. Ob es passt oder eben nicht. Und ich fühlte nichts. Nur Unbehagen. Mein Ziel war einen Stein zu finden, der „Kai war“, er allein. Aber auch wir als Paar – und die Familie mit Nils zusammen sollte auch zu sehen sein.
Hmm. Ich hab da noch etwas. Kommen Sie doch mal mit raus. Einen Stein haben wir draußen, den habe ich Ihnen noch nicht gezeigt.

Und da – ich liebe ja den Vergleich der filmreifen Szene – stand MEIN Stein. Also SEIN Stein. UNSER Stein. Ein ganz, ganz heller Granit. Mit kleinen, leichten,  hellgrauen Fragmenten. Und er glitzerte weiß in der Sonne. Nicht gelblich. Auch nicht rötlich. Sondern rein weiß. Rein hell. Hach. DAS IST ER. Den nehme ich. Preislich war es mir auch fast egal, muss ich sagen. Ich wollte eben diesen Stein und sonst keinen. So, wie ich eben sonst auch so gern diese Schuhe (Kleid, Hose, Jacke, Rock, Gläser, Kerzen…) möchte…

Abgemacht. Den bestellen wir. Einen schönen Granit haben Sie da ausgesucht, Frau Lauckner. Ein Stein aus Wisconsin. Den USA. Und der heißt….

C L O U D  W H I T E

Ist das nicht passend? Ich hätte aufspringen können vor Freude. Ich habe mich fühlend zu diesem Stein bringen lassen und dann heißt der auch noch so?!? Das MUSS der Richtige sein. Herrlich. Ich glaube, die Steinmetzfrau hat auch gedacht, ich hab ’nen Knall. Normalerweise sitzen dort (zu Recht) todunglückliche Leute. Aber ganz sicher keine Frau, die so strahlen kann, weil sie den richtigen Stein fürs Grab gefunden hat. ABER, bereits beim zweiten Treffen hat sich mein Gegenüber sehr schnell an mich gewöhnt und sich vor allem auch mitreißen lassen. Das fand ich toll. Weil ich eben auch wollte, dass es etwas besonderes wird. Dass eine Findungsgeschichte dahinter steht und am Ende DAS passende Resultat hier oben auf unserem Friedhof zu finden sein sollte.

Okay. Den Stein haben wir. Und jetzt. Die Form. Hmm. Wir setzten uns an einen Tisch. Schauten Muster über Muster an. Ich fragte, geht dies. Geht das. Ist dieses machbar oder jenes. Und Stück für Stück erarbeiteten wir uns eine Vorstellung, die von ihrem Mann via Füllfederhalter und Farbe auf schickes Papier gebracht werden sollte. Und als ich die fertige Zeichnung sah, war ich voll Bewunderung. Genau so hatte ich mir das vorgestellt. So und nicht anders.

Kai war ein sehr genauer Mensch. Besonders wenn es ums Handwerk ging. Alles musste gerade, im Schnitt und in Waage sein. Sonst: weg und bitte noch einmal von vorn. Und er war geradlinig. Verfolgte SICH. Wich selten ab. Deswegen besteht der Ausgangsstein auch aus dem für ein Urnengrab höchstmöglichen Quader. Ohne Rundes. Ganz schlicht. Mit ordentlichem rechten Winkel. Im oberen Teil des Steins ist ein Quadrat (oder die Hälfte eines Quadrates) ausgespart. Und ihr wollt jetzt sicher wissen, für was: Für ein Fenster!

Ihr erinnert Euch doch sicher, dass Kai in seinen letzten Palli-Tagen noch unbedingt ein Fenster einbauen wollte. Nun. Er sollte es bekommen. Sein Fenster. Scheinbar schwebend im mittleren, oberen Teil des Grabsteins. Das Beste daran. Die Maße richten sich alle nach dem „Goldenen Schnitt“. Als mir das gesagt wurde, habe ich vor Freude in die Hände geklatscht. Das gibts doch nicht. Kai. Hörst Du? Alles gleiche Abstände. Wie man es dreht und wendet! Also, wenn das nicht toll ist.

Für das Fenster haben wir uns auch etwas besonderes ausgedacht. Es sollte ein quadratischer Glasstein sein. Handgefertigt. Verlaufend von tiefem Blau in ein ganz, ganz helles, fast farbloses Blau. Nämlich. Das Blau seiner schönen Augen. Das Blau des Himmels. Das Blau der Weite. Das Blau des Sommers. Unseres Sommers. Das Blau des Wassers. Zum Eintauchen schön. Den Stein ließ ich von einem Glaskünstler anfertigen. Was kann der für tolle Dinge aus Glas zaubern. In seinem Atelier konnte ich nur staunen.
Tja, welches Blau soll es denn werden? Und bestimmt aber freundlich meinte ich: bitte kein gelbliches und kein rötliches. Und beschrieb in Grafikerin-Manier den Ton der Farbe. Also Frau Lauckner, das habe ich auch noch nie erlebt. Jemanden, der sich so mit Farbe und deren Töne auskennt und zudem noch genau weiß, was sie will.
Naja. Da hat er halt recht!

Also so ganz laienhaft ausgedrückt wurden blaue kleine Glasstängchen in den gewünschten Farben auf normalem Glas in den Ofen gestellt. Die Stängchen schmolzen und verbanden sich mit dem farblosen Teil. Aber es blieb die leichte Form der einzelnen Töne vorhanden, so dass es aussieht, als würde das Blau sanfte Wellen schlagen. Eine Seite des Steins aus Glas trägt dieses Relief auch nach außen. Der Rest inklusive der Kanten ist aalglatt geschliffen. Und mit besonderen Schrauben hängt dieses Fenster so im Stein, als würde es schweben. Ich bin begeistert. Immer noch.

Den Betrachter soll es außerdem auch ermutigen, im Leben mal „dahinter“ zu schauen. Einen Blick zu riskieren. Damit ist nicht ausschließlich der Tod oder das Sterben allein gemeint, sondern auch unbekannte Bereiche. Oder Themen, vor denen man Angst hat. Sich fürchtet. Manchmal lohnt es sich eben doch, mal durch ein Fenster zu kucken. So auch, dass wir, wenn wir vor dem Grabstein stehen, auch die Möglichkeit haben, zu schauen, was sich dahinter verbirgt. Den Stein als Grenze symbolisierend.

Das Grab an sich sollte eine schlichte, geradlinige Begrenzung haben. Vorn links einen Würfel eingebaut. Alles aus „Cloud White“. Auf diesem Würfel hat Nils‘ Sonnenstein aus Himmelblau seinen Platz gefunden. Aufgefüllt wird nicht mit Erde sondern mit – wie soll es anders sein – weißen Kieselsteinen. Die Idee mit dem Bonsai in schöner Schale in der Mitte und als einzige Pflanze konnte ich noch nicht umsetzen. Dafür blühte sich letzten Sommer eine Sundaville um den Verstand. Wahnsinn, welche Blüten sich dort zeigten. In sattem, leuchtenden Rot als herrlichen Sommerkontrast zum hellen Stein.

Den persönlichen Schliff – im wahrsten Sinne des Wortes – stellt die Gravur dar. Wir entschieden uns dafür – also ich mich mit Unterstützung der Steinmetzfrau – für handgeschriebene Geburts- und Sterbe-Daten unterstrichen durch seine Unterschrift. Die Unterschrift von Kai. In dunklem Grau. Auf der linken und rechten Seite des Steins steht – ebenfalls in Handschrift ein Teil des „Irischen Segen“ –

Möge die Straße uns zusammen führen

und der Wind in Deinem Rücken sein.

Und bis wir uns wieder sehen,

halte Gott dich fest in seiner  Hand.

Und? Es macht mich glücklich. Diese Geschichte zur CLOUD WHITE lässt mich niemals weinen. Immer noch nur aus ganzem Herzen strahlen. Es ist etwas gutes! Und Kai wäre stolz auf seinen Stein. Nein. Er ist es! Nichts überkanditeltes. Nicht zu verspielt. Er ist wie ich. Er ist wie er. Er ist wie Nils. Er ist wie wir sind.
Kai fand meine Ideen immer toll. Das war die perfekte Arbeitsteilung. Ich sinnierte es mir aus. Kai brachte den Sinn dem Material bei. Und bekam von mir immer frischen Kaffee. RehBRAUN, ohne „la crema“ und bitte schön heiß!

Gern geschehen!

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