Allein und doch nicht allein

Nach der Beisetzung kehrte das erste Mal richtig Ruhe ein. Bei uns.

In den ersten Wochen nach Kais Tod war ich erst einmal nur froh. Gibt es das? Kann das sein? Ist das nicht komisch? MUSS man nicht andauernd weinen und schlecht drauf sein? So sollte es doch eigentlich von Statten gehen. Nicht?

Nun. Weinen konnte ich nicht. Lange Zeit nicht. Im Gegenteil. Ich genoss es sehr, selbst einmal zur Ruhe kommen zu dürfen. Ich fiel abends todmüde ins Bett. Brauchte mittags ebenso meine Pause. Obwohl ich nach der Beisetzung noch einen Monat zu Hause war. Nicht arbeiten ging. Es war angenehm, seit vielen, vielen Monaten mal keine Überlebens-Sorgen zu haben. Mir auch keine Sorgen machen zu müssen. Sondern gänzlich für Nils und mich da sein zu können. Ich musste mich freilich erst daran gewöhnen. Aber alles in Allem brauchte ich diese Tage und Wochen um mal wieder zu Atem kommen zu können. Und vor allem auch zu dürfen.

Früher war mir das nicht so klar. Aber jetzt? Jetzt spüre ich es. Kai war nicht mehr sichtbar. Sogar nur noch in staubigen Resten vorhanden. Dennoch. Er war da. Und er ist da. Und gerade in der ersten Zeit „danach“ war es mir manchmal fast etwas unheimlich. Dass man genau in DIESEN Momenten meinte, irgendetwas zu spüren. Eine Tür, die durch einen Luftzug zufällt. Ein plötzlich aufkommender Windstoß, der einem das Haar durcheinander bläst. Ein Sonnenstrahl im Nacken.

…’cause you’re not allone. And I am there with you… singt gerade in diesem Moment Michael Bublé aus meinem iPhone. Das finde ich auch wieder so passend. Ich schreibe gerade, dass ich allein bin, aber doch nicht allein. Ihn ganz oft spüre. Und dann haucht mir Herr Bublé ins Ohr „Baby, you’re not lost“ Nein, das bin ich nicht. Ich bin nicht verloren. Und auch nicht allein.

In diesen Wochen aber auch merkte ich, dass ich am Ende war. Mit meinen Kräften. Teilweise auch mit meinen Nerven. Dass auch ich nicht mehr viel länger durchgehalten hätte. Dass wir beide sehr über unsere Verhältnisse kräftemäßig gelebt haben.
Ich wünschte mir einfach nur Frieden und Ruhe. Und bekam das auch.

Meine Familie und auch meine Freunde waren immer für uns da. Wenn mir danach war, durfte ich reden. Über alles. Und wenn mir nicht danach war, sprachen wir einfach über den Rest des Lebens. Das ganz normale Leben. Die Kinder. Gott und die Welt.

Und doch überkam es mich oft – und auch heute noch immer wieder. Da kann ich es einfach nicht greifen. Begreifen irgendwie schon. Aber, ich bekomme das mit dem Tod einfach nicht zufassen. Und denke mir. Das gibts doch nicht. Einfach aufgehört zu atmen. Nicht mehr da. Nie wieder zu sehen. Auch nicht, wenn man es sich ganz sehr wünschen würde. Warum passiert gerade uns das. Und nicht den anderen.

„Wir sind die anderen.“

In den allerersten Ferien von Nils fuhren wir zu meiner Schwester. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem superherrlichen Sohn Moritz bei Köln. Und – ja ich stehe dazu – ich bin gern unterwegs. Einfach in der Welt zu Hause. So richtig dauerhaft daheim hält mich eigentlich nichts. Und das leben wir – Nils und ich – jetzt auch wieder mehr aus. Jetzt, wo wir gefahrlos uns auf den Weg machen können. Ohne Angst. Ohne eine halbe Arztpraxis an Bord. Einfach fahren. Spontan oder geplant. Ich weiß es wieder sehr schätzen.
Ich fühlte mich damals im Herbst eigentlich ziemlich gut. Wenn ich rückblickend Fotos anschaue, sieht man es aber trotzdem. Den Verlust. Der noch nicht verarbeitet wurde. Es war für mich im ersten Moment sehr komisch, die neue Wohnung meiner Schwester ohne Kai zu besuchen. Er kannte sie nicht. Wir waren nie gemeinsam dort. In diesem neuen zu Hause. Vielleicht ist es ja auch ganz gut so. Etwas, das zu unserem neuen Ding gehört. Kai ist oft und fast immer dabei. Aber, wir gehen jetzt unseren Weg. Ein Weg, der in gewisser Weise auch anders ist. Es fühlt sich aber gut an. Auch, wenns manchmal ziemlich holpert. Kai ist nicht mehr da.

„Anja, bitte versprich es mir. Machst du es gut? Fällst du bitte nicht in ein Loch? Du bist gesund. Du lebst. Weiter. Ich wünsche mir nichts weiter, als dass Du und Nils ein tolles Leben haben werdet. Wo ihr auch seid, ich bin dabei.

Ach, und noch was. Meine bloß nicht, dich wegen mir nicht neu zu verlieben. Es würde mir sehr weh tun, wüsste ich, du verschließt dich. Bitte. Sei offen. Wir hatten unsere Zeit. Sie war wunderschön. Aber für Dich geht es weiter.“

Hmm. Da kommen mir gleich die Tränen.
Kai hätte es ja am Liebsten schon in Sack und Tüten gehabt. Meinen „Neuen“. Am Besten noch so, dass er ihn instruieren kann. Also, das mag sie und das mag sie nicht. Pass da auf oder geh dann und dann in Deckung :-). Ja,ja. So war er. Ich konnte aber darüber auch oft einfach nur lachen. Ach Kai. Wie denkst Du Dir das.

Aber diese Art gehörte halt zu ihm. Und so sehr diese Weise mich oft zur Weißglut gebracht hat, so gut tat sie mir besonders im Sommer zweitausendundelf.

Zurück zum Herbst 2011.
Bei meiner Schwester war es einfach nur schön. Sehr erholsam. Die Sonne schien herbstgolden. Ich habe gelesen. Sehr viel. Und so sehr gelacht. Das erste Mal seit Wochen habe ich von ganzem Herzen mit meiner Schwester gelacht. Und habe mich dafür weder geschämt noch hatte ich ein schlechtes Gewissen. Es tat einfach nur gut. Und dann weiß ich auch, wenn ich nach oben schaue, dass Kai sagt: Anja, genau so. So ist es richtig. So kann ich auch los lassen. Wie ausgemacht.
Ich kann das so sicher sagen, weil ich es weiß. Und vor allem, weil ich es spüre. Und es gibt Menschen, die das mit mir sehen, wissen und fühlen.

Früher konnte ich mir das nicht vorstellen. Das überstieg meine eigene, fast grenzenlose Vorstellungskraft. Aber jetzt. Jetzt bin ich so froh, offen dafür zu sein. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Und, wir werden uns wieder sehen. Uns in die Arme fallen und fragen: na, wie ist es dir ergangen. Erzähl mal. Haste jemand kennengelernt? Zeig doch mal. Und ich fände es ebenso gut, dass Kai im Jenseits einen Weggefährten findet, so wie er es beruhigend sehen könnte, wenn es mir ähnlich geht.
Aber soweit bin ICH noch nicht.

Und dann war er da. Der siebte November. Mein erster Arbeitstag. Schon komisch. Sicher wusste niemand so recht, wie man mit mir umgehen sollte. Darf man mich ansprechen. Oder nicht. Oder wie macht man das? Heule ich die ganze Zeit? Bin ich verschlossen und zurück gezogen?

Nichts dergleichen. Die Tränen kamen freilich. Als meine beiden direkten Kollegen in meinem Büro standen und fragten, wie es mir geht. Mein Büro, in das Kai so oft einfach spontan hereingeschneit kam. Schau mal, ich hab Dir etwas zu Essen mit gebracht :-). Oder eine Blume. Oder einfach mal so. Nur kurz „Hallo“ sagen. Das würde wohl nie wieder passieren. Das war traurig. Ansonsten wurde ich sehr gut umsorgt. Meistens jedenfalls. Aber, ich musste auch viel lernen. Sehr viel. Weiteres in einem anderen Artikel.

Einmal noch umarmen.

Einmal – nur noch ein allerletztes Mal die Wärme spüren.

Wirklich. Nur ein letztes Bisschen. Dann wäre es auch gut. Ehrlich.

Tja.

Allein.
Und doch nicht allein.
Manchmal kann es nur nicht sehen. Dann versteckt sich das „nicht-allein-sein“ ziemlich gut hinter dem „allein-sein“.

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