Die Farbe Blau – Teil 1

Am 8. Oktober sollte es soweit sein. Eine Art Schlussstrich wird gezogen. Ein Ende und zugleich doch auch ein Neubeginn.

Ich, die Archivkönigin der Tage, die, die sich alles merkt – genau die hat vergessen, an welchem Tag Kai verbrannt wurde. Aber für mich war das nicht wichtig. Ich wollte auch nicht dabei sein und diesen Tag auch nicht in irgendeiner Art „begehen“. Da sind dann wieder meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt und es reicht so schon genug. Ich bilde mir aber ein, auf der Urne den 29. September gelesen zu haben.

Am Tag vor der Beisetzung mit Trauerfeier kamen bereits meine Eltern und meine Schwester samt Familie. Das war auch der Tag des Wetterumschwungs. Bis dahin hatten wir das allerschönste Spätsommerwetter. In meinen Mails aus dieser Zeit lese ich, dass ich oft sehr müde war. Mittags immer in der Sonne auf dem Liegestuhl lag. Und das Anfang Oktober. Erstaunlich. Dennoch, so sehr ich mich auch bemühe, feste Ereignisse kann ich in meinem Hirn nicht dingfest machen. Die Zeit ist mir einfach nicht so in Erinnerung geblieben, wie die Zeit davor.

Mit meiner Mutter und klein Moritz liefen wir dann zum Friedhof. Um die Stelle zu begutachten, die bald Kais Urnengrab darstellen sollte. Und da standen wir nun. Vor diesem Loch. Umrandet mit einem grünen Fleck Kunstrasen. Und genau in diesem Augenblick versagte kurz mein Kreislauf. Mir wurde schwarz vor Augen und übel. Bei dem Gedanken daran, dass Kai nun verbrannt war und als Häufchen Asche in diesem Loch verschwinden würde, konnte ich einfach nicht ertragen. Ich war kurz davor mitten auf dem Stockauer Friedhof vor diesem Aushub umzukippen. Und ich fragte mich, wie es wohl werden würde, wenn ich die Urne trage und sie auch ins Grab ablasse.

Und in dem Moment verschluckte sich meine Mutter. WAS, DU WILLST DIE URNE SELBST TRAGEN? Äh, ja…?!? Warum nicht. Die Pfarrerin und ich fanden, dass es eine schöne Idee war. Da Kai und ich doch sehr vertraut miteinander waren, viel durchgemacht hatten und bis zum Schluss zusammenhielten, wäre es ein würdiger und bezeichnender Abschluss. Nun, ICH dachte mir da wirklich nichts dabei, kenne mich aber mit den Gepflogenheiten einer „herkömmlichen“ Urnenbeisetzung nicht aus. Meine Mutter musste diese Information erst kurz verdauen. Ich kann sie verstehen – ich – Anja – ihre Tochter – die doch in vielem so merkwürdig reagiert – die würde die Überreste selbst tragen. Aber dann fand sie es – glaube ich – doch ziemlich gut. Und sicher in gewisser Weise auch mutig.

Wir saßen am Abend noch beisammen. Redeten viel über vergangene und kommende Zeiten. Und, wie der Tag morgen wohl werden würde. Ich stellte in der Runde fest: Wisst ihr was? Ich werde morgen ganz sicher die einzige sein, die mit einem strahlenden Lächeln in der Kirche steht. Was werden wohl die Leute denken?

Ja, mein Lächeln. Es gibt eines und dann ein zweites. Das zweite kommt immer dann zum Vorschein, wenn es mir nicht gut geht. Je mehr mich eine Situation belastet, umso mehr lache ich andere Menschen an. Warum? Tja, es gibt sicher viele Gründe. Die jetzt zu erläutern würde definitiv den Rahmen hier sprengen. Fakt ist aber, dass es einfach zu mir gehört. Menschen an meiner Seite kennen es. Menschen, die mich kennen lernen, fragen es sich. Und Menschen, die hinter das Lächeln schauen, WISSEN es. Was es damit auf sich hat.

Wir wachten am Samstag Morgen auf, und? Es regnete in Strömen. Und war bitterkalt geworden. Ganz ehrlich – es war wie im Film. Tags zuvor auf dem Heimweg vom Friedhof hatte es bereits gewittert. Aber denkt doch nur nicht, dass einer von den daheim gebliebenen auf die Idee kam, meine Mutter, Moritz und mich abzuholen. Stattdessen wurden die Rollos runter gelassen, um die Fenster zu schützen. Man dachte sich: Ach, die melden sich schon, wenn sie Hilfe brauchen.

Meine Schwester und ich hatten ja beschlossen, ein Lied zu singen. Unser Lied. Ein Lied, dass wir schon Jahr und Tag immer wieder vor uns hin sangen. „Hard Times“. Für Kai. Für mich. Für Nils. Für die Familien. Für Freunde. Für alle.
Geprobt haben wir über das Telefon. Und dann wenigsten einmal live vorab in Nils‘ Zimmer. Und soll ich Euch was verraten? Es war katastrophal. Die Proben endeten im halben Streit. Wir hielten den Rhythmus nicht, kamen mit den Stimmen durcheinander, sangen zu langsam oder zu schnell. Kamen nicht mit Daniels Gitarrenspiel überein. Oder er nicht mit uns. Wir beschlossen, sollten wir merken, wir kommen „raus“, es so einfach wie möglich zu halten. Und dachten uns – was haben wir uns da nur aufgehalst. Kein Mensch macht das doch. Auf der Beisetzung des eigenen Mannes zu singen. Nun. Letzten Endes sind wir eben nicht vergleichbar. Stimmt’s? ;-)

Was mich besonders freute – es kamen die Eltern meines Schwagers auch angereist. Extra. Aus Kölns Nähe. Wir aßen alle gemeinsam an einer großen Tafel zu Mittag und machten uns anschließend fertig.

Tja, auch an so einem unerfreulichen Tag macht man sich als Mädchen dennoch einen wichtigen Gedanken: WAS SOLL ICH BLOSS ANZIEHEN?!? Schlussendlich entschied ich mich für ein Kleid, dass Kai sehr gut gefiel. In Schwarz natürlich. Ich trug das zuletzt bei seinem Klassentreffen. Und seit der Beisetzung auch nicht mehr. Ich habe es verschenkt. An? Meine Mutter! Dort ist es sehr gut aufgehoben. Und es steht ihr hervorragend!

Stockau verfügt über eine wirklich schöne, kleine Kirche. Sehr einfach aber mit jeder Menge Charme.
Das Bestattungsunternehmen, das uns betreute, kann ich wirklich nur weiterempfehlen. Sie hatten die Kirche auch sehr schön hergerichtet. Ein großes Bild von Kai stand vor dem Altar. Eines was ihm am Gardasee sitzend zeigt. Eines, bei dem man kaum glauben konnte, dass es nur vier Monate vorher aufgenommen wurde. Rundherum viele rote Rosen. Kai schenkte mir immer gern dunkle, rote, volle Rosen. Und inmitten dieser Blumen stand die Urne. Ich hatte mich mit der Unterstützung meiner Mutter für eine entschieden, die ebenso nicht alltäglich zu finden war. Und dieses Gefäß ist  ein Unikat, da handbemalt. Und zwar in einem strahlend hellen Himmelblau. Mit einer leuchtenden Sonne und davon fliegenden Tauben.

Kais Familie und meine Großeltern waren bereits da. Wir saßen ganz vorn. Der Rest verteilte sich hinter uns.
Da ich jeden, der Kai das letzte Geleit gibt, persönlich begrüßen wollte, platzierte ich mich am Eingang. Immer im Schlepptau meine Mutter. Ich kann es gar nicht oft genug erwähnen, welch große Hilfe sie mir in der ganzen Zeit war!
Ich war sehr gerührt, wie viele Freunde und Bekannte kamen. Von der Familie abgesehen. Die Kirche war brechend voll und nicht jeder fand einen Sitzplatz. Trotzdem spürte man in dieser Zeit einen sehr privaten Rahmen. Und das fühlte sich wirklich gut an.

Und? Ich stand am Eingang der Kirche und strahlte von ganzem Herzen. Es war ein verstecktes, gut getarntes trauriges Lächeln. Aber auch ein gutes.

Denn dieser Tag stellte auch das Ende einer Krankheit dar.

Eine Erlösung.

Eine Erlösung die auch eine Last nahm.

t.b.c.

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