Die Farbe Blau – Teil 2

Es war eine schöne Trauerfeier in der Kirche. Obwohl Kai konfessionslos war, tat die sehr nette und überaus sympathische Pfarrerin uns gern den Gefallen, den Nachmittag zu gestalten. Und das auch noch an einem Samstag. Es ist wohl gar nicht so einfach, eine Urnenbeisetzung am Samstag abhalten zu dürfen.

Nun, von den vielen lieben Menschen, die ich herzlich umarmte war ich dann des lieben Regenwetters wegen ziemlich nass geworden. Wenn nun etwas aber nicht störte, dann das. Ich saß mit meinen Eltern und meiner Schwester in einer Reihe, Nils auf meinem Schoß.  Wir haben doch überlegt, ob Nils mit soll oder nicht. Haben uns aber dann dafür entschieden, dass er dabei sein sollte und notfalls ein Großelternteil mit ihm rausgeht, sollte er weg wollen. Gezwungen werden sollte er nicht.

Mit Nils gemeinsam habe ich einen schönen großen Stein aus unserem Garten ausgesucht und ihn in gemeinsamer Arbeit angemalt.
In einem strahlenden Hellblau – mit einer leuchtenden Sonne drauf. Aus Ästen haben wir außerdem ein kleines Kreuz gebastelt. Nils sollte auch etwas eigen hergestelltes haben, was er ans Grab legen konnte. Mit Feuereifer war er jedenfalls dabei. Vorerst deponierten wir die beiden Andenken ebenso an Kais Urne.

Die Pfarrerin hielt eine wahrlich schöne Rede. Eine, die unter die Haut ging. Bei der man weinen, aber auch mal schmunzeln konnte. Erstaunlich. Sie hatte Kai nie kennen gelernt, konnte aber aus den Gesprächen mit mir sehr viel über ihn erfahren. So, wie er war.

Kai hatte immer gesagt, ich solle bloß keinen Zinnober veranstalten. Bevor ich einen Haufen Geld für den Leichenschmaus ausgebe, wünscht er sich, dass ich  mir lieber etwas schönes kaufe. Nun, die neuen Stiefel hatte ich gleich angezogen ;-).
Das Lied, dass Kai und ich bereits im Laufe des Sommers gemeinsam aussuchten, wurde gespielt.

Jeff Buckley mit „Hallelujah“ – am Anfang der CD-Aufnahme ist ein deutlicher Atemzug zu hören. Ich symbolisiere damit immer Kais letzten Atemzug. Den ich nicht mehr erlebt habe.

Man hört diese Version wirklich sehr selten im Radio. Und genau Montag oder Dienstag nach der Beisetzung spielten sie dieses Lied in einem bekannten, bayerischen Sender. Und so viele haben es gehört – mich gleich angeschrieben oder es mir erzählt.
Nach einer weiteren, aber kurzen Ansprache stand unser „großer“ Auftritt bevor.
Meine Schwester erklärte, wovon das Lied handelt. Dass es auch jeder einschätzen kann, der nicht ganz so gut englisch spricht.Dann? Dann sangen wir. Wie selbstverständlich ist Nils auch mit aufgestanden. Er stand ja schließlich bei den Proben in seinem Zimmer schon an unserer Seite. Da gehört man freilich zur Gesangsgruppe ohne Zweifel dazu. Ich fand das sehr erstaunlich und vor allem äußerst mutig von ihm. Da er, gerade vor vielen Menschen, doch immer sehr schüchtern wird. Und es gab mir so eine Kraft, davon zu singen, dass uns schwere Zeiten stark machen. Dass auch scheinbar schlechte Zeiten ihre guten Seiten haben. Und dass wir immer jemand an unserer Seite haben. Gott. Daniel spielte die Gitarre mit furchtbar viel Gefühl. Die Strophen begleitete er mit einzelnen, gezupften Tönen, den Refrain mit Akkorden. Meine Schwester und ich hielten uns hinter Nils‘ Rücken fest an den Händen und haben niemals zuvor in unserem Leben dieses Lied so schön und klar in zwei Stimmen singen können. Ich fühlte mich, als leuchteten wir. Zum Himmel. Keine Bodenhaftung mehr spürbar. Es war einfach nur schön. Wunderschön. Und ganz besonders. Das fühlten nicht nur wir, sondern alle Zuhörer in der Kirche auch. Die Pfarrerin erzählte mir hinterher, dass sie, während sie uns intensiv zuhörte, merkte, welche Kraft von mir ausging. Und ihr für ihr eigenes Leben viel Neues bewusst wurde. Gutes. Stärkendes. Dass es geht. Dass es immer einen Weg gibt. Auch einen guten. Und bis heute werde ich immer wieder auf UNSER Lied angesprochen. Das tut mir so gut. So viele Menschen bewegt und berührt zu haben. Und so für einen einzigartigen Kai auch einen einzigartigen, passenden Abschied gelebt haben.

Mir war wichtig, dass wir mit allen gemeinsam noch den „Irischen Segen“ singen. Ein Lied, das uns beginnend mit Kais Ende bis heute begleitet. Immer wieder. Möge die Straße uns zusammen führen und der Wind in Deinem Rücken sein. Ja, genau das wünsche ich mir. Dass wir uns wiedersehen. Dass er bis dahin fest in Gottes Hand ist. Und ein gutes Dasein hat. Dort, wo er jetzt ist.

Anschließend nahm ich die Urne. Natürlich hatte ich mir Gedanken gemacht, wie sich das wohl anfühlen würde. Müsste ich weinen? War es komisch? Würde es weh tun? Nichts dergleichen. Es war genau richtig. Genau das, was ich hätte ich nicht anders machen sollen. Ich nahm sie in meine Arme und drückte sie an mein Herz. Behütete sie. Und ließ sie auch nicht fallen :-) – wie im schlimmsten Fall hätte passieren können. In strömendem Regen trat ich aus der Kirche und irgendjemand hielt mir einen Schirm. Die ganze Gesellschaft hinter mir. Und während der wenigen Meter bis zur Grabstätte hatte es tatsächlich aufgehört zu regnen. Wie im Film. Schon wieder.
Bevor ich das wirklich schöne, blaue Gefäß abließ, drückte ich ihm noch einen Kuss auf. Genau auf dem Deckel prangt mein roter Lippenstiftabdruck. Und dann verschwand sie. Immer mehr unter einem Meer aus Blüten, Blumen und Erde. Und während ich dort stand, Beleidswünsche entgegennahm, riss der Himmel auf. Irgendwann schien letztendlich die Sonne in mein Gesicht. Ein Kuss von einem Engel.

Kai wollte immer gern wissen, wie seine Beisetzung wohl ablief. Und vor allem, wer denn nun alles kommen würde. Tja, offensichtlich schaute er nach. In dem er die Wolken beiseite schob und wir einen Fetzen strahlend blauen Himmel sahen.

Die Farbe Blau. Wie seine Augen.

Im kleinen Kreis der Familie ließen wir bei Kaffee und Kuchen den Tag ausklingen, bevor sich dieser langsam in seine letzten Stunden auflöste.

Weinte ich an diesem Tag? Nein.

Lachte ich an diesem Tag? Ja.

Für Kai. Dass er sieht, durch sein Wolkenloch, dass wir es schaffen. Nils und ich. Und unsere Familie und unsere Freunde zur Seite haben.

Und ich wusste, dass Kai endlich seinen Frieden finden kann und es ihm viel besser geht, als in den letzten vergangenen zwei Jahren.
Dieses im Herzen gefühlte und gelebte Wissen nahm mir in diesem Moment und an diesem Tag den intensiven Schmerz der Trauer.

…und bis wir uns wieder sehen!

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