Das neue Leben: 26.09.2011 + X

Nach einer nervenaufreibenden Woche im „echten“ Leben, finde ich heute wieder einmal Zeit und Muse, in meinem Blog weiter zu schreiben.

Ich muss gestehen, dass ich mich auch ein wenig davor gedrückt habe. Vor dieser  Zeit, die nach dem 26. September folgte. Ich weiß gar nicht, ob ich es in Worte fassen kann. Worte, die mir ja eigentlich leicht von der Hand gehen. Aber es herrscht ein deutlicher Unterschied zwischen den Zeiten vor und nach Kais Tod. Ich kann mich an nahezu jedes Detail bis Ende September erinnern. Alles was danach kommt, schwimmt eher in einer breiten, undefinierten Masse.

Ich glaube, der heutige Beitrag wird eher etwas kürzer, als es sonst für mich üblich ist.

Gerade eben stöberte ich in den eMails aus dieser Zeit. Wenn ich die Zeilen lese, fühle ich so vieles. Auf der einen Seite kann ich mir manchmal gar nicht vorstellen, dass wir alle so eine Zeit mitgemacht haben. Es erscheint so unwirklich. Auf der anderen Seite spüre ich, wie stark ich war und das ich oft nicht zulassen wollte, zu trauern.

Meine Schwester blieb noch die ganze Woche. Sie war bei dem wunderbaren Gespräch mit der Pfarrerin dabei, ging mit mir spazieren. Wir verbrachten schöne Tage zusammen. In Ruhe oder aber auch umgeben von lauten Maschinen. Als nämlich völlig selbstlos Peter und Birgit samt Traktor und Holzschneidemaschine uns halfen, den riesigen Haufen Meter-Holz-Ware in handliche Stücke zu verpacken. Gott sei Dank war ich nur für die Kinderbetreuung und für die Verpflegung zuständig :-). War das ein Aufwand und ein Dreck. Ich kann es Euch sagen. Dank der Kommando-Übernahme meiner Mutter, die immer ein Auge darauf hatte, dass zeitlich nicht so viel geschludert wurde, schafften meine lieben Freunde es mit meinen Eltern und meiner Schwester binnen weniger Stunden, alles zu schneiden, zu schlichten und schlussendlich wieder aufzuräumen. Was für ein Akt. Nie wieder tue ich mir solch eine Holzlieferung an.

An einem sonnigen Vormittag spielte klein Moritz im Sand und wir zwei Schwestern saßen am Rand des Sandkastens und ließen uns von der angenehmen Herbstsonne wärmen. Wir zwei sind ja ein Gesangs-Duo ;-). Und so saßen wir auch singend umher. Und ersannen die Idee, dieses eine bestimmte Lied von den „Hard Times“ in der Kirche zu singen. Ob wir uns das zutrauen? Es uns trauen würden?

Die Beisetzung war für Samstag, den 8. Oktober geplant. Bei der Verbrennung wollte ich nicht dabei sein. Für was auch. Nur, dass ich mir fantasievoll vorstellen kann, WIE Kai jetzt in der Kiste (Kai aus der Kiste…fällt mir gerade ein…so nannten ihn immer seine Schulfreunde…) verbrannt wird. Das war für mich kein Augenblick, den ich mitmachen oder gar in Erinnerung behalten würde. Außerdem finde ich den Südfriedhof hier bei uns eher nicht so tröstend. Ich habe da auch nicht die allerbesten Erinnerungen dran. Man muss aber auch gar nicht dabei sein. Also, tat ich es auch nicht.

Zwölf Tage waren es vom Tod bis zur Beisetzung. Begriffen habe ich in dieser Zeit gar nichts. Ich habe mir immer vorgestellt, wie es wohl sein würde. Nun, ich kann jetzt bestätigen. Es lohnen sich dererlei Gedanken im Vorfeld nicht. Denn man kann es sich einfach nicht vorstellen.

Ich atmete auf. Das stimmte. Endlich war es vorbei. Der Stress. Das Leid. Der Schmerz. Ausgehend, dass es niemals besser geworden wäre. Es fiel viel von mir ab und ich war einfach nur müde. Zwischen allen Erledigungen und Organisatorischem brauchte ich viele Pausen. Lag dösend in der Sonne. Dachte mir so oft „Anja, das gibts doch nicht.“ Und das denke ich mir heute auch noch. Da gibt es Zeiten, da begreift man und dann wiederum will es einem gar nicht in den Kopf gehen. Das Ding mit dem Sterben.

Was ich aber deutlich spürte war, dass Kai, wie er es versprochen hatte, noch da war. Als ein erfrischender Windhauch im Gesicht, ein Sonnenstrahl im Nacken. Ich merkte es. Und merke es auch heute noch. Gerade in solch Zeiten, in denen ich vor schwierige Aufgaben gestellt werde, mache ich mir viele Gedanken drum. So lief ich dieser Tage durchs Wohnzimmer, schaute auf die Fotos von ihm und sagte: Kai, du bist noch da. Du schwirrst hier noch rum. Ich merke dich.

In meinen Mails von damals las ich gerade nach, dass meine Eltern am 3. Oktober bis zur Beisetzung abgereist sind. Ich war dann das erste Mal mit Nils ganz allein zu Hause. Aus der Erinnerung kann ich leider gar nicht beschreiben, wie es war. Aus meinen Textstücken allerdings entnehme ich, dass es mir nicht sehr gut tat. Und ich genau das erst lernen muss. Ein gänzlicher Alltag ohne Kai. Ohne Krankheit. Ohne Krankenhaus. Ohne meinen Mann. Ohne Nils‘ Papa.

Aus heutiger Sicht sind es so undefinierte Zeiten. Es scheint so nah und doch soweit entfernt. Es ist gut und es ist schlecht.

Ich verarbeite viel in diesem Blog. Aber unersetzlich für mich sind die Gespräche mit meiner Familie, meinen lieben, treuen Freunden. Sie halfen mir. Und tun es bis zum heutigen Tag.

Nach über einem Jahr weiß ich jetzt, dass ich viel in Träumen verarbeite. Die ein oder andere Geschichte werde ich auch noch beschreiben.

Nils ist wirklich ein außerordentliches Kind. Ich weiß, jede Mutter hält das von ihrem Spross :-). Aber meine größte Angst gilt eigentlich immer Nils. Dass er bitte gut durch diese Zeit kommt. Es ihn bestärkt, denn ihm Zuversicht zu rauben.

Heute erst beim Mittagessen sprachen wir über seinen Papa und die Krankheit. Er wollte noch einmal ganz genau wissen, welche Sorten von Krebs sein Papa jetzt eigentlich hatte. Wir kamen darauf, als Nils sich wünschte „gelbe Augen“ wie ein Akteur aus „Star Wars“ zu haben. Ich erklärte meinem medizinisch versierten Kind, dass gelbe Augen bei einem Menschen ein Symptom für eine Leberkrankheit sind. Wieso, weshalb und warum beschrieb ich ebenfalls. Nils fragte, ob sein Papa, dessen Leber ja auch mit Metastasen befallen war, auch gelbe Augen hatte. Ja Nils, das war so zum Schluss. Aber das hast du ja zum Glück nicht mehr gesehen. Und was antwortet mein Kind? „Ach Mama, immer erlebst du die spannenden Momente und ich nicht. “

Ohne Worte.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass Nils ein so hohes Maß an Vertrauen der Medizin entgegenbringt. Wo sie doch augenscheinlich bei seinem Papa versagt hat. Aber bereits mit sechs Jahren hat er begriffen, dass auch die Wissenschaft an ihre Grenzen kommt. Man vieles tun kann aber nicht alles in der Hand hat.

Und dann gibt es noch die andere Seite an ihm.

Nachdem es mal wieder den ganzen Tag geschneit hat und ich mir vorgenommen habe, morgen Vormittag den Rest Schnee beiseite zu räumen, war unsere Treppe auch in Resten des Nachmittagsschnees noch ungeräumt. Nils stand in der Tür und beobachtete, wie ich Holz holte. Dummerweise rutschte ich auf der Treppe aus und flog in hohem Bogen davon. Ja ich gebs zu. Ich hatte lediglich „Birkenstock“ an den Füßen. AUA. Meine Güte, tat das weh. Nils hat sich allerdings so sehr erschrocken, dass er umgehend in Tränen ausbrach und ständig fragte, ob und was mir passiert ist, da ich doch einige Augenblicke benötigte, um zu Atem zu kommen und aufzustehen. Da mein Kreislauf in solchen Momenten IMMER die Biege macht, lag ich zunächst im Flur, Nils aber immer versichernd, dass es mir gut gehe. Ich mir nur etwas geprellt hätte. Nämlich nahezu alles, was sich an meiner Rückseite befindet. Er könne nicht aufhören zu weinen, wimmerte er. Dass er sich solche Sorgen um mich macht und sich vorstellt, dass ich mich nicht mehr um ihn sorgen und kümmern könne, sollte mir mal was ernsthaftes passieren. Und dann wäre er ganz allein. Ach, mein armes Kind. Es war gleich über und über mit roten Stressflecken im Gesicht bedeckt. Ich nahm ihn fest in den Arm und sagte ihm überzeugend, dass ich da bin. Dass es mir gut geht und ich immer für ihn da sein werde. Resolut schaute er mich an „So, jetzt hole ich das Holz!“. Er zog sich an, stapfte davon und sammelte alles – inklusive meiner davon geflogenen (Haus-)Schuhe ein. Schimpfte ordentlich mit mir, warum ich auch kein ordentliches Schuhwerk trug und legte alles Nasse zum Trocknen vor den Ofen. Ich kann immer wieder nur staunen.

Ein anderes Mal aber möchte er dann schon gern wissen, wie der Plan ist, sollte mir ebenfalls mal etwas passieren. Das hat er wohl von mir geerbt. Die Versicherungen. Was wann und wie bei welchem Ereignis zu tun wäre. Auch das haben wir besprochen. Wir wissen Bescheid. Er und ich.

Ja, Nils macht sich immer um alles Gedanken und Sorgen. Wie die Mutter eben…und deren Mutter eben…

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