Haltend

27. September 2011

Gleich nachdem ich morgens gegen halb sieben die Augen aufschlug, griff ich zum Telefon. Wählte die bekannte Nummer. Wie jeden Morgen in den vergangenen Tagen.

Schwester Marianne war am Telefon. Eine sehr liebenswerte.

Frau Lauckner, er hat es geschafft. Kai ist gestern am späten Abend gestorben.

Ach. Gott sei Dank. Ganz von Herzen.

Möchten Sie ihn noch einmal sehen? Wir lassen ihn am Vormittag noch im Zimmer liegen.

Wir kommen gegen 9 Uhr.

Wie war das für mich? Es war unwirklich. Ich war sehr gefasst. Erleichtert in jedem Fall. Es war endlich überstanden. Dieser schreckliche Teil der Krankheit war endlich vorüber. Kein Leid mehr für Kai.
Ich erzählte es erst meiner Mutter, die mich gleich in den Arm nahm. Anschließend meiner Schwester. Und dann. Dann war Nils an der Reihe. Was ich auch im Nachhinein noch als maßgeblich empfinde, ist, dass Nils wusste, dass sein Papa sterben wird. Bald. Und in der Hinsicht war es für uns irgendwie hilfreich, dass der Tod nicht überraschend kam. Sondern dass wir jegliche zu besprechende, zu verarbeitende und aufzugreifende Themen, die es dazu gab, immer einbezogen hatten. Ganz ehrlich uns den Tatsachen gestellt haben. Versucht haben, das Beste draus zu machen.

Nils weinte. 10 Sekunden. Länger war es sicher nicht. Wir beteten gemeinsam für Kai und dann frühstückten die Kinder.
Ich brachte Nils zum Schulbus. „Matze, mein Papa ist jetzt gestorben. Heute Nacht.“ Das wars. Nichts mehr. Er rannte fröhlich umher, während alle anderen Kinder gar nicht wussten, wie sie reagieren sollten. Sie standen förmlich unter Schockstarre.
Nils‘ Lehrerin schrieb ich einen kleinen Brief, um sie in Kenntnis zu setzen. Mit der Kinderpsychologin habe ich oft besprochen, wie wir es mit der Schule handhaben sollen, wenn „es“ passiert. Wir waren uns einig, dass, sollte Nils keine Auffälligkeiten zeigen, er in die Schule gehen soll. Dass es für Kinder sehr wichtig ist, den stützenden Alltag zu haben. Etwas, dass immer da ist. Egal, was rundherum alles passiert. Und sollte es noch so schrecklich sein. Auf die Grenzen und Normen war immer Verlass. Letzten Endes war es wirklich das Beste. Bei den ganzen Erledigungen des Tages hätte Nils nur gelitten.
Nils‘ Klasse betete mit ihm gemeinsam. Und das taten sie von da an einige Male. Nils half das sehr. Ansonsten verhielt er sich, wie andere Kinder auch. Und das ist auch gut so. Das ist die Natur der Sache.

Entgegen meiner übrigen Blogs möchte ich die Situation im Krankenhaus nicht so deutlich wie sonst beschreiben. Es wäre auch ganz und gar nicht in Kais Sinne. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob alle anderen Artikel hier in seinem Sinne wären. Aber eigentlich geht es ja in meinem Blog vor allem darum, wie ich alles erlebt und empfunden habe. Und so traurig die Situation auch war und manchmal auch noch ist, so möchte ich doch einen Teil der Welt das nachlesen können.

Es gibt genau einen Menschen, der mir an diesem Tag hätte nicht besser zur Seite stehen können, als der, der die ganze Zeit dabei war. Meine Mutter. Da war es auch wieder. Tochter. Ich hatte jemanden dabei, der auf mich aufpasste und nicht umgekehrt. Meine Mutter arbeitet schon sehr lang in einem Alten- und Pflegeheim. Sie kennt das Ding mit dem Tod und hat auch eine besondere Einstellung zu der „zurück gelassenen Hülle“, wie sie es immer nennt. Der Mensch als solches ist weg.

Kai hatte zu lang gekämpft. Viel zu lang. Erst an diesem Tag dort oben im Krankenhaus in „seinem“ Zimmer wurde es uns mehr als bewusst. Erst dort wurde uns deutlich gemacht, wie enorm seine Schmerzen gewesen sein mussten, wie befallen er von dieser miesen Krankheit war, seine gefühlte Schwäche über die er sich immer und immer hinweg gesetzt hatte. Ich bewundere ihn sehr. Ich bin mir sicher, dass es nicht viele Menschen gibt, die derartiges realisieren können. Er bekommt dafür meine volle Hochachtung.

Es war sehr friedlich. Ein warmer von Sonnenstrahlen begleiteter Wind ließ die vorgezogenen, gelben Vorhänge tanzen. Ich verabschiedete mich ein letztes Mal und setzte mich anschließend in die Sonne. Draußen. Meine Mutter wollte gern alles selbst zusammen packen. Ich hätte es aber nicht gekonnt. Ich bin so dankbar, was sie alles für mich getan hat. Und vor allem, in welcher Art und Weise.

Auf dem Totenschein stand: 26.09.2011, 22:03 Uhr. Viele Wochen beschäftigte ich mich mit der Frage, ob ich ihn hätte noch bis zum letzten Atemzug hätte begleiten können, wäre ich nur wenige Minuten länger geblieben. Heute bin ich überzeugend zu der Erkenntnis gekommen, dass Kai allein gehen wollte. Weiter noch bin ich mir mehr als sicher, dass Kai an diesem Abend bereits im Himmel war, noch bevor ich mein Auto auf dem Krankenhausparkplatz erreicht hatte. Und er tat das einzig richtige. Er hörte auf mich. Wir haben losgelassen. Nach einem langen, beschwerlichen Aufstieg, bei dem wir uns viele Schrammen zugezogen hatten, aber auch herrliche Aussichten genießen konnten. Und ganz oben auf dem Gipfel des Berges ließ ich Kai gehen. Bevor ich mich an meinen Abstieg von diesem Berg machte, saß ich noch lange dort. In Ruhe. Noch nicht ganz begreifend. Aber dennoch erleichtert und aufatmend. Wir haben es geschafft. Gemeinsam haben wir diese große Aufgabe bewältigt. Ich glaube auch, so gut es irgend ging.

Ich schrieb einige SMS. Wichtige Freunde rief ich an. Die Familie hatte ich bereits von zu Hause aus informiert. Und dann überwand ich mich und telefonierte erneut mit Kais Eltern, die sich gerade auf den Weg ins Krankenhaus für ihre Verabschiedung machen wollten. Ich erzählte es ihnen. Und stellte es natürlich und ganz sicher frei. Sie dürften kommen, wann und wie sie wollen. Ich, als ihre Schwiegertochter, die auch viel mit erlebt hat, riet ihnen trotz allem, ihren Sohn, Bruder und Schwager so in Erinnerung zu behalten, wie sie in gestern noch gesehen haben. Sie überlegten und blieben im Vogtland. Darum bin ich einfach nur froh. Ich weiß, wie schwer ihnen die ganzen Jahre schon gefallen sind. Wie schlimm es ist, den Sohn an den blöden Krebs zu verlieren. Man muss es nicht noch schwerer machen, finde ich. Auch meine Schwester oder mein Papa blieben dem Krankenhaus fern. Kai hätte es nicht gewollt. Ehrlich nicht. Ich weiß das. Ich kannte ihn en Detail.

Ich ließ Kais Lieblingssachen da. Es stand auch ein Foto neben seinem Bett. Er mit wehendem, leicht geöffneten und hochgekrempeltem Hemd mit passend sommerlicher Jeans dazu. Festhaltend auf unserem gemieteten Motorboot auf dem Gardasee. Ein tolles Foto. Ein Foto das Freiheit und Gelassenheit symbolisiert. Naja, nur leider fiel mir sehr viel später ein, dass ich die Schuhe vergessen hatte. Was soll’s. Im Himmel kann man sicher eh lieber und besser barfuß laufen. Oder?

Es war sehr herzlich mit den Schwestern und den Ärzten. Und ich versprach, nicht das letzte Mal dort gewesen zu sein. Wieder zu kommen. An einen Ort, der in dieser Zeit ein Stück weit mein zu Hause geworden war. Denn so fühlte ich mich dort. Und ich spüre diese besondere Verbindung zu den dort arbeitenden Menschen, den Räumlichkeiten auch heute noch. Es war ganz sicher etwas, dass nicht der Alltäglichkeit zum Opfer fiel.

Nun, eine Geschichte muss ich noch erwähnen. Wir hatten ausgemacht: keine Fotos. Nicht vom Ganzen. Während meine Mutter die Taschen packte, dachte sie sich, sieht ja keiner. Kann ich doch nur schnell mit dem Handy ein Foto machen. Tja, und in dem Moment, als sie auf den Auslöser drückte, ging die Handykamera kaputt. Nicht mehr wieder herzustellen. Für immer nicht. Kai hats kaputt gemacht. Ganze Arbeit leistete er dabei ;-).

Der Tag an und für sich war sehr anstrengend. Die Beisetzung und alles was dazu gehört, musste organisiert werden. Und genau da war ich so froh, dass Kai und ich über vieles intensiv gesprochen hatten. So wurden mir von vornherein Entscheidungen abgenommen, zu denen ich in dem Moment mit einem doch etwas fehlenden, wachen Geist nicht so leicht hätte treffen würde können. Und wenn ich unsicher oder ratlos war, teilte meine Mutter mir ihre Einschätzung mit. Aber mit dem Hinweis, dass ich das letzte Wort dazu hätte.

Als wir nach Hause fuhren und Stockau in Sicht war, dachte ich bei mir, dass Kai diesen Weg niemals mehr mit uns fahren würde. Das zu wissen, war doch irgendwie noch sehr unwirklich. Im Prinzip war alles unwirklich.

* * *

Von: Anja Lauckner 
Gesendet: Dienstag, 27. September 2011 16:25
An: xxx
Betreff: Erlöst

Ihr Lieben,

nach langem, schier endlosem Kampf, ist mein lieber Kai gestern Abend für immer eingeschlafen, kurz nachdem ich gegangen war. Zum Glück war ich meinem Bauchgefühl gefolgt und war abends nochmal bei ihm (normalerweise war ich das nicht) und konnte ihm einfach nochmal einen Kuss geben und seine Hand halten, auch wenn es schon lange nicht mehr mein Kai war, der auf dem Sterbebett lag.

Im Moment bin ich erleichtert, müde, kraftlos, traurig, leer…alles zugleich.

Ganz liebe Grüße von
mir!

* * *

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3 Gedanken zu “Haltend

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