Und bis wir uns wiedersehen

* * *

Von: Birgit B.
Montag, 26. September 2011 09:59
An: anja_lauckner
Betreff: Telefonnummer

Guten Morgen, liebe Anja,

wie geht es Euch dreien denn? Habe viel an euch gedacht und auch immer mein Handy dabei gehabt.

Liebe Grüße und eine herzliche Umarmung

Deine Birgit

Von: anja_lauckner 
Gesendet: Montag, 26. September 2011 10:06
An: Birgit B.
Betreff: Re: Telefonnummer

Hab dir schon eine SMS geschickt – ich kann einfach nicht telefonieren. Heute atmet Kai nur noch ganz schwach – aber ich habe mit ihm meinen Frieden am Wochenende gefunden – es war eine schöne ruhige Zeit – ist aber so anstrengend und traurig…bin jetzt auch auf unbestimmte Zeit krank geschrieben und wenn alles geschafft ist, brauch ich deinen Halt, Lasagne und Hasenbraten :)
Tränenbussi! Deine Anja

Von: Birgit B. 
Montag, 26 September 2011 10:08
An: anja_lauckner
AW: Telefonnummer

Ich bin immer für dich/euch da! Was ist mit Nils? Mag/soll er diese Woche mal/mehrmals zu uns kommen?

* * *

Montag, 26. September 2011

Ich komme morgens auf der Palli an und sehe eigentlich nur noch eine schwach atmende Hülle von Kai. Kai war nicht mehr da. Ich strich ihm über den Kopf, küsste seine Stirn und seine Augenwinkel. Wusch ihn und – ich gebe es zu – verspritzte Parfüm nicht nur an seinen Hals. Sondern überall im Zimmer setzte ich diese Duftaktzente. Es war ein ganz eigenartiger Geruch in Kais Zimmer eingezogen. Jetzt weiß ich es auch. Was dieser neue Ton zu bedeuten hatte.

Die Massage heute fiel auch anders aus. Kein Druck mehr. Sondern viel mehr ein sanftes Ausstreichen. Ein entspannendes. Kein schmerzendes. Wie gewohnt schob ich nach der Visite Kai auf seinen Balkon. Setzte mich daneben. Allerdings seinem Gesicht gegenüber, die Sonne selbst warm im Nacken spürend. Ich hielt seine Hand, streichelte seine Finger und machte noch ein paar Fotos von unseren beiden Händen. Was mit den Fotos passiert ist, erzähle ich später. In einer anderen Geschichte. Ich versuchte genau hinzuschauen. Auch, wenn es mir immer schwerer fiel. Da Kai einfach ganz und gar nicht mehr aussah, wie der Mensch, der er einmal gewesen ist. Sicher konnte man noch markante Züge erkennen, aber eigentlich auch nur mit ganz viel Fantasie. Ich spürte, wie sein Körper Schritt für Schritt alle Systeme ausschaltete. So wie ein Pilot eines Flugzeuges nach einem langen, kräftezehrenden Flug alle Schalter im Cockpit nacheinander umkippte. Kai ließ sich zwischendurch auch viel Zeit mit dem nächsten Atemzug. Ich weiß nicht, wie oft ich sekundenlang dachte: jetzt. Jetzt ist es vorbei. Oh nein, oh nein, oh nein, oh nein. Was mach ich denn jetzt?!? Fast jedes Mal war ich schon drauf und dran, den Rufknopf zu drücken. Und dann kam sie wieder. Die Bewegung des Brustkorbes.
Die Urinflasche brauchten wir auch nicht mehr. System abgeschalten.

Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass das zu spürende Leben auf der Terrasse für Kai nicht mehr die richtige Umgebung war. Gegen Mittag schob ich ihn wieder zurück an seinen Platz. Eigentlich sind es ja alle meine Lieblingsschwestern, die auf dieser Station arbeiten. Aber es gab vier, fünf die sind eben meine Lieblings-Lieblings-Lieblingsschwestern. Dazu zählte unter anderem Schwester Karin. Kai mochte sie auch sehr.
Sein Bett stand leicht in der Mitte, so dass man von links und von rechts an ihn problemlos heran kam. Ich saß rechts von ihm, Schwester Karin stand links von ihm. Sie nahm seine Hand, hielt seinen Arm und streichelte ihn. „Herr Lauckner, Sie haben eine ganz, ganz wunderbare Frau. Wissen Sie das?“ Und Kai. Mein lieber Mann, der seit Freitag keinen einzige Ton mehr von sich gegeben hat, der sich nicht mehr bewegt hat und auf rein gar nichts mehr ansprach. Dieser Mann ohne Worte (ihr erinnert Euch?) der brachte ein deutlich zu vernehmendes Geräusch von sich. Eine Art Stöhnen. Eben das, was einzig noch möglich war. Oder eben eigentlich nicht mehr möglich war. Karin und ich sahen uns an, beide mit Tränen in den Augen und waren uns einig, was es zu bedeuten hatte: JA! Ja, ich weiß, dass ich eine ganz, ganz wunderbare Frau habe. Es kann nur so sein. Kein Mensch der Welt könnte mich vom Gegenteil überzeugen.

Am zeitigen Nachmittag fuhr ich nach Hause. Meine Mutter war noch da. Mein Papa ist am Sonntag allein zurück nach Wernesgrün gefahren und wollte wiederkommen, wenn es nötig war. Irgendwie muss der Arbeitsalltag ja trotz allem weiterlaufen.

Theoretisch ging ich ja auch einem Beruf nach. Als Kai auf die Palliativstation kam allerdings, sagte mein Chef: „Anja, gehen Sie bitte wieder. Es gibt jetzt wichtigere Dinge, um die Sie sich kümmern sollten. Der Job steht da an letzter Stelle. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen und kommen erst wieder, wenn Sie sich dafür bereit fühlen. Machen Sie sich keine Sorgen um die Arbeit.“
Und das nahm eine endlos große Last von mir. Wie oft stand ich im Geist zwischen den Stühlen. Zwischen der Zeit, die wir nicht hatten und dem zu erledigenden Job. Ein Alltag war uns immer wichtig und Kai wäre wohl durchgedreht, wäre ich immerzu in seiner Nähe gewesen. Allerdings war ich mehr als dankbar, diese letzten Tage komplett für Kai, für Nils und für mich dasein zu können. Vor allem auch zu wissen, „danach“ erstmal zu Atem kommen zu dürfen.

Kais Eltern und Geschwister warteten vor der Tür, bis ich mich von Kai verabschiedet habe. Ich rechnete es ihnen sehr hoch an, mir diese letzten Minuten mit ihm zu lassen. In Ruhe „Tschüs“ sagen zu können. Minuten, die eigentlich von ihrer Zeit weg gingen.

Den Nachmittag verbrachte ich also mit Nils, meiner Schwester, klein Moritz und meiner Mutter. Ich glaube, wir kauften Schuhe für die Kids ;-). Und plötzlich äußerte Nils den Wunsch, zu seinem Papa fahren zu wollen. Wir waren alle ein wenig perplex. Ja, fast vom Donner gerührt. Eigentlich überlegte ich nicht lang. Okay, Nils. Wenn du möchtest, fahren wir jetzt zum Papa. Meine Mutter wollte auf dem Weg nur noch schnell tanken. Keine Ahnung mehr, wieso, weshalb und warum: aber plötzlich gab es einen dumpfen Schlag am Auto und ein Kratzen. Ein Zusammenstoß mit einer Art „Begrenzungs-Stein“ in der Tankstelle. Tja. Stoßstange hin. Mutter hin. Jedenfalls die Nerven. Vorerst zumindest. Mist. Das war aber eigentlich echt nicht noch notwendig gewesen an diesem Tag. Nun. Wir beschlossen, dass es sich immerhin um einen Geldschaden handelte, der sich alles in allem noch leicht im Rahmen halten würde. Wobei, sie dann letzten Endes doch etwas umfangreicher wurde. Die Reparatur. Es hilft alles nichts – auf zum Krankenhaus. Auf halber Strecke dann sagte Nils aus seinem Kindersitz heraus, dass er es sich überlegt habe. Er möchte doch nicht mehr zum Papa, sondern viel lieber nach Hause und spielen gehen. Also gut, Nils bestimmte. Er sollte zu nichts gezwungen werden. Meine Mutter und ich schauten uns an und waren beide gleichermaßen einer Meinung: Zum Glück! Ich bin immer noch sehr froh, dass Nils seinen Papa nicht mehr in diesem Zustand zu Gesicht bekommen hat. Ich bin außerdem immer noch sehr froh, dass wir nicht alles im Haus durchstehen mussten, sondern an einem uns trotzdem sehr vertrauten, wohltuenden und vor allem sicheren Ort aufgehoben waren. Ich weiß, dass es für Kai auch mehr als in Ordnung war. Es war richtig. Ich glaube, zu Hause im Ginsterweg wäre es ihm noch viel, viel schwerer gefallen, zu gehen. Und er  zerrte nun so schon lang genug an seinem Leben herum.

Gegen 18 Uhr riefen Kais Eltern an. Sie hätten sich jetzt auf den Weg zurück ins Vogtland gemacht. Mich überkam eine seltsame Unruhe. Ich konnte kaum etwas essen und rutschte auf meinem Stuhl nur nervös hin und her: Ich glaube, ich fahre heute Abend doch noch mal zu Kai. Ich tat das sonst nie. Abendzeit war Nilszeit. Aber zusätzlich zu meiner Schwester war eben auch noch meine Mutter da. Ebenfalls eine sehr wichtige Bezugsperson für Nils.

Also traf ich gegen sieben Uhr am Abend bei Kai ein. Ich stellte meinen Stuhl an sein Bett. Verkehrt herum, so dass ich ihn im Blick hatte. Ich holte mir eine Decke, legte die Beine hoch, trank einen Kaffee und machte es mir so gemütlich, wie es eben möglich war. Das Radio lief leise. Ich erzählte Kai vom kleinen Crash meiner Mutter. Ich wusste, dass er dort, wo er war, darüber den Kopf schüttelte. Wie oft hatte er das mit mir durchgemacht. Ein Auto war nur mein Auto, wenn es einen Kratzer aufweisen konnte oder Bekanntschaft mit einem Fremdkörper gemacht hatte.

Im Radio lief „The Sound of Silence“ von Simon and Garfunkel. Nun, ich bin die Tochter meines Vaters. Logisch. Aber durch genau MEINEN Vater habe ich eine kleine Schwäche für die Lieder der 60er und 70er Jahre. Tja, mit Tonbandgeräten und Bands wie den Rolling Stones, The Beatles oder den Künstlern Bob Dylan und Leonhard Cohen und haufenweise anderen bin ich groß geworden. Das prägt. Also, Kai konnte sich ja nun rein gar nicht mehr wehren: Sorry, mein Schatz. Aber ich MUSS das jetzt einfach lauter stellen.

The Sound of Silence – Der Klang der Stille

Immer, wenn ich dieses Lied höre – und ich hörte es sehr, sehr oft im letzten Jahr – dann sehe ich diesen Moment vor meinen Augen. Ein sanft beleuchtetes Zimmer. Kai. So, wie er war. Und so, wie ich ihn mehr denn je liebte. Ich finde es ganz einzigartig und auch fast unglaublich, wie sich Liebe in solchen Tagen noch einmal vervielfältigen konnte. In einer ganz anderen Ebene. Am Gipfel ihres Seins. Mehr geht nicht. Mehr konnte man nicht fühlen und auch nicht erleben. Und ich spürte es zwischen uns. Auch, wenn Kai schon ging. Er ging, und blickte noch ein letztes Mal zurück. Es war der traurigste wenngleich auch intensiv schönste Moment meines Lebens mit Kai.

Ich stand auf und flüsterte ihm ins Ohr, dass er jetzt einen letzten Kuss von mir bekäme. Auf seine Lippen. Lippen, die sich seit Freitag nicht mehr bewegt hatten. Halb geöffnet, wie sie waren. Seit Tagen. Und diese Lippen formten einen Kuss. Unglaublich, oder? Aber es war ganz genau so geschehen. Und mein Herz leuchtete. Ach, was bedeutete mir das viel.

Ich ging zu den Nachtschwestern, um mich gegen halb zehn zu verabschieden. Ich sagte, ich hätte seine Tür offen gelassen und wünschte ihnen einen guten Appetit. Alle Patienten waren versorgt, die Station lag im Schatten der Nacht und strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Diesen Moment nutzten die beiden, um gemeinsam zu Abend zu essen. Ich ging an Kais Zimmer vorbei und hörte ein leises Geräusch. Einen Kai-Ton. Ich ging noch ein letztes Mal rein, küsste ihn auf die Stirn, hielt seinen Kopf in meinen Händen, schaute ihn an:
Kai, du kannst jetzt gehen. Ehrlich. Lass los. Wir schaffen das. Nils und ich. Wir werden dich ganz sicher vermissen, aber wir machen unser Ding. Ich verspreche es Dir. Du brauchst Dir keine Sorgen um uns zu machen. In Ordnung? Es ist gut jetzt.

Ich fuhr nach Hause zurück. Und war dabei ganz ruhig. Komisch. Und in Stockau? Irgendwie waren wir drei – meine Schwester, meine Mutter und ich – auch ganz entspannt. Die Kinder schliefen friedlich in ihren Betten. Und wir? Wir drei gönnten uns ein Laucknersches Nationalgetränk – einen Eierlikör ;-). Wir stießen auf das  Leben an. Wir lachten. Freuten uns, dass wir eine so großartige Familie waren. Die gemeinsam durch Dick und Dünn gehen kann. Die keinen verurteilt, die immer da ist, egal, was auch passieren mag. Menschen, die ihr Leben lang immer und immer wieder vor neue, zum Teil harte Herausforderungen gestellt worden sind. Eine Familie voller Halt. Und dieser Moment wird uns dreien – nur uns „Mädels“ –   wohl ewig in Erinnerung bleiben. Ich glaube, uns kommen beinahe jedes Mal die Tränen, wenn wir daran zurück denken, stimmts?

Nicht wissend, dass Kai zu diesem Moment bereits über uns wachte und dachte: Recht habt ihr! Prost meine Damen!
Trinkt bitte einen Likör für mich mit.

Es war 22.25 Uhr.

Ruhephase.

Kein Telefon mehr.

 

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