Alles, aber kein kurzer Prozess

Am Donnerstag beschloss man auf der Palliativstation die Bestrahlung nach nur vier Behandlungen abzubrechen. Die Qual wurde für Kai jeden Tag größer und unerträglicher. Schon allein der Bettenwechsel brachte ihn an den Rand des Bewusstseins. Und letzten Endes sollte das Ziel der Behandlung sein, Kai wacher zu bekommen und  tatsächlich brachte es aber genau das Gegenteil. Beziehungsweise half es nichts.

Ich betrat nun am Freitag Morgen mit Schwung und meinem ernst gemeinten und gewohnten Lächeln Kais Zimmer. Bog um die Ecke und schaute in ein starres, schmerzverzogenes Gesicht. Also kehrte ich auf dem Absatz mitten in der Bewegung wieder um und sprach erst mit den Schwestern. Wie es um Kais Befinden stand. Scheinbar litt er wieder an größeren Schmerzen. Nur konnte er das nicht mehr mitteilen. Auch nicht mehr auf seinen Knopf drücken. Man sah es, wenn man ihn ansah. Die Dosis der Opioide in der Schmerzpumpe wurde entschieden erhöht. Und Kai konnte bald wieder entspannen.

Da er vollends ans Bett „gebunden“ war, weder sitzen noch aufstehen konnte, wusch ich ihn im Bett. Ich beobachtete einmal eine Schwester bei dieser Prozedur und holte mir dann selbst eine Schüssel samt der notwendigen Utensilien. Und. Ha. Ich traute mich sogar, Kai zu rasieren. Das war für mich eine gänzlich neue Erfahrung und ich hatte schon Angst, dass ich irgendetwas anrichten konnte. Tat ich aber nicht. Zum Glück! Ich zog ihn um. Was für eine Tortur. Ach, das ging eigentlich gar nicht mehr. So beschlossen die Schwestern und ich, dass wir einfach seine Shirts hinten komplett durchschnitten und sie ihm wie ein OP-Hemd nur überstreifen konnten. So gab es auch so wenig wie möglich Faltenbildung im Rücken und er hatte trotzdem noch etwas „normales“ an. Keine Krankenhauskleidung. Wir waren der Druckstellenbildung nämlich schon gefährlich nahe, durch die viele Rumliegerei. Ich kämmte und frisierte ihm die Haare (war ja schließlich immer sehr wichtig für ihn gewesen), putzte seine Zähne, cremte ihn ein und ein Spritzer Parfüm durfte auch nicht fehlen. Es ist die einzige, letzte Flasche, die ich auch noch aufgehoben habe. Die steht noch bei mir im Bad. Nils benutzt es ab und an. Wenn er meint, mal wieder mehr als üblich auf sein Äußeres achten zu müssen. Anfänglich konnte ich das kaum ertragen. Es roch eben so sehr nach Kai, aber mittlerweile freue ich mich sogar, wenn ich es mal wieder riechen kann.

Die Ödeme in Kais Körper vermehrten sich fast stündlich. Beide Beine waren nun bis zu den Oberschenkeln geschwollen. Ebenso die Arme und die Hände. Teile des Bauchraumes auch. So wurde weiterhin täglich massiert und verschieden gelagert. Mit Kissen, Tüchern und Decken.

Nach meinem Frühstück und der Visite schob ich Kais Bett auf den Balkon. Es war schon sehr erstaunlich, welch tolles Wetter uns die ganzen Tage begleitete. Kai verbrachte jetzt den ganzen Tag im Bett draußen. Morgens noch halb im Zimmer stehend, die Füße aber in der Sonne. Und ansonsten geschützt durch ausreichend Sonnenschirme. Ich baute daneben mein Domizil auf. Zwei verstellbare Klappstühle, jede Menge Kissen, der kleine Beistelltisch mit Getränken, Medikamenten und Lesestoff bestückt. So lagen wir nun draußen. Seite an Seite.

Nun, an diesem Freitag veränderte sich etwas. Morgens erntete ich noch einen echten (letzten) Blickkontakt, ein leichtes Lächeln, dass lediglich durch ein Anheben eines Mundwinkels zu deuten war, ein Nicken. Gegen Mittag war es dann geschehen. Kai war weg. Also, er war schon noch da. Atmete, hob und senkte gleichmäßig den Brustkorb. Aber, er war in seiner Zwischenwelt endgültig angekommen. Er reagierte kaum noch auf seine Umwelt. Lediglich auf besonders schmerzhafte Handlungen, wie umdrehen, um das Bett zu beziehen, höher lagern etc. Es entzündete sich der Bereich um seine Dünndarmsonde auch so sehr, dass die künstliche Ernährung ab dem Freitag auch eingestellt wurde. Lediglich Kochsalzinfusionen mit Kortison versetzt, oder Glucose lief über den Port durch seine Venen.
Die Entzündung um die Sonde bahnte sich schon einige Tage zuvor an. In einem früheren Artikel erwähnte ich bereits, welch Pedanterie Kai in die Pflege dieser Region steckte. Mit all seinen Mittelchen,Kompressen und Pflastern. Wie lang haben wir z.B. gesucht und getestet, welches Heftpflaster das allerbeste wäre. Als Kai dann sah, wie der Sondeneingang jetzt aussah, wurde er doch wütend. Ja, wütend ist das richtige Wort. Ich kann Euch sagen, da war was los. Ich bin mir sicher, Schwester Elfriede kann sich daran auch noch ganz genau erinnern!

Zurück zu unserer Sonnenterrasse. Ich erzählte Kai viel von Nils. Was er in der Schule alles lernte, wie er sich im Fußball machte, wie toll es war, dass Moritz da war, der bei uns – ich erwähne es nicht ohne Stolz – in diesen Tagen in Stockau das Laufen lernte!
Manchmal ließ ich das Radio laufen und manchmal war es einfach nur ganz still. An diesem Freitag allerdings musste ich mich an den neuen Zustand erst gewöhnen. Kai sah so anders aus. Er war nicht wach. Aber er schlief auch nicht. Seine nun sehr tief liegenden Augen waren halb geöffnet, reagierten aber sehr selten auf eine Bewegung. Die meiste Zeit hielt ich einfach nur seine Hand. Ohne auch nur einen winzigen Hauch von Gegendruck zu spüren. Ich bin mir aber sicher, dass er meinen Druck wahr genommen hat. Dort, wo auch immer er sich gerade aufhielt. Manchmal wurde er irgendwie hektisch. Ich merkte eine bestimmte Unruhe in ihm. Kaum zu spürende Bewegungen. Und dann wusste ich – Zeit für die leidige Flasche. Und, obwohl er wirklich nicht mehr richtig unter uns war, so empfand er diese Situation bis zum letzten Tag einfach nur als eine sehr abscheuliche. Ich merkte es ihm so sehr an. Jedes Mal lief die Träne. Wirklich jedes einzelne Mal. Ich lehnte mich an seinen Kopf und sagte ihm, dass es nicht schlimm ist. Ich mache das gern. Habe kein Problem damit. Er braucht auch keines zu haben. Ich bin es schließlich. Anja. Und beim Rest der Familie machte es einfach die Schwester, bzw. drapierten wir das verhasste Ding mit Handtüchern und Bandagen so, dass sich diese Frage erst gar nicht zu stellen brauchte. Ich erklärte ihm auch immer alles. Trotzdem. Sobald ich irgendetwas tat – eine Infusion abhing, seinen Mund mittels Wattestäbchen und Zitronenwasser befeuchtete, Lippen einsalbte, seine Hand nahm, das Bett verschob – sobald ich in irgendeiner Weise in Aktion trat, wies ich ihn darauf hin. Dass nichts ihn unvorbereitet traf. Ich bilde mir nämlich ein, dass man sich auch ordentlich erschrecken kann. Selbst in der Zwischenwelt. Wenn einem einfach so mir nichts dir nichts ein nasses Stäbchen mit Zitronengeschmack in den Mund geschoben wird.

An diesem Freitag blieb ich die ganze Zeit bei Kai. Trotz dass seine Eltern da waren. In der Zeit ging ich kurz einkaufen oder streifte durch die mir so vertraut gewordenen Gänge und Flure des Krankenhauses. Nils war bei Kevin nach der Schule. Janine mit Moritz zu Hause bei mir.
Ich sorgte mich sehr und sprach lang mit den Schwestern. Es sah wirklich nicht gut aus. Und neue Situationen überforderten mich zunächst. Dann musste ich darüber reden, es erörtern, es erklären. Dann ließ ich mich darauf ein und weiter konnte es gehen.

Ich weiß auch noch, dass ich über die Anruf-Zeiten verhandelte. Ganz zu Beginn wollte ich natürlich Tag und Nacht informiert werden, sollte mit Kai etwas geschehen. Es war für mich aber irgendwann nicht mehr auszuhalten, wenn das Telefon klingelte. Zu Hause. Und erst recht, wenn jemand nach 21 oder 22 Uhr anrief. Das kam auch vor. Ich erlitt jedes Mal einen halben Herzinfarkt. Grausam war das. Ganz ehrlich. Ich erzählte das auf Station und man sagte mir, dass man Zeiten vereinbaren konnte. Zeiten in denen man angerufen wurde und Zeiten, in denen man eben nicht informiert wurde. Ich war anfangs schon hin und her gerissen. Geht das denn? Kann man das tun? Ja, man kann. Versicherte man mir. Schließlich könne ich des Nachts wirklich nichts mehr tun, sollte Kai gestorben sein. Außer Aufregung hätte man nichts davon. Im Laufe der Zeit verschob sich dann meine Ruhezone von 23-6 Uhr auf 22-7 Uhr. Und es war ein Segen. Ein absoluter Segen. Ich konnte schlafen. Tief und fest. Wissend, dass mich keiner anruft. Und wenn doch, so ist es in jedem Fall mal nicht die Palliativstation. Das tat mir sehr gut. Jedes Mal, wenn es nach 22 Uhr war, entspannte ich mich sichtlich.

Ich blieb an diesem Tag bis zum zeitigen Abend. Und ich verabschiedete mich von Kai. Wissend, ihn nicht mehr lebend am nächsten Tag zu sehen. Man sah es ihm an. Er war bereit. Es musste jetzt endlich soweit sein. Das hält ja auch kein Mensch mehr aus. Weder ich noch Kai noch alle anderen. Diesen Zustand.

Ich fuhr nach Hause und telefonierte vom Auto aus mit meinen Eltern. Ich kenne noch ganz genau die Stelle, an der ich anhielt und nicht mehr weiter fahren konnte. Ich glaube, er stirbt heute Nacht, sagte ich unter Tränen meinen Eltern. Ach, wie muss sich das für sie angefühlt haben. Eigentlich so nah und doch weit weg. Es war schlimm an diesem Abend. Schlimmer noch als an allen noch kommenden Tagen. Es passiert jetzt. Ich fiel auch Yvonne und Birgit in die Arme und weinte. Als ich Nils bei ihnen abholte. Es ist soweit, ganz bestimmt.

Am nächsten Morgen gegen 7 Uhr rief ich dann im Krankenhaus an. Frau Lauckner, Kai lebt noch.
Nun, was für eine Überraschung. Wenn ich mit allem gerechnet hätte, aber damit nicht.

Alles in allem war es ein sehr schönes Wochenende. Ich habe gerade eine E-Mail an Birgit gefunden. In der ich schrieb, dass wir an diesem Wochenende unseren Frieden gefunden hätten. So war es auch. Es war eine Zeit der Besinnung, der Gedanken, aber auch eine Zeit, in der man Gedanken ziehen lässt. Eine Zeit, in der man sich damit auseinander setzt, los zu lassen. Unter einem strahlend blauen Himmel und sommerlichen Temperaturen Ende September. Kai und ich lagen gemeinsam im Halbschatten auf dem Balkon. Es war so friedlich. Ich kann diese Tage kaum in Worte packen. Sie würden dem alle nicht gerecht werden können. Dafür gibt es keine Worte. Man muss es erlebt haben. Man muss es gespürt haben. Jeden Tag sang ich Kai „unser“ Lied vor. Möge die Straße uns zusammen führen und der Wind in Deinem Rücken sein. Das Lied vereint all das, was ich Kai, was ich uns wünsche. Ich lebe dieses Lied. Den „Irischen Segen“.

Jeden Morgen aufs Neue machte ich mich auf die endgültige Nachricht gefasst und jeden Morgen sagte man mir: Frau Lauckner, wir können es alle nicht glauben, aber, er lebt immer noch. Ich muss schon fast lachen. Es war so typisch für ihn. Durchhalten bis zum Letzten. So lang, bis nichts mehr machbar war. Er war schon so ein Wunderding auf der Station. Das gibt’s doch nicht, hieß es.

Täglich verabschiedete ich mich so, als sähe ich ihn das letzte Mal. Ganz allein. Nur er und ich. Und wenn er noch Besuch erwartete – egal wer es war von unseren beiden Familien – flüsterte ich ihm ins Ohr: Kai, du kannst wirklich tun und lassen was du willst. Nur eines: entweder du stirbst in meinen Armen oder tust es allein. Das erzählte ich ihm auch schon, als er noch zu Hause war. Dass das mein einziger Wunsch wäre. Mehr nicht. Die Schwestern wussten auch Bescheid. Sollte sich irgendetwas anbahnen, sollten sie mich anrufen.

Und eigentlich wäre ich wirklich gern dabei gewesen.

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