Das Fenster

Innerhalb der wenigen Tage bis Mitte der Woche veränderte Kai sich komplett. Ich bin immer noch sehr erstaunt, wie schnell es denn letzten Endes ging. Der körperliche und geistige Abbau. Unaufhaltsam schlitterte Kai in seine Zwischenwelt. Erst stückweise. Schritt für Schritt. Bis er schließlich vollends darin eintauchte.

Es begann damit, dass er das Bett nicht mehr verlassen, nicht mehr sitzen konnte. Er konnte den vom eingelagerten Wasser arg geschwollenen Arm nicht mehr heben, um sich an der Nase zu kratzen. Er konnte keine Tasse mehr heben geschweige denn irgend etwas halten. Jeden Abend hatten wir noch einmal telefoniert. Zum Schluss waren es nur noch kurze Sekunden. Ich wollte ihm aber immer gern noch eine gute Nacht wünschen. In den besseren Zeiten funktionierte das noch recht gut. Auch wenn Kai dabei oft weggedöst ist und ich nur noch seinen gleichmäßigen Atem durch das Telefon hörte.

Freunde von uns bauten in ihrem Haus ein noch brauchbares Dachfenster aus und tauschten dieses gegen ein neues. Die Planung begann bereits bevor Kai ins Krankenhaus kam. Kai verhandelte, wie es nunmal seine Art war, und wollte das ausgebaute Fenster bei uns einsetzen. Joachim und auch Rainer erzählte er, sie mögen das Fenster doch bitte aufheben. Sobald er wieder zu Hause ist, kümmert er sich darum und tauscht unser altes gegen das neuere aus. Er war in seinen Gedanken, ja wohl eher in seinen Träumen felsenfest davon überzeugt, das noch bewerkstelligen zu können. Das war der einzig letzte offene Posten auf seiner Instandsetzungs-Liste. Der Liste, wie man ein aufbereitetes Haus und Grundstück der Ehefrau zu hinterlassen hat. Nämlich picco bello in Ordnung. Ich sehe Rainer noch vor mir. Völlig überfordert mit der Situation. Was soll man da jetzt sagen. Jeder sah es Kai an, dass er eben nicht mehr nach hause kommen würde. Und schon gleich gar nie wieder in seinem Leben ein Fenster einbauen würde. Ich kannte mich aus. Mit meinem Mann. Klar Kai. Mach dir keine Gedanken. Das Fenster wird eingebaut. Und er sprach fast täglich von diesem Fenster. Und jetzt ist es das Fenster, durch das wir uns sehen können. Ein Fenster im Himmel. Ganz sicher hat er es dort eingebaut. Gleich als erstes.

Ebenso verhielt es sich mit allem möglichen Kram. Auch, wenn ich Kai oft nicht mehr verstand und nur Wortfetzen aufschnappte, so spielte ich mit. Er machte sich Gedanken über Steine und Büsche. Über Außenfassaden und Innenausbau. Was noch alles erledigt werden müsse. Mein Schatz, mach Dir keine Sorgen. Ist alles geregelt. Falk war da und hat dieses. Rainer erledigte jenes. Dirk und Helmut kümmerten sich darum. Es läuft. Brauchst Dich gerade nicht zu kümmern. Tja, und das allein beruhigte Kai. „Dann ist ja gut.“ War seine Antwort und er schlief wieder ein. Bis er das nächste Mal hochschreckte und noch schnell etwas erledigt wissen wollte.

Der allerallerallerletzte Satz den Kai mir gegenüber von sich gab war: Ich bau das Fenster noch ein.

Ich glaube, es war der Mittwoch. Ich weiß nicht mehr, wer den Anfang gemacht hat. Aber ich informierte Kai, wer ihn heute alles besuchen wollte. Niemals hätte Kai jemanden vor den Kopf gestoßen. Bei meinen Worten allerdings sackte er in sich zusammen. Und er schüttelte fast unmerklich den Kopf. Kai, soll ich ihnen absagen? Soll keiner mehr kommen von Deinen Freunden? Es ist okay. Wenn du es möchtest, erkläre ich alles und sorge dafür, dass du deine Ruhe finden kannst. Ich erinnere mich so genau an meine Worte und seine Reaktion. Er nickte, schenkte mir ein halbes Lächeln und sank müde in sein Kissen zurück. Ich sagte allen ab. Ich weiß, dass es den ein oder anderen gibt, der ihn gern noch gesehen hätte. Die sich jetzt wünschten, sich darüber hinweg gesetzt zu haben. Wir danken aber allen, auch denjenigen, denen es besonders schwer fiel, dass sie nicht mehr gekommen sind. Es ging um Kai. Und nicht um andere. Und ich kann Kai verstehen, dass er nicht mehr so gesehen werden wollte. Er konnte sich selbst ja nicht mehr ertragen. Und er wollte immer eines nicht: SO enden. Nicht mehr als Kai zu erkennen, der er mal war. Das konnte ich nur zu gut verstehen. Musste ich mich doch selbst jeden Morgen an den wieder etwas verschlechterten Zustand und somit auch den neuen Anblick gewöhnen. Er wollte es einfach nicht.

Die Schwestern brachten ein für die Station übliches Schild an der Tür an. Dass sich Besucher am Stationscheckpoint melden sollten.

Das größte Übel für Kai war, dass er nicht mehr auf Toilette gehen konnte. Eigentlich stünde ein Blasenkatheder auf dem Plan. Das lehnte er aber derart vehement ab, dass ihm das keiner aufzwang. Anfangs konnte er noch allein mit der Urinflasche hantieren, bald aber nicht mehr. Er brachte es nicht einmal über sich, es mir zu sagen. Wenn er mal müsse. Nun, ich wäre nicht Anja, würde ich nicht meinen detektivischen Sinn benutzen und kleinste Anzeichen analysieren. So entwickelte ich gekonnt einen Blick dafür. Ich sagte ihm mit Nachdruck, dass ich das mache. Und zwar gern. Ich wäre der allerletzte Mensch, vor dem er sich schämen müsse. Wir zwei halten auch hier zusammen und gehen da gemeinsam durch. Und jedes einzelne Mal, wirklich jedes einzelne Mal, in dem ich die Flasche in der Hand hielt – bis zum allerletzten Tag –  küsste ich eine einzelne Träne aus seinem Augenwinkel weg. Es war für ihn nicht zu ertragen. Aber er konnte sich nicht wehren. Er musste es aushalten. Ob er nun wollte oder nicht. Er wollte nicht.

Nun, Kai wohnte ja auch nicht hinterm Mond. In den letzten fünf, sechs Tagen kam seine Familie eigentlich täglich. Immer am Nachmittag. Tja, und dann tat er so, als gehe alles noch seinen gewohnten Gang. So, wie er es eben immer versuchte aufrecht zu erhalten. Mit Beginn seiner Krankheit. Ich konnte es ihm bis zum Schluss nicht „austreiben“. Wieso auch immer. Er musste immer den starken Mann mimen. Immer, immer und immer. Mich brachte das oft an den Rand des Wahnsinns und der Verzweiflung. Denn ich war nun die Reporterin, die sich in der Mitte des Tornados aufhielt und Bericht erstatten konnte. Ich wusste, wie es hinter seiner scheinbaren Welt aussah. Ich hatte mit den Nebenwirkungen des „mir-geht-es-total-gut-Syndroms“ zu kämpfen. Durfte mir Lösungen zur Befindensbesserung ausdenken.
Und so kam es, dass Kai seine Schwester – ihres Zeichens Krankenschwester – freundlich bat, ihn auf die Toilette zu schieben. Also, rein in den Rollstuhl usw. Schon allein die Tortur in den Rollstuhl zu kommen. War für ihn zu dieser Zeit nicht mehr machbar. Aber, es geht ihm ja schließlich gut. Symbolisierte er. Es war das Ende vom Lied, dass er auf der Toilette zusammenbrach. Komplett. Ich kann auch heute nur mit dem Kopf schütteln. Als ich davon erfuhr, redete ich mit jedem. Kais Eltern, Schwester, Bruder, Schwager, meinen Großeltern. Der Rest kannte sich eh aus. Wenn sie nicht so recht wissen, was zu tun ist, einfach klingeln. Dafür wird man ja auch so umfassend und liebevoll auf der Palli betreut.

In Kais Nachbarzimmer lag eine Frau. Die wurde gegen Ende unserer Zeit auch nach Hause entlassen. Mit ihrem Mann traf ich mich oft auf dem Balkon. Wir redeten. Man kannte schon das ein oder andere Gesicht. Die ein oder andere Geschichte, die dahinter steckte. Verzweifelte Telefonate von der Terrasse aus. Die Familie musste informiert werden. Organisiert werden. Wie oft stand auch ich mit meinem Telefon dort. Nicht selten sah man dann eines morgens die brennende Kerze vor dem Zimmer stehen. Das Zeichen, dass dieser Mensch nun endlich erlöst ist. Zu Beginn unserer Palli-Aufenthalte hatte ich oft noch ein Problem damit. Zu wissen, dass hinter dieser Tür ein toter Mensch lag. Und nun fragte ich mich, wann ich die Kerze vor Kais Tür brennen würde sehen. Und, wie es sich wohl anfühlen würde.
Den Ehemann von Kais Nachbar-Patientin sah ich wieder. Nämlich zum Gottesdienst in der Klinikumskapelle. Dort wird jeder verstorbene Patient der Palliativstation noch einmal geehrt. Und wieder waren wir Nachbarn.

Ich bekam ein Buch von den Schwestern zu lesen. Weil ich ja immer alles wissen wollte.  Ein dünnes. Ist innerhalb weniger Stunden durch zu bekommen. Es beschreibt ganz genau den letzten Weg. Was mit dem Körper des Patienten passiert. Ich fand dieses kleine, weiße Buch sehr erstaunlich. Noch erstaunlicher fand ich, wie Kai sich an diese Art von Lehrbuch hielt. Es heißt da, zum Beispiel, dass es immer ein letztes Aufbäumen gibt. Einen Tag, einen Moment, ein paar Stunden, in denen man ernsthaft denkt, es gehe noch einmal etwas bergauf. Der Patient fühlt sich besser und hat ein unwahrscheinliches Mitteilungsbedürfnis. So, als müsse er noch alles loswerden, was ihm durch den Kopf ging.

Bei Kai war dieser Tag Moritz‘ Geburtstag. Moritz wurde ein Jahr alt. Und diesen Tag feierten wir bei uns in Stockau. Meine Schwester wohnte ja bei mir. In diesen ganzen Tagen. Und Kai fasste Moritz sogar kurz an, lächelte und versuchte zu sprechen. Wie gesagt, richtige Wörter formen konnte er nicht mehr. Aber den ein oder anderen Ton brachte er dennoch raus. Und manchmal konnte man sogar einen sehr deutlichen Sinn darin erkennen. Ich erwähnte ja schon, dass Moritz eine sehr bedeutende Schlüsselfigur in unserer Familie darstellt. Meine Schwester ist schwanger geworden, als Kai krank geworden ist. Leben entsteht. Leben geht. Der ewige Kreislauf. Als Moritz geboren wurde, waren wir gerade in Bad Bocklet und besuchten von dort aus meine Schwester samt Familienzuwachs. Von diesem Moment an verliebte sich Nils in den Kleinen. Und Moritz war die ganze Zeit bei Nils, als sein Papa ging. Nils distanzierte sich von seinem Papa, je mehr dieser von der Welt glitt. Schlussendlich wollte er ihn auch nicht mehr besuchen. Stattdessen konzentrierte er sich voll und ganz auf seinen Neffen. Diese beiden haben eine ganz besondere Verbindung zueinander gefunden und aufgebaut. Wir alle merken es jedes Mal, wenn die zwei sich sehen. Es ist einzigartig und herzerwärmend. Moritz hat in Nils‘ Leben auch den allerhöchsten Stellenwert. Ihm geht es einzig und allein darum, dass es Moritz gut geht. Oft denke ich, dass ganz viel „Papa“ in dieser Fürsorge steckt. In jedem Fall bin ich aber davon überzeugt, dass diese stark fließende Blutsbande mit Kais Abschied und Tod zusammenhängt. Dass Nils die Liebe, die er für seinen Papa aufbrachte, nun für Moritz angedeihen lässt.

Ich erinnere mich noch, als Moritz das erste Mal Kai auf der Palli besuchte. Er war ziemlich verschreckt. Da Kai doch irgendwie anders aussah, als er ihn zum Carport-Bauen im Juli in Erinnerung hatte. Er wollte absolut nicht ins Kais Nähe und machte einen großen Bogen um das Bett. Beim nächsten Besuch allerdings war das schon passé. Er nahm Kais Hand und herzte sie, krabbelte auf dessen Bett herum und scheute seine Nähe überhaupt nicht. Bis zum 26. September nicht. Und Moritz ersetzte ein klein wenig Nils in Kais Krankenzimmer. Moritz war zu klein, um sich die Atmosphäre in Kais Zimmer sowie seinen Zustand zu merken. Er konnte ganz unbedarft damit umgehen und das auch vermitteln. Und ich bin froh, dass Nils eben genau diese Atmosphäre nicht mehr mitbekommen wollte. Sondern seinen Papa noch aufrecht sitzend in Erinnerung behalten kann.

Jedenfalls. An diesem ersten Geburtstag von Moritz schoss der kleine Spross Kais Uhr quer durchs Zimmer. Moritz schießt bis heute sehr gern alle möglichen Dinge quer durch die Räume. Meine Mutter wollte schon gerade schimpfen, als Kai ihr irgendwie zu symbolisieren versuchte, dass das kein Problem wäre. Es war in Ordnung. Moritz solle das tun dürfen. Jaja, die beiden verstanden sich auch bis zum Schluss sehr gut. Überhaupt hatten alle Kinder unserer Freunde ein sehr gutes Verhältnis zu Kai. Ob mit oder ohne Chemo. Mit und ohne Haare. Dünn und noch dünner. Selbst ganz schüchterne kleine Menschen fanden es bei Kai außerordentlich toll. Ich fand das immer Balsam für die Seele.

An diesem Donnerstag tat ich auch etwas unglaubliches. Ich, die Gegnerin der Raucherei schlechthin war die Person, die Kai zu seiner allerletzten Zigarette seines Lebens verhalf. Halten konnte er sie nicht mehr, anzünden ebenfalls nicht. Also übernahm ich das. Ich zündete das Ding an, hustete ein wenig vor mich hin und hielt Kais „Henkerszigarette“ an seine Lippen.
„Kai, dass du das noch erleben darfst. Ein Traum geht in Erfüllung, oder? Deine dieses Thema betreffend missmutige Ehefrau hilft Dir beim Rauchen.“ Kai fand das toll. Er lächelte breit. Und ich fands gut. Ehrlich. Ich fühlte mich gut dabei.

Wenn ich jetzt so zurück denke, dann war Kais Krankenzimmer der Mittelpunkt des Geschehens. Ein Treffpunkt für Familie und Freunde. In den letzten Tagen nur noch für die Familie. Es war ein Ort des Gesprächs, des Schweigens, des Singens, des Gebets, der Liebe und Zuneigung. Ein Ort der Wärme. Des Friedens. Ein Ort für Lebhaftigkeit ob der Kinder. Für einvernehmliche Stille. Für letzte Worte. Letzte Berührungen. Es kam alles zusammen. Es bündelte sich. Alles bündelte sich für die allerletzten Tage. Nur die Essenz des ganz Wichtigen blieb übrig. Nichtiges und Oberflächlichkeiten hatten keine Zugang mehr zu dieser Welt. Diesen ganz besonderen Tagen.

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