Im Gefühl

Am Dienstag nach DEM Montag saß ich morgens neben Kai im Bett. Auch er saß. Hinsetzen bedeutete Schmerzen ertragen. Ich schob erst ein Bein über die Bettkante, dann das zweite. Ich griff ihm von vorn unter die Arme und half ihm so, hoch zu kommen. Allein ging das in dieser Woche nicht mehr. Ich entwickelte recht schnell Übung darin. Wir waren ein eingespieltes Team. Zack und hoch. Wie „Pflaster abreißen“. So saßen wir nun da. Ich sah ihn an: Jetzt haben wir so oft darüber gesprochen, wie es wohl werden wird. Wenn die Zeit „reif ist“. Und jetzt ist sie da. Und es ist ziemlich blöd, oder, mein Schatz? Kai sah mich an. Sehr intensiv. Er nickte. Er sagte kein Wort. Er nickte und lehnte sich an mich. So verweilten wir eine ganze Weile. Einander Halt gebend. Wir hatten es im Gefühl. Das Ende, das unweigerlich vor der Tür stand. Sichtbar werdend. Tag für  Tag immer mehr.

Dennoch hielt uns diese Zeit nicht davon ab, gemeinsam einen Witz auf die Beine zu stellen. Einen, worüber alle anderen nur mit dem Kopf schüttelten ob der fehlenden Moral, wir uns aber einig waren, dass wir zwei es lustig fanden. Während ich bei Kai war, übernahm ich alles, was anfiel und ich auch umsetzen konnte. Infusionen hängte ich ab, ich wechselte die Ernährungsbeutel, reinigte die Schläuche, half ihm im Bad. Zog ihn an. Ich hob Kai vom Bett in den Rollstuhl und zurück. Außer zur täglichen BestrahlungsQUAL verließ Kai sein Zimmer nicht mehr.

An diesem Dienstag saß er mit Nils und mir ein letztes Mal am Abendbrottisch. Wenn Nils dabei war, organisierten wir immer ein gemeinsames Abendessen. Machten es uns als Familie gemütlich. Nils war nicht jeden Tag im Krankenhaus, aber oft. Immer, wenn er es wollte. Ohne Zwang. An diesem Dienstag versuchte Kai ein letztes Mal „sein“ Ding mit Nils. Die beiden waren leidenschaftliche Lego-Bauer. Verbrachten Stunden und Tage damit Polizeistationen, Feuerwehren, Flugzeuge und Motorboote zusammen zu bauen. Lego war „Nils-Papa“. Ich darf nebenbei nicht ohne Stolz erwähnen, dass (vorausgesetzt Onkel Daniel ist nicht bei Nils) in die Lego-Riege aufgenommen wurde und zwar mit dem Satz: Mama, ich kenne keinen, der die Teile so schnell und richtig zusammen bauen kann, wie du. Das hätte ich nie gedacht. Du kannst das besser, als der Papa. Ha, da haben wir es. Ich bin die Lego-Bauerin vor dem Herrn. Und – ich konnte noch etwas besser, als Kai. Ja ja, ich sehe ich jetzt da oben, wie er EINE Augenbraue hebt. Ob der Erwartung, was es wohl sein würde. Im „Schützen-Verein-Schießen“ auf diese Zielscheiben habe ICH gegen KAI GEWONNEN. Damals, in unserem Alpenlandurlaub in Anger-Aufham. Tja, ja. Das hätte wohl niemand gedacht. Mei, was hatten wir für einen Spaß in dieser ländlichen Idylle!

Jedenfalls zurück zum Thema. Nils hatte ein kleines Auto dabei. Das wollte er mit dem Papa zusammenbauen. Und? Es funktionierte nicht. Kai konnte diese motorische Fähigkeit nicht aufbringen. So sehr er sich auch bemühte. Und ich sah es ihm an. Es schmerzte ihm so sehr. „Wieder etwas weg. Vom Leben. Ausgerechnet. Nils.“ Ich schritt ein und baute mit Nils weiter, aber immer den Papa fragend, ob ich das jetzt auch wirklich richtig so machte. Ach, so ein kleiner Moment. Doch so wichtig. Doch so schmerzvoll.

Dass Kai seinen Piepser am Handgelenk trug, rettete mich manchmal. So auch, als er sich versehentlich den Zugang für die Infusionen rausriss. Es hielt halt nichts mehr in dem ausgemergelten Körper. Nun muss ich vornweg erwähnen, dass ich ein Mensch war, der beim Anblick seiner eigenen Windpocken in halbe Ohnmacht fiel. Ein Mensch, der absolut kein Blut sehen konnte. Keine offenen Wunden. Nichts dergleichen. Nicht mal bei meinem eigenen Kind. Und dann sowas. Und, was soll ich sagen. Keine Probleme. Ich drückte den Piepser und hielt eine Nierenschale unter das Elend, versuchte gleichzeitig das blutende Gefäß abzudrücken. JETZT weiß ich, in welcher rasenden Geschwindigkeit man fast literweise Blut verlieren kann. Die Schwester kam: Ach du meine Güte. Kai schaute mich an und sagte: Anja, du kannst auch echt gehen und draußen warten. Nichts da. Es war für mich in dem Moment die normalste Sache auf der Welt, dort zu Hand zu gehen und helfen. Ohne auch nur eine einzige Schwankung in meiner Blutzirkulation zu verzeichnen. Ich merke immer wieder, wie sehr man über sich hinaus wachsen kann, wenn es sein muss. Das gibt mir auch immer wieder Zuversicht. Und Stärke. Zu wissen: es geht! Nahezu alles. Und in diesem Moment waren wir stolz auf mich. Kai und ich selbst ebenso. Ihm zeigte es: Anja wird es schaffen. Ganz sicher. Und das wiederum gab Kai ein beruhigendes Gefühl.

Während dieser ganzen Tage bis zum Tod gab es einen ganz besonderen Moment für uns beide. Im Nachhinein war es der Moment, in dem wir uns voneinander verabschiedeten. Bei vollem Bewusstsein. Ich wollte nicht, dass eine Schwester Kai duschte. Wenn ich da war, wollte ich das gern tun. Nicht, dass die Schwestern das nicht hervorragend getan hätten. Aber ich wusste auch, wie Kai es dabei ging. Immer schwächer werdend. Ohne Hilfe rein gar nichts mehr tun zu können. Ausgeliefert zu sein. Bei mir konnte er das noch am ehesten ertragen. Naja, bei meiner Mutter vielleicht auch noch ;-). Auf deren Krankenschwestermanier legte er schon viel Wert.

Ich habe mich entschieden, diesen Blog zu schreiben. Offen und ehrlich. Ich übe kaum Zurückhaltung. Um zu zeigen, wie ich unsere Zeit erlebt habe. Wie ich es wahr genommen habe. Und was schlussendlich alles dazu gehörte. An Gutem und Schlechtem. Ich glaube, vielen war und ist das gar nicht bewusst. Ich werde auch in den kommenden Artikeln sehr offen schreiben. Sicher die Pietät bewahrend. Aber es geht hier um das Ganze. Die ganze Wahrheit. Für mich ist es nicht leicht, aber es tut mir gut. Und es ging mir gut. Auch in diesen letzten Tagen. Ich fand unsere letzten Tage schön. So schön, wie selten davor es Tage zu sein vermochten.

Ich weiß, dass es für viele Leser auch nicht leicht ist. Hier zu lesen. Ich bekomme immer wieder viele E-Mails, die mich sehr berühren und die mir sehr viel bedeuten. Wir gehen da jetzt gemeinsam durch, in Ordnung? Ich habe es in der Realität geschafft. Mit vielen von Euch als Begleitung. In natura oder in vielen Gedanken und stetigen Gebeten. Und so schaffen wir das Ende dieses Blogs ebenfalls. Ich möchte es genau so aufschreiben, wie ich es erlebt und gefühlt habe. Ohne Zurückhaltung. Ohne für mich wichtige Details auszulassen. Daran liegt mir viel.

Ich schob Kai in die Dusche und hob ihn auf den Stuhl, der in der Kabine stand. Ich verwendete sein Lieblingsduschbad und einen weichen Waschlappen. Ich wusch ihn. Sanft und Liebe gebend. Umgeben von viel warmem Wasser. Wir befanden uns für diesen Moment in einer ganz eigenen Welt. In einer Welt, die nur uns gehörte. Diese Minuten waren einzigartig. Es war mir egal, ob ich selbst klatschnass wurde. Voller Liebe und zugleich Schwäche lehnte sich Kai an mich. Tropfend wie er war. Ich stehend. Fast wie ein Fels in der Brandung. Kai sitzend. Sich selbst kaum aufrecht halten könnend. Das Wasser strömte von oben weiter auf uns ein. Dampf umhüllte uns und unsere Seelen verbanden sich in diesem Augenblick. Mir war, als floss jeglicher Rest von Kais Stärke und Willenskraft in meinen Körper. Als wollte er mir das letzte bisschen geben, das er noch hatte. Ich empfand das sehr intensiv. Sehr angenehm. Ein vollkommener Augenblick. Man kann sich sicher nicht vorstellen, dass so ein Moment, wenige Tage vor dem Tod, im ganzen Körper von Krebs befallen einen vollkommenen Augenblick ergeben kann. Und doch war es so. Weil wir es akzeptierten. Und uns damit auf das letzte Wesentliche konzentrieren konnten. Auf das Leben. Und auf den Tod. Und auf die Zeit dazwischen. Da gibt es nämlich auch noch eine Phase. Im Prinzip ist der Tod genauso natürlich wie die Geburt. Anfang und Ende. Ein Kommen und Gehen. Immerzu.

Diesen Moment werde ich niemals vergessen. Ich möchte mich immer an die ausgehende Wärme erinnern. Wir beide. Eins.

Kai machte selten ein Geheimnis daraus, dass Gott für ihn nicht greifbar war. An unserem letzten Sonntag zu Hause sagte er: Anja, ich möchte jetzt gern öfter mal mit Euch gemeinsam in die Kirche gehen. Wow. Was für ein Schritt. Daniel, mein Schwager. Er betete mit Kai und sagte ihm, dass Gott auf ihn wartet und er es gut haben wird. Er soll keine Angst haben. Kai sah Daniel an und antwortete: „Ich weiß.“ Und Kai wusste es wirklich. Ich spürte es. Wie wichtig es war, an etwas zu glauben. An etwas gutes, das noch kommen mag.

Stefan, unser befreundeter Arzt, der Kai als Anästhesist durch fast jede OP begleitet hat, hat Kai auch besucht. Leider schlief er gerade tief und fest. Stefans Worte zu mir: Ohne Bestrahlung: höchstens ein oder zwei Tage. Er fragte Kai in die Stille hinein, ob er sich den Terror der Bestrahlung wirklich weiter antun möchte. In dem Moment wachte Kai kurz auf und antwortete: Ich zieh das jetzt durch!

Es war an diesem Mittwoch auch das letzte Mal, dass Kai sitzen konnte. Es war das letzte Mal, dass Kai im Rollstuhl auf dem Balkon saß. Neben mir. Es war das letzte Mal, dass Kai bei vollem Bewusstsein sprach. So, dass ich ihn verstand. Nicht irgendeine Geschichte aus seiner Welt, in der sich bald befinden würde, sondern pure Realität. Im Hier und Jetzt. Und dieser letzte Satz lautete:

„Anja, jetzt bin ich behindert. Jetzt kann ich gar nichts mehr allein. Niemals wollte ich so sein.“

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