Proben für den Ernstfall

Wir hatten ein schönes Wochenende. Mitte September. Wir saßen gemeinsam viel in der Sonne. Wir verbrachten überhaupt sehr viel Zeit draußen. Wie auch schon im Jahr zuvor kamen fast sommerliche Temperaturen auf. Kai ging es mit der passend eingestellten Schmerzpumpe, den täglichen Massagen eigentlich recht gut. Er konnte ab und an aufstehen, sich noch selbst waschen, trank noch eigenständig Kaffee und Limonade. Nur schwächer wurde er.

Der Kaffee war schon so eine Sache. Ich glaube, in die Tasse Kaffee projizierte er sein Leben. Sein ganzes Dasein. Das war so ein Überding. War alles furchtbar und fast unerträglich: hol mir doch bitte mal einen Kaffee. Verlor man sich in unsinnigen Gedanken: hol mir doch bitte mal einen Kaffee. Hat man sehr schlechte Laune: hol mir doch bitte mal einen Kaffee. Hat man schöne, gute Laune: hol mir doch bitte mal einen Kaffee. Meine Mutter wird mir das bestätigen. Dieses Kaffee-Ding. An dem Platz, an dem sein Rollstuhl immer auf dem Balkon stand entstand mit der Zeit ein sehr fleckiges Kunstwerk auf dem Pflasterstein. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Tassen Kai zerschmissen hat. Letzten Endes trank er dann nur ein, zwei Schlucke und der Kaffee an und für sich fristete eher ein jämmerlich erkaltendes Dasein. Landete schlussendlich in den Blumenkübeln oder in der Gosse.

Mit dem Montag begann nun auch die neue Woche. Bestrahlungswoche. Wir fanden das schon etwas aufregend. Neuland für uns beide. Wenn ich es einrichten konnte, war ich immer dabei. Begleitete Kai in die Tiefen der Bestrahlungsklinik hinab. Wartete auf Gängen und versuchte es ihm so kurzweilig wie möglich zu machen. Da ich das ganze auch sehr interessant fand, durfte ich alles genau beobachten. Ich half dabei, Kai auf die Bestrahlungsliege zu zerren.Und im wahrsten Sinne des Wortes mussten wir ihn zerren. Zwei Mitarbeiterinnen der Radiologie und ich. Normalerweise können die Patienten selbst auf die Liege klettern. Kai konnte das aber nicht mehr. Und er litt hörbar. Am nächsten Tag jedenfalls waren zwei kräftige Männer zusätzlich mit von der Partie und letzten Endes versuchte man Kai zu fünft halbwegs erträglich von A nach dem gewünschten B zu befördern. Für Kai war es fast unerträglich so liegen zu bleiben und sich nicht bewegen zu dürfen. Fünf Minuten scheinen sehr wenig, in dem Fall war es aber eine Qual die sich schier unendlich hinzog. Von Außen durfte ich auf die Batterie von Rechnern schauen und verfolgen, was mit Kai geschah. Man erklärte mir den Vorgang und die ganze Apparatur haarklein. Erstaunlich was in der Medizin alles möglich ist. Ich bewundere jeden Menschen, der in der Lage ist, derartiges zu erforschen und zu entwickeln.

Meine Tage hatten eigentlich einen sehr ähnlichen Ablauf. Morgens gegen halb neun traf ich in Kais Zimmer ein. Er erkannte mich immer an meinem Schritt. Das sagte er mir jedes Mal. Klackend in den hallenden Fluren mit einem besonderen Druck :-). Anfangs begrüßte Kai mich noch mit Worten und einem Kuss.  Und er lächelte. Auch, als er nicht mehr sprechen konnte, verzog er sein Gesicht zu einem Lächeln. Nur für mich. Ich erzählte, wie es mit Nils in der Schule läuft, was Moritz wieder angestellt hat und uns damit herzhaft zum Lachen brachte und was es sonst noch an Neuigkeiten gab. Dann holte ich mir mein Frühstück. Eigentlich war es Kais Frühstück aber da er nichts mehr aß, ging es in meinen Besitz über.

In der Gemeinschaftsküche holte ich mir meinen Cappuccino oder ein anderes Kaffeeheißgetränk. Mit einem Schokoherz oben auf dem Milchschaum. Das war Pflicht. Jedes Mal, wenn Kai mir einen Kaffee brachte, war dieses Herz oben auf. Unterwegs sprach ich ein Wort mit den Schwestern. Ach, ich liebe sie einfach alle. Jede einzelne. Alle sind mir ans Herz gewachsen. Wir erörterten die Lage, besprachen, wie es Kai geht, wie es mir geht und wie Nils die Schule gefällt. In den Stunden, in denen ich bei Kai war, gab es keine Zeit für mich. Es war einfach eine zeitliche Blase in der ich mich bewegen konnte, wie ich wollte. Es zählten nicht die Minuten oder die Stunden. Sondern die Gemeinsamkeit. Das Beisammensein. Ohne Stress und ohne Hektik. Ich verfiel nur in Hektik, wenn es hieß „ich muss jetzt gehen“. Oder Kais Familie oder Freunde kamen. Dann kam auch meine zeitliche Blase an ihre Grenzen. Manchmal überkreuzten sich auch Besuche. Für mich war das oft etwas viel. Zu viel. Ich war einfach randvoll und konnte kaum weiteres tragen. Nur in kleinen Dosen. Birgit wollte Kai besuchen und stand in einem überfüllten Zimmer. Freunde und Familie waren bereits da. Und so ein Zimmer verfügt über drei bis vier Sitzgelegenheiten. Und eine 50-Quadratmeter-Suite war es auch nicht. Somit wurde es sehr schnell sehr eng. Und Birgit? Die gute. Sie schnappte mich aus dem Haufen und wir besuchten einfach ihre Schwägerin, die als Krankenschwester dort arbeitete. Tranken ganz in Ruhe einen Kaffee im Aufenthaltsraum der Station. Ach, das war auch schön.
Ich hatte auch überhaupt keine Lust mehr, viel zu telefonieren. Ich weiß, dass viele Menschen, denen wir am Herzen lagen und umgekehrt natürlich wissen wollten, wie es geht. Deutschlandweit. Ich hätte nichts anderes zu tun gehabt, als Rundrufe zu starten. Aber in diesen Tagen konnte ich das nicht schaffen. Es ging einfach nicht. Auch, wenn sich das vielleicht unfreundlich und intolerant anhört. Das Maß war für mich voll. Auch wenn „gut Gemeintes“ und „Freundschaft“ sowie „Zuneigung“ dahinter steckte. Es überforderte mich. Es überforderte mich sehr. Ganz oft übernahm das dann  meine Schwester oder meine Mutter. Die mir diese große Aufgabe abnahmen. Es war nicht leicht. Nein, das war es ganz und gar nicht. Danke an Euch alle!

Während ich frühstückte, wurde Kai also massiert. Für mich immer eine sehr schöne Zeit. Voller Unterhaltung. Wir konnten auch ehrlich lachen. Ich glaube, dass es auch der Therapeutin gut tat. Wenn es bereits warm genug war, saßen wir anschließend draußen in der Sonne. In regelmäßigen Abständen hob ich Kais Zigaretten auf, die ihm immer öfter aus der Hand fielen. Ich hatte zu Hause schon oft Angst, dass er mal das Haus abbrennt mit seinen verlorenen Glimmstängeln. Entweder hörten wir Musik oder ich erzählte einfach irgendetwas. Das kann ich ja gut :-). Kai schlief oft ein. Und nein, er schlief nicht ein, weil ich so langweiliges Zeug erzählte! Wenn er schlief, aß ich entweder zu Mittag (äußerst lecker!), las wirklich viele Bücher in der Zeit, telefonierte kurz oder döste in der Sonne. Oft redete ich auch mit den Schwestern. Manchmal über die Situation oder eben auch mal einfach nur so. Je nachdem, wie es deren Zeit erlaubte. Ich glaube, nur wenige können sich vorstellen, dass es eine gute Zeit für mich war. Es war schön. Ich konnte auftanken, entspannen, los lassen. Am Ende genoss ich diese Zeit aufrichtig. Frieden findend. In diesen Tagen bis zum 26. September fanden wir wirklich unseren Frieden.

Wir saßen montags in Stockau gerade beim Abendessen. Kais Familie war bereits wieder abgereist. Meine Mutter war da. Und mein Papa auch. Sie kamen so oft wie möglich. Auch, um Moritz zu sehen, der ja leider sonst nicht sehr um die Ecke wohnt. Für Großeltern nicht gerade einfach. Und für Tanten und Neffen auch nicht.

19 Uhr klingelte das Telefon. Eine meiner Lieblingsschwestern war am Telefon. „Frau Lauckner, Kai gefällt uns gar nicht. Ich weiß nicht, vielleicht möchten Sie ja noch einmal vorbei kommen?“ Wenn ich das jetzt schreibe rast mein Herz schon allein von der Erinnerung dahin. Oh Mist. Was soll denn das jetzt? Vorhin war doch noch alles gut. Ich ließ alles stehen und liegen und fuhr zu Kai. Und dieses Bild, das mich dort erwartete, werde ich niemals vergessen. Ich glaube, an diesem Montag sollte es eigentlich auch soweit gewesen sein. Und rückblickend wäre es auch fast besser gewesen.

Kai lag im Bett. Die Schmerzpumpe abgestellt. Die brauchte er gerade nicht. Er war nicht mehr ansprechbar. Hatte ein weißes Langarm-Shirt an. Weiß stand ihm immer besonders gut. Und hellblau. Alle hellen Farben waren seine Farben. Die Schwester ließ mich mit Kai allein. Ich schaute ihn mir ganz genau an. Er lag da, so außergewöhnlich friedlich. Nicht mehr auf dieser Welt. Definitiv nicht. Irgendwo dazwischen. Auf dem Weg ins Licht vielleicht? Seinen Körper hatte er nicht mehr unter Kontrolle. Und, was ich am Faszinierendsten fand: keine einzige Falte zierte sein Gesicht. Keine einzige. Reine, glatte, weiche Haut. Kein Anzeichen von Schmerz oder Leid. Er schlief buchstäblich wie ein Baby. So hatte ich ihn schon viele, viele Monate nicht mehr erlebt. Dennoch war ich sichtlich überfordert mit der Situation. Zumal sich auch die Mediziner diesen Zustand nicht erklären konnten. Also holte ich tief Luft. Kai, das geht ja jetzt doch alles etwas schnell. Zu schnell finde ich. Kai. Ich hab Dir doch noch gar nicht alles gesagt. Und so erzählte ich eine halbe Stunde lang drauf los. Alles, was mir noch einfiel, was ich ihm noch mit auf seinen Weg geben wollte. Alles musste raus. Ich küsste und drückte ihn. Viele Male und immer wieder. Er war so sanft. So zart und so zerbrechlich. Wie hauchdünnes Glas. Und so warm. Er atmete gleichmäßig, aber flach. Ich zählte schon immer die dauernden Sekunden der Atempausen. Und dann kam der Chefarzt. Herr Lauckner, was machen Sie denn für Sachen. Jetzt haben wir gerade mit dem Bestrahlen angefangen, um es besser werden zu lassen und Sie wollen schon gehen. Er machte das so gefühlvoll. Unglaublich. Ich sehe es noch ganz deutlich vor mir. Er gab mir und auch Kai das Gefühl, als wäre das jetzt wichtig. Es war wichtig. Es ist wichtig. Und es war nah. Einfach nur sehr nah. Tuchfühlung. Nicht irgendeine Nummer von Patient sondern Kai. Der Mann von Anja. Der Papa von Nils. Kai eben. Den wir alle schon lange kennen und dessen Geschichte wir intensiv verfolgt haben.

Man kam auf die Idee den Zuckerwert zu überprüfen. Weil man sich sonst keinen anderen Rat wusste. Und der Test brachte es ans Licht. Hypoglykämisches Koma. Ein Zuckerschock mit Koma als Folge. Der Wert war so niedrig, dass man eigentlich nicht mehr lebensfähig war. Also spritzte man ihm ordentlich hochdosiert Glukose. Und auch das kann man sich nicht erklären. Kai bekam Unmengen von Kortison intravenös den ganzen Tag über verabreicht. Um gegen die Schwellungen im Kopf anzukämpfen. Kortison verursacht aber eher einen zu hohen Zuckergehalt im Blut. Also das ganze Gegenteil von dem, was gerade bei Kai geschah.

Meine Eltern kamen. Ich war so froh, dass sie da waren. Ehrlich. So froh. Ich erwähnte es bereits. Ich konnte Tochter sein. Und es half mir wirklich sehr, besonders Eltern zu haben, die mit dem Thema „Krebs“ trotz allem vertraut waren. Da ist es anders. Da weiß man, wie es sich anfühlt. Versteht noch mal besser. Das merke ich immer wieder. Den Unterschied auch zu anderen. Die sich somit aber auskannten. In allem. Und auch in den Gedanken. Das Tüpfelchen auf dem „i“ war aber die medizinische Fachkenntnis meiner Mutter. Ihr wisst ja, dass ich mich nur sicher fühlen kann, wenn ich mich auskenne. Und alles, was ich nicht wusste, konnte meine Mutter ausgleichen, indem sie es mir erklärte. Tja, und dann wachte Kai auf. Und jetzt weiß ich, dass Patienten im Koma wirklich Dinge mitbekommen. Hören konnten. Und sich merken können. Meine Mutter erzählte mir auch schon davon. Sie hatte auch bereits in jungen Jahren Erfahrung damit sammeln müssen. Kai sah mich ganz verwundert an. Und das allererste, was er mir sagte war:

„DU BIST SCHULD. Du hast mir meinen ganzen Zucker weggenommen.“

Er nuschelte es nur, aber er nuschelte mit Nachdruck und ich verstand trotzdem jedes Wort nur allzu deutlich. Ich weiß, dass man dererlei nicht Ernst nehmen darf. Natürlich trifft es einen schon. Mich. Irgendwohin im Herzen. Ich lief erst einmal auf den Flur hinaus und heulte in den Armen meiner Eltern. Sie gingen dann ins Zimmer während ich mich draußen etwas beruhigte. Kai nahm meine Mutter „beiseite“ und erklärte ihr, dass sie doch bitte auf mich aufpassen möge. Er habe nämlich gerade solch einen Irrsinn geträumt und da wurde ihm mal wieder bewusst, welchen „Mist ich so verzapfen“ konnte. Also, ich – Anja. Meine Mutter versprach es ihm und erklärte ihm, dass sie sich auch auskenne mit ihrer Tochter. Er soll sich da einmal keine Sorgen machen.

Na herzlichen Dank. Jetzt haben wir den Salat ;-).

Kais Bett musste komplett gewechselt und er selbst neu eingekleidet werden. Die Schmerzpumpe wurde wieder aktiviert und Kai konnte schimpfen wie ein Rohrspatz. Diese Anzieherei war wirklich nichts für ihn. Es tat ihm weh. Sehr weh. Und Schmerzen konnte er nicht mehr tolerieren. Und so konnte er auch die Menschen nicht mehr tolerieren, die ihm diese Schmerzen verursachten. Und, gemein, wie ich bin, verließ ich immer in solchen Situationen das Zimmer um mir meine Pluspunkte noch zu bewahren. Die Schwestern kannten schließlich auch Kai und seine Art und nahmen vieles mit einem lockeren Augenzwinkern hin. Trotzdem taten sie mir oft leid, machten ihre Sache aber hervorragend! Sehr bewundernswert dieser Job.

Schlussendlich waren wir alle froh, dass es eben nicht an diesem Montag vorbei war. Dass wir noch etwas Zeit hatten. Grundsätzlich wäre das aber der angenehmere Tod für Kai gewesen. Ebenso aber wissen wir alle, dass er sich schließlich niemals für den einfachen Weg entschied. Sondern für den ausgereiften, ausgereizten, gründlichen Weg. Und das tat er. Beginnend mit dem morgigen Tag.

Tja, andere proben für Hochzeiten oder ähnliche großartige Ereignisse. Wir proben mal das Sterben. Für den Ernstfall.
Kai würde jetzt lachen. Mit mir gemeinsam. Ich weiß das.

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