Die letzte Station. Die Palliativstation und der grüne Eimer. Teil I.

Die Seuche zwang mich zu einer Schreibpause. Nils hat angefangen. Mit der Influenza. Und gerade, als ich dachte, heil durch die Zeit, in der die Viren nur so verschleudert wurden, gekommen zu sein, hat es mich erwischt. Ich war tatsächlich nicht fähig, ein paar Zeilen hier zu schreiben. Alles in Allem kostet das schon auch immer viel Energie.

Gerade eben schaute ich auf „dem Ersten“ „Abschied vom Leben“. Zwei unheilbar an Krebs erkrankte Menschen. Eine Mutter in den Mittvierzigern. Ein Ehemann Mitte dreißig. Und jetzt habe ich das Bedürfnis mich an den Rechner zu setzen, und unsere letzten Tage aufzuschreiben. Tage, die mir so unendlich am Herzen liegen. Meine Mutter ist heute da. Sie ist immerhin gegen Grippe geimpft und kann relativ problemlos hier anreisen (mein Papa leider nicht…) und hat mir heute netterweise meinen Haushalt abgenommen. Im Moment ist sie mit Nils in der Stadt. Ich habe sie vor eine hohe Herausforderung gestellt. Ein Besuch in der Videothek ;-). Ich glaub, meine Mutter war noch nie in einer Videothek.  Sie wollte sich auch drücken, aber es half nun leider alles nichts. Nils ist außerdem dabei. Er kennt sich dort aus und wird ihr schon zeigen, wie es geht.

Also nutze ich die Zeit und beginne mit dem Ende. Dem wirklichen Ende.

Nils hatte also seinen allerersten richtigen Schultag. Das ist schon merkwürdig, welche Welten in dieser Zeit aufeinander prallten. So gut es ging versuchte ich mich natürlich auf den neuen, ganz neuen und großen Lebensabschnitt zu konzentrieren. Und ihm auch die Zuwendung und das Interesse zu geben, welches er definitiv benötigte. Zeitgleich allerdings konzentrierte ich mich ebenso intensiv auf jede einzelne Minute, die ich mit Kai verbrachte. Wenn ich bei Nils war, war ich bei Nils. War ich bei Kai, war ich bei Kai. Zu 100 Prozent. Ich entschied mich dafür und so konnte ich alles Gute aus beiden Leben ziehen. Und beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben die vollste Aufmerksamkeit widmen.

Wir fuhren demnach am 14. September am Vormittag ins Krankenhaus. Man erwartete uns bereits. Wir kannten uns aus. Wie oft waren wir schon Gäste auf der Palliativstation. Und das machte es für uns beide auch einfacher. Es war eine gewohnte Umgebung. Es waren bekannte Gesichter. Keine Fremden. Man musste sich nicht eingewöhnen, kannte den Ablauf und wusste, man war mehr als nur gut aufgehoben.

Eines der Gründe, warum ich dankbar war, dass unser damaliges Auto kaputt gegangen ist, ist, dass ich den grünen Eimer nicht mehr vor Augen habe. Ein grasgrün leuchtender Haushaltseimer. Einen Eimer, den Kai auf dem Schoß hatte. Es hatte sich auch heute – an diesem Septembertag – nicht verbessert. Sobald Kai saß, musste er sich übergeben. Ich bin froh, dass ich jetzt MEIN Auto habe. Ein Auto in meinem neuen Leben. In dem ich mir die Erinnerungen aussuchen kann. Und nicht nach rechts schaue und Kai sehe. Wie oft schaute ich nach rechts und fragte mich, ob es noch geht. Ob wir es schaffen. Ob er Schmerzen hat. Ob ihm schlecht ist. Ob es ihm gut geht. Oder, wie es ihm überhaupt geht. Gerade in dem Film auf ARD war der 35jährige Christian sehr gesprächig. Was seine Ziele in den letzten Tagen anbelangt. Er war einer der Kandidaten, denen Kunsttherapie half und Gespräche mit Therapeuten. Kai konnte damit wenig anfangen. Christian aus dem Film erzählte dem TV-Team, dass er sich dadurch ausdrücken kann. Dass er sein Innerstes nach außen bringen kann. Verdeutlichen kann, wie es ihm geht und wie es in ihm aussieht. Da kam mir der Gedanke, dass ich Kais „Medium“ war. Mit dem er sich ausdrücken konnte. Wie es aussah und wie es ihm erging. Was er brauchen könne. Genau, so war es. Ich war seine Kunsttherapie. Ich finde, ich bin ganz schön gut gelungen…

Der erste Tag war eher hektisch in meinen Augen. Alles einräumen. Realisieren, dass Kai jetzt dort ist. Dass wir es geschafft haben, obwohl er anfangs nicht wollte. Kai sagte „Tja, jetzt bin ich hier.“  „Hmm. Jetzt bist du  hier.“ Ja Kai, jetzt bist du in Sicherheit. Und wir ebenso. Denn das ist es, was wir beide auf der Palliativstation empfanden. Sicherheit und Geborgenheit. In den Zeiten, in denen ich dort war, nahm ich es als eine Art zu Hause an. Ich konnte meinen Mantel der Verantwortung vor der Tür lassen. Einfach nur da sein. Für Kai. Aber auch für mich. Und alle waren sie da für uns. Für Kai. Und für mich. Und Nils. Ärzte. Schwestern. Physiotherapeuten. Familie. Freunde.

Für mich beginnt die intensivst gelebt und gefühlte Zeit meines Lebens. Wenn ich daran zurück denke, sehe ich alles Geschehene in einem hellen, warmen, orangefarben anmutenden Licht. Geborgenheit.

Die Zimmer waren schön. Jedenfalls gab man sich alle Mühe, das sonst vorherrschende Krankenhaus-Flair aufs Notwendigste zu minimieren. Helle und warme Farben. Viel helles Holz. Licht. Zehn Zimmer im Gesamten und jedes einzelne hatte einen Balkon mit Aussicht ins Grüne. Ich beobachtete auch oft das Geschehen der Intensivstation der Herzklinik, die man von dort aus sehen konnte. Es gibt einen schönen Gemeinschaftsraum, eine Küche, die jeder benutzen konnte und einen leuchtenden Raum der Stille. Zum Nachdenken. Zum Abschiednehmen. Zum Reden. Oder einfach nur zum Sitzen. Auf dem Gang hingen immer schöne Bilder. Ortsansässige Künstler stellen dort ihre Werke aus.

Ich freute mich jeden Tag auf die Zeit bei Kai. Wenn Nils in der Schule war, fuhr ich gleich in die Klinik. Dort erwartete mich das Frühstück. Ich liebe den Cappuccino dort. Noch immer. Und man lernt, diese kleinen Dinge des Lebens so sehr zu schätzen. In der Sonne zu sitzen, einen Kaffee zu trinken und Frieden zu finden. Ich habe in meiner Frühstückszeit ein sehr vertrautes fast schon freundschaftliches Verhältnis zu Kais Physiotherapeutin aufgebaut. Die kam nämlich immer zur gleichen Zeit und massierte Kais ödematöse Beine und Arme. In der Zeit unterhielten wir uns oft sehr angeregt. Bezogen auch jeden Morgen Kai mit ein. In den ersten Tagen beteiligte er sich auch noch vergleichsweise rege an unseren Dialogen. Und die Behandlung tat ihm auch einfach gut.

Nach einem Tag erzählte mir Kais behandelnder Arzt, dass Kai selbst sagte, dass er froh ist, hier zu sein. Und nicht mehr zu hause. Es hätte ihn schlicht überfordert. Und als er dann vor quälendem Kopfschmerz kaum mehr Ruhe fand und ausschließlich Blut erbrach, sagte er es auch mir. Dass er froh ist. Wir nicht noch länger gewartet hätten. Denn das wäre die Nacht gewesen, in der er definitiv stationär eingewiesen worden wäre. Aber eben nicht auf die Palliativstation sondern irgendwohin in den Rest des Krankenhauses.

Kais Blutwerte waren eigentlich okay. Den Umständen entsprechend. Eigentlich passten die Werte so gar nicht zu seiner Instabilität. Er wurde nach Kulmbach zu einem MRT gebracht. Das sollte den stechenden Schmerz im Kopf erklären. Und das tat es auch. Metastasen an den Hirnhäuten. So baut sich ein unsäglicher Druck auf – ähnlich einer Migräne oder einer Meningitis. Und der wird im Stehen und Sitzen so groß, dass dem Patienten dann übel wird. Was tun wir. Wir bestrahlen. Wir bestrahlen, um Kai die Möglichkeit zu geben, etwas wacher und schmerzfreier Abschied nehmen  zu können. Montag geht es los.

In dieser ersten Woche hielt sich Kai eigentlich ganz gut. Wenn man mal davon absieht, dass er sich eben nicht meldete, wenn er wieder mehr Schmerzen hatte. Er war an einer Schmerzpumpe angeschlossen. Drückte gern mal wahllos rum und meinte dann, sich selbst dosiert zu haben. Naja, ich gönnte es ihm. Nahm das aber als Zeichen, dass es eben nicht reichte und gab am „Checkpoint“ den nötigen Wink, sich dem an zu nehmen. Auch fand ich hin und wieder eine leere Morphiumampulle. Grrrrrrrr. So wir das nie was, Mister! Ich weiß, ich bin gemein. Als er schlief, suchte ich so lang, bis ich sein Resort gefunden hatte. Oberstes Ziel war Kai schmerzfrei zu bekommen. Das geht aber nur, wenn man auch weiß, welche Medikamente er und in welcher Dosis einnimmt. Reicht es nicht, wird eben erhöht. Es waren natürlich keine Grenzen mehr nach oben gesetzt. Nur wissen sollte man es. Und es sollte ein Konzept dahinter stehen. Das geht aber nicht, wenn man immer mal selbst irgend etwas dazwischen schießt. Als er mich fragte, ob ich seine Oramorph gesehen habe, schwieg ich einfach. Ich überhörte diese Frage. Ich weiß, jetzt bin ich schon wieder gemein. Aber, er hat es ja eh gleich wieder vergessen.

Ja merken konnte er sich gar nichts mehr. Er erzählte auch von den immer gleichen Geschichten. Die ich mir immer gleich gern anhörte. Und jedes Mal meinen interessierten Kommentar abgab. Und zwar gern. Ich spielte einfach mit. Bei diesem besonderen Spiel ohne Regeln. Also, es gab schon eine Regel. Nämlich Kai das Gefühl zu geben, ein vollwertiger Mensch zu sein. Das war die einzige Regel. Und wenn man dafür in die Welt der Fantasie abtriftet, so tat ich das von Herzen gern. Wenn ich dann ein wohlwollendes Nicken, ein „Na zum Glück“ oder ein Lächeln erntete, dann war das richtig so.

Und wisst ihr, wovor ich Angst hatte? Ich hatte Angst, dass sich Kai so weit erholen würde, dass er wieder nach Hause kam. Mit dem Chefarzt – ein ganz, ganz, ganz netter Mensch – führte ich ein langes Gespräch. Ich wusste, ich kann einfach fragen. Ich kann einfach so sein, wie ich bin. Kann meine Ängste äußern. Ich atmete auf, als er mir sagte, dass Kai mindestens für die Zeit der Bestrahlung auf der Palliativstation bleibt. Das wäre sicher. Immerhin waren 10 Behandlungen angesetzt. Wochenende ebenso dazwischen. Kann sich eigentlich jemand vorstellen, dass ich erleichtert war? Es hört sich schon schrecklich an, oder? So, als wäre man froh. Und ja. Ich bin ehrlich. EHRLICH. Ich war froh. Ich würde erst recht froh sein, wenn Kai endlich erlöst sein würde. Wenn er nicht mehr kämpfen würde müssen. Wenn er absolut nicht mehr leiden würde müssen. Denn dann leiden wir auch nicht mehr. Jedenfalls nicht so. Sondern den Verlust verschmerzend. Verarbeitend. Aber wissend, dass es ihm endlich gut gehen wird. Und bitte, bitte, bitte möchte ich nicht die Verantwortung zu Hause tragen müssen. Der Arzt sagte mir: „Frau Lauckner, Kai wird nicht so lang überleben, als dass sie sich darum Gedanken machen müssen. Ich sage Ihnen das, weil es so ist. Und Sie wissen es. Sie sind eine starke Frau.“

In dieser Woche bekam auch Kai jeden Tag Besuch. Von Freunden. Von seiner Familie. Von meiner Familie. Meine Schwester reiste an. Mit klein Moritz. Um sich auch um Nils und um meinen Haushalt zu kümmern. Ach, Janine. Eine Seelenverwandte. Und so eine große Hilfe. Immer und zu jeder Zeit. Die beste Schwester, die man sich wünschen könnte. Wir zwei haben schon ein ganz besonderes Verhältnis zueinander. Ich glaube nicht, dass es das so oft gibt. Ich bin sehr dankbar, sie an meiner Seite zu haben, auch wenn uns genau fünfhunderzwölf Kilometer trennen. Eigentlich sollte Janine dann auch noch ein Paar Tage zu meinen Eltern fahren, sagte das aber ab: Anja, ich bleibe hier. Ich kann jetzt nicht weg fahren. Ich bleibe so lange, wie es nötig ist. Bis es zu Ende ist.

Kai war immer für Überraschungen gut. Meist erwartete mich immer eine neue Geschichte, die sich in der Nacht ereignete. Entweder hatte er zum Beispiel so viel Kaffee in sein Bett geschüttet, dass gar kein Wechselzeug mehr vorhanden war und improvisiert werden musste. Oder aber, er kippte beim Rauchen und Kaffee trinken des Nachts von seinem Rollstuhl. Und lag dann da rum. Auf dem Balkon. Mitte September. Durch Zufall entdeckte ihn eine Schwester, die gerade im Nachbarzimmer zu Gange war und auf den Balkon raus schaute. Seit dem trug Kai eine Art Piepser am Handgelenk. Naja. Nicht, dass er ihn rege benutzte, aber ich drückte dann schon das ein oder andere Mal drauf.

Am Wochenende kamen auch meine Eltern. Ich konnte mal aufatmen. Mein Papa ging mit Nils auf ein G-Jugend-Fußball-Turnier. Meine Mutter weilte mit Moritz bei Kai und ich war erst zu Hause und später auch bei Kai. Es war wunderschönes Wetter. Jeden einzelnen Tag vom 14. bis zum 26. September schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Und es war  herrlich warm. Den Samstag Nachmittag nutzten wir als Familie Lauckner/Persian. Kais Familie war auf der Palli. Alles in allem musste die Besucherei ganz schön organisiert werden. Jeder wollte gern kommen und jedem stand die Zeit auch zu. Besonders Kais Eltern. Dennoch war es für mich oft nicht leicht. Am Liebsten hätte ich die ganze Zeit nur für mich allein beansprucht. Aber, die Welt dreht sich eben nicht nur um mich. Auch, wenn ich es manchmal gern hätte. Nein, es ist ein Gefüge aus Vielem.

Und an diesem sonnigen Samstag Nachmittag zerrten wir die Tischtennisplatte in die Mitte vom Garten und veranstalteten ein Familien-Match. Es ging hier schließlich um Ehre. Zwischen durch schüttelten wir oft den Kopf und sagten uns, dass wir verrückt sein müssen. Kai liegt wenige Kilometer entfernt im Sterben und wir spielen Tischtennis. Und, soll ich Euch etwas sagen? Kai fand das toll. Und uns tat es gut. Das Leben zu spüren. Diese Seite, auf der wir noch eine ganze Zeit lang zurück bleiben würden. Und so lachten wir einfach besonders intensiv. Und freuten uns, dass wir gemeinsam als Familie so stark waren.

Ich erzählte das am darauf folgenden Tag auch mit einem leicht schlechten Gewissen meinen Schwestern und Ärzten auf der Palli. „Frau Lauckner, Sie machen das genau richtig. Und soll ich Ihnen etwas verraten? Das ist echt. So, wie Sie das machen, ist es echt. Nichts gekünsteltes dabei. Nichts, was Klischees und Schubladen entsprechen müsste. Sie vereinen beide Seiten. Das Leben und den Tod. Beides gehört zu diesem einen Kreislauf dazu. Machen Sie bitte weiter so!“

t.b.c.

(to be continued)

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