Lebensabschnitte kommen und Lebensabschnitte gehen

Die letzte Woche vor seinem Schulanfang ging Nils nicht mehr in der Kindergarten. Kindergartenferien heißt das Zauberwort. DAS gab es FRÜHER NIE ;-). Kai erledigte noch Restarbeiten am Carport. Meist auf dem Dach. Nils entweder DABEI oder bei und mit Freunden unterwegs. Auch an dieser Stelle danke ich all meinen/unseren Freunden, die Nils über all die Jahre bis heute schon fast als festes Familienmitglied betrachten und es überaus problemlos ist, dass Nils dort Zeit verbringt. Und zwar nicht notgedrungen. Das zwar manchmal auch, aber er letzten Endes einfach eine sehr gute Zeit dort hatte. Mit Bezug nehmenden Menschen. Er eingebunden ist in einen ganz normalen Alltag. Das hat uns damals sehr geholfen und ist jetzt auch oft meine Rettung. Wenns mal wieder länger dauert – im Büro. Oder ein Arzttermin ansteht.

In dieser letzten Woche vor dem Schulbeginn war ich im Büro. Ich kam nach Hause und traute jeden neuen Tag meinen Augen nicht. Kai baute ab. Aber sowas von. SICHTBAR. Er glich jeden Tag mehr einem Skelett mit Haut. Tief eingesunkene Augen, eingefallene Wangen und sichtbar werdende Knochen vom Kopf bis zu den Füßen, von denen man gar nicht wusste, dass sie so existieren. Es war schrecklich. Trotz allem behauptete Kai, dass er noch etwas länger hier wäre. Mindestens bis zum Herbst, wenn nicht sogar bis zum Hochzeitstag im Februar. Wobei ich an den Hochzeitstag selbst nicht glaubte. Dennoch. Irgendwie wollte ich ihm gern.

Er wog mittlerweile nur noch 58 Kilo. Trotz Dauerernährung und Infusionen. Aber der Herr Krebs ist ein Schmarotzer. Erst geht er ans Fett und anschließend an die Muskeln. Alles wird vertilgt. Kai war es teilweise so kalt, dass er den Ofen heiß anschürte und selbst ich fast verging vor Hitze. Und das will was heißen! Nachmittags waren wir noch oft bei Freunden. Einfach quatschen, Kaffee trinken. Bei Bauernschmitts schlief er dann schon immer ein am Tisch. Das war auch der letzte Besuch von Kai. Für alle.

Tagsüber versuchte er trotz allem noch alles Mögliche zu bewerkstelligen. So musste nebenbei auch noch die Morgen-Kaffee-Bank samt Tisch gebaut werden. Gerade noch so hat er das geschafft. Ich war in Dauerkommunikation mit Kristin von der Praxis. Über das world wide web, da die Praxis im Sommerurlaub und geschlossen war. Es wurde sogar ein Platz auf der Palli organisiert, um Kai wieder etwas aufzumöbeln. Kai wollte aber nicht. Es gehe ihm gut, er habe noch viel zu erledigen und keine Zeit für so etwas. Nun, wo er Recht hatte, hatte er Recht.

Am Montag vor dem Schulanfangsfest saßen wir gleich morgens bei Andreas in der Praxis. Ich frage mich, was er wohl gedacht hat, als er Kai dort so sitzen sah. Kai konnte seinen Worten gar nicht mehr folgen und war dauernd weg getreten. Schlief ein – mitten im Satz. Konnte sich einfach nicht mehr halten. Ich weiß auch gar nicht mehr, was genau wir jetzt besprochen hatten. Das Blut sollte getestet werden, Leberwerte untersucht, eventuell sollte eine Bluttransfusion Linderung schaffen. Das würden wir am nächsten Tag erfahren, wenn die Testwerte da sind. Ein CT wurde anberaumt. Vielleicht sieht man da, was Sache ist.

Fakt ist, dass es nahezu urplötzlich losging. Und täglich konnte man den Zerfall von Kais restlicher Gesundheit beobachten. Es war schrecklich. Ich fand es einfach nur schrecklich. Ich rief alle in der Familie an und warnte sie vor. Dass es Kai nicht gut gehe. Dass sie aber ganz normal mit ihm umgehen sollten. Zeitweise ihm die Ruhe lassen mögen.

Da wir aus dem Vogtland kommen, kennen wir den Brauch, den Einschulung recht groß zu feiern. Das stand für uns zwar schon immer außer Frage, aber ganz an die bayerischen Gegebenheiten wollten wir uns dann doch nicht anpassen. Wir begrenzten den Bereich der Gäste aber auf Eltern und Großeltern. Alles andere wäre für uns – nicht nur für Kai sondern auch für mich – definitiv zu viel geworden.

Ein Dienstag war es. Der große Tag. Ein so sehr aufgeregter kleiner großer Nils. Eine noch aufgeregtere Mutter und ein Vater der an diesem Tag es nicht schaffte, morgens das Bett zu verlassen. Sobald er sich aufsetzte, musste er sich übergeben. Kai – und ich – hatte immer das Ziel, die Einschulung von Nils mitzuerleben. Nun, er war an dem heutigen Tag zwar dabei, aber miterlebt hat er es nicht mehr.

Es brachte nichts, wir mussten los. Hin und her gerissen war ich. Eigentlich könne man Kai so nicht allein lassen. Aber Nils geht an diesem Tag nunmal vor. Das habe ich auch allen Gästen gesagt. Dass wir uns wünschen, dass Nils einen tollen Tag hat. Dass keiner Trübsal bläst sondern jeder sich mit Nils freut. Wir gaben uns auch allesamt allergrößte Mühe und es gelang sehr, sehr gut!
In Nils‘ Schule traf ich Birgit und Peter und saß auch direkt neben ihnen in der Aula. Wir sangen erst gemeinsam mit den Kindern „Es ist spitze, dass du da bist“ bevor sie einzeln aufgerufen und in die Klassen geführt wurden. Bei dem Lied, dass es spitze sei, dass man da wäre brach ich in der allerersten Reihe in unsägliche Tränen aus. Am Liebsten hätte ich mich unten hin gehockt und nicht wieder aufgehört. Mich einfach gehen lassen. Es war furchtbar und tat so entsetzlich weh. Nils tat mir leid. Kai tat mir leid. Ich tat mir leid. Die Eltern hatten etwas freie Zeit, bevor die Kids abgeholt werden sollten. Wir standen vor der Schule im Kreis und wollten einen Kaffee trinken gehen. Peter sagte mir: Anja, es ist nicht leicht heute, oder? Nein, das ist es nicht. Er nahm mich in den Arm und ich konnte nur heulen. Einfach nur heulen.

Mittags waren wir wieder zu hause. Kai ging es sichtlich schlecht. Er war immerhin schon angezogen beim Sofa angekommen. Ich rief in der Praxis an. Er bricht nur. Was machen wir denn. Andreas sagt, dass er in die Klinik müsse. Möglichst auf die Palliativstation. Wegen dem entsprechend vertraut-entspannten Umfeld und der ganzen Möglichkeiten. Wenn er freiwillig nicht geht, wird er wenige Tage später über die Notaufnahme ins  „herkömmliche“ Krankenhaus gebracht werden müssen und dort bleiben!

Kristin in der Praxis gab alles. Ich weiß noch, wie sehr alle mit uns litten. Es ist ja nicht so, dass auf der Palliativstation immer Betten frei sind. Manchmal schon. Aber oft eben nicht. Ich weiß nicht wie sie es möglich gemacht haben, aber es gab ein Zimmer am nächsten Tag für Kai. Ich solle mit ihm reden. Wenn er nicht in die Klinik geht, zerrt er ihn an den Ohren hin, meinte Andreas. Irgendjemand musste sicher seinen fast schon festen Platz für uns wieder hergeben. Tragisch. Aber in dem Fall muss ich einfach egoistisch bleiben. Andreas riet außerdem, den Hausarzt zu holen, der mal nach ihm sieht. Kais Antwort: Heute kommt mir hier kein Arzt ins Haus. Er klemmte seine Ernährung ab und ließ sich keine Infusion anlegen. Er verweigerte alles.

Alle waren sie da am Nachmittag. Meine Eltern, Kais Eltern und meine Großeltern. Es war die pure Aufregung für Nils. Soooooooo viele Geschenke und alles so neu. Kai saß immer mitten drin. Oder das, was von ihm noch übrig war. Viel war es nicht mehr. Und Kai? Kai ging an diesem Tag. An diesem Tag starb seine Seele. Sein Inneres. Zwischendurch, als sich die erste Aufregung gelegt hat und Andreas zum dritten Mal mit mir sprach, redete mein Papa mit ihm. Er redete ihm gut zu, zu gehen. Ins Krankenhaus. Mein Opa tat das gleiche. Ich kam dazu und erinnere mich noch genau an diesen meinen Satz: Kai, du gehst dort nicht zum Sterben hin, sondern zum Aufbauen.

Eigentlich gab es nichts mehr zum Aufbauen und Kai wusste das auch. Kai wusste, wenn er sich dafür entschied, morgen in der Palli einzuchecken, dass es dann sein letzter „Check in“ wäre. Und heute weiß ich, wie furchtbar es für ihn gewesen sein muss. Wieder einen riesigen Schritt dem Ende näher zu kommen. Und sich dafür auch noch bewusst zu entscheiden. Kai verbrachte die Zeit, die er irgendwie ein wenig stehen konnte im Garten. Er lief umher. Immer mal wieder einknickend. Sah sich alles genau an.

Anja und Dirk kamen noch auf einen Kaffee vorbei. Kai saß zwischen beiden, wie in Schluck Wasser. Bekam kaum mehr etwas mit. In einem wachen Moment eine Woche später sagte er mir dann, wie schwer dieser Tag für ihn war. Gefangen zu sein in der Krankheit. Zu wollen aber nicht mehr zu können. Das einzige Ziel, dass er noch hatte. Nils einmal in die Schule zu begleiten. Das hat er nicht mehr geschafft. Und das nagte sehr an ihm. Das konnte er kaum akzeptieren.

Mein lieben Eltern räumten mit mir auf. Wie immer eigentlich. Wenn meine Eltern abreisen, ist immer alles picco bello an seinem Platz. Kai schlief auf der Couch. Er war so gelb, so blass, so klein. Ich sagte meiner Mutter, dass ich gar nicht mehr hinschauen könne, da er genau jetzt und heute so schlafend aussieht, wie eine Leiche. Meine Eltern verstanden mich. Sehr.

Nach einem gemütlichen und zur Ruhe kommendem Glas Wein sind sie dann gefahren. Ich stand auf der Straße, in den Armen meiner Eltern und konnte auch wieder nur weinen. Es war leichter, wenn sie da waren in dieser Zeit. Und es wurde fast unerträglich schwer, wenn sie wieder fuhren. Dann kam ich mir allein, klein und zerbrechlich vor. Nicht der Aufgabe gewachsen. Naja, ich habs dann ja wohl doch ganz gut hinbekommen. Und allein war ich auch nicht. Alle waren da und alle halfen mit. Dennoch. Eltern bleiben eben Eltern.

Und so endete Nils‘ Schulbeginn. Mit einem lachenden Auge und einem, dass nicht aufhören konnte zu weinen.

Jetzt wussten wir es. Es geht los.

Möge die Straße
uns zusammen führen
und der Wind in deinem
Rücken sein.
Sanft falle Regen
auf deine Felder
und warm auf dein Gesicht
der Sonnenschein.

Und bis wir uns wieder sehen
halte Gott dich fest in seiner Hand

Führe die Straße
die du gehest
immer nur zu deinem Ziel bergab
Hab,wenn es kühl wird
warme Gedanken und den vollen Mond
in dunkler Nacht.

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