Training

Im Juni beginnt die Zeit, in der es ohne Morphium nicht mehr geht.

Am Pfingstwochenende besuchte uns meine Schwester Janine mit Daniel und Moritz. Das Wetter war herrlich und wir setzten über offenem Feuer im Garten einen Kesselgulasch an. Meine Eltern kamen auch noch dazu. Ich erinnere mich, dass Kai ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt anhatte. In Größe „S“. Und es hing ihm fast wie ein Lappen am Leib. Die allermeiste Zeit lag Kai aber auf dem Sofa. Selbst draußen in der Sonne zu sitzen oder zu liegen war ihm zu viel. Wir alle machten uns Sorgen, da er wesentlich mehr Schmerzen als sonst empfand. Abwechselnd hüteten wir den Kessel oder leisteten Kai im Wohnzimmer Gesellschaft. Wir gaben uns schon Mühe, dass er trotz allem in dieses Pfingstwochenende mit eingebunden wird.

Wir aßen alle gemeinsam draußen auf der Terrasse. Kai probierte es auch. Ich kann es Euch sagen. Diese gemeinsamen Mahlzeiten, die aber sehr selten geworden sind, zerrten an allen Nerven, die ich noch besaß. Einerseits gönnte ich Kai NATÜRLICH, dass er auch mit essen konnte und es probierte. Auf der anderen Seite allerdings hätte ich es gern gehabt, dass er eher verzichtete. Ein Bissen zu viel oder ein falsches Gemüse und das Drama war perfekt (also nahezu alles, was im Kesselgulasch vorhanden ist, gehört eigentlich zu den verbotenen Lebensmitteln…aber, was sollten die schon größeren Schaden anrichten, außer dass er wieder litt. Mehr kaputt machen konnten Zwiebel, Paprika und Co. auch nicht). So konnte ich selbst kaum genießend essen und zählte schon fast unterbewusst mit, was Kai alles so hinter schluckte. Gern wäre ich gelassener gewesen, konnte es aber einfach nicht. Nun, meine Mutter ist mir da (leider) sehr ähnlich und so bohrten wir alle mit unseren Blicken in Kai herum. Er muss sich schon ganz durchlöchert vorgekommen sein. Das mochte er natürlich gar nicht und eh schon nervlich strapaziert konnte das Procedere dann auch nicht gerade stimmungsaufhellend wirken.

In der Zeit, in der wir Erwachsenen alle auf unserem Beobachtungsposten weilten, hatte dafür Nils freie Hand das Baby Moritz – gerade 10 Monate alt – mit Kesselgulasch zu füttern. Moritz wollte eben gern probieren und sein bester Freund und Cousin Nils tat ihm natürlich den Gefallen. Immerhin handelt es sich schließlich um MORITZ. Breit strahlend saßen die zwei dann da, als ein kleiner Aufschrei durch den Rest der zum Teil erziehungsberechtigten Familienmitglieder ging. Bei Moritz musste man in der Ernährung leider ganz besonders aufpassen, da er dummerweise die Neugeborenen-Neurodermitis erwischt hat. Naja, ohne größere Komplikationen ging das gut aus.

Am Sonntag Abend allerdings war es so schlimm bei Kai, dass wir an der Höchstdosierung unserer zu Verfügung stehenden Schmerzmittel angekommen waren und sich aber leider keine Besserung zeigte. Mit Anke – meiner Freundin und Frau von Andreas – beschrieb ich per SMS das Problem. War ja schon nach 22 Uhr. Andreas ließ ausrichten, dass wir am Vormittag des Pfingstmontages in die Praxis kommen sollen. Er wäre da und gibt Kai Morphium.

Gesagt – getan. Janine passte mit auf Nils auf. Und wir fuhren und bekamen Retard-Tabletten, die Andreas in der Praxis hatte. Nicht unbedingt niedrig angesetzt. ABER, was wissen schon die Ärzte, Kai. Oder? Nichts, stimmt’s? ;-). Da konnte man Kai noch so sehr erklären, dass „retard“ bedeutet, dass die Tablette über einen langen Zeitraum wirkt und immer Stück für Stück die Dosis frei setzt. Der Spiegel muss sich – wie beim Schmerzpflaster – eben erst aufbauen. Nichts da. Das stimmt doch eh nicht. Also liegt natürlich nahe, gleich ZWEI Tabletten zu nehmen. Das hat Kai natürlich nicht verraten. Wir hatten überraschend noch Susi und Joachim zum Abendessen zu Besuch. Kai allerdings war nicht anwesend. Oder, nur kurz. Zum Einen war er extrem müde (der Körper muss sich an Morphium erst gewöhnen) und zum Anderen verbrachte er seine Zeit im Bad. Denn ihm war extremst übel. Das passiert auch schon bei einer Tablette. Bei zwei Tabletten helfen dann nicht mal mehr die gegenwirkenden MCP-Tropfen. Ich hab mich echt gewundert, warum Kai es gar so dreckig ging. Rigoros allerdings, wie ich es lernen musste im letzten Jahr, überprüfte ich dann die „Löcher“ in der Tablettenschachtel. So kam ich zu dem Schluss, dass Kai sich mal wieder nicht an alle Empfehlungen gehalten hat. Und wie wichtig war es, genau zu wissen, welche Mittel und in welcher Art und Weise genommen wurden. Nur so konnte man Nebenwirkungen der Medikamente und die Nebenwirkungen des Krebses unterscheiden. Gerade für die Schmerztherapie war es unabdingbar, genau zu arbeiten. Das geht aber nicht, wenn Kai zwischendurch mal noch eine Kapsel zusätzlich einwirft und das aber verschweigt. Er hat es eben leider nie verstanden, dass er sich so die bestmögliche Hilfe leider selbst versagt. Ich habe wirklich viel beobachtet und weitergeben aber bei Weitem nicht alles, wie ich feststellen durfte, als Kai gestorben war.

Die Tabletten wirkten nicht gut. Somit stiegen wir um auf „Oramorph“. Kleine Ampullen, die sofort wirken. Binnen weniger Minuten. Damit kam Kai – und auch ich – besser zurecht. Auch, wenn ich noch MONATE nach seinem Tod in irgendwelchen Taschen und hinter Reißverschlüssen leere Ampullen entdeckte.

Mitte Juli fuhren wir noch einmal – nur zu zweit – in einen kleinen Kurzurlaub in die Berge. Unsere Berge. In den Teil der Alpen, den wir oft gemeinsam besuchten. Mit Nils und auch ohne. Dort verlobten wir uns auch. Damals sehr spontan.

Am Freitag Morgen sollte es losgehen. Nils war zu den Großeltern gereist. Kai war sehr fröhlich, fit und voller Tatendrang. Er hatte eine Bügelmanie. Ich hab die ja eher nicht so. Die hat er mir auch nicht hinterlassen. Die ist wohl abhanden gekommen in diesem Haus. Jedenfalls stand er bereits sehr zeitig auf, putzte die Küche und bügelte die Wäsche. JA, er machte es tatsächlich FREIWILLIG und am Ende auch noch GERN. Der Neid anderer Ehefrauen war mir sicher :-). Gegen zehn starteten wir dann und hielten noch kurz bei Freunden in der Firma an. Wie sich das bereits eingebürgert hat, fuhr ich und Kai war Beifahrer. Die Strecke nach Bad Reichenhall lag vor uns. Mit Stopp am Chiemsee. Wie oft waren wir am, auf und im Chiemsee. Nicht eine Wolke war am Himmel. Es war warm aber nicht zu heiß. Wir waren noch nicht ganz auf der Autobahn, fiel Kai schon ins Koma. Diese „andere“ Müdigkeit schlich sich schon seit einigen Tagen immer mehr in sein Leben. Von einer auf die nächste Sekunde war Kai weg. Egal, was er gerade tat. Und, egal, wie sehr er sich auch bemühte, er konnte nicht wach bleiben. Oder wieder wach werden.

Ich fühle es noch genau. Wie ich gen Süden fuhr und dachte, was ich machen würde, würde er jetzt sterben. Hier neben mir im Auto. Denn genau so sah er nämlich aus. Leblos. Sehr leblos. Ist schon komisch, aber dich dachte mir ganz ernsthaft, dass ich dann – sollte dieses Ding tatsächlich hier und jetzt eintreffen – stehenden Fußes umkehre und in sichere Gefilde zurück fahre. Mit dem toten Mann neben mir. Ob ich es geschafft hätte: keine Ahnung. Aber beim allerbesten Willen wollte ich nicht in der Fremde und fern ab von Freunden und Familie mich damit auseinander setzen.

Wir versuchten es mit einem Mittagessen in der Sonne sitzend direkt am See. Nichts zu machen. Bereits während Kai seine Kaffeetasse hob, war er schon wieder eingeschlafen und ich musste das gute Stück schnell auffangen, bevor es noch Sauerei gab. Ich war hin- und hergerissen. Zwischen dem schönen See und dem unnatürlichen Schlaf. Ich konnte mich daran einfach nicht gewöhnen. Ich bat Kai, dass er sich wenigstens mit dem Kopf auf den Tisch legt. Dann sähe es nicht ganz so aus, als würde er im Sitzen gestorben sein. Aber das kam gar nicht in seinem Hirn an. Während wir zurück zum Auto liefen, musste Kai sich dann übergeben. Das war jetzt auch so eine Sache. Oft kam es ohne Vorwarnung einfach zurück gelaufen. Mitten im Satz. Mitten im Laufen. Mitten im Nichts. Mitten in Allem. In der Hinsicht bin ich schon wirklich sehr stark geworden.

Als wir aus diesem Wochenende im Salzburger Land zurück kehrten, sagte ich: So, dass war jetzt Training. Training, wie es ist ohne Kai zu sein.

Denn Kai war eigentlich nicht da. Die Reise war viel zu anstrengend für ihn. Er schlief die allermeiste Zeit. In unserer Pension direkt am Thumsee angekommen, legte er sich gleich ins Bett. Kaum die Treppen schaffte er noch. Ich lud alles aus, schaffte es die Treppen hoch und verräumte. Wir vereinbarten, dass ich ihn gegen 18 Uhr weckte und nachfragte, wie es ihm geht. In der Zeit spazierte ich zum See, lag in Liegen in der Sonne, genoss den Ausblick, las in Büchern und machte mir Sorgen. Irgendwie ging das jetzt schneller, als ich gedacht habe.

Den Freitag Abend verbrachten wir wundervoll. Das waren drei Stunden, in denen ich glücklich war. Restlos. Wir schlenderten durch die abendliche Stadt, Kai leistete mir beim Essen Gesellschaft. Wir tranken Kaffee, schauten uns die Geschäfte an und spazierten Hand in Hand durch den Kurpark zurück zu unserem Auto. Es war ein Abend, an dem wir viel lachten, viel küssten und uns sehr, sehr nahe waren. Ich saugte es auf, wissend, dass nicht mehr viel davon übrig wäre.

Am Morgen ging ich allein zum Frühstück. Kai war einfach nicht in der Lage. Er brauchte morgens immer länger, bis er fähig war, unter Leute zu gehen. Ich bezahlte, belud das Auto und weiter ging es nach Österreich.Ein tolles Hotel mitten in den Bergen. Wir kamen an, Kai legte sich hin und stand die nächsten fünf  Stunden nicht mehr auf. Ich erkundete allein die Gegend, fuhr landeinwärts, spazierte durch den Ort und saß schlussendlich lesend im Café unterhalb unseres Hotels. Für ein Stündchen gesellte sich Kai dann dazu. Wir konnten sogar noch ein paar Schritte gehen. Auch abends saßen wir noch draußen und tranken Mojito. Kai einen halben, ich einen ganzen und seinen halben. Das 4-Gänge-Menü ließ er aus. Mich störte es schon gar nicht mehr, wie verwundert die Menschen waren, wenn nur ich am Tisch saß und aß und Kai mir dabei zusah.

Kai liebte es zu frühstücken. Besonders wenn es alles gab, was sein Herz begehrte. Warme Semmeln, Butter, Erdbeermarmelade, Nutella, Schinken, Käse, Eier in allen Variationen und Kaffee in rauen Mengen. Und an diesem Morgen konnte er sich nicht zurück halten. Wir hatten schon ausgecheckt, so dass ich hin und her überlegte, wie ich meinen desolaten Mann am Besten wieder auf die Beine bringen konnte. Ich war kurz davor – mal wieder – nach einem Arzt zu fragen. Kai krümmte sich vor Schmerzen. In diesen Momenten standen sämtliche Gefühle und Ängste von mir hinten an. Dann war ich nur noch da, um zu helfen. Fast wie eine Krankenschwester. Warum geht es Kai schlecht. Wie kann man helfen und lindern. Was ist zu tun. Kai war ziemlich stolz auf mich. Und ich auch – muss ich zugeben. Niemals hätte ich gedacht, dass ich derart über mich hinauswachsen und mich dahingehend entwickeln kann.

Letzten Endes war Kai dann irgendwann auch reisefähig. Ich holte das Auto, belud und ließ Kai einsteigen.

Wir wussten beide, dass es das letzte Mal war.
Dass wir beide oder gar mit Nils zusammen so eine kleine Reise nicht mehr bewerkstelligen würden können.

Das war das letzte Mal.

Und das letzte Mal glich eher auch noch einem Trainingslager, statt einer Erholungsreise.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s