Der letzte gute Tag

Wie jedes Jahr werden wir alle, wie wir hier sitzen, ein Jahr älter. Auch wenn man es mir nicht ansieht, so blüht auch mir immer wieder aufs Neue dieses jährliche Unterfangen :-). So auch in 2011. Da wir unseren Urlaub in Italien verlängerten, kamen wir auch erst einen Tag vor meinem Geburtstag zurück.

Und dieser dreiundzwanzigste Mai war einfach einer der schönsten Geburtstage, die ich je feierte. Weder habe ich eingeladen, noch etwas vorbereitet. Auch mal schön. Getränke sind ja eh immer im Haus, ansonsten haben wir ja gute Verbindungen zum hiesigen Getränkemarkt. Birgit eröffnete den Gästestrom morgens um elf. Ihr Sohn hat am gleichen Tag Geburtstag, deswegen kommen wir uns mit Feierlichkeiten immer in die Quere. Zumindest abends. Denn nachmittags bin ich grundsätzlich bei ihr zum Kaffee eingeladen und bekomme ebenso grundsätzlich immer einen eigenen Geburtstagskuchen! So auch an diesem Tag. Falls ich Gäste bekäme. Und wir ja erst zurück gekommen sind.

Die Sonne strahlte nur so vom Himmel und bis Mitternacht gaben sich feierlaunige Gäste die Klinke in die Hand. Überraschend kamen meine Schwester samt Baby Moritz und meiner Mutter vorbei. Ansonsten jeder, der mir und dem ich am Herzen lag. Wir bestellten Pizzen, die Kai kurzerhand auf einem aus Malerböcken und Holzbohlen improvisiertes Buffet aufreihte. Es war so ein lauer Frühsommerabend, dass wir bis spät im Schein von Laternen und Kerzen draußen sitzen konnten. Caipirinhas wurden gemixt, gelacht, zur Musik geschaukelt und haben einfach diesen geselligen Tag gemeinsam ausklingen lassen. Kai ging es prima. Mir ging es prima. Nils eh, wenn Feierlichkeiten angesagt sind. Der Urlaub hatte uns alle wirklich erholt. Seither habe ich so eine Erholung nicht mehr gefühlt. Jedenfalls nicht so intensiv und anhaltend.

Meine lieben Eltern wollten mir Arbeit abnehmen und mir den ausgestalteten Geburtstag mit der Familie in meinem Heimatort schenken. Wir wollten in etwas größerem Stil in der Cafeteria des Arbeitsplatzes meiner Mutter feiern. Just an meinem Geburtstag brach dort aber ein Magen-Darm-Virus aus, der solcherlei aber streng untersagte. Meine Mutter ganz außer sich, da sie doch gern mir einen schönen Tag schenken wollte. Aber, wie ist das gleich nochmal mit den Viren und Bakterien? Die IMMER unsere Wege durchkreuzen und mit uns üben, es zu nehmen, wie es kommt und wie es ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Tja, wir haben diese Fäden eben nicht in der Hand. Zu recht, wie sich immer wieder zeigt. Wir beschlossen, dann nur in ganz kleinem familiären Kreis zu feiern – bei meinen Eltern im Wohnzimmer. Das Wetter spielte auch nicht so bahnbrechend mit, als dass wir hätten im Garten sitzen können. Alle saßen beisammen. Das persönliche Horrorszenario meiner Mutter: irgendjemand könnte auch nur ganz entfernt tief im Unterbewussten versteckt gehalten das Gefühl entwickeln, nicht restlos bis oben hin vollgegessen zu sein. So bog sich der Steintisch meiner Eltern auch unter der Last der lukullischen Genüsse. Meine Großeltern. Meine Schwester mit Daniel und Baby Moritz. Meine Eltern. Nils. Ich. KEIN Kai. Ich saß bei meinem eigenen Geburtstag ohne meinen Mann an der Festtafel. Klasse. Muss das sein? Säuerlich blieb mir aber nichts anderes übrig, als es hinzunehmen. Aber, was war denn jetzt auf einmal los? Ihm ging es doch bis gestern noch blendend. Oder hatte er einfach keine Lust auf Gesellschaft? Keine Ahnung. Anfangs lag er noch auf dem Teppich im Wohnzimmer und hielt sich den schmerzenden Bauch. Später dann verzog er sich in „unser“ Zimmer. Ich schaute immer mal nach ihm. Und dann holte ich meine Mutter zu Rate. Kai konnte nicht sagen, was ihm fehlte. Ich war schon versucht, einen Arzt zu rufen, da er gar so elendig dran war und nahe der Bewusstseinsgrenze im Bett lag. Meine Mutter – ganz die Krankenschwester aus Leidenschaft – überprüfte Puls und Blutdruck. Musste feststellen, dass man ja beides kaum noch spürte, geschweige denn ernsthaft messen konnte. Da wir nahezu ausgestattet wie eine semiprofesionelle Apotheke auf Reisen gingen, bekam Kai kreislaufstabilisierende Tropfen und konnte so wenigstens am Abend sich in der Lage fühlen, auf der Couch zu liegen und „anwesend“ zu sein. Wir waren nur immer wieder froh, dass wir doch kein Fest im größeren Rahmen feierten. Ich glaube, für jeden wäre es einfach nicht leicht gewesen, mit dieser Situation umzugehen. Kai hätte wieder Kräfte investiert, um zu tun, als wäre alles super. Kräfte die aber definitiv nicht vorhanden waren. Nicht mal auf Kredit. Da fiel es mir ja schon schwer, mit ihm umzugehen. Von dieser Seite kannte ich die Krankheit nämlich noch nicht. Obwohl ich es noch am „leichtesten“ von allen nahm. Im Sinne von: es ist Kerbs – was erwartet man. Im Grunde kam ich immer mit allem klar. Nur nicht mit Neuem. Auf Neuerungen im Verlauf gen Süden musste ich mich immer erst einstellen, auf Ärzte-Interviews gehen und mich belesen. Dann, wenn ich die Basics erlernt und verinnerlicht habe, konnte ich mit JEDER Situation leben. Egal, wie schlimm sie war. Nur auskennen musste ich mich eben. Ich musste es erklären können. Leider so eine unsägliche Marotte von mir.

Im Nachhinein stelle ich fest, dass an diesem Wochenende die Wende eintrat. Die letzte Weggabelung. Keine Konstante mehr. Sondern nur eine Richtung mit einem Ziel. Kein „es kann noch eine Weile so gut weitergehen“. Jetzt war er da. Der sichtbar endliche Weg. Ganz sicher begannen die Metastasen zu durchbrechen. Unaufhaltsam schneller werdend. Das verursacht unsägliche Schmerzen.

Am Sonntag – dem 29. Mai ging es Kai noch einmal ohne Morphine gut. Morgens schien er fast ein wenig erholt, da der Kreislauf wieder stabil war. Zwar im unteren Level, aber stabil. Die Sonne schien. Es war warm. Gegen Mittag fuhren wir wieder nach Hause, um pünktlich beim Spielfest im Nachbarort aufschlagen zu können. Mittags lagen wir gemeinsam im Garten. Gesicht an Gesicht. Nase an Nase. Kai aufatmend, dass es ihm besser ging. Ich noch viel mehr aufatmend. Diese Momentaufnahme sehe ich ganz deutlich vor mir. Ich kann ihn förmlich riechen. Und fühlen. Wie schön es war. Dieser allerletzte unbedarfte Moment. Ein Moment, der immer einen festen Platz in meinem Herzen haben wird. Ein Moment der Kai keine Schmerzen bereitete. Ein Moment der mir keine Schmerzen bereitete. Diesen Mann, der so auf mich einging, wie an diesem Tag. Den liebte ich. Von Herzen und viel mehr.

Das Spielfest war toll. Viele Leute grüßten uns. Wir saßen und erzählten. Hatten einfach Freude. An der dörflichen Welt. Teilten uns ein Radler. Nils fuhr in Endlosschleife mit dem Feuerwehrauto mit. Ein Nachmittag ohne Sorgen. Auch ich konnte mich einmal nicht sorgen. War fast so etwas, wie gelassen.

Es gibt ja das letzte „Aufbäumen“. Das war nicht das letzte Aufbäumen vor dem Tod – auch das lieferte Kai aber bilderbuchgleich ab. Nein, es war das letzte Aufbäumen vor dem beginnenden Endstadium. Einem Krebsgeschwür, das an diesem Wochenende begann, sich durch den ganzen Körper zu fressen. Auch meine gute Zeit endete an diesem Wochenende.

Kräftezehrendes steht bevor. Intensiver, als ich mir es hätte je vorstellen können.

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