Die Geschichte vom Traumurlaub. Dem letzten. Manerba del Garda

Im Februar buchten wir ihn. Unseren letzten gemeinsamen, echten Familienurlaub. Ich erinnere mich noch an diesen Nachmittag. Yvonne war zu Besuch und Kai überraschte mich tatsächlich mit einem SELBSTgebackenem, noch warmen Gugelhupf. Freudestrahlend. Er musste eben noch alles probieren, was er probieren wollte. Ich freute mich, dass das verhasste Kuchenbacken ebenso dazu gehörte.

Yvonne zeigten wir die Bilder unserer Unterkunft. Lang habe ich gesucht und die arme Mitarbeiterin des Reisebüros meines Vertrauens lang beschäftigt. Ich verglich natürlich immer mit einem weitläufig bekannten Bewertungsportal. Schließlich möchte jeder Anbieter im Katalog seine Anlage als die Beste verkaufen. Nicht erwähnt wird dann die Hauptverkehrsstraße, die zwischen Hotel und Seeufer liegt. Oder, dass das Frühstück miserabel und total überteuert wäre. Ich finde ja, dass die Italiener das Frühstück nicht erfunden haben. Jedenfalls nicht gemessen an den traditionellen Maßstäben unserer deutschen Herkunft.

Letzten Endes fanden wir aber das „Onda Blu“ in Manerba del Garda. Hohe Weiterempfehlungsrate, die ich gern anführe. Und so freuten wir uns an diesem Februar Nachmittag auf unseren bevorstehenden Urlaub. Kai sagte, tja Anja, das wird dann wohl unser letzter gemeinsamer Urlaub werden. Ich lachte darüber. Ja, Kai. Das wird es wohl. Machen wir also das Beste draus. Yvonne verstand unseren Humor gar nicht. Verständlicher Weise. Ich finde, als außenstehender leidet man oft intensiver. Man steckt ja nicht drin in der Situation. Man kann nur die Angst fühlen „Was wäre, wenn mir oder meinem Mann das passieren würde. Ich könnte nicht so reden.“ Und wer schon so seine Erfahrung mit der Angst gemacht hat, weiß, dass die Angst vor der Angst oft schlimmer ist, als die eigentliche Situation vor der man sich gefürchtet hat. Sicher vermittelten wir Familie und Freunde, unserem gesamten Umfeld, dass es keinerlei Hoffnung auf Weiterleben bei Kai gab. Warum ein Geheimnis oder gar einen Hehl draus machen. Es war nun einmal so. Und weil wir beide das so gut lebten, konnten wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Die Minuten zu nutzen. Wie und wo es nur ging. Manchmal schlechter und ganz oft aber sehr viel besser. Kai, wie kannst du nur so was sagen, meinte Yvonne. Ich kann sie verstehen. Uns aber ebenso. Und um uns – im Speziellen um Kai – ging es ja schließlich.

Bevor es losgehen sollte, verfielen wir hinsichtlich Kais Körpergewicht und mangelnder Ernährung in ein kleines Drama. Das Gewicht sank. 63 Kilo. Manchmal auch drunter. Der Port entzündete sich dauernd und konnte so natürlich nicht genutzt werden. Also schlug unsere Ernährungs-Edeltraut gemeinsam mit Andreas und Kais Chirurg den Einsatz einer PEJ-Sonde vor. Perkutane endoskopische Jejunostomie-Sonde. Sprich: eine Dünndarmsonde. Man könne ganz anders ernähren. Hochkalorischer und vor allem nicht so problematisch was Keime und Bakterien anbelangt. Nun, mein lieber Mann lehnte das grundsätzlich erst einmal ab. Igitt. Sowas will ich nicht. Doris, meine liebe Freundin, die aufgrund ihres Berufs sich allerbestens auskennt in allen medizinischen Belangen, klärte Kai auf. Kai hielt viel von ihr und ihrer Fachkundigkeit. Ich ebenso. Wie oft war sie meine erste Anlaufstelle, wenn ich wieder hysterisch medizinische Fragen zu beantworten hatte. Doris war immer da. Ihr Mann, der Kai mit operierte, ebenfalls. Ein Segen diese beiden. Kai fand das auch. Frag doch mal Doris, meinte er immer. Oder frag doch mal deine Mutter, Anja. Nun, Kais Chirurg zerstreute dann allerletzte Zweifel bei einem Gespräch in der Klinik und zwei Wochen vor unserer Reise sollte die Sonde gelegt werden. Wieder – zum vierten Mal – wurde die große Bauchnarbe geöffnet. Nach drei Tagen durfte Kai dann auch schon nach hause. Wir bekamen eine neue Pumpe, einen neuen Rucksack, neue Beutel. Ein neues System. Alles neu. Nachts laufen lassen, ging leider nicht, da Kai sich dann fühlte, als hätte er einen Bären verschlungen, der ihm im Bauch läge. Und langsam beginnen mussten wir. 20ml/h. Das war ein hartes Stück Arbeit. Kai trainierte aber wie wild, um schnellstmöglich auf die Mindestmenge an Kalorien und Flüssigkeit zu gelangen. Er schaffte es, dass wir in „Normalzustand“ abreisen konnten. Einen Tag zuvor wurden die Fäden und Klammern noch entfernt und just in time waren wir bereit. Meine Mutter machte sich, wie so oft, große Sorgen, dass das alles zu viel ist. Wir später oder gar nicht fahren sollen. Verstehen kann ich sie. Ohne Frage. Aber wir spürten, es war richtig. Okay und wir hätten eine schöne Zeit.

Als wir zurück kamen, wussten wir, dass es der letztmögliche Reisezeitraum gewesen war. Zwei Wochen später hätten wir unser Vorhaben nie mehr realisieren können.

Also gut. Das Auto bis unters Dach vollgestopft – die Hälfte davon mit medizinischer Ausrüstung – und alle an Board, fuhren wir nachts gegen 2 Uhr los. Kai fuhr bis zum Irschenberg. Den Rest bis zum Ziel ich dann. Es machte ihm Spaß, er fühlte sich gut und vor allem frei. Ich gönnte es ihm. Nils schlief übrigens NICHT EINE EINZIGE SEKUNDE in der ganzen Zeit. Zu aufgeregt war unser Knirps.

Über den Brenner-Pass passierten wir auch Schnee. Und Minusgrade. In Bozen dann wurde es wärmer. Nils wurde mein Co-Pilot und war ganz arg stolz, während Kai auf der Rücksitzbank lag. Sitzen konnte er nicht mehr. Aber, ich Navigationstalent :-), fand den Weg trotzdem. Ich gehöre auch zu der Sorte Autofahrer, die sich die Strecke immer auf der Landkarte anschauen und sich Eckpunktstädte und Richtungen einprägen. Am Ende kann mich die Maschine im Auto nicht leiden und schickt mich ganz woanders hin. Weiß ich ja nicht. Sind ja meist auch Frauen, die da vor sich hinplappern. Frauen und Frauen werden ja oft zu Zicken. Nein, nein. Darauf verlasse ich mich mal lieber nicht.

Birgit, weißt du noch, als unser Plappermaul ständig wollte, dass wir von der Autobahn runter fahren? Die hat sich echauffiert und keine Ruhe gegeben. Pfffff. Die alte Querulantin.

Um das Wetter sorgte ich mich bereits Wochen vor dem Urlaub. Das Internet in allen Sektionen versprach Regen und Temperaturen um die 15 Grad Celsius. Durchgehend. Nun. Bei wolkenlosen dreißig Grad Celsius kamen wir gegen Mittag in Manerba an. Und reisten genau so und braun gebrannt wieder ab. Ha.

Da Nils noch nicht in die Schule ging konnten wir glücklicherweise die Zeit außerhalb der Ferien nutzen. So teilten wir uns den Pool der Anlage mit Blick auf den direkt angrenzenden See mit 4-5 Miturlaubern. Wir kamen an, luden aus und fühlten uns sofort wohl. Sonne belebt. Eindeutig.

Die Zeit spielte für uns in diesen Tagen keine Rolle. Sie wurde nebensächlich. Hatte keinerlei Bedeutung. Wir lebten einfach. Als Familie, jeder für sich, wir als Paar. Es war der schönste Urlaub, den wir zu dritt je erleben durften. Traumhaftes Wetter – die ganze Zeit. So dass wir Mitte Mai bereits im Gardasee baden konnten. Vertrautheit. Vertrauen. Es war kein „wir müssen jetzt das Beste rausholen – Urlaub“ sondern wir lebten es einfach – das Beste für uns.

Kai konnte es natürlich nicht lassen und aß Dinge, die er einfach nicht mehr vertrug. Pommes Frites zum Beispiel. Was im vergangenen Herbst fast keine Probleme bereitete, konnte Kai nun gar nicht mehr verdauen. Also, kam es zurück. Auf selbem Weg. Einmal kam die freundliche Servicekraft vom Restaurant unserer Anlage zu mir und fragte, ob sie einen Arzt holen solle. Sie befürchte, meinem Mann geht es nicht so gut. Ich konnte sie aber beruhigen und versuchte ihr die „Normalität dieser Sache“ zu erklären. Es sprach sich eh schnell rum, da Kai natürlich auch in Badehose am Pool lag. Mit riesiger Narbe, dünnen Gliedmaßen und dem heraushängenden Schlauch der PEJ-Sonde. Manchmal wurde er auch angesprochen.

Morgens holten wir uns immer frisches Baguette und aßen draußen in der Morgensonne mit Blick auf de ruhenden See. Keine Welle war zu beobachten. Kai war der Essenscoach in diesen Tagen. Er fühlte sich in küchentlichen Gefilden eh immer wohler als ich. Er kochte mit Leib und Seele. Ausladend und mit Herz. Das war SEIN Ding. Logisch, dass es morgens Eier mit Speck gab oder er immer etwas anderes zauberte. Einen Latte Macchiato à la Kai bekam ich immer. Er aß sogar mit. Ich glaube, die Gelassenheit der Gegend, der See, wir fernab von Krankheit und Klinik ließen Kai besser funktionieren. Normale Kinderportionen schaffte er ohne Mühe und erbrach sich sehr, sehr selten. Fotos aus dieser Zeit kann man kaum wahr haben. Keine vier Monate später solle er tatsächlich gestorben sein. In diesen beiden Wochen undenkbar. Auch für mich.

Wir bereisten Sirmione, aber nur, um ein Motorboot gleich zwei mal zu erleihen. Wahnsinn. Selbst mir machte das Spaß. Wir aßen Eis in Salo, fuhren in die Weinberge, rasten per Fastboat nach Limone. Oder erklommen die Rocca di Manerba. Bei diesem Ausflug – einer der schönsten Stunden des Jahres, machte ich viele wunderschöne, atemberaubend blaue Fotos. Eine Familie auf dem Gipfel ihres Seins. Vollkommen zufrieden, trotz widriger Umstände. Dieser Tag schlauchte Kai im Nachhinein so sehr, dass der Trip nach Limone eher hätte ausfallen sollen. Kai sprach GAR KEIN Wort. Nichts. Das Fast-Boat musste Horror für ihn gewesen sein. Man knallt auf den Wellen auf, als wäre es der pure Asphalt. Aber: Nein, mir geht es gut. Mir fehlt nichts und mir tut auch nichts weh. Am nächsten Tag dann gab er zu, dass er viel zu schlapp und schmerzgeplagt war, um den Tag genießen zu können. Naja, wir hatten es ja schon. Er lernte es nie. Auch nicht auf seine letzten Tage hin.

Pizza Margarita vertrug Kai wie verrückt. Manchmal konnte er sogar fast eine ganze essen. Natürlich hats lang gedauert. Aber, da wir von Zeit nicht abhängig waren, spielte das ja auch keine Rolle. Seit ich „Eat – Pray – Love“ gelesen habe, bin ich ganz verliebt in echte italienische Pizza Margarita. Das Buch finde ich um viele, viele Längen besser als den Film. Ich glaube, den Film kann man nur richtig mögen, wenn man das Buch nicht gelesen hat. Aber, wenn der heiße Mozzarella von der Pizza tropft und der Duft frischen Basilikum in der Nase hängt, muss man nach dieser Geschmackserfahrung einfach süchtig werden.

Streit gab es nie. Wir waren uns in diesen Tagen komplett einig. Wir spielten oft mit Nils. Meist hatte das etwas mit einem Ball zu tun. Nachdem ja bekanntlich immernoch Fußball die Welt verbindet, fanden sich leicht ein paar Teens und Väter, die allabendlich vor dem „wir fahren abends am See entlang und suchen uns ein hübsches Restaurant“ auf dem Rasen kickte. Selbst Kai spielte mit. Umliegende Urlauber hatten sich nun schon an seinen „Anblick oben ohne“ gewöhnt.

Ich versuchte mal wieder VERGEBLICH Nils das Schwimmen beizubringen und gab es auf. Da müssen Fremde ans Werk. Wir saßen viel am Ufer und blickten auf den offenen See, Nils warf Steine. Manchmal sah man das andere Ufer gar nicht. Wir erholten uns von Vergangenem und bereiteten uns vor auf Kommendes. An eine Fotosession erinnere ich mich auch noch besonders. Es kam ein Sturm auf, alle Booten eilten in den sicheren Hafen, Möbel wurden verräumt, Blitze zuckten am braungelben Himmel. Wir zwei gingen zum See – Nils blieb in der Wohnung und wir fotografierten wie die Wilden. Niemals zuvor und niemals wieder danach habe ich einen Kai erlebt, der derart aus sich heraus kommen konnte. Es machte solch einen Spaß ihn so zu sehen. Ihm gleichermaßen. Einen Moment ohne Krankheit, ohne Verantwortung, ohne eine bald endende Zukunft. Wenn ich diese Bilder sehe, spüre ich es, fange an zu lachen. Das war schön. Danke! Kai. Solche Momente verzeihen viel Gegenteiliges.

Weil wir alle noch nicht nach hause wollten, verlängerten wir noch ein wenig. Wir waren ja außerhalb jeglicher Saison unterwegs und konnten das problemlos umsetzen. Ich glaube, niemals könnte ich im Hochsommer an den See fahren. Die Masse an Menschen würde mir im Weg stehen. Nachdem man weiß, wie es ist, für sich sein zu können.

Wenn mich jemand fragte, wie unser Urlaub war, antwortete ich immer: Es kommt mir vor, als wären wir drei Wochen weggewesen. So erholt fühle ich mich. Es war ein Traumurlaub. So, wie er sein sollte.

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