Verliebt in eine Stadt

Unser Jahr 2011 stand unter dem Motto: Wir wollen noch – wir tun es!

Schon so lang wollten wir Wien besuchen. In meinem Job habe ich viel mit einer Wiener Konzertagentur zu tun. Und, was soll ich sagen, einige von deren Mitarbeiter liebe ich einfach. Es ist mehr als nur ein Job.

Anna gab alles und verschaffte uns ein Wahnsinnshotelzimmer zu einem bezahlbaren Preis. Wir gaben das Okay, sie buchte und wir fuhren.

Ein Wochenende Mitte April. Wir schoben die Chemotherapie, die eigentlich immer Donnerstags lief auf Montag um den Nebenwirkungstag bereits überstanden zu haben. Einer war meist dabei.

Die Fahrerei wurde in diesem Jahr zu einem Problem. Kai gab ungern das Steuer aus der Hand. Musste aber immer öfter einsehen, dass es nicht ging. Jedenfalls nicht gut. Ich erinnere mich an eine Heimfahrt aus dem Vogtland als Kai völlig übergeschnappt war. Von Sinnen. Auch nicht erreichbar mit normalen Wörtern. Mit geschrienen Wörtern erst recht nicht. Er fuhr ohne Sinn und Verstand. Ich hoffte und betete, dass wir einfach nur gut zu hause ankämen. Wir taten das auch. Fast ein Wunder. Angst hatte ich nur um Nils. Als Kai am nächsten Tag wieder zu sich gefunden hatte, besprachen wir, dass in Zukunft ich die längeren Fahrten übernehme. Er nur übernimmt, wenn er sich auch gut fühlt. Ich glaube, er war einfach nur wütend auf sich und seinen Körper. Nicht mehr so handeln zu können, wie er es gewohnt war. Die Rolle des Beschützers inne zu haben. Der uns bis ans Ende der Welt fährt. Statt dessen musste ich beschützen. Und mit seiner Wut hat er versucht sich über die Anzeichen hinweg zu setzen. Es tat mir leid. Aber, es musste sein.

Den ersten Teil fuhr Kai, die restlichen 400 km ich. In diesem Jahr habe ich gelernt, Ausdauer am Lenkrad zu entwickeln. Alles in Allem war vieles, was ich tat und tun musste, ein vorbereitendes Training auf mein zukünftiges Leben ohne Kai. Es schlich sich so ein. Bewusst und unbewusst.

Wenn Kai etwas nicht hatte, dann war es Sinn für Orientierung. Wie lang leben wir nun schon in Bayreuth? Seit 1999. Bayreuth ist nun wahrlich keine Großstadt. Im Gegenteil. Sehr übersichtlich. Und doch schüttelte ich bis zum Schluss den Kopf, WIE Kai sich in der Stadt von A nach B bewegte. In jedem Fall NICHT auf dem kürzesten Weg ;-). Und so war er auch immer überfordert, wenn wir in großen Städten fuhren. Und unser Navigationssystem ergriff Partei und kannte sich ebenfalls NICHT aus und tat, als wäre es maßlos überfordert mit dieser Reise. Aber, als Frau der Tausend Sicherheitspläne hatte ich natürlich einen großformatigen Druck der Straßen auf dem Weg zu unserem Hotel dabei und irgendwann tatsächlich parkten wir an Ort und Stelle ein.

Von unserem Zimmer, ja dem ganzen Hotel, waren wir begeistert. Vor uns der erste Bezirk. Rechts gleich daneben das Museumsquartier. Das Hotel – ein Glaswürfel – wurde einfach auf einen unansehnlichen Waschbetonbau, der als Studentenwohnheim fungierte, gesetzt. Per Außenaufzug wurden wir nach oben gebracht. Was für ein Wahnsinnsausblick. Das Zimmer bestand praktisch aus zimmerhohen, umfassenden Fenstern. Wir waren zu hause im Zirkuszimmer. Platz ohne Ende. Farben in den kühnsten Tönen, ohne aufdringlich zu werden. Ein gigantisches Bad und ein Bett mit Kissen über Kissen zum Versinken. Wie gern lag ich einfach nur da und schaute raus. Die Kamera legte ich nicht aus der Hand. Morgens, mittags und abends musste der Sonnenstand vom Bett aus festgehalten werden.

Kai legte sich erst einmal hin. Er bemerkte es nicht. Aber ich schon. Er war recht warm. Fieber. Neununddreißig,und. Per W-Lan und iPod war ich schnell mit Andreas online verbunden. Nebenwirkung der Chemo. Müsse man beobachten. Beobachten heißt, wenn das Fieber immer wieder kommt, reagiert der Körper dagegen und verträgt die Substanz nicht mehr. Dann muss gewechselt werden. Wir haben alles durch an Zytostatika. Im Sommer hatten wir dann nichts mehr zum Wechseln übrig. Jede Chemo wurde in immer kürzer werdenden Phasen abgelehnt. Ich sagte doch, dass Kais Körper bereits im Januar keinen Bock auf den Mist mehr hatte. Er zeigte das allzu deutlich.

Wir verbrachten drei wunderbare Tage in Wien. Am Schönsten fand ich die Gelassenheit, die wir entwickeln konnten. Wir kauften uns U-Bahn-Tickets und lebten so, wie uns der Sinn stand. Pendelten zwischen dem Traumbett und der Traumstadt hin und her. Essen brauchte Kai nicht. Und ich? Frauen wollen doch eh immer abnehmen. In diesem letzten halben Jahr verlagerte sich auch unsere familiäre  Essgewohnheit. Wir legten den Wert auf andere Dinge, die wir gemeinsam taten. Nils musste auch nicht dauernd mitbekommen, wie schwer seinem Papa das Essen fiel.

So saßen wir oft in der Sonne in einem Café und tranken allerhand Variationen davon. Genießend. Wir schlenderten durch die Gassen und Burgen, kauften hier und da eine wiener Kleinigkeit, bestaunten die Hinterlassenschaften von Sissi. Und waren mittendrin in den Vorbereitungen zum Wien Marathon. Der Naschmarkt war Kais Lieblingsplatz. Wie sehr mochte er es, in den Antiquitäten zu stöbern. Stöbern war nämlich genau Kais Ding. Damit konnte er Stunden zubringen.

Wir trafen eine liebe Freundin und Arbeitskollegin und verbrachten einen herrlich wienerischen Nachmittag. Charmant bis über beide Ohren. Herrlich. Wie ich das liebe. Da wir wirklich „mittendrin“ wohnten, fand auch um uns herum der Wien Marathon statt. Der Freund meiner Arbeitskollegin zeichnete uns einen „Schleichweg“ auf unserem Stadtplan ein. Ohne diesen wären wir verloren. Wären nicht aus der Stadt raus gekommen. War ja alles für das Großereignis gesperrt.

Abends zogen wir uns chic an und zogen durch die Stadt. Ohne großes Brimborium. Einfach treiben lassen. Staunen und sehen. Probieren. Kosten von dieser wunderschönen Welt. Und wir aßen in einem Geheimtipp-Restaurant natürlich auch ein waschechtes Wiener Schnitzel. Die Streichhölzer aus diesem Restaurant liegen noch bei mir in der Küche. Ach, war das schön. Kai behielt sogar seinen Teil. Tapfer!

An diesem Wochenende wurde es warm in Wien. Zum ersten Mal. Lauere Nächte als in den Wochen zu vor. Der Frühling kam plötzlich und mächtig. Wir konnten viel draußen sitzen und uns bescheinen lassen. In einer Weltstadt Ruhe finden. Und in Wien kann man das. Man kann durch die Straßen tanzen und erleben oder nur still stehen. Ohne mitgerissen zu werden. Ganz so, wie man es mag und vermag.

Unser Hotel verfügte auch über eine tolle Dachterrasse mit außergewöhnlichem Mobiliar. Er fotografierte es von allen Ecken und Enden um es zu hause nachbauen zu können. Bei den Fotografien ist es leider geblieben. Wenn wir also nicht im Bett lagen, U-Bahn fuhren oder durch die Gassen spazierten und staunten, so genossen wir den atemberaubenden Ausblick von dort hoch oben. Über die ganze Stadt, deren Dächer, Kuppeln und ihrer sichtbaren Geschichte. Man kann ganz anders leben, wenn man nicht ständig dem Druck ausgeliefert ist, wo man jetzt noch was essen könnte. Da ich jemand bin, der nahezu alles isst und mit allem Möglichen zufrieden ist, fällt es leicht, mich satt zu bekommen. Bei dem männlichen Anteil meiner (gesamten) Familie ist das eher schwieriger umzusetzen. Aber dieses Problem hatten wir nicht. Man kann ja auch mal das Gute aus dem Negativen ziehen, finde ich. Wir saßen viel gemeinsam, tranken Kaffee oder ein Abendgetränk. Manchmal auch das Abendgetränk am Nachmittag. Und redeten. Über die Zukunft. Gemeinsam und allein. Wie es wohl werden würde. Schmiedeten Pläne.

Es gibt ein Lied, das heißt „I’ll sleep, when I am dead.“ Dieses Motto machte Kai sich zu eigen. Wenn er mit etwas seine Zeit nicht verschwendete, dann für ihn sinnlos im Bett zu liegen. Allerdings wurde Kai trotz aller Nahrungspäckchen immer dünner, so dass es ihm schon fast physisch schmerzte, im Bett zu liegen. Er lag teilweise auf seinen blanken Knochen. Das musste einfach unangenehm sein. Ich hoffte nur für mich, dass ich trotz allem irgendwie schlafen konnte, ohne mitzubekommen, dass Kai aufstand. In Wien zum Beispiel lief er nachts drei Uhr mutterseelenallein durch die Stadt. Zwei Stunden. Er zeigte mir einen Kran, den er sich anschauen wollte. Das war nämlich irgendein besonderer Kran. Maschinen eben. Nix für Mädchen! Jedenfalls nicht für Mädchen wie mich.

Aber im Grunde schläft man mit einem krebskranken Kai im Endstadium genauso gut, wie mit einem neugeborenen Kind. Stundenweise und sehr oberflächlich. Sobald Kai länger als 20 Minuten verschwunden war, wurde ich wach und ging auf die Suche. Entweder saß er schlafend auf der Toilette, unfähig aufzustehen, da alle Gliedmaßen mangels Durchblutung ebenfalls eingeschlafen waren. Oder er ging spazieren und ich wartete im Bademantel auf der Terrasse auf sein Heimkommen. Sonst hätte ich ihn ja suchen müssen. Eine Gradwanderung. Schließlich hatten wir ja auch noch Nils. Den kann man nicht mal so einfach allein lassen. Einmal saß Kai auf dem Bordstein vor dem Haus und war dort eingeschlafen. Manchmal aß er auch blind. Brötchen mit Leberwurst zum Beispiel. Ein GANZES. Naja, ihr könnt Euch sicher jetzt schon denken, wie gut Kai das ganze Brötchen vertrug. Kein einziges halbes Prozent davon war ihm sicher. Und so war ich nicht nur tagsüber ganz Ohr sondern nachts auch. Es klingt sicher absurd und nicht nachvollziehbar, aber als Kai gestorben war, habe ich besonders in den ersten Wochen so gut geschlafen, wie schon Jahre nicht mehr. Einfach ohne Angst, es könne etwas passieren. Denn DAS war ja bereits passiert. Davor brauchte ich mich also nicht mehr fürchten.

Mittags wollten wir wieder nach Bayreuth fahren. Den Vormittag nutzten wir noch ganz für uns und fanden uns mitten im Trubel der Läufer wieder. Ein Erlebnis für uns. Die ganze Stadt war buchstäblich und sinngemäß auf den Beinen. Die Sonne schien vom strahlend blauen Himmel und so ließen wir Wien hinter uns. Kai hinterm Steuer und ich hinterm Stadtplan. Das Atlanten-Lesen habe ich in meiner Kindheit gelernt. Wir fuhren jedes Jahr mit unseren Großeltern in den Urlaub und mein Opa übertrug mir die ehrenvolle Aufgabe, ihm mit Hilfe des Straßenatlanten den Weg zu zeigen. Allem Anschein nach habe ich einen guten Orientierungssinn ;-).

Es war alles bestens. Wir freuten uns ob der vergangenen tollen Tage und Stunden und auf Nils, vom dem wir bereits mit meinen Eltern erwartet wurden. Und plötzlich scherte Kai nach rechts aus. Ohne Vorwarnung mit mit krauser Stirn. Stieg ohne ein Wort aus. Bedeutete mir, ihm gleich zu tun und die Seiten zu wechseln. Die kommenden vier Stunden sprach er kein Wort mit mir. Urplötzlich und ohne Grund. Nachfragen nützte nicht. Selbst, am nächsten Tag konnte er mir keinen Grund nennen, entschuldigte sich aber dafür.

Damit war aber immer zu rechnen. Mit einem plötzlichen Einbruch der Stimmung. Des Verhaltens. Und ich? Ich musste üben, es mir nicht nahe gehen zu lassen. Es als das zu nehmen, was es ist. Eine Nebenwirkung des Sterbens. Ganz im Speziellen SEINES Sterbens. Wie so oft, musste er auch bei seinem letzten Handeln eine besondere Art an den Tag legen. Aber, damit war gewiss zu rechnen gewesen. Wir alle kannten ihn doch.

Er sagte noch: Anja, im Herbst. Da fahren wir nochmal nach Wien. Da spielt Roxette. Die mag ich gern sehen.

Klar Kai. Kein Problem. Das bekomme ICH hin.

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