Rien ne va plus – Nichts geht mehr

Jetzt, da alles vorbei ist, weiß ich, dass Kais Wille seinen eigenen Körper in die Ecke gedrängt hat. Der Körper wollte nicht mehr, der Wille aber war stärker und nahm das Aufgeben von diversen wichtigen Funktionen nicht hin.

Für mich ein eindeutiges Zeichen, ein Signal war, dass Kai nicht mehr gut essen konnte.

Es begann in den ersten Tagen im Januar 2011. Das Essen wollte einfach nicht rutschen. Entweder steckte es fest – auch Kleinstmengen und Flüssigkeiten – oder es kam auf gleichem Wege zurück. Beides verursachte Kai großen Schmerz. Für Ende Januar war bereits eine Gastroskopie angesetzt. Und, wie das so ist mit dem Ding meiner Geduld, konnte ich es natürlich nicht aushalten bis dorthin. Allerdings war die Onko-Praxis der gleichen Meinung. Wir hatten einfach Angst, dass sich ein Tumor in der Speiseröhre gebildet hat, der dumm im Weg stand. Ich rief Kristin in der Praxis an. Natürlich in cognito. Kai begriff bis zu seinem Tod NICHT, dass er alle Möglichkeiten, die es gab, hatte, um so wenig wie möglich zu leiden. Das ist Sinn und Zweck einer palliativen Behandlung. Er hatte keine Zeit mehr, unnütz zu warten, bis die vier Wochen zum ursprünglich angesetzten Arzttermin vergangen waren. So verinnerlichte er auch nicht, dass er diese unbändigen Schmerzen nicht aushalten musste. Offiziell. Ich weiß nicht, warum er damit ein Problem hatte, aber es war so. Im Nachhinein – angeregt durch einen Fundus – hat er versucht heimlich seine Schmerzen in den Griff zu bekommen. Das hat natürlich nicht funktioniert, da er sich in seiner Verzweiflung und Blindheit der Hilfe gegenüber  über Dosierungen und Anwendungsspezifikationen hinweg setzte und diese schlichtweg ignorierte. Das war ein großes Durcheinander. Nur mit meinem detektivischen Sinn und Verstand sowie einem geschärften Blick auf das Tun und Sein von Kai konnte ich es wenigstens halbwegs erkennen und in meinem Untergrund-Hilfe-Netz handeln.

So rief Kristin dann Kai an. Du, sag mal, wie geht’s Dir denn? Hast du Silvester gut überstanden? Und, was macht das Gewicht? Klappt das Essen?
Bereitwillig erzählte Kai, dass es eben gar nicht so gut klappe und er schon wieder drei Kilo abgenommen hat in den letzten beiden Wochen. Von Kristin fand ich großartig, dass sie wusste, wie mit Kai umzugehen war. Gemeinsam brachten wir es dann auch immer auf den Weg. Und gleichzeitig fühlte Kai sich nicht hintergangen, da er ja von meiner Tätigkeit als Agentin nichts wusste. Ein schlechtes Gewissen? Habe und hatte ich nie. Ich kannte ihn ja. In- und auswendig. Es war die einzige Möglichkeit, es ihm leichter werden zu lassen, wenn er selbst schon nicht konnte. Diese Hürde konnte er einfach nicht nehmen. Warum auch immer.

Also kam Kai gleich am nächsten Tag ambulant in die Klinik und stellte allen ein Rätsel auf. Alle notwendigen Untersuchungen wurden abgehalten. Es wurde Blut entnommen, gespiegelt, geröntgt, Passagen untersucht. Herr Lauckner, wir melden uns bei Ihnen. Wir schauen uns die Bilder und Ergebnisse noch einmal in großer Runde an.

Fazit: Nichts. Es ist alles in Ordnung. Nicht einmal gereiztes oder entzündetes Gewebe wurde gefunden. Es gibt keine medizinische Erklärung, warum Kais Körper die Nahrungsaufnahme verweigert. Während der Passage fand das Kontrastmittel einwandfrei seinen Weg, ohne ins Stocken zu geraten. Es haben sich keine Schlingen gebildet. Lediglich das erneut eingesetzte Zwerchfell-Ersatz-Netz hatte sich gelöst. Aber damit musste Kai leben. Es konnte kein weiteres angebracht werden, da einfach keine Materie vorhanden war, um es dauerhaft haltend zu befestigen.

Als Kai auf der ambulanten Station so rum lag und ich wieder zwischen Büro und Klinik hin und her switchte, sagte er: Ach Anja, es tut mir schon sehr leid, was du alles wegen mir mitmachen musst.

Ich musste nichts „mitmachen“. Nun, es war einfach unser Weg. Ein Weg der von uns beiden gegangen werden musste. Kai als Patient. Ich als seine Frau. Ich war gern da und zu allem bereit. Half, wo ich kann und vor allem an jenen Ecken und Kanten, an denen Kai mit sich und allem Anhängenden überfordert war.

Es begann die Zeit, in der man Kai nur mit einem Rucksack und dem rhythmischen Klacken der Gerätschaften kannte. In dem Rucksack befand sich ein Beutel mit der notwendigen Ernährung und eine Pumpe. Wir bekamen eine gute Fee an die Seite gestellt. Eine examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin / Zertifizierte Wundexpertin ICW. Edeltraut. Sie kümmerte sich voll und ganz um die parenterale Ernährung. Dabei handelt es sich um die Form der künstlichen Ernährung, die nicht über den Magen-Darm-Trakt läuft, sondern eben außerhalb. In Kais Fall über den Port. Mit dem Port musste man äußerst pfleglich umgehen und Kai hatte bereits einige Portinfektionen durchlaufen. Mit allem was dazu gehört. Und in der Zeit einer Portinfektion darf auch nicht chemotherapiert oder künstlich ernährt werden. Von daher galt es nun umso mehr: sauber halten.

Edeltraut kümmerte sich sehr ordentlich um Kai. Sie hatte eine Art an sich, die Kai mochte. Bloß nicht zu sanft. Ein Händedruck, den man auch spürt. Herr Lauckner, Sie haben die Wahl: Verhungern oder nicht verhungern. Überlegen Sie es sich! Sie überwachte streng sein Gewicht, lieferte Berichte bei der Onko-Praxis ab, wechselte stetig die Portnadel und versorgte uns mit allen Beuteln und Flüssigkeiten, die notwendig war. Einmal am Tag sollte Kai auch einfach nur per Infusion einen Liter Flüssigkeit mit Glucose versetzt erhalten. Um wenigstens das Mindestmaß an Kalorien und Flüssigkeit zu erhalten. Wir beide kannten uns bestens aus. Mit der Bedienung der Pumpe, der Inhaltsstoffe der Ernährungsbeutel – mit- und ohne Eiweiß im Wechsel, Tropfgeschwindigkeiten, Spülvorgängen und Wunderversorgung. Wenigstens in diesen Infusionszeiten gönnte Kai sich eine Pause in seinem „ich-muss-noch-alles-herrichten-und-perfekt-hinterlassen-Leben“.

Es gehörte einfach dazu. Zu unserem Leben. Zu unserem Weg.

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