Last Christmas I gave you my heart

Nachdem ich jetzt bereits das zweite Weihnachten ohne Kai verbracht habe, versuche ich mich zu erinnern, wie es war. Vor zwei Jahren. In 2010. Auf jeden Fall hätten die letzten drei Weihnachtsfeste nicht unterschiedlicher sein können. Das stelle ich fest, wie ich heute und hier am 26. Dezember 2012 sitze und Revue passieren lasse. Wie ihr wisst, lasse ich gern Revue passieren. Nur muss ich aufpassen, dass ich es in gewissem Maß und Norm durchführe. Schließlich lebe ich nicht in der Vergangenheit, sondern eben heute.

So richtig glauben konnten uns Freunde und Familie nicht, dass wir einfach so behaupteten, es wäre das letzte Weihnachtsfest, das wir mit Kai gemeinsam verbringen würden. Er sah so gut aus. So fit. Er aß Ente und Klöße. Fast richtige, kleine Kinderportionen. Zwar nahm er trotz Esserei über diese Feiertage kiloweise ab, aber ich gönnte es ihm. Schon den Geschmack allein. Mir gönnte ich allerdings nicht die Sorge, wenn er schmerzgeplagt auf dem Sofa lag. Ich weiß auch nicht. Daran konnte ich mich bis zum Schluss einfach nicht gewöhnen. Wenn dann alles soweit an Ort und Stelle gerutscht war, ging es wieder besser. Ach, ich sehe es noch genau vor mir. Und schon allein deswegen wünschte ich es ihm einfach, diese Quälerei nicht ewig mitmachen zu müssen.

Die Weihnachtsfeiertage verbrachten wir ganz im Kreise der Familie. Mein Schwesterherz samt Daniel das erste Mal mit Familienzuwachs. Wir das letzte Mal mit Familienzuwachs. Aber, wir machten es uns schön. Nur eben intensiver. Kai und ich. Denn, wir wussten es ja und begriffen es auch. Denn zwischen „wissen“ und „annehmen“ liegen einfach Welten. Das weiß ich jetzt.

Schnee gab es in Massen. Und das ist noch untertrieben. Meine Mutter stand am 24. Dezember heulend bei uns auf der Straße, da wir nicht mehr wohin mit dem Schnee wussten. Es war Chaos pur. Man kann es sich heute einfach kaum mehr vorstellen. Das Auto stand auf dem Kirchenplatz, da bei meinen Eltern nur meterhohe Schneeberge waren. Im Garten versank man. Mannshoch lag dort der Schnee. Und mein Papa? Der baute uns „Kindern“ eine riesige Schneehöhle. Das war toll. Mit eingebauten Laternen. Wunderschöne Fotos habe ich des Nachts von uns – meiner Schwester und mir – in diesem Höhlenwerk geschossen. Wir alle halfen mit, der Lage irgendwie Herr zu werden. Auch Kai. Obwohl er eine Chemosubstanz erhielt, bei der man nichts kaltes anfassen konnte. Das schien dann, als würde man festfrieren. Auch sollte er unmittelbar nach der Infusion nicht in der Kälte stehen. So war es dann auch. Er konnte kaum seine Hände bewegen. Oder sein Gesicht fühlen. Ich hatte es eigentlich ganz vergessen, aber wie ich hier so vor mich hin tippe, kommen sie, diese ganzen Erinnerungen.

Zusätzlich zum Schneechaos lag meine Mutter auch noch darnieder. Am ersten Weihnachtsfeiertag. Mit furchtbaren Zahnschmerzen. Wenn es etwas gibt, was meiner Mutter seelische Qualen bereitet, dann an einem heiligen Feiertag, an dem die ganze Familie samt Kindern aus aller Herren Länder angereist kommt, krank im Bett zu liegen. Unfähig, den Haushalt zu schmeißen. Sich um das Wohl aller zu kümmern. Aber, wir alle lernen dazu. Auch meine liebe Mutter. Es geht ;-). Man hält es aus. Schließlich helfen wir alle dabei, dass es gut wird. Und es wurde trotz allem sehr gut!

Anstrengend für mich war nur die heimliche Raucherei. Drei Mal hatte Kai schon bis dahin – in diesen sechs Wochen – versucht, aufzuhören. Ohne Erfolg. Meine einzige Bedingung aber war, dass Nils nichts davon mitbekam. Naja, und der Rest der Welt eigentlich auch nicht. War das eine Gradwanderung. Eigentlich totaler Quatsch, wie ich es heute sehe. Also, nicht, dass Nils es nicht wissen sollte. Darin waren wir uns beide einig. Sondern, dass ich es nicht einfach mitteilte. Und die Kritik? Die gilt es eben dann auch zu akzeptieren. Auszuhalten. Aushalten kann ich ja so schlecht. Zumindest in manchen Dingen.

Nils verteidigt bis heute seine Meinung, dass sein Papa wegen der Raucherei krank geworden ist. Kai hat viele Jahre geraucht, und das nicht zu wenig. Unzählige Streitereien hatten wir deswegen. Irgendwann im Februar 2010 sagte er: Anja, entweder du akzeptierst, dass ich rauche oder wir müssen uns trennen. Naja, ich trenne mich dann doch nicht gleich wegen der Glimmstängel. Aber trotzdem. Ein Fan bin ich nach wie vor eben nicht davon. Und eine Woche später stand mein lieber Mann vor mir und eröffnete mir, dass er mit dem Rauchen aufgehört habe. Von jetzt auf gleich. Ohne nachzudenken. Im Firmenkreis. Und es bereitete ihm auch keinerlei Probleme. Also gar nicht. Eine Woche war er mal etwas grieskrämlich, aber dann war es auch gut. Und er war mächtig stolz auf sich. Es geschafft zu haben und auch noch ohne Gewichtszunahme. Im Nachhinein war das dann schon etwas mysteriös, muss ich sagen. Aber, vielleicht hat der Körper Kai einfach geholfen, es erträglich zu machen. Um auf den Krebs, der so vor sich hin wuchs, irgendwie aufmerksam machen zu können.

Und Nils? Obwohl wir nie derartiges erwähnt haben, ist er der Meinung, man bekommt Krebs, wenn man raucht. „Sind sie selber schuld“ sagt er immer. Ich hoffe nur, dass ihm diese Einstellung davor bewahrt, selbst mal Nichtraucher zu bleiben. Das würde ich mir sehr wünschen.

Ich selbst bin der Meinung, dass das ungesunde Nikotin ganz sicher nicht der Auslöser für den Magenkrebs war. Aber vielleicht doch ein Teil dessen, was das Wachstum einfach begünstigt hat. Gemeinsam mit vielen anderen Indikatoren. Wie eine recht ungesunde Ernährung. Gegrilltes und Gebratenes. Geräuchertes oben auf. Und fettig darf es auch sein. Bloß nicht zu viel Gemüse. Morgens als allererstes der Kaffee. Und gleich noch einer hinterher, bevor es irgendwann gegen Mittag mal eine Mahlzeit gab. Arbeit ohne Ende, oft wenig Schlaf. Und alles zusammen auf das Schicksal oben drauf war halt einfach nicht gesund. Nicht mehr und nicht weniger. Ändern können wir es nicht und in der Hand haben wir es gleich gar nicht. Man kann nur versuchen, sich mit der Situation auseinander zu setzen, versuchen damit zu leben und eine Art Alltag aufleben zu lassen, ohne die Augen zu verschließen. Zu lernen. Für später.

Unser gemeinsames Silvester war auch erinnerungswürdig.  Es war das zweite aller Silvesterfeiertage, das wir zu hause verbrachten. Das erste war während meiner beginnenden Schwangerschaft. Als ich vor Übelkeit weder jemanden besuchen noch Besuch empfangen konnte. Das zweite war dann 2010/1011. Und – weiterhin eine Prämiere: wir feierten „en famille“. Janine samt Kind und Kegel waren bereits vorher angereist. Und am Abend kamen meine Eltern noch dazu. Beim Buffet gab ich alles. Ich befürchte, dem „perfekten Dinner“ kam es schon recht nahe. Es war einfach nur schön. Sehr harmonisch. Das Baby Moritz schlief tief und fest und wir konnten schlicht eine schöne Zeit haben. Zum Schreck meiner Mutter klingelte es dann auch noch an der Tür. Wer kann das sein?! Ja, wer kann das sein. Stellt Euch vor, bei uns klingeln Menschen an der Tür ;-). Joachim und Susi waren’s. Und da sie eh schon familiär eingebunden waren, blieben sie auch gleich bis Mitternacht. Und spielten mit uns. „Was bin ich“. Herrlich. Was haben wir gelacht. Und schöne Fotos gemacht. Erst letztens schaute ich sie an.

Ich bin ja ein Österreichfan schlecht hin. Und eine der wundervollsten Traditionen aus Österreich ist (finde ich!), dass um Mitternacht in allen Straßen und Lokalitäten der Walzer gespielt wird. Walzer tanzten Kai und ich gut. Sehr gut. Und immer wieder gern. Und in dieser Mitternacht flogen wir ein letztes Mal im Walzer dahin. Mit einem ganz besonders breitem Lächeln. Und liebend. Und einem Kind, dass das gar nicht ertragen konnte und uns ständig auseinander treiben wollte.

Ein großes Feuerwerk gabs auch noch auf der Straße. Rainer und Katja kamen vorbei. Zum Staunen und Wünschen. Und frieren, inmitten der fetten Schneeflocken, die immer wieder unablässig umher flogen.

Und mit der Jahreswende war es. Am ersten Januar 2011. Ab diesem Tag konnte Kai irgendwie nicht mehr essen.

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