Vom Bauherren sondergleichen

Mit dem November 2011 begann sie. Die Zeit, in der Kai sich hauptsächlich in Baumärkten rumtrieb.

Obwohl Andreas uns keine Lebenserwartungszeiten nannte, hatten wir es im Gefühl. Ein Jahr. Wenn überhaupt. Bestätigt durch die Informationen, die man aus „Blauen Büchern“ und empfohlener Literatur gewinnen konnte.

Ich muss mich immer wieder wundern, woher Kai die Kraft genommen hat. Bestätigt sehe eigentlich: Wo ein Wille, da ein Weg.

So begann Kai noch im Oktober das Pflastern des Garagenhofes zu planen. Zahlreiche Freunde und Familienmitglieder fanden sich Ende November zum Auftragen, Abziehen, Auflegen, Festklopfen und Fugenfüllen ein. Jeder hatte seine Aufgabe und so wurde der Hof tatsächlich innerhalb eines Tages fertig. Ich war wahrlich erstaunt. Kai und seine Mannschaft vollbrachten eine Punktlandung. Bereits kurz nach Einbruch der Dunkelheit sank die Temperatur erstmalig unter Null in diesem Spätherbst und am nächsten Tag lag der erste Schnee. Trotz allem war ich glücklich, dass wir ordentlichen Untergrund zum Schnee verräumen zur Verfügung hatten. Kai war auch sichtlich erleichtert, dahinter einen Haken setzen zu können.

Natürlich kommt dann bei einem ruhelosen Kai schnell Langeweile auf. Wir könnten doch. Ja, was könnten wir denn alles noch. Wobei „WIR“ eher nur „KAI“ bedeutet. Ich bin ja das komplette Gegenteil eines handwerklichen Talents. Ich gelange schon an meine Grenzen, einen Nagel „gescheit“ in der Wand zu versenken. Nimmt man bei uns Bilder von der Wand, sieht man es eindeutig. Ein Schlag – ein Treffer = Kai. Viele Schläge – viele Löcher – wenig Treffer = Anja. ABER schließlich hängt ja das Bild drüber und somit sieht man es nicht.

Besonders stark WAR ich auch nicht. Jetzt ist das auch schon wieder anders geworden. Holz tragen, Einkaufskisten und Kästen aller Arten und Formen haben doch den ein oder anderen Muskel im vergangenen Jahr wachsen lassen.
Wenn ich aber mit meiner Mutter Möbel rückte oder sperrig-schwere Dinge transportierte, meinte sie einmal: „Anja, wenn du los lässt ist es mir, als würde eine Fliege nicht mehr beim Tragen helfen.“ Haha. Naja. So gänzlich unrecht hatte sie jedenfalls nicht.

Und am Ende – ehe Kai mir lang und breit bildhaft erklärt hat, wo der zehner Maulschlüssel aus DEM blauen Koffer zu finden ist, hat er ihn in dieser Zeit auch drei mal selbst geholt. Dafür haben wir eine Liste angefertigt, auf der steht, welche Werkzeuge ich besitze und in welchem Teil des Grundstücks diese zu finden sind. Allerdings weiß ich dann noch lange nicht, wie ein Winkelschleifer auch aussieht. Mein Papa wollte sich den gern mal leihen – mitgeschickt hatte ich schlussendlich die Handkreissäge. ANJA LIVE.

Nachdem ich ja tagsüber im Büro war, Nils in den Kindergarten ging und Kai nicht mehr allzuviel belastende Chemo bekam, hatte er freie Hand sich nach Herzenslust auszutoben. Ich bewunderte Kai immer, wie leichtfertig er flüssig und deckend eine Wand streichen konnte. Streichen von Wänden steht für mich ganz weit oben auf meiner ganz persönlichen „Dont’s“-Liste. Ich mühe mich dabei derart ab, dass ich schon nach zwei Bahnen gehörig die Nase voll habe. Prinzipiell sind mir da alle meine Freundinnen voraus. Besonders Birgit und Anja. Die streichen alles selbst und alles innerhalb kürzester Zeit. Und ordentlich siehst auch noch aus. ABER, ich stehe dazu. Und zwar gern.

Kai renovierte als nächstes das Wohnzimmer. In Möbelhauskatalogen schauten wir uns diverse Wandgestaltungen an – und so baute es Kai. Ich ging morgens aus dem Haus und nachmittags war das Ding gewuppt. Ich wollte gar nicht wissen, woran Kai sich natürlich nicht hielt, während er hämmerte, schraubte und sägte. Nämlich an genügend Essen und Trinken. Oder an Pausen.

Als nächstes wurde das Carport geplant. Samt Schuppen. Schließlich braucht man zwei Schuppen. Ganz klar. Dass wir nicht so weit laufen müssen. Weil unser Grundstück auch ach so riesig ist mit seinen guten siebenhundert Quadratmetern. Irgendwann gab ich es auf mit meiner Argumentation. Also gut – planen wir ein Carport mit Schuppen. Das baute Kai oft mit Hilfe und noch öfter auch allein im Juli und August. Das muss man sich mal vorstellen. Knapp sechs Wochen später starb er.

Neben der Carportplanerei wird noch der Holzverschlag ausgeräumt, gestrichen und wieder eingeschlichtet. Beim Stapeln vom Holz half ich dabei. Kai hat sich gefreut, wie ein Schneekönig. Das war ein toller Abend. Wir hörten dabei laut Musik, machten draußen ein Feuer und hatten einfach Spaß, gemeinsam zu arbeiten. Das ging sonst nämlich gar nicht gut. Kai war für mich viel zu sehr Perfektionist. Ein wahrer Pedant auf diesem Gebiet. Mich trieb das oft in den Wahnsinn. Reibungsloser gingen wir den Reibungen aus dem Weg, wenn ich eben mich um die Organisation des Alltags und der Finanzen kümmerte und dafür sorgte, dass rehbrauner, HEISSER Kaffee ohne „la crema“ serviert wurde. Ich glaube, unsere Gartenpflanzen vermissen es, nicht mehr mit kaffeehaltiger Brühe gegossen zu werden. Die Hälfte des „Türkentranks“ landete nämlich immer in der Wiese. Weil zu kalt geworden. Ungenießbar.

Bevor gepflastert wird, bauen WIR (also Kai) noch schnell eine Feuerstelle in den Garten. Die Treppen wurden gefliest, die Terrasse gestrichen und mit neuem Fenster versehen. Das Sonnensegel geschrubbt. Und – das muss schon alles ordentlich sein – pflastern wir alle anderen Wege eben auch noch. Gesagt – getan. Das bereits eingespielte Pflasterteam rückte wieder an, um zu helfen. Das war bereits im Sommer. Kai nahm schon Morphium gegen die Schmerzen und ich bat ihn, sich zurück zu halten und einfach zu delegieren und zu beaufsichtigen. Aber Kai konnte das einfach nicht. Da wird lieber zwischendurch zwölf mal sich übergeben, als zuzusehen, wie andere arbeiten. Meine handwerklichen Nerven waren damals schon mehr als überstrapaziert und somit beschloss ich, mit Kais Schwägerin in die Stadt zu fahren. Ein italienisches Frühstück im Rossi, ein Besuch beim Festspielhaus ein kleiner Einkaufsbummel. Vera stieg in mein Auto ein und ich wollte gerade aus dem Hof rückwärts rausfahren, als ich sah, wie Kai nun doch bereits als erster auf dem Boden kniete – schmerzverzerrt und aufstoßend (ich erkannte den „ich-muss-gleich-brechen-Blick“) – und Steine festklopfte. Ja meine Güte, was muss der Kerl sich denn schon gleich am Anfang so verausgaben. Sprachs und fuhr nicht gänzlich ohne Schwung genau in Veras Auto, welches gegenüber unserer Hofeinfahrt parkte. MIST. MIST. MIST. In dem Moment hätte ich vor lauter Unmut über mich selbst mich ohrfeigen können. Und Kai dazu. Naja. Unserem Auto sah man im Prinzip nichts an. Dafür aber dem Opferauto. Die Tür war keine rechte Tür mehr. Zum Glück ist man ja versichert und letzten Endes hat Kai nur den Kopf geschüttelt. Vera fand es gar nicht schlimm. Man kann ja schließlich reparieren. (Natürlich MUSS ich an dieser Stelle erwähnen, dass Kai genau zwei Wochen später gegen das Auto meiner Schwester gefahren ist. In genau der gleichen Situation. Ha. Ist aber nicht viel passiert. Kais Fiesta hatte nicht ganz so viel Schwung wie mein C-Max. Von da an aber sprachen wir ein allumfassendes Halteverbot für diese Zone aus. Parken nur auf eigene Gefahr!)

In der ersten Frühlingssonne drängelten wir uns am Nachmittag auf unseren Liegestühlen auf dem kleinen gefliesten Vorsprung hinter der Terrasse. Anschließend an diese Terrasse befand sich ein bepflanzter Hang. Diesen Hang mochten wir beide nicht. Und so richtig sehr gehe ich bei Gartenarbeit auch nicht auf. Es war unser Bestreben, einen schönen Garten zu haben, der nicht allzuviel Arbeit machte. Von Beeten und Rabatten hielten wir beide wenig. Und unter diesen ersten wärmenden Sonnenstrahlen entstand die Idee, die Terrasse zu erweitern. Den Hang von Pflanzen zu befreien und aufzuschütten. Rasen sollte dort wachsen. Gehalten von einer Mauer aus natürlich gefundenem Sandstein aus Feld, Wald und Wiese. Kai versorgte sich aus Nachbarschaft & Co. jede Menge Erde. Ich weiß nicht, wie oft er mit Traktor oder Schubkarre gefahren ist. Teilweise auch eimerweise mit dem Fiesta. Ich half sogar dabei, jeden einzelnen Stein mit einer Drahtbürste zu reinigen und zu verfugen. Ich tat es nicht gern – aber ich half mit. Und Nils auch. Und gemeinsam bröselten wir mit Leidenschaft Beton in die Wiese. Bei Kai sah das immer so einfach aus. Da ging nichts daneben. Rauf auf die Kelle, rein in die Fuge, glatt gestrichen, fertig. Bei uns rauf auf die Kelle, runter von der Kelle auf die Wiese, die Hälfte davon in die Fuge, der Rest auf dem Stein verteilt. Irgendwann schickte Kai uns weg. Wir sollten was spielen oder so. Er mache das eben noch schnell fertig. GERN!

Und dieses Stück Wiese liegt mir sehr am Herzen. Intensiv vertraute und offenehrliche Momente verbrachten wir noch darauf. Wie gern liege ich dort oben. Immer noch und immer wieder gern. Während ich letztes Jahr arge Probleme hatte, den Rasenmäher dort hoch zu hieven, schaffe ich es jetzt fast mühelos. Ich weiß nun auch um der bestehenden Gefahren dort oben. Keine Ahnung, wie hoch das da ist. Vielleicht 1.50m? Im Schätzen solcher Maßangaben bin ich immer nicht der wahre Meister. Früher nannte mich mein Papa immer „Traumtänzer“. Gern träumte ich als Kind so vor mich hin und stieß hin und wieder mit einem Laternenpfahl zusammen oder stolperte über meine eigenen Beine. Und so fiel ich letzen Sommer samt Rasenmäher rückwärts von der Mauer. Aber, statt den Mäher loszulassen, hielt ich ihn fest, um ihn zu retten. Idiotische Idee. Einen Rasenmäher retten zu wollen, in dem man ihn mit in den Abgrund reißt. Na gut. Ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber so ganz ohne war der Sturz dann auch nicht. Mir ist außer ein paar Schrammen und blauen Flecken nichts passiert. Seit her achte ich aber peinlich genau darauf, niemals mit dem Rücken der Mauer zu nahe zu kommen.

Kai arbeitete die ganze Zeit. Mit zunehmender Krankheit wollte er auch immer weniger Hilfe. Er konnte das nervlich oft nicht ertragen. Ich sah es ihm an. Ich glaube, er musste sich zu sehr darauf konzentrieren, die Schmerzen weg zu meditieren und konnte sich dann nicht noch auf Besuch konzentrieren. Da brauchte er seinen eigenen Rhythmus. Dirk kam trotzdem immer einfach vorbei. Nahm die Schaufel in die Hand, schippte MIT MIR Frostschutz oder leistete Kai einfach nur mal Gesellschaft beim „es-geht-mir-schon-gut-tun“. Denn das tat Kai. Niemals sagte er Freunden und oft auch seiner Familie nicht, wie es ihm wirklich ging. Wie es um ihn stand und es ihn ihm aussah.

Das übernahm ich dann. Ich klärte auf. Denn irgendwann entwickelte ich wirklich eine Art Wut auf alles, was Kai noch bewerkstelligte. Ich brauchte dieses blöde Carport nicht. Ich hab doch eh nur ein Auto dann und immerhin eine Garage. Aber, einmal in den Kopf gesetzt, MUSSTE das auch gebaut werden. Immerhin hab ich dann jetzt weniger Schnee zu räumen und Besuch hat die Möglichkeit das Auto unterzustellen. Meinen Papa freut es ganz besonders! Er ehrt dieses Carport sehr. Ich theoretisch auch. Aber diese ganze Dinge waren auch dafür verantwortlich, dass ich Kai fast nie zu Gesicht bekam. Entweder vergrub er sich draußen in die Arbeit oder lag danach und dazwischen flach.
Denn sobald er eine Pause einlegte oder endlich Feierabend machte, war auch der Kräftehaushalt aufgebraucht. Ich konnte dann meinem medizinischen Wissen Routine beibringen, in dem ich genau wusste, welches Medikament bei welchen Beschwerden einzusetzen wäre. Überprüfte den Kreislauf, da Kai recht übel war, er sehr schlapp und nicht aufstehen konnte. „Anja, ich weiß auch nicht, was los ist.“ Theoretisch merkt jeder normale Mensch, wenn er einen kaum vorhanden Blutdruck hat und der Kreislauf im Keller rumdümpelt. Kai aber nicht. Kai merkte auch nie, wenn er neununddreißig Grad Fieber hatte. So schärfte ich meinen Blick und behandelte. Ich wurde wirklich ziemlich sicher in solchen Dingen. Nichtsdestotrotz empfand ich die ganzen Bauzeiten als gestohlene Zeit. Für andere und für die Außenwelt war er da und fit und brauchte auch da alle seine Reserven auf. Einmal beim Sofa angekommen, war an eine Unterhaltung oder einen sorglosen Abend nicht mehr zu denken. Kai fiel entweder ins Koma, brauchte Massagen an ödematösen Armen und Beinen oder eine Schmerzbehandlung.

Er baute und renovierte, räumte und schlichtete wirklich nur für uns. Dass alles seine Ordnung und Richtigkeit hatte. Dennoch konnte ich dabei nicht zusehen. Weil er sich niemals schonte und seine ganze Energie in das Handwerk fließen ließ und nicht in traute Zweisamkeit. Das musste ich irgendwann einsehen. Ihm war das wichtig. Das Wichtigste. Dass keiner sagen kann, er hätte nicht alles getan und alles versucht. Und wir sollen es einfach haben. So einfach und gut eingerichtet, wie nur möglich.

Das letzte, was Kai baute, war eine Bank und einen Tisch aus Teak. In der ersten Septemberwoche 2011. Dieses Ensemble ist dafür gedacht, dass ich morgens im Bademantel in der Sonne sitzen kann und im Schutz der BÜSCHE (…Insider müssen jetzt lachen!…) meinen Kaffee trinken kann. Wie oft saßen wir beide morgens gemeinsam dort. Nur eben nicht auf einer Bank, sondern auf Steinhäufen und Bretterstapel. Jedes Mal, wenn ich dort sitze, denke ich an Kai. Aber niemals mit Tränen in den Augen sondern immer mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen. Sein Werkzeug wegzuräumen – dazu kam er nicht mehr.

Einfach war es für uns beide nicht. Aber, wir machten das beste draus. Ich glaube, durch meine Art und meine Sicht der Dinge, habe ich Kai etwas gebremst. Wenn ich ihn komplett gelassen hätte, zu handeln, wie nur er es wollte, hätte er nie solang überlebt. Das wusste er. So ergänzten wir uns.

Und ja – ich bin froh, ZWEI Schuppen zu haben. Jetzt.

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