Es wendet sich – das Blatt

Ich verbrachte noch ein paar schöne Tage in Bad Bocklet. Ohne Nils. Und ohne Kai. Nur ich mit mir. Anfangs war ich schon etwas traurig, plötzlich ohne Kind und Kegel dazustehen. Allein an meinem Familientisch zu sitzen. Aber, liebgewonnene  Mitpatienten haben mich natürlich nicht allein gelassen und jeden Platz an meinem Tisch besetzt.

Letzten Endes hat es mir schon gut getan. Mal auf gar niemanden außer auf mich selbst achten zu müssen. Aber grundsätzlich haben einfach diese beiden wichtigen Teile gefehlt. So richtig Spaß machte es nicht, allein nach Bad  Kissingen zu fahren und in unserem Stamm-Café einen Latte Macchiato zu trinken oder durch die Gassen zu schlendern. Das Wetter spielte auch nicht mehr so recht mit.

An meinem letzten Samstag kamen mich meine Eltern besuchen. Was war das für ein schöner Tag. Stolz zeigte ich ihnen mein derzeitiges zu hause. Grundsätzlich fühlte ich mich dort auch einfach nur wohl. Wir haben jeden Winkel erkundet und kannten uns blind aus. Auch wurden wir von allen gehegt und gepflegt, so dass es mir schon schwer fiel, bald abreisen zu müssen. Und das ja auch noch bei meiner Abreise-Phobie.

Meine Papa filmte wie ein Wilder. Wir fuhren noch ein letztes mal in die Kurstadt nebenan. Es regnete und wurde kalt. Das störte uns aber nicht. Meinem Schnörkel-Mantel gab ich die letzte Gelegenheit, sich ebenfalls zu verabschieden. Wir tranken Kaffee, aßen äußerst gehaltvolle Torten und verbrachten den Abend in einem schicken Restaurant mit Blick auf die Saline. An diesen Abend erinnere ich mich sehr gern. Wie selten habe ich eigentlich die Gelegenheit, mit meinen Eltern allein zu sein. Hier nutzte ich es gern komplett aus. Mir war richtig wehmütig ums Herz, als sie sich wieder auf den Weg ins Vogtland machten.

Abgeholt wurde ich dann von meinen Großeltern. Kai hatte ja unser Auto mitgenommen. Mit Mühe und Not wurden die „Reste“ im Auto verstaut. So richtig viel Platz war eigentlich nicht mehr. Ich schilderte das Problem ja bereits.

Zwei Tage hatte ich noch „Eingewöhnungs-Urlaub“. Dann hieß es wieder zurück ins Büro. Dort erwartete mich eine Überraschung. Während meiner Abwesenheit wurde mein Büro renoviert. Neuer Schreibtisch, neue Wände, neue Lampen. Ein gänzliches Mädchenbüro in Weiß und Flieder.

Uns ging es gut. Kai war viel in „seiner“ Firma und besprach allerhand, wie es ab Jahresbeginn weitergehen soll. Ab 2011 wollte er gern wieder zurück in den Job. Ich hatte schon etwas Angst davor, da ich mir recht sicher war, dass Kai seine neu gewonnene Sicherheit im Umgang mit REGELMÄSSIGEN Mahlzeiten schnell verlieren könne. Also, eigentlich mit ziemlicher Sicherheit. THEORETISCH durfte man einem Körper ohne Magen auch nicht zu viel Kräfte zehrendes aufbürden. Weil einfach die notwendige Kalorienzufuhr nicht vorhanden war. Nach wie vor. Kai hielt sein Gewicht immerhin stabil bei 65-68 Kilo. Zum Vergleich – als gesunder Mann bei 1.82m wog Kai 82-84 Kilogramm. Aber ich fand ihn ja recht schick. So in etwas dünner. Ihm stand das wirklich gut, muss ich sagen. Zumal er in alle stylischen Klamotten von Joachim passte ;-). Und während des Kuraufenthaltes haben wir ihn rundum neu ausgestattet. Lauter tolle, hübsche Dinge.

26.  Oktober. Der sechsundzwanzigste. Der war es meist.

Strahlender Sonnenschein und CT-Termin beim Radiologen. Der hat seinen Sitz im Nachbargebäude der onkologischen Praxis. Kai hatte seinen Termin am späten Vormittag. Anschließend kurze Besprechung und Blutabnahme bei Andreas (Onko-Doc). Wir hatten das Ziel, unser „es ist alles okay“ abzuholen. Wie immer, wenn medizinische Auswertungen anstanden, legte ich meine Mittagspause genau in diese Zeit. Die meisten wussten schon, dass es von Vorteil ist, wenn wir gegen zwölf unsere Besprechungstermine wahrnehmen konnten. So konnte ich auch problemlos vom Büro weg. Also, eigentlich konnte ich das auch zu jeder anderen Zeit. Da muss ich meinem Arbeitgeber doch ein hohes Lob aussprechen, der mich in all der Zeit sehr unterstützt hat. Aber, mein Gewissen hatte es lieber, es wäre eine vorgesehene Pause in der Nähe meiner Abwesenheit.

Kai konnte man auch nicht allein in eine Auswertung schicken. Er merkte sich NICHTS. Und, was hat er gesagt? Hmm. Nichts weiter. Blabla. GRRRRRRR. Und dann – viiiiiieeeeel später: Ach, ja, genau…da war ja noch was.
Kai war es immer recht, wenn ich dabei war. So musste er schon nicht so viel reden ;-).

Kai wartete bereits beim Radiologen und hatte seine Untersuchung hinter sich gebracht. Ich bedauerte ihn immer, da man recht viel Kontrastflüssigkeit trinken muss. Bei Kai ging das ja nicht mehr so ohne Weiteres. Irgendwann konnte er das Zeug auch gar nicht mehr hinunterschlucken.

Völlig gelassen und zufrieden warteten wir darauf, dass wir aufgerufen würden. In unserem Beisein schaute sich der Doktor auch das erste Mal die Bilder an.

Tja, Herr Lauckner. Wie geht es Ihnen denn?

Ach, ja. Gut. Wirklich. Keine Beschwerden.

Hmm. Ich sehe hier zwei Flecken. Das könnten Metastasen sein. Auf der Leber. Aber, das muss sich ein Onkologe anschauen. Ich kann dazu nichts sagen und kenne die vorherigen Bilder nicht (…die wurden ja immer im Krankenhaus gemacht, da Kai ja oft dort zugegen war…)

Kai schwieg und schaute mich an. Wartete darauf, dass ich mich zu Wort meldete. Seine Augen wurden wirklich schwarz in dem Moment.

Also heißt das jetzt, der Krebs ist wieder da?

Kann ich nicht sagen. Das muss sich, wie gesagt, ein Onkologe anschauen. Aber hier sind eben die beiden Flecken. Ich mach die CD fertig und schicke sie rüber.

Wir waren sprachlos. Nahmen einen Ausdruck der Flecken mit und gingen ein Haus weiter. Kai saß mit mir in Wartezimmer und sagte: Anja, am Liebsten würde ich mir jetzt ne Schachtel Zigaretten kaufen.

KAI. NEIN. Machst du nicht. Wir kriegen das schon hin. Aber bitte, nicht rauchen!

Nein, ich machs nicht.

In dieser Zeit im Wartezimmer, in der uns beiden nicht nach Wortwechsel zu mute war, wurde mir eigentlich sehr deutlich klar, dass sich genau jetzt das Blatt wendet. Und zwar zum letzten Mal. Dass jetzt der letzte Abschnitt beginnt. Auf dem CT sechs Wochen zuvor hat man nichts gesehen. Außer beobachtungswürde Lymphknoten hinter dem Zwerchfell. Die hatten sich aber wieder normalisiert. Und binnen dieser kurzen Zeit sind die Metastasen gewachsen. 1-3 cm Durchmesser. Hier kann man schon erkennen, wie schnell das gehen kann. Und gehen wird. Ab diesen Minuten Mittags um zwölf in der Spinnereistraße WUSSTE ich es. Hoffnung auf ein Überleben brauchten wir nicht mehr. Eher Hoffnung auf ein problemloses Ende ohne großes Leid.

Andreas sagte nicht viel. Palliative Chemotherapie. Ab nächster Woche. Ziel: wenig Nebenwirkungen – gute Lebensqualität – keine Schmerzen – und ein Verlangsamen des wachsenden Krebses. Ein Verhindern der Explosion der schwarzen Zellen. Mehr kann er nicht sagen, er warte noch auf den Arztbrief des Radiologen.

Wie lang?

Kann ich nicht sagen. Will ich auch nicht sagen. Keiner weiß das. Wir geben das Beste.

Kai und ich verabschiedeten uns. Kai ging in den Baumarkt. Typisch Mann. Und anschließend in die  Firma. Fassungslosigkeit machte sich breit. Eigentlich niemand konnte recht gut damit umgehen. Außer wir beide. Und meine Mutter.

Ich fuhr ins Büro und rief meine Mutter an. Anschließend vergrub ich mich auf den Seiten des Krebsinformationsdienstes in Heidelberg. Klärte mich weiter auf. Metastasen auf der Leber? Schlecht. Das geht recht schnell. Man kann auch nicht mehr operieren. Das Gute bei Metas auf der Leber ist, dass sie sehr lang keine Beschwerden verursachen. Wenn dann aber einmal die Leber nicht mehr richtig mitarbeitet, sich Ödeme breit und breiter machen, die Haut gelblich wird. Dann, ja dann sieht man das Ende.

Ich begriff. Intensiv. Und mir wurde klar, dass ich es bereits ahnte. In Bad Bocklet. Als ich nicht wieder nach hause wollte. Es ahnte jeder im Krankenhaus, der Kai behandelte, jeder Arzt. Bei DIESER gearteten Diagnose gibt es grundsätzlich keine Chance. Auch bei allen Wundern dieser Welt nicht. Ein Wunder war, dass Kai das alles noch so gut geschafft hat. Das war DAS Wunder. Und wir bewunderten dieses Wunder. Auch heute noch. Unglaublich, was Kai alles noch erlebte und bewältigte. Das schafft kaum ein gesunder Mensch und erst recht kein gesunder Menschenverstand.

Ich wollte unser Leben, dass uns blieb, nicht aufgeben. Kai auch nicht. Wir wollten noch alles machen, was wir immer wollten. Einfach leben. So gut es eben geht. Und lachen. Streiten. Schweigen. Reden. Wegfahren. Bleiben. Da sein.

Kais Chemo begann. Immer nur einen ganzen Tag in der Praxis. Jede Woche. Ohne Chemokugel (5Fu-Pumpe). Irgendwie war er oft weg. Er wollte unbedingt abends ALLEIN noch ein paar Schritte gehen. Zum Verdauen und Trainieren der Muskeln. Normalweise sind wir immer gemeinsam gelaufen. Ich fand das blöd. Ehrlich. Kam mir ausgeschlossen vor. Heute, wäre ich gelassener. Ich weiß, wie gut das tun kann – gerade in Stresssituationen – mal allein eine Runde zu drehen. Für den Kopf. Kai konnte ich das damals leider nicht zugestehen. Er nahms trotzdem hin. Schließlich kannte er mich ja genau so und nicht anders.

Er ging recht zeitig ins Bett. Chemo macht müde. Ich bildete mir immer ein, Rauch zu riechen. Kai stritt das aber vehement ab. Wie das aber so ist mit meinem nicht mehr vorhandenen Vertrauen bei solchen Dingen, ging ich der Sache auf den Grund. Zu unrecht wollte ich ihn letzten Endes auch nicht verdächtigen. Aber, naja. So richtig glaubte ich nicht daran. Und fand bei einem einzigen Griff in seiner Jackentasche die Schachtel.

Ich erinnere mich noch. Mich überfiel Panik, Gewissheit, Wut. Eigentlich am allermeisten unendlich große Wut. Und in dieser Wut zerstückelte ich den Rest der Glimmstängel und ließ das Gemetzel neben der Kaffeemaschine liegen, schnappte mir mein Bettzeug und übernachtete im Gästezimmer. Ich hätte nicht neben Kai liegen können. Für mich schien es, als würde es für ihn lieber heute denn morgen vorbei sein sollen. Nicht mehr alles zu geben, um es irgendwie gut werden zu lassen. Uns im Stich zu lassen. Wissentlich. Und gewollt. Genau das fühlte ich in dem Moment.

Ich rief Andreas an. In meiner Verzweiflung. Frau Lauckner, lassen Sie ihn. Uns seien Sie nicht böse auf ihn. Die Zeit haben Sie nicht. Ober er nun raucht oder nicht. Es wird ihm weder einen Tag schenken noch wird es ihm einen nehmen.

Diese Aussage bestätigte Kais Hausarzt ebenso wie die Ärzte auf der Palli im Klinikum. Für mich musste ich einfach sicher sein. Obwohl ich es ja schon fühlte. Es zu hören. Mehrfach – das festigte mein Bewusstsein. Chancenlos.

Hinterher ist man bekanntlich – wie schon erwähnt – immer schlauer. Als ich am Ende bewusst gesehen habe, wie Kai innerlich gelitten haben muss, hätte ich nicht so einen Wind gemacht. Auch für mich selbst nicht. Mir tat das auch nicht gut. Es belastete mich. Aber wie sollte ich es damals denn wissen können. Das geht einfach nicht. Und man kann nicht immer davon ausgehen, dass es so oder so enden kann. Deswegen bin ich immer noch kein Fan davon. Ganz und gar nicht. Aber, auch hier hätte mir ein Stück weit Gelassenheit gut getan. Wenigstens ein ganz klein wenig. Heute habe ich sie. Das kleine Stück Entspannung. Mit viel Überrei.  Im Nachhinein gönne ich es ihm. In dieser letzten Zeit. Um Himmels willen natürlich nicht all die ganzen Jahre davor. Nein. Sicher nicht. Und welch Ironie des Schicksals. Ich bin habe noch nie etwas von der Raucherei gehalten und deswegen hatten wir oft Auseinandersetzungen. Dennoch war ich diejenige, die ihm fünf Tage vor seinem Tod die letzte Zigarette angezündet und ihm an den Mund gehalten hat. Und? Ich habs gern getan! Und Kai verzog so gar noch sein Mund zu einem Lächeln. Weil er es verstand und mir dankbar war, einfach mal den Mund zuhalten.

Aber, das allermeiste, was er in diesem Jahr noch geschafft und gemacht hat, hat er nicht für sich getan, sondern für uns. Nils und mich. Freunde und Familie.

Letzten Endes zeigte mir das Zigarettenproblem auch, wie verzweifelt Kai gewesen sein muss. Oder wie sehr es ihn geschockt hat, nun doch wieder erkrankt zu sein. Gesagt hat er es nie. Kai war eben ein Mann der Taten und nicht der Worte.

Meine Schwester samt Baby Moritz und Mann Daniel besuchten uns am darauffolgenden Wochenende. Es war ein schönes Wochenende. Kai liebte Moritz. Viel später – im August sagte er noch: Der Moritz, der ist schon ein cooles Baby. Und warum Moritz so ein besonderes Ding bei uns ist. Bei Kai und auch ganz intensiv bei Nils (bei mir ja eh…Hallloohooo – ist ja schließlich der Sohn von meiner Schwester!). Das erzähle ich später. Das wurde mir nämlich auch erst viel später bewusst. Und finde das außergewöhnlich und toll.

Kai lag im Sessel. Ein rotes T-Shirt trug er. Ich sehe es vor mir. Machte auch ein Foto von dieser Stille. Er hörte viel Musik über den iPod. Vor allem Arndt Stein. Ein Psychologe, der Entspannungsmusik kreiert hat. Die hörten wir in Bad Bocklet, um unsere innere Ruhe zu finden. Mittels musikalischer Entspannungstherapie und Autogenem Training. Kai versuchte es WIRKLICH mit ALLEN Mitteln, seine innere Ruhe wieder zu finden. So lag der da. Wie ein Schluck Wasser an diesem Wochenende. Ich glaube, Kai war sehr froh, dass Janine und Daniel gekommen sind. So konnte er sich zurück ziehen und war nicht ständig gefordert. Wobei er derjenige war, der sich selbst dauerforderte.

Er lag da. Das Baby im Arm. Moritz war damals zwei Monate alt. Beide mit geschlossenen Augen. Kommendes und Gehendes. Kai öffnete die Augen, sah mich an und seine Augen wurden feucht. Und feuchter. Und konnten es schließlich nicht mehr halten. Er habe jetzt kein Problem damit, dass er schon wieder krank ist. Er zieht das jetzt durch. Aber, das, womit er einfach nicht zurecht käme, ist zu wissen, dass er uns zurück lassen wird. Gern hätte er sich noch viele Jahre um uns gekümmert. Wäre gern Teil der Familie geblieben. Und er hat Sorge, dass ich es nicht schaffe. Weil es ja doch manchmal viel wird.

Nun, auch, wenn es manchmal viel ist. Bei wem ist das schließlich nicht der Fall, oder? Wir schaffen es. Und zwar gut. Und Kai? Der ist trotz allem noch ein Teil der Familie. Immer. Egal, was kommen mag. Diesen Platz hat er sicher!

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