Reset in Bad Bocklet

Als mich eine sehr nette Frau im im Juli 2010 von der Rentenversicherung anrief, war ich gleich zwei Mal geschockt. Ich war bisher davon ausgegangen, drei Wochen auf Kur zu sein. Fünf wurden es dann. Vorher schien mir das extrem lang. Und schlussendlich hätte ich locker noch drei Wochen anhängen können. Aber, da bin ich eh anders. Die ganze Welt kommt immer gern nach hause. Ich eben nicht. Einmal losgelassen, fühle ich mich in der Welt einfach wohl. Wenn ich aus dem Urlaub zurück komme – sei es zwei Tage übers Wochenende oder zwei Wochen Strandurlaub: Madame will erstens nicht heim und zweitens hat sie dann immer einen Tag nicht die Beste Laune. Bis ich mich wieder eingewöhnt habe. Das war schon IMMER so.

Zweitens fing ich – mal wieder – beim Telefonat mit der DRV an zu heulen. Nämlich, nachdem sie mir sagte, dass Kai nicht mit mir in einem Zimmer wohnen würde. Damals verstand ich das gar nicht. Ach, tat mir das Herz weh. Aber dann, dann war es gut so. Genau richtig.

Bad Bocklet hat uns wirklich geholfen. Vor allem konnte ich mal die Verantwortung, die ich mir aufgeladen habe, wieder ablegen. Ich muss sagen, leicht viel mir das nicht. Das war ein ganz schönes Stück Arbeit. Kai zu lassen. Selbst zu probieren. Zu testen, wie weit es geht. Auf seinen Körper zu hören. Wir hatten ein sehr ausführliches Gespräch mit einer Ernährungsberaterin. Da konnte ich meine gefühlten dreihundertsiebzig Fragen loswerden. Und sie erkundigte sich auch immer, wie es bei Kai lief. Und es lief immer besser. Immer seltener musste er sich zum Brechen davon stehlen. Letzten Endes hat er während der Zeit in Bad Bocklet gelernt zu essen. Richtig. Schlussendlich nämlich ging sogar das Schnitzel problemlos zu verdauen. Man muss einen Körper eben nur Stück für Stück an seine neue Aufgabe heran führen. Er lernt das. Der übrig gebliebene Verdauungstrakt.

An einem Sonntag machten wir einen Ausflug auf ein Ritterfest in Bad Kissingen. Auf dem Rückweg wollte er unbedingt bei MC Donalds anhalten. Ich starb tausend Tote, während er fünf Pommes aß. Er hatte zwar ziemliche Bauchschmerzen hinterher, aber mal wieder diesen Geschmack auf der Zunge zu haben. Dafür nahm er das Zerren im Bauch gern in Kauf. Ich musste da wirklich lernen, gelassener zu werden. Für mich und auch für Kai. Dass er sich von mir nicht gar so sehr unter Druck gesetzt fühlt. Wobei ich’s eigentlich nie wurde. So richtig gelassen. Jedenfalls nicht, als Kai krank war.

Das gilt auch im Allgemeinen sonst so. Im restlichen Leben. Das mit der Gelassenheit. Aber, ich finde, das wird schon viel besser mit mir. Manchmal legt man sich selbst einfach oft Steine in den Weg, die nicht sein müssen.

Wenn ich die Zeit in Bad Bocklet mit einigen Adjektiven – „Wie-Wörtern“ ;-) – beschreiben müsste, würde ich folgende Buchstaben verwenden:

ruhig, sehr sonnig, warm, offen, herzlich, gelassen, herbstbunt, taufrisch, heimisch, menschenleer und menschenvoll.

Wir verbrachten sehr viel Zeit als Familie – Abends und ausgiebig an den Wochenenden. Meist holten wir zu Fuß gemeinsam Nils vom Kindergarten ab. Ebenso meist jammerte Nils jeden Tag, wie weit es noch wäre. Es waren letzten Endes keine 500 Meter zu laufen. Aber unser kleiner Fußballstar konnte das ja kaum bewältigen. So, wie heute auch noch. Auch heute noch ist es eine Tortour, mit Nils eine Wanderung zu unternehmen. Beim Training oder Fußballspiel, kann er fast stundenlang rennen und laufen ohne dessen müde zu werden. Aber wehe, wir laufen mal ein paar Meter ohne Ball. Dann fängt Nils an zu weinen, er wäre so schlapp und die Beine tun ihm weh und er könne nicht mehr. Das wäre alles sooooo anstrengenden….ja – ja – ja. Das kann schön an die nervliche Substanz der Eltern gehen. Es hört auch nicht auf. Egal, welche Erziehungsmethode ich anbringe – im Guten und Schlechten – Nils läuft nicht gern.

Was mir an unserem Aufenthalt auf dem Berg besonders in Erinnerung geblieben ist, waren unsere Abende. Wir waren ja nun doch schon einige Jahre verheiratet, lebten zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre zusammen. Und dort war es so, dass wir gemeinsam Nils bettfertig machten, Kai ihm eine Geschichte vorlas und wir beide den Abend gemütlich ausklingen lassen konnten. Und als einer von uns beiden müde wurde, ist Kai gegangen. Ich habe ihn an der Tür verabschiedet. Wie es sich gehört. Mit dicken Küssen und Umarmungen. Schlaf gut mein Schatz und komm gut heim. Und dann ging Kai heim. In sein Zimmer. Ganz am anderen Ende der Klinik. Und später dann rief er immer nochmal an. Sagte nochmals gute Nacht und meist redeten wir dann noch ein Weilchen. Das war schön. Das war unser „Neu-Kennenlernen“ nach der Fenta-Zeit. So hatten wir beide Gelegenheit, uns wieder aneinander heran zu tasten. Und morgens dann – nicht immer, aber oft, holte Kai uns an der Tür zum Frühstück ab. Das kam aber ganz auf seine Verfassung an. Hatte er Schmerzen oder vertrug eine Mahlzeit nicht, brauchte er dann doch morgens erstmal kurz seine Ruhe. Man darf auch nicht vergessen, dass Kai innerhalb eines Monates zwei nicht ganz einfache Operationen zu überstehen hatte. Und beide Male wurde immer wieder die gleiche Stelle beansprucht. Und die Nervenenden hatten alle Mühe, ordentlich zu heilen.

Nach dem Frühstück wurde Nils vom Hausmeister Wolfgang abgeholt und in den Kindergarten gebracht. Kai und ich gingen jeweils in unsere Zimmer und bereiteten uns auf die kommenden Stunden vor. Manchmal trafen wir uns in einem Behandlungsvorzimmer. Das war toll. Hey Kai – du auch hier? ;-) Kais Rückenmassage verlief nicht so, wie er es sich vorstellte. Die Masseurin war einfach zu zart. Ich mein, ich kann das verstehen. Kai war so dünn und abgemagert, dass man sich gar nicht traute, ihn richtig anzufassen. Ging mir am Anfang schließlich nicht anders. So informierte ich während meiner Massage durch die Blume, denjenigen, der mich bearbeitete – und siehe da – die nächste Massage war ganz nach Kais Geschmack.

Die Kneipp-Kur. Das war ein Ding. Am Anfang konnte ich ein scharfes Luftziehen nicht verkneifen. Na gut. Vielleicht schrie ich auch kurz auf, wenn das eiskalte Wasser morgens 7.30 Uhr auf meine Oberschenkel klatschte. Was war ich empfindlich.Und während meiner letzten Behandlung sagte mir die Therapeutin, dass ich echt abgehärtet jetzt wäre. Viel besser, als am Anfang. Und wisst ihr, was sie als zusätzliche Begründung noch anbrachte?!? Ich hätte ja auch ein wenig zugenommen. Pfffff. Frechheit. Tsss. Also nein. Gibt’s ja nicht. Da müht man sich ab im Fitness-Studio, auf dem Ergometer und rennt ewig durch den Wald. Und dann so eine Aussage.

Kai und ich machten an diesem Tag noch Fotos. Ich lichtete ihn bei den Armbädern ab und er mich beim Kneipen. Ich glaub, ich habe sicher über 400 Bilder aus dieser Zeit. Unserer Familienfindungskur.

Mittags trafen wir uns zum gemeinsamen Mittagessen. Nur, wir beide. Manchmal, wenn wir Lust hatten, holten wir uns noch jemand dazu. Aber das kam eher selten vor. Danach tranken wir einen Kaffee im Palmenbistro und trafen uns in einem unserer Zimmer. Für UNSERE Zeit. Und, wenn es ganz besonders warm war, lagen wir auf den Liegestühlen auf der Dachterrasse in der  Sonne. Kai schlief recht schnell ein und ich las viele, viele Bücher in der Zeit.

In den ganzen fünf Wochen hat es vielleicht zwei Mal geregnet. Ansonsten hatten wir einen zweiten Sommer. Es war so warm, dass wir oft mit dem Kurbus nach Bad Kissingen fuhren und auf der Promenade ein Eis aßen, Kaffee tranken, schlenderten oder mit einem kleinen Schiff die fränkische Saale hinauf fuhren. Der Himmel strahlte in tiefstem Blau in wunderschönem Kontrast zum rotbunten Laub. Überall waren noch die Palmen verteilt und man könne denken, man wäre überall auf der Welt, nur nicht in BAD KISSINGEN. Und an diesen Nachmittagen habe ich mich in die Stadt verliebt. Ein Ort, der uns aufgenommen hat. An dem wir uns einfach nur wohl fühlten. Ich mich. Nils sich. Und sich ganz besonders. Und das war der ausschlaggebende Punkt. Hätte Kai es dort furchtbar gefunden (…man hört ja über nahezu jede Rehaklinik immer irgendwelche Schauergeschichten…), dann wären wir auf verlorenem Posten.

Durch den Alltag dort, den jeder für sich meistern musste, kamen wir zur Ruhe. Keine Verantwortung. Ich hatte keine für Kai. Wir hatten keinen Haushalt, keinen Beruf und konnten uns einfach nur um uns kümmern.

In Bad Kissingen hing ein Mantel. Ach, wie oft bin ich dran vorbei gelaufen. So ein ganz furchtbar kleiner Laden. Ein Mantel mit ganz vielen Wollknäuel-Fäden. Wie oft hab ich ihn anprobiert und mich in ihn verliebt. Leider verliebe ich mich in Wollmäntel immer sehr schnell. Da kann ich rein gar nichts dagegen unternehmen. Die hängen dann so an mir, dass es nicht übers Herz bringe, sie ihrem anderen Schicksal bei einer ANDEREN FRAU zu überlassen, wo sie es doch bei mir so gut haben könnten.

Tja. Und dann. Dann brachte Kai auf einmal den Mantel an. Er kaufte ihn einfach. Normalerweise ist Kai für solch quirlige Kleidungsstücke nicht zu begeistern gewesen. Aber dieses hier? Das gefiel ihm an mir. Und wäre während seiner Trauerfeier nicht so ein furchtbar kalt-regnerisches Wetter gewesen, hätte ich ihn an diesem Tag getragen!

Kai stand unter Essens- und Medikmantenbeobachtung. Sein Blut wurde regelmäßig kontrolliert und auch sonst war er eben – wie immer – einer der besonderen Patienten. Man kannte uns. Eines Mittags kam Kais Nachbarin zu mir. Ihr wäre ganz komisch. Aber sie hat aus Kais Zimmer nichts mehr gehört. Keine Lebensgeräusche. Die Tür wäre abgeschlossen und auf ein Klopfen reagiert niemand. Sie hätte ihn auch schon angerufen. (Anmerkung der Redaktion: Kais Nachbarin war jenseits der 70 Jahre). In dem Moment ist in mir die Panik ausgebrochen. Erst rief ich ihn an (es stehen da überall Telefone rum) und rannte zu seinem Zimmer. Keiner hörte. Keiner reagierte. Ich klopfte und hämmerte so lang, bis ich Kai aus einem komatösen Schlaf weckte. In dem Moment hätte ich ihm einfach nur eine knallen können. Mir so eine Angst einzujagen. Wegen NICHTS. Na gut, ich war dann doch sehr erleichtert, dass eben nichts passiert ist. Normalerweise habe ich mich davon nicht leicht anstecken lassen, aber wenn andere mitmischen, können die mir schon einen Wurm ins Ohr pflanzen.

Nach dem Abendessen waren wir oft schwimmen. Kai war es wichtig, bei uns zu sein. Bei Nils. So lag er auf der Liege und schaute uns zu. Besonders dann, wenn ich versuchte – OHNE ERFOLG – Nils das Schwimmen beizubringen. Ein kleiner Junge hat meine Mühen stetig verfolgt, für sich geübt und konnte es dann. Aber Nils? Nils nicht. Nils konnte wahrlich perfekt schwimmen. Nur eben UNTER Wasser. Und das meterweit. Er konnte auch kurz auftauchen, um Luft zu holen. Und weiterzuschwimmen. Aber oben bleiben? Nicht möglich. Beim Besten Willen nicht. Begreifen kann ich das bis heute nicht. Ich habs dann aufgegeben. Sollte sich jemand anders dran versuchen.
Und ganz zum Schluss hat Kai sich überwunden und ist zu Nils ins Wasser gestiegen. Was für eine Freude. Ich habs sogar fotografiert. Aber dazu mussten auch erst die Nähte gut verheilt sein. Logischerweise. Aber mir hat das sehr viel bedeutet, da Kai eher der Anti-Wasser-Typ war. In kaltes Wasser geht er nicht – es muss schon gut warm sein. Auch wenn draußen vierzig Grad im Schatten sind. Mimose. Da bin ich wesentlich härter im Nehmen.

Im Bademantel sind wir dann immer zurück gelaufen. Das ist ja in Rehakliniken so üblich und auch sehr angenehm.

Irgendwann wurde ich krank. Dauernd etwas anders. Schließlich hatte ich jetzt mal Zeit, krank zu sein. Eine entzündete Lippe, eine Mandelentzündung, ein ausgewachsener Husten, Schnupfen und am dauerhaftesten war dann der steife HWS-Bereich (Halswirbel-Schulter). Von jetzt auf gleich und immer wieder hatte ich das. Je mehr Zeit verging. Umso öfter. Es tat wahrlich weh und stand mir ganz schön im Weg. Vor allem beim Entspannen.

Meine Ärztin, die mich dann zum wiederholten Mal spritzte, fragte mich: Frau Lauckner, was sitzt Ihnen eigentlich im Nacken? Sprachs und spürte im gleichen Moment unter ihrer Hand, die auf meiner Schulter lag, wie sich der Muskel schon wieder zusammenzog. Schon allein bei dieser Frage.

Tja, was saß mir im Nacken. Ich wusste es sofort. Die Zeit. Die Zeit saß mir im Nacken. Ich wollte nicht nach hause. Ich habe mich innerlich so dagegen gewehrt. Und wäre es so einfach – vor allem für mein Gewissen gewesen – noch eine Woche ranzuhängen, ich hätte dann wohl noch am Liebsten zwei draus gemacht. Bloß nicht dran denken, wie viele Tage noch übrig sind. Nein. Das blende ich lieber aus. Als hätte ich es unterbewusst geahnt. Was uns erwarten würde, wenn wir nach hause fahren.

Sportlich wurden wir beide in der Zeit. Wir verbrachten viel Freizeit im Fitnessraum oder auf dem Ergometer. Das Ergometer war extra untergebracht. Mit Aussicht vor einer Glasfront.

Manchmal ging ich in den Wald. Allein. Wenn Kai „Unterricht“ hatte. War das schön. So grün. So bunt. So frisch. Erholsam. Einmal ging ich im tiefen Morgennebel los und erklomm den steilen Berg. Das war wirklich ein Stich. Ich kanns Euch sagen. Die Lunge hing mir in den Knien. Oben angekommen, tastete sich die Sonne durch den Nebel. Ein Maisfeld stand noch in vollem Fruchtstand. Der Reif glitzerte in der Sonne und das wabernde Weiß stieg von der Erde auf, als würde diese dampfen. Und mitten vor mir stand ein Reh. Von hinten angestrahlt durch die zarte Morgensonne. Wir schauten uns beide an und bewegten uns nicht. Ich hatte keine Kamera dabei. Das wäre das perfekte Foto geworden. Ich stand da und saugte diesen Augenblick auf. Der perfekte Augenblick in der Natur. Das vergesse ich nie. Ich konnte mit diesem Moment sehr viel Energie tanken. Er beflügelte mich irgendwie.
Und dann. Dann knackte es irgendwie hinter mir im Dickicht. Huch. Bin ich erschrocken. So recht beruhigen konnte sich mein Herzschlag nicht mehr. Das Reh sprang ebenfalls energisch davon und ich beschloss, dann doch mal lieber den Heimweg anzutreten, ehe ich noch von den wilden Tieren im Bad Bockletter Wald angegriffen werde ;-). Kennt ihr das? Ist einmal der Gedanke eingepflanzt, kann man ihn nicht mehr vertreiben. Und hinter jedem Baum vermutet man etwas schreckliches. Erst recht in dieser Einsamkeit.

Für Kai waren diese Spaziergänge natürlich nichts. Bergauf laufen konnte er sehr, sehr lange nicht. Wir suchten uns dann – ganz das alte Ehepaar – die Wege im Kurpark, während Nils mit seinem Cityroller vornweg düste.

Alles in allem war es eine wunderbare Zeit. Währenddessen kam auch noch unser kleiner Moritz auf die Welt. Der Sohn meiner Schwester. Und statt der sonst fünfhundert Kilometer fuhr man von unserer Wahlheimat nur 300. Also. An einem Sonntag trafen wir spontan die Entscheidung. Lass uns Richtung Köln fahren. Kai fuhr die komplette Strecke hin UND zurück. Wow. Ich war beeindruckt. Und bei meiner Schwester war es so schön. Alle haben sich gefreut. Nils verliebte sich in seinen Neffen. Eine außergewöhnliche Zuneigung, die bis heute geblieben ist. Obwohl die beiden sich leider nicht sehr oft im Jahr sehen können.
Der Nachhauseweg hat mich dann doch alle Nerven gekostet. Wir hielten wieder bei MCD an der Autobahnraststätte an. Kai aß einen halben Burger. Und Pommes. Grauenvoll. Er hat es überstanden. Ohne Durchfall und ohne Erbrechen. Aber Schmerzen hatte er. Als wir endlich am späten Abend wieder in Bocklet ankamen, war ich fix und fertig. So schnell brauchte ich das nicht wieder.

Wir haben viel als Familie unternommen. Kai kam immer mehr auf die Beine. Konnte mehr bewältigen und erfreute sich einfach an uns und seiner neugewonnen Kraft. Und vor allem an der Lust am Leben. Ja, es geht aufwärts. Wir alle spürten es. Und es war schön, dabei zu sein. Es zu sehen. Auch das Gewicht steigen zu sehen. Kai bekam auch wieder Farbe im Gesicht. Durch die dauerwährende, milde Herbstsonne.

Ich freundete mich dann doch mit einigen anderen Patienten an. Man traf sich, quatschte über alles mögliche. Natürlich auch über die Probleme, weswegen man sich dort aufhielt. Wir tranken Kaffee, aßen Kuchen, liefen durch die Straßen. Ächzten gemeinsam bei Atemgymnastik nach Pilates (FOLTER), oder besprachen das Personal. Was man eben alles so tut. Wenn man mit Reha-Patienten unter einem Dach wohnt.

Wir spielten Tischtennis und Billard. Bis zum Erbrechen. Man kann wahrlich süchtig werden nach dergleichen. Nils kann mittlerweile richtig gut spielen, für sein Alter. Also wir zwei – wir bringen schon einen ordentlichen Ballwechsel zu stande. Fürs professionelle Training sind dann der Opa Volkmar und er Onkel Daniel zuständig. Die beiden gehen aber darin auf, Nils die allerneuesten Tricks beizubringen. Und ich bin jedes Mal überrascht, welche pfiffige Angabe Nils vollführen kann. Und in Bad Bocklet wurde der Grundstein für seine Tischtennis-Leidenschaft gelegt.

Kai reiste fünf Tage vor mir ab. Mit Nils. Seine Zeit – die er auf vier Wochen verlängerte – war um. Und auch er sagte, dass er durchaus noch länger hätte bleiben können. Und das aus SEINEM Mund. Schmerzpflaster hatte er keins mehr. Lediglich ein Medikament, dass der Nervenheilung an den Operationsstellen unter die Arme griff und ein vergleichsweise leichteres „normales“ Schmerzmittel. Gut. Sehr gut. Wir hatten viel geschafft in der Zeit. Beide sind wir eigentlich vollständig wieder auf die Beine gekommen. Und ich war froh, wieder meinen Kai zu haben. Den guten.

Kai besprach mit der Sozialarbeiterin, wie es weitergehen soll. So plante man die Wiedereingliederung in den Beruf ab Januar 2011. Die Firma, in der angestellt war und  die rundum immer für Kai da war und die er auch immer wieder gern besonders nach seinen Behandlungen aufsuchte – kam ihm natürlich sehr entgegen. Sie hätten ihm alles ermöglicht. Alles, was in seinem Zustand machbar ist, hätten sie organisiert. Und Kai freute sich drauf. Sehr.

Herr Lauckner, wir wünschen Ihnen wirklich von Herzen alles Gute für Ihre Zukunft. Dass es gut wird.
Aber, bitte. Lassen Sie Ihre Leberwerte nochmal checken. Die sind nicht optimal. Aber nach großen OPs und langer Chemo ist das alles kein Drama, sollte aber abgeklärt werden. Auf lange Sicht hin.

Okay. Wird gemacht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s