Bad Bocklet – die Anreise

Am 14. September sollte es endlich soweit sein. BAD BOCKLET. Ganze zehn Tage später als geplant.

Die Organisation war zum Glück kein Problem. Auch nicht von Seiten der Klinik. Mein Lieblingschirurg im Krankenhaus, in dem Kai noch lag, musste mir in die Hand versprechen, dass Kai direkt von seinem Krankenzimmer aus nach Bad Bocklet gefahren wird. Ohne die Möglichkeit zu haben, noch einmal nach hause zu fahren. Ohne die Möglichkeit zu haben, irgendwie an dieses blöde Spray zu kommen.

Er versprach es mir. Auch mit Kais Hausarzt redete ich. Im Vertrauen natürlich. Er hätte auch nie gedacht, dass sich die Abhängigkeit bei einem echten Schmerzpatienten so manifestieren konnte. Schon allein die nicht mehr vorhandenen Nasenschleimhäute verboten es. Ein erneutes Benutzen. Er versprach mir Verlass.

Und darum bin ich so unendlich dankbar. Alle haben den Ernst der Lage erkannt. Damals bestand ja noch die Hoffnung, dass Kai doch noch etwas länger leben könne. Und das mit Fentanyl aufs Spiel setzen? Das wollte dann doch auch keiner riskieren. Am tollsten fand ich aber, dass alle Kai sehr vollwertig behandelt haben, ohne dass er je mitbekommen hatte, was ich im Untergrund für ein Sicherheitsnetz spann. Kurz vor seinem Tod habe ich es ihm dann erzählt. Und er fand es okay. Ja gut sogar. Rettend. Auch, wenn es ihm schwer fiel. Sehr. Von der Substanz loszukommen. Also ja eigentlich nie. Nie ist er ganz davon weggekommen. Aber so ist es mit trockenen Alkoholikern und entzogenen Süchtigen aller Art ja auch.

Zurück ließ ich einen Kai, der sichtlich litt. Geschunden in Körper und Seele. Ich glaube, er hatte auch keine Lust mehr, irgendetwas weiteres aushalten zu müssen. Ich hatte aber auch keine Lust mehr. Auch hatte er keine Lust zu essen. Suppen. Würg. Toastbrot. Würg. Tee. Würg. Pudding. Würg. Kann man alles nicht essen. Ein klein wenig auch aus Protest. Ich kenne schließlich Kai. Oder kannte. So aß Kai in diesen zehn Tagen in der Klinik fast gar nichts. Und er kam natürlich auch nicht auf die Idee, die Ärzteschaft nach der gewohnten parenteralen Ernährung – sprich die künstliche Ernährung über den Port – zu befragen. Ich übernahm das dann. Trotz allem sollte Kai nun endlich lernen, richtig essen zu können. So, wie es sich gehört und so wie es auch funktionieren kann, wenn man sich an das ein oder andere hält.

Nun, so gänzlich ohne Aufsicht packte ich dann erneut unser Reha-Auto. Zwei Sitzplätze waren zu Verfügung. Nils‘ und meiner. Alles andere inklusive Kofferraum war bis zum Dach vollgestopft. Aber, hey. Das war alles WICHTIG. Für diesen und jenen Fall musste schließlich vorgesorgt werden. Wenns warm ist. Aber morgens noch kalt. Oder wenns morgens kalt ist und mittags auch noch. Oder aber, wenns nur so mittelkalt und mittelwarm ist. Wenn ich nachts schwitze (eher selten!) oder nachts friere (eher oft!). Wenn ich sportlich sein will – nur mal so. Oder wenn ich sportlich sein will – mehrmals täglich. Wenn ich kleckere. Und, wenn ich nochmal kleckere. An einem Tag. Und das gleiche galt natürlich nicht nur für mich, sondern für Kai und Nils ebenfalls. Der CD-Player wurde mitgeschleppt, samt der CD-Hörbuchsammlung von Nils. Stifte, Blätter, Bücher, Lego, Playmobil, ein ganzer Zoo an Kuscheltieren. Kuscheldecken. Alles musste mit.

Grundsätzlich muss ich aber an der Packerei – auch heute noch arbeiten! Wenn ich bei Freunden oder Familie übers Wochenende verbleibe, fragen mich immer alle voller Schrecken, ob ich wohl etwa vor habe, länger zu bleiben ;-). Wenn ich mit dem Auto verreise, mag das ja noch gehen. Da habe ich reichlich Platz zur Verfügung. Im Flugzeug komme ich da schon an meine Grenzen. Zumal ich ja auch beides betreuen muss. Meinen Koffer und den von Nils. Und das Handgepäck von Nils. Auch, wenn wir vorher übten, dass Nils nur so viel mitnimmt, wie er auch handhaben kann, so wurde es ihm doch schon nach wenigen Metern zuuuuuuu schwer. Auch frage ich mich, wie ich meine Koffer dennoch befüllen kann, wo ich doch NICHTS zum Anziehen habe. Kleiderschränke voller Nichts. Von oben bis unten. Und trotzdem kann ich die Taschen kaum heben. Meine Güte, was ist denn da drin! Um letzten Endes später festzustellen, dass genau DAS Teil fehlt. Das wichtige. Das einzige, was unbedingt mit verreisen sollte. (Oder aber, ich vergesse mal kategorisch, Hosen für Nils einzupacken. Oder die Unterwäsche…) Kai schüttelt jedes Mal mit dem Kopf. Auch heute noch. Ich spüre das. Aber, ich durfte immer packen, wie ich wollte.

Ich hatte mich – gründlich wie ich nunmal bin – vorher schon informiert und wusste, dass die Klinik nicht für Kinder ausgestattet ist. Man kann als Elternteil sein Kind gern mitbringen. Es ist kostenlos untergebracht und es wird der Besuch in einem Kindergarten oder einer Schule im Ort organisiert. Aber, dass Spielzeug und dergleichen vorhanden waren oder ein Beschäftigungangebot  für die lieben Kleinen. Das war nicht der Fall. Deswegen das halbe Spielzimmer. Ein Glück. Schon allein deshalb fand Nils recht schnell Freunde. Ich war nämlich die Einzige, die darüber Bescheid wusste und so traf man sich oft bei uns zum Spielen. Oder Nils schleppte seine Kisten in andere Zimmer.

Und so fuhren wir beide – Mutter und Sohn – an einem Dienstag Morgen bei Regen in die Einöde (hab mich auch nur einmal verfahren…). Natürlich nicht ohne uns vorher von dem Papa zu verabschieden. Traurig war ich nicht. Ehrlich gesagt, war ich froh. Natürlich tat es mir leid. Aber mal zwei Tage nur für Nils und mich. Das empfand ich als einen echten Segen.

Nils und ich bezogen unser Reich im „Hotel-Bereich“ der Klinik. Dort sind die Patienten untergebracht, die psychisch betreut werden. Wir hatten zwei Zimmer mit Verbindungtür. Eines als Art Wohnraum gedacht – mit Schreibtisch, kleiner Sitzecke und TV. Ein Schlafzimmer, jede Menge Schränke und ZWEI Bäder :-). Nils hatte sein eigenes und ich. Ein Luxus, den wir zu hause nicht haben. Beide mit Badewannen ausgestattet. Und zwei Balkone hatten wir auch. Durften uns aber den Wald von Nahem sehr genau anschauen. Kais Zimmer lag dafür auf der Sonnenseite mit herrlichem Ausblick über das Nichts um Bad Bocklet herum. Felder. Wiesen. Wald.

Nils war gerade fünf Jahre alt geworden, als wir verreisten. Mir war schon etwas mulmig zu mute. Denn ich konnte ihn ja nicht bei jedem Koffer von ganz unten nach ganz oben schleppen. Also versprach er mir, im Zimmer zu bleiben. Keine Ahnung, wie oft ich laufen musste, bis jedes Stück in unseren Zimmern verstaut war. Zum Glück gab es einige Aufzüge. Ich glaube, grundsätzlich lernte ich in Bad Bocklet Nils nicht zu sehr zu beglucken. Ihm zu vertrauen, sich etwas zu trauen. Ihn auch mal laufen zu lassen. Auch mit dem Fahrstuhl zu fahren. Allein. Allein sich die Tischtennisausrüstung leihen zu lassen. Oder in unser Postfach zu schauen.

Wolfgang – der Hausmeister kurz vor der Rente organisierte den Transfer von Nils zu seinem Kindergarten. Wolfgang – ein liebenswerter, älterer Mann mit stahlblauen Augen kümmerte sich eh ganz rührend um uns. Er mochte uns. Und zwar richtig. Alle drei. Aber – ja – mich besonders. Er weinte, als ich abreiste. Der alte Mann. Ich hätte ihn mit meiner Art, meinem Frohsinn und meiner Geschichte viel gegeben.

Bereits am Mittwoch ging es los. Auch für Nils in seinem neuen Kindergarten. Und das war der Kindergarten schlecht hin. Genau so stellte ich mir das eigentlich vor. Ein Kneipp-Kindergarten. Es wird frisch zusammen gekocht und gemeinsam gegessen. Gesundheit wird groß geschrieben, spielen noch viel größer. Erleben sollen die Kinder etwas. Donnerstag war der „Draußen-Tag“. Alles, was zu einem Kindergartentag gehörte, wurde draußen gemacht. Nils lebte sich sehr schnell ein, ging immer gern und wollte zum Schluss nicht eher geholt werden. Im Gegenteil, er vereinbarte sogar Treffen mit neu gewonnen Freunden dort. „Fußball verbindet die Welt.“

Zu Beginn saßen wir an einem 8er-Tisch. Man muss ja in so einer Reha nehmen, was man bekommt. Aber, ich wäre nicht Anja, hätte ich doch mal nachgefragt. Ob wir wirklich an dem Tisch mit ALLEN Kindern sitzen müssen. Ich wusste genau, dass das etwas war, was Kai definitiv nicht ertragen hätte. Und erst recht nicht morgens halb sieben! Mein Mann, der grundsätzlich erst einmal in aller Ruhe und ohne Unterhaltungsprogramm einen Kaffee brauchte. Aber, meine Bitte wurde mir erfüllt und so saßen wir die ganze Zeit als Familie und Schlusslicht fernab vom Ess-Trubel an einem Einzeltisch. Nils kümmerte sich immer selbst um seine Mahlzeiten. Er liebte das und machte ihn ganz stolz. Er hatte auch gar kein Problem damit, dass dort wenige Kinder waren. Im Gegenteil. Er genoss diese Zeit mit seinen Eltern sehr.

Mein Stundenplan war straff gestrickt. Bereits bis 7 Uhr musste man gewogen sein. Einmal in der Woche. Da hat man doch Glück, wenn man sich in der ellenlange Reihe wiederfindet. Als Letzte. Und dann ein Kind dabei hat, dem es dann arg langweilig wird, darauf zu warten, dass die  Mama sich auf der Wage bloßstellen muss. Und als er dann unter den Stuhlreihen begann, die Wollmäuse aufzusammeln, wurden wir von ganz hinten nach ganz vorn durchgereicht ;-). Gehen Sie nur. Der arme Kleine. Das kann der doch nicht aushalten.

Nach einem Arztgespräch bekam ich auch die notwendigen Behandlungen. Von Atemgymnastik, Gestaltungstherapie, Gruppengesprächen, Autogenem Training, Musikalischer Entspannung, Magnetfeldtherapie, Kneippkuren, Massagen bis hin zu Einzelsitzungen war alles dabei. In der Freizeit konnte man entweder im Palmenbistro sitzen, durch die Gänge spazieren, Schwimmen oder Saunieren, oder den den Wald erkunden. Mit oder ohne Begleitung. Jede einzelne Stunde musste auch abgezeichnet werden. Meist war ich von 7 Uhr bis 15 Uhr beschäftigt. Ich war später auch etwas froh, dass ich Freistunden hatte, in denen Kai therapiert wurde. So konnte ich ohne schlechtes Gewissen, mir Zeit für mich nehmen, oder mich mit meinen Mitstreitern unterhalten. Kai unterhielt sich eigentlich nur mit dem Personal und mit mir. Mit anderen sprach er nicht. Und wenn, dann ungern.

In der ersten Woche hab ich mich noch recht distanziert. Von anderen Patienten. Weil – ich kann ja erstmal grundsätzlich niemanden leiden :-). Ich sondiere die Lage. Ehe ich am Ende noch abgewiesen werde. Das vertrage ich nämlich gar nicht. Und meist wird diese Art von mir als sehr arrogant eingeschätzt. Dabei bin ichs gar nicht…meine ich jedenfalls von mir.

Mein erstes Einzelgespräch mit der Psychotherapeutin verlief im Prinzip sehr gut. Zumindest die ersten Minuten. Denn von da an heulte ich Rotz zu Wasser. Ich war einfach am Ende. Mit meinen Kräften. Mit meinem Elan. Mit meiner Zuversicht. Ich saß da und sagte, dass ich die Ehe nicht mehr packe, wenn es so weitergeht. Dass ich Kai verlassen muss. Und dass ich dann sicher von allen nicht verstanden werde. Weil, da muss man ja durch. Das geht ja nicht. Einen Kranken zurück lassen. Und dann auch noch den eigenen Ehemann. Aber ich hatte so einen Horror vor der Drogensucht. Vor dem veränderten Kai. Und ganz schleichend hat Kai – natürlich nicht allein selbst verschuldet – sein Leben in meine Verantwortung gelegt. Er wollte damit nichts mehr zu tun haben.

Dabei wollte ich es unbedingt gerne wieder hinbiegen können. Gemeinsam. Aber dazu musste Kai schon mitspielen. Sonst verliert man.

Ich fragte auch in der Onkologischen Klinik nach dem Arzt, der Kai behandeln und durch den Kuraufenthalt führen würde. Dr. „Bob“. Ein Osteuropäer. Aber sehr nett und fachlich sehr versiert. Obwohl viel beschäftigt, bekam ich noch einen Termin, bevor Kai anreiste. Ich hatte ja bereits Übung darin, meine Sätze vorzutragen und darum zu bitten, kein Fentanyl in Sprayform auszugeben. Alles andere würde gehen. Kein Problem. Und auch sonst, wenn ich etwas auf dem Herzen hätte. Er wäre für mich da. Ich wäre ihm eh schon aufgefallen. Ich würde immer so strahlen. Da dachte er schon, ich wäre neues Personal. Ja. Das Strahlen. Mein Fluch. Mein Segen. In jedem Fall vereinbarten wir, dass es das Ziel ist, Kai runter zu dosieren. Von seinen vielen Schmerzmitteln. Gabapentin. Lyrica. Tavor. Fentanylpflaster. Novalgin.

Und dann war es soweit. Donnerstag dann. Kai wurde von der Klinik in Bad Bocklet im Klinikum in Bayreuth abgeholt. Und Mittags war er da. Ich wurde extra aus meiner Stunde geholt. Frau Lauckner, Ihr Mann ist gerade auf dem Weg und gleich bei uns. Ich glaube, es war auch sehr selten, dass ganze Familien – Mutter – Vater – Kind – zugegen waren. Und dann noch mit unserer Geschichte. Ich erlebte es oft und immer wieder. Eine Seltenheit. In aller Art. An diesem Tag begann das schöne Wetter. Unser Sommer. Es strahlte die Sonne vom blauen Himmel, als Kai blass und sehr dünn durch dein Haupteingang trat. Trotzdem freuten wir uns. Als hätten wir uns Wochen nicht gesehen. Hatten wir uns ja auch nicht. Genau genommen. Kai sah nicht mehr seine Frau und ich nicht mehr meinen Mann.

Herzklopfen bis zum Hals und bitte, bitte nie wieder loslassen. Das wäre schön. Kai. Anja. Okay? Okay. Naja…beinahe.

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