Sommersucht

Im Juli 2010 erlebte ich einen strahlenden Kai. Meine Güte, hat er sich gefangen. Und entwickelt. Ich fand, die pinkfarbene Chemo-Kugel stand ihm außerordentlich gut. Die 24h-Pumpe muss man sich wie folgt vorstellen. Wir hatten mehrere Formen im Programm. Einmal eine durchsichtige, stramme Kugel in der Größe eines Tennisballs. Im Inneren befand sich die helfende Substanz. Der Kern des Balls war die Pumpe, die mittels Körperwärme angetrieben wurde. Somit musste Kai darauf achten, sie immer irgendwie entweder in der Hosentasche oder unter der Bettdecke liegen zu haben. Die wurde jeden Tag erneuert. Morgens war meist nur ein verschrumpelter Haufen von dem einst strammen Objekt übrig. Wie bei einem Ballon, dem die Luft ausgegangen ist. Gerade jetzt fällt es mir wieder ein. Die Chemo nach der OP, die vom Krankenhaus aus überwacht wurde, war dauerhaft. 3 Wochen durchgehend. Dann Pause – dann wieder Cisplatin im Klinikum. 3 Monate lang. Diese 3-Wochen-Pumpe musste nur jede Woche ausgetauscht werden. Und diese war pink. Länglich. Passte aber auch noch in die Hosentasche. Und in den Wochen vertrug Kai die Chemotherapie glänzend. Keine Probleme. Super Blutwerte. Wobei das Blut selbst kurz vor dem Tod kaum Anlass zur Beanstandung gab. Deswegen konnte man danach  nicht gehen. Keine Tumormarker. Nichts.

Als meine liebe Freundin Birgit Geburtstag hatte und zum Frauen-Kaffee lud, kam Kai spontan auch vorbei. Ich glaub, sie hat sich sehr darüber gefreut. Lieblingsjeans (…die hellblauen…) und Lieblingshemd – das weiße mit feinen hellblauen Streifen. So blau, wie seine Augen. Dazu weißes Basecap (wegen der wenigen Haare) auf dem eine Sonnenbrille saß. Weiße Turnschuh. Natürlich blitzblank sauber. So, wie Kais Schuhe immer waren. Nicht so, wie „Anja seins.“ Ich fand ja, dass ihm die dünnere Figur sehr gut stand. Sehr attraktiv. Und ich war stolz wie Oskar. Dass ich so einen blinkenden Mann vorweisen konnte, der sich von so einer bescheuerten Krankheit eben doch nicht in die Knie zwingen lies. Im Wohnzimmer habe ich eine Bilderreihe stehen. Und ein Foto stammt genau von diesem Nachmittag bei Birgit.

Während dieses Sommers entdeckte Kai auch einen neuen Geschmack. Halleluja. Er begann zu essen. Dinge, die er früher niemals zu sich genommen hätte. So hatte er total Appetit auf Salat. Vorzugsweise Feldsalat mit süßsaurem Dressing. Oder Karottensalat. Den vertrug er komischerweise. Noch ein halbes Jahr zuvor hätte er keinen Löffel einer Lasagne probiert. Natürlich restlos selbst gemacht. Stimmt es Susanne? Du erinnerst dich doch sicher! Und dann, dann konnte ich einmal in jeder Woche MEINE Lasagne backen. Fruchtzwerge aß er scharenweise. Aber immer mit Zucker. Weil, die sind ja gar nicht süß – !!????!. Naja, Kalorien sind Kalorien. Da ist nix zu meckern dran.

Wir hatten einfach eine tolle Zeit. Doch, ich erinnere mich an diesen Juli gern. Zumindest an den ersten Teil.

Anja, wir brauchen ein Carport. Ich will das jetzt bauen. Und pflastern. Das will ich auch. Den Hof neu machen.
Kai – nee. Das wird zu viel. Lass erstmal die Therapie zum Ende kommen und dann sehen weiter.

Tja und dann – dann stand eines Tages der Bagger vor der Tür. Als ich von der Arbeit kam. Fragt mich nicht, warum. Aber ich bin explodiert. Irgendwie konnte ich rein gar nichts ertragen, was Kai angestrengt hat. Weil er da Kalorien verbrauchte, die er einfach nicht hatte. Außerdem hatte er immer noch Schmerzen im Bauch. Kann der Kerl denn nicht einmal die Füße still halten? Am Ende stirbt er nicht am Krebs sondern verhungert. Und ich sag Euch was. So wäre es auch gekommen. Wäre der Krebs nicht wieder ausgebrochen, wäre er irgendwann mangelernährt gestorben.

Klar denke ich heute anders darüber. Soll er doch. Aber hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer, oder?

Ich weiß noch, dass meine Mutter ebenfalls stinksauer war. Aber eher, da sie auch Angst um ihre Tochter hatte. Was wohl aus mir wird. Ob ich alles verkrafte oder zugrunde gehe. Wie man es so oft hört. Heute ist sie wahnsinnig stolz auf mich. Aber damals: Anja, ich hol dich da jetzt raus. So geht das doch nicht. Du kannst nicht alles mitmachen, wenn Kai sein Leben einfach so hergibt.

Mit den Augen einer Mutter kann ich sie sehr gut verstehen. Wie schlimm muss das sein, zu sehen, was das geliebte Kind alles machtlos ertragen soll. Ich muss dazu sagen, dass meine Eltern beide auch an Krebs erkrankt waren. Früher. Meine Mutter hatte mit 29 Jahren ausgeprägten Unterleibskrebs und bei meinem Papa wurde 1997 Leukämie festgestellt. Meine beiden Eltern leben. Und zwar gut und gesund. Aus medizinischer Sicht hieß es bei beiden zu Zeiten der Diagnosenstellung: Keine Chance.

Meine Mutter fragte letztes Jahr, warum das wohl so ist. Dass es ihnen so gut geht. Mein Papa ist geheilt. Bei ihm schlug eine Medikamentenkombination an, die damals europaweit bei 10% der Patienten Erfolg zeigte. Und meine Mutter? Das war russisches Roulette. Ich war damals 9 Jahre alt und meine Schwester 5.
Ich sagte ihr: Tja, ihr habt beide überlebt, damit ihr jetzt für mich da sein könnt. Und für Nils.

Und bereits kurz nach Kais Tod wusste ich: alles hat seinen Sinn und alles seinen Grund. Man muss nur lernen, ES zu sehen. Manchmal dauert es. Dauert Monate oder gar Jahre, bis es sichtbar wird. Der gute Grund. Aus gutem Grund. Und so gilt das für alles, was ich bereits im Leben mitgemacht habe. Irgendwann fügt es sich. Die einzelnen Mosaikteile des Lebens werden zu einem großen Ganzen. Und dann erkennt man es. Und wenn das soweit ist, wird es gut.
Ich habe immer gedacht, dass es mich mal treffen wird. Mit einer schwerwiegenden Krankheit. Mit meiner Vorbelastung, die über mehrere Generationen reicht. In Kais Familie hingegen gab es derartiges nicht. Zumindest nicht wissentlich.

Kai arbeitete wie verrückt an unserem Garagenhof. Baggerte, schlichtete, grub. Nils half immer mit, durfte den Bagger steuern und war glücklich. Ich ja gar nicht. Kai hatte aber nun jede Menge Spielraum, während ich im Büro war.

Der Sommer lief auf Hochtouren. Meine Herren, war das heiß. Am Wochenende war ein Ausflug an den Fichtelsee geplant. Tretbootfahren und Eis essen. Sonntag  dann. Kai kam morgens nicht aus dem Bett. Was ist denn da los. Normalerweise war er immer lange vor uns auf den Beinen. Ach, er wisse nicht. Er kam nicht in die Pötte. Hatte schlechte Laune, Beinschmerzen und war komplett depressiv. Oh weh. Geht es jetzt los? Das, wovor uns Andreas auch gewarnt hat. Dass es schwer sein wird, mit der Angst zurecht zu kommen. Die Angst, dass der Krebs wiederkommt. Die kann einen zerfressen. Ich weiß das. Kenne das Ding mit der Angst.

Letzten Endes fuhr ich mit Nils allein an den Fichtelsee und tretete das Boot. Aß ein Eis mit Nils und hatte einen Familientag ohne Familie. Es fehlte eben der wichtige Teil.
Montag dann kam ich am späten Nachmittag nach hause. Kai arbeitete auf der Baustelle – bester Laune. Hmm.

Nächstes Wochenende. Die Zwillinge meiner lieben Freundin in Nürnberg wurden das erste Mal ein Jahr alt. Zum großen Ereignis waren wir eingeladen. Gleiches Spiel. Kai konnte nicht. Er konnte auch die Hitze nicht ertragen. Ihm war schwindlig, schlecht. Die Depression deutlich sichtbar. Spürend. Tja. Hat ja keinen Zweck. Wir lassen dich mal lieber in Ruhe und fahren allein nach Nürnberg. Schade. Für alle. Alle hätten ihn gern mal wieder gesehen.

Und so ging es weiter. Ich wurde langsam ungehalten. Ja sogar sauer. Unter der Woche ging es Kai prächtig. Am Wochenende dann hatten wir die Depression schlechthin im Haus. Ich war mit Nils auch allein im Schwimmbad. Eigentlich wollte Kai mit. Sagte dann aber kurzfristig ab. Als ich so auf meiner Schwimmbaddecke lag und las – Nils spielte im Sand – stand er plötzlich vor mir. Mein lieber Mann. Ach Anja. Er legte seinen weichen Flaum samt Kopf an meine Schulter. In die Kuhle zwischen Hals und Schlüsselbein. Ich kann es noch ganz genau spüren. Jetzt in dem Moment. Ach Anja. Ich weiß nicht was mit mir los ist. Vielleicht fragen wir doch mal einen Psychologen. Mir geht’s gar nicht gut. Herzrasen. Motivationslos. Müde. Schwindel. Frierend. Schwitzend. Und einfach schlecht drauf.

Gesagt – getan. Termin gabs aber erst in Wochen. Aber Montag war eh alles wieder gut.

Wir fuhren ins Vogtland. Kais Mutter hatte Geburtstag. Ich stand am Samstag Nachmittag im Keller meiner Eltern. Kein Keller in dem Sinn. Ein Wohngeschoss. Nur eben das allerunterste. Ich weiß, ich stand recht still und las irgendeinen Artikel. Man hörte und bemerkte mich nicht. Es war ganz still. Ich hörte aber, dass jemand die Treppe runterkam. Dieser Jemand blieb auf halber Höhe stehen. Man hörte ein leises Knacken – dann pffff – pfffff. Ging weiter. Kam um die Ecke. Kai. Und Kai war sehr erschrocken, mich im Kellergang stehen zu sehen. Hey, was hast du jetzt gemacht. – Nichts, was soll ich gemacht haben. – Hat sich angehört, als hättest du Nasenspray genommen. Ich dachte, das hätten wir abgeschafft. – Haben wir ja auch. Ich sagte doch, ich hab gar nichts gemacht. – Quatsch. Ich hab doch genau gehört, wie jemand, der gerade auf der Treppe stand ein Spray benutzt hat. – Anja, du regst mich auf. Dein ganzes Gehabe regt mich auf. Und ich bin sehr enttäuscht, was du über mich denkst. Mich als Lügner hinstellst.

Währenddessen erhob er ziemlich die Stimme, sein Gesicht wurde eisern, sein Blick ebenfalls. Sprachs, drehte auf dem Absatz um und ließ mich stehen. Ich sah in seiner Tasche den Abdruck seiner Fentanylsprayflasche.

Später schnappte ich ihm mir. Wir gingen spazieren. Und unterhielten uns darüber, dass Kai ja nun wirklich kein Spray mehr nimmt. Er die Gefahren kennt. Die Dosierung war acht mal so hoch, wie ein „50er“ Fentanylpflaster, die er im Frühjahr noch benutzte. Diese Pflaster müssen alle drei Tage gewechselt werden. Immer an anderer Stelle am Körper. Es baut sich ein gleichmäßiger Fentanylspiegel auf. Es bringt nichts, diese Pflaster nur kurz zu tragen, da es immer einige Stunden benötigt, bis das Mittel in ausreichender Menge abgegeben wird und Wirkung zeigen kann. Das Spray allerdings wirkt binnen von Sekunden. Da es gleich von den Schleimhäuten aufgenommen wird.
Anja, ich weiß das alles. Und natürlich nehme ich kein Spray mehr. Weißt du doch.
Kai, du weißt aber, dass du keine Schmerzen haben musst. Wenn du jetzt – fast ein halbes Jahr nach der OP immer noch leidest, MUSST DU DAS SAGEN. Du brauchst das nicht aushalten, in Ordnung?
In Ordnung, mein Schatz.

Gut. Ich war beruhigt. Nur kam es mittlerweile auch während der Woche vor, dass Kai einfach nur furchtbar war. Er brüllte Nils an, war einfach grantig, genervt, blieb oft ewig im Bett liegen und ließ sich gehen. Zwei, drei Tage ging es. Dann wurde es wieder übel mit ihm. Ich kam an meine Grenzen in dieser Zeit. Ich fragte mich, wieviel ein Mensch ertragen kann. Ertragen können muss. Ertragen muss. Ich wusste mir keinen Rat. Er war teilweise auch so sehr müde. Schlief mitten im Gespräch ein. Sagte nichts. Wenn er Besuch bekam, schwieg er. Legte sich dann ins Bett. WAS WAR NUR LOS!?! Ich war am Ende mit meinem Latein. Es hieß eben Depression. Fatigue. Die Müdigkeit, die durch Chemotherapie und schwere Operationen hervorgerufen wird. Kann man nichts machen. Muss man durch.

3. August. Ich überraschte Kai. Ich kam wohl etwas früher als sonst nach hause. Ich kam dazu, als er VIER MAL am Stück sich einen Sprühst0ß aus der mir so verhassten Flasche gab. KAI, was machst du da. In diesem Moment war es mir klar. Kai sah selbst keine Möglichkeit mehr, mir irgendwelche Geschichten zu erzählen. Ich würde sie doch nicht mehr glauben. Wir stritten. Heftig. Es ist ein Gefühl, als bricht alles zusammen. Mir war elendig schlecht und schwarz vor Augen. Scheiße. Was ist da nur passiert. Kai versucht es mit allen Mitteln. Mit furchtbarer Bösartigkeit. Mit Tränen. Mit Liebesbezeugungen. Es kam nichts mehr bei mir an. Ich wollte nur noch weg. Ihn nicht mehr sehen. Nicht mehr da sein. Nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Aber, das kann man nun ja nicht machen. Diesen kranken Menschen verlassen. Draußen regnete es. Ich zog mir Sportsachen an und ging Laufen. Ich war schon Jahre nicht joggen. Eigentlich hasste ich das langweilig, nervtötende Rennen auf Wegen. Diesmal aber tat es mir gut. Den kühlen Sommerregen auf der Haut. Musik im Ohr. Ich lief und lief und lief. Eine ganze Stunde. Ohne Pause. Ich lief meinem Leben davon. Immer wieder heulend. Verzweifelt und am Ende mit allem. Warum. Warum Kai. Warum ich. Warum Nils. Scheiß Warum! Ich hasse „warum“. Es gibt keine Antwort darauf. Es ist eben einfach so.

Als ich zu hause ankam, hatte Kai Nils derweil ins Bett gebracht und entschuldigte sich bei mir. Er werde es nicht mehr nehmen. Das blöde Spray. Er versprach es mir. Richtig glauben konnte ich ihm nicht.

4. August. Nils‘ Geburtstag. KINDERgeburtstag. Grausam. Es tat mir so leid für Nils. Ich hatte aber Yvonne an meiner Seite. Kai verzog sich. War ja wieder schlecht drauf. Der Entzug. Das war es nämlich. Entzugserscheinungen – ausgewachsener Art. Das war es auch, was Kai an den Wochenenden durchlebte.
Yvonne machte es möglich, dass Nils einen tollen Kindergeburtstag hatte. Wir saßen später noch beisammen. Katja und Rainer kamen noch dazu, Helmut ebenfalls. Es war eine schöne Runde, dir mir wieder Kraft gab. Zu wissen, dass man Freunde hat. Freunde, die einem helfen.

Am Montag Mittag ging ich zum Vertretungsarzt unseres Hausarztes. Ich musste mit irgendjemandem darüber sprechen. Unser Hausarzt hatte Urlaub. Fast den gesamten August. Und für die lange  Zeit der Reha, die Anfang September beginnen sollte, verschrieb er Kai noch zwei Flaschen Fentanyl-Spray. Für eine zweimonatige Zeit war das von der Menge her ja absolut okay.
Ich saß im Behandlungszimmer. Ach, Guten Tag Frau Lauckner. Ich glaub, Ihr Mann war heute morgen auch schon da.
Große Augen meinerseits. Ich erzählte ihm von meinem Problem mit Kai. Wie es mir ging. Das ich am Ende wäre und Hilfe bräuchte. Hilfe dabei, wie man Kai helfen könnte. Der sehr verständnisvolle Arzt berichtete mir, dass Kai bereits am Freitag in seiner Praxis war. Um sich das Spray verschreiben zu lassen. In Bayreuth gibt es nur eine Apotheke, die das herstellen kann. Er war am Freitag da, obwohl er am Montag der selben Woche bereits von unserem  Hausarzt die Kur-Ration verschrieben bekommen hat. Dem Vertretungsarzt zeigte er eine leere Flasche, auf dem die Rezeptur stand. Klar, verschrieb er. So einem armen Menschen muss man das Leben schließlich erleichtern. Nur, war diese Flasche bereits nach einem Tag aufgebraucht. Fachkundige Menschen ziehen jetzt scharf Luft ein. Gibt’s doch nicht. Doch. Gibt’s. Und am Montag wollte er mehr. Natürlich. Denn ohne konnte der geschundene Körper nicht mehr arbeiten. Oder bestenfalls mehr schlecht als recht.

Mir war speiübel, als ich die Praxis verließ. Eigentlich wurde ein Entzug in der Klinik vorgeschlagen. Es sei denn, ich schaffe es, mit Kai zu entziehen. Aber das wäre jetzt dringend notwendig.

Es gab selten einen Moment, an dem ich keinen einzigen Ausweg mehr sah. Jetzt war es soweit. Es war furchtbar. Ich konnte kaum atmen. Zumal Kai zu hause immer aggressiver wurde. Also begann ich. Ich begann alle Ärzte anzurufen. Wenn mein Mann kommt – bitte gebt ihm kein Spray. Ich rief auch auf der Palliativstation an. Eine meiner Lieblingsschwestern war am Apparat. Frau Lauckner – Ihr Mann gehört in eine Klinik. Das schaffen Sie nie. Ich heulte Rotz zu Wasser am Telefon. Alles brach zusammen. Und ich sprach mit niemandem darüber. Außer mit zwei Menschen. Ich weiß nicht, warum. Aber, ich konnte es einfach nicht. Meiner Mutter schrieb ich eine E-Mail in diesen Tagen. Bat sie um Hilfe. Schickte sie nie ab. Dieses Jahr im Sommer erzählte ich ihr davon. Alles. Ohne Wenn und Aber. Und das tat mir so gut. Es war so befreiend. Und heute? Würde mir das heute nochmal passieren – sie wäre die erste, die ich ins Vertrauen zöge. Kais Familie weiß bis heute nichts davon.

Ich fuhr auch zur Apotheke, die das Spray herstellte. Sie durften mir eigentlich keine Auskunft geben. Der sehr nette Inhaber sagte aber, dass, wenn ich anrufen und fragen würde, er mir einen Tipp geben konnte, ob Kai da war oder nicht. Und er gab mir eine Liste mit den Daten, an denen Kai Spray bekam. Zu Beginn reichte eine Flasche einen Monat. Zum Schluss keinen Tag mehr. Den Zettel habe ich heute noch.

Kai durfte ich von meinen Machenschaften natürlich nichts erzählen. Ich kann nur sagen, dass ich mich in seinem Zustand nicht mehr sicher fühlte. Und, hätte er es erfahren, ich wüsste nicht, wozu ihn die Sucht getrieben hätte. …wenn ich es erzählen würde. Und wehe, ich erzählte unserem Hausarzt davon. Also gut. Abgemacht. Du hörst auf – wir entziehen – Stück für Stück. Ich bin bei Dir, unterstütze Dich, halte alles aus und erzähle dafür niemandem etwas. Ich bekam vom Vertretungsarzt Fentanylpflaster, die wir turnusmäßig in Dosierung reduzierten. Die hielt ich natürlich versteckt.

Es war eine harte Zeit. Entzug ist Entzug. Kein Zuckerschlecken, nicht zu mindern. Man muss durch. Und zwar mit eisernem Willen. Ich habe Kai gesagt, dass, wenn er es nicht schafft, er allein weitermachen muss. Es geht dann nicht anders. Ich kann auch nur bis zu einem bestimmten Punkt. Und mit dem Entzugskampf war dieser Punkt erreicht.

Kai machte mit. Ich war sehr, sehr stolz auf ihn. Und auf mich. Ich glaube, auch wenn ich hier ausführlich darüber schreibe, kommt es dem sehr nahe ist aber noch weit von der Realität entfernt. Jetzt wusste ich aber auch, warum Kai so gut das Beil schwingen konnte und arbeitete, wie ein Tier. Er betäubte einfach den Schmerz. Und verlernte dabei, zu ertragen. Und Symptome zu erkennen.

Der Tag, an dem wir das letzte Pflaster abnahmen, war furchtbar. Wir hatten irgendwelche Bakterien im Weidenberger Wasser. Ich war total durch den Wind und schon wieder panisch. Man sollte Wasser abkochen, bevor man es benutzte. Kai allerdings trank – stur wie er war – direkt aus dem Wasserhahn. Wir stritten so heftig. Immer noch entziehend. Dann bekam Kai Bauchschmerzen. Er hatte schon die ganze Woche Rückenschmerzen. Jeden Abend massierte ich, wie eine Wilde. Bildete mir ein, eine Schwellung am Rücken zu sehen. Eine Beule. Wir gingen getrennt ins Bett. An diesem Abend. Redeten kein Wort miteinander. Ich konnte das aber nicht ertragen. Ich musste dafür sorgen, dass Kai wieder zugänglich wurde und wir uns vertrugen. Es ist mir so in Erinnerung geblieben, da ich meinen ganzen Stolz, mein Menschsein, meine Grundsätze über Bord warf und alles gab, um Kai wieder zu mir zu holen. Ich weiß nicht, warum ich so einen Zwang dahinter sah. Es gut werden zu lassen. Auch, wenn mein Herz es nicht einsah. Das Herz war recht abgeschottet, dieser Tage.

Kais Schmerzen wurden schlimmer. Normalerweise – wenn er solche Krämpfe hatte – dauerte es eine Stunde und dann beruhigte sich der Spuk wieder. In dieser Nacht nicht. Halb eins rief ich beim kassenärztlichen Notdienst an. Die kannten uns eh schon. Ich hatte Angst, dass Kai doch die Bakterien aus dem Wasser abbekommen haben könnte. Schilderte den Fall. Nein, da muss er ins Krankenhaus. Wir schicken den Wagen. Blaulicht stand vor der Tür und Kai wurde abgeholt. Ich war so froh, dass er mir wieder wohlgesonnen war. Froh, dafür gekämpft zu haben.

Nils war am nächsten Tag ganz begeistert. Der Papa mit dem Krankenwagen abgeholt. Warum wir ihn nicht geweckt hätten. Das hätte er gern gesehen. Nils war und ist Feuer und Flamme für alles medizinische. Bis heute.

Also gut. Samstag wars. Da mahlen auch die Mühlen im Krankenhaus etwas langsamer. Wir machen mal ein Abdomen-CT. Kai bekam Fieber. An diesem Samstag. Hmm. Wir lagen wieder gemeinsam im Bett und waren beide froh, dass wir die Fentanyl-Geschichte abgeschlossen hatten. Pflasterfrei. Ein Glück. Selbst Kai war erleichtert.

Bei den ersten Untersuchungen in der Nacht stellten sie fest, dass Kai recht verstopft war. In der Krankenakte las ich am nächsten Tag: Patient verlangt ständig nach essen, obwohl er weiß, dass er erst Stuhlgang haben soll.

Nun. Ohne Worte. Kai eben.

Das CT wurde gemacht. Der Arzt kannte mich nicht und ich durfte nicht mit rein. Pffffff. Ist mir auch nur einmal passiert. Kai traute ich jedenfalls nicht mehr über den Weg. Sie sagten – Abdomen in Ordnung. Aber wir machen nochmal ein CT vom Thorax. Gleich hinterher. Denn am obersten Rand der Bilder sah man, dass irgendetwas mit der Lunge nicht stimmte. Und wie wahr. Keiner hats gemerkt. Erst recht nicht der Besitzer des eingefallenen, rechten Lungenflügels. Weil er ja immer mit Schmerzmitteln bestens versorgt war. Tatsache. Kai musste operiert werden. Pneumothorax. Das bedeutet, dass Luft in den Pneumaspalt gelangt und ein Ausdehnen der Lunge beim Atmen verhindert. Lebensbedrohlich kann das sein. In der Lunge waren außerdem zwei Pleuraergüsse zu sehen. Flüssigkeitsansammlungen, die mit Eiter durchzogen waren. Kann ein Tumor dahinter stecken. Diese Nachricht erreichte mich im Büro. Mir lief es heiß und kalt den Rücken runter. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Das kann nicht sein.

Glücklicherweise bestätigte sich der Tumor nicht. (Zumindest nicht dort. Als ich die Krankenversicherungsunterlagen für die Sterbeabwicklung benötigte, las ich, dass damals bereits Borderline-Tumore vorhanden waren. Gutartige Knoten, die kurz davor waren, bösartig zu werden. Grenzwertig eben.) Woher der Pneumothorax allerdings kam, konnte keiner erklären. Eine Woche lang hing Kai ein einer Thoraxdrainage, bis die Flüssigkeit weniger und klarer wurde. Zeitgleich allerdings stellte man – aufgrund des Fiebers und unser Test-Anraten fest: MRSA – multiresistender Staphylococcus aureus. Der saß im Port. Der Keim. Den hatten wir schonmal. Und nun ein zweites Mal. Sprich, Kai konnte den Port nicht benutzen. Auch nicht für die parenterale Ernährung. Und nur eine Kombi aus verschiedenen Antibiosen intravenös und im Nachgang noch wochenlang durch Antibiotika in Tablettenform zu behandeln. Also, es erwischte Kai komplett. Das war Ende August. In einer Woche wollten wir zur Kur. Alle zusammen. En famille.
Das schaffen wir, Herr Lauckner. Keine Frage.

Fünf Tage vor unserer Reise nach Bad Bocklet wurde Kai entlassen. Wir hatten uns ausgesprochen. In allem. Und vereinbarten, dass wir ein Notfall-Spray zu hause haben. Ich verwahre es und sage Kai nicht, wo.

Er hat natürlich gesucht. Es aber nicht gefunden. Ich hatte es im Büro. Ein Glück.

Es wird ein langer Artikel. Ich merke es gerade. Viele Wörter. Aber, ich bringe es jetzt auch zu Ende. Um das Thema auch für mich abschließen zu können.

Das Wochenende vor der Reha. Kai hatte einen Schnupfen. Und hatte wahnsinnige Schmerzen in der Nase. Himmel. Wie litt er. Bei einem einfachen Schnupfen. Ihm liefen unentwegt die Tränen vor Ziepen und Zerren in der Nase. Hatte Kopfschmerzen unendlich groß. Irgendwann konnte ich das Elend nicht mehr mit anschauen und schaute in der Zeitung nach, wer Notdienst im HNO-Bereich hatte. Ha. Ein Glück. Mein Arzt. Auch noch mein Lieblingsarzt. Wir trafen uns in der Praxis. Am Sonntag Nachmittag. Der HNO-Arzt schaute sich Kais Nase von innen ganz genau an und war ratlos. Und geschockt. Er hat einmal derart nicht mehr vorhandene Schleimhäute gesehen. Rohes Fleisch mit einem weißen Film überzogen. Nämlich bei einem, der ausgiebig und langwierig kiffte. Aussage: Sei müssen sofort in ein Krankenhaus. Das muss untersucht werden.

NEIN. Wir fahren übermorgen in die Reha. Alles ist geplant, gepackt und vorbereitet. Außerdem ist die Klinik auch auf Atemwegserkrankungen spezialisiert. Sollen die sich drum kümmern. Einverstanden.

Montag vor der Dienstagsabreise.
Aufregung und Vorfreude macht sich breit. Wir alle sind sehr angeschlagen und müssen dringend mal raus. Bei Kai waren mindestens drei Wochen geplant. Bei mir fünf. Psychokram braucht immer etwas länger. Hieß es.
Ich packte das Auto – Kai zerrte alles wieder raus. Und die Koffer waren soooo schwer. Wir brauchten ja auch viel. Zumal wir die Jahreszeitenwende mitnehmen würden. Anfang September anreisen und im Oktober wieder abreisen.

Dann ging es los. Abends. Gegen acht. Kai fing an zu brechen. Oh nein. Was ist denn jetzt. Ich war überzeugt, das Kai einen Magen-Darm-Infekt hat. Denn, woher sollte es sonst kommen. Alles war in Ordnung. Und er brach weiter und krümmte sich vor Schmerzen. Keine Frage, dass ich dann natürlich ihm einmalig das Spray gab. Ich hatte es dabei und versteckt. Was wäre ich für ein Mensch, ihn derart leiden zu lassen, wo er doch nicht mal mehr gehen konnte, vor Krämpfen.

Und dann begann die schrecklichste Nacht meines Lebens. Die Sucht schlug Kai ins Gesicht. Und zwar mit voller Wucht. Der Kai, den ich kannte und geheiratet hatte, war nicht mehr da. Geblieben ist ein Süchtiger. Einer, der alles tut, um an seinen Stoff zu kommen. Er bekniete mich, flehte mich an, schimpfte. Morgens rief ich beim Notdienst an. Sie wären nicht mehr zuständig. Es wäre gleich sieben Uhr. Der Hausarzt übernimmt. Ich rief in der Praxis an. Klar, ging da keiner ran. Es war noch viel zu früh. Trotzdem schien es unser Arzt mitbekommen zu haben und rief mich zurück. Ich erzählte ihm. Ich sollte ein Mittel aus der Apotheke holen, das besser gegen die Übelkeit wirkt, als MCP. Peter übernahm das für mich. Und nahm Nils gleich mit. Ein Segen. Ein echter Segen.

Ich war fix und fertig. Und ich solle ihm bloß kein Spray geben. Das lähme die ganze Vorwärtsbewegung im Darm noch gänzlich. Gesagt – getan. Ich telefonierte mit unserer Klinik in Bad Bocklet. Wir durften bis 17 Uhr anreisen. Ich solle mir keine Sorgen machen. Unser Hausarzt rief mich wieder an, um sich zu erkundigen. Kai benahm sich wie ein Tier auf der Suche. Frau Lauckner. Geben Sie es ihm. Es hilft nichts. Das ist für Sie nicht mehr machbar. – Ich gab es ihm nicht. Er rief wieder an: Kommen Sie bitte nochmal in die Praxis, bevor Sie fahren. Ich will mir Ihren Mann nochmal anschauen.

Tja. Und dann? Die Bilder zeigten es eindeutig. Akuter Darmverschluss. Das geflickte Zwerchfell war gerissen. Der Darm quetschte sich durch, verknotete sich und nichts ging mehr vor und zurück. Normalerweise kann man bei einem Ileus gar nichts mehr. Weder sitzen, noch stehen, geschweige denn laufen. Bei Kai ging das. Er war ja versorgt.

Unser Arzt hielt eine flammende Rede. Kein Spray mehr. Das müssen Sie mir versprechen, Herr Lauckner. Das macht alles noch viel schlimmer. Ja, ich verspreche es. Ich habe es jetzt verstanden. Ich stand daneben. Und heulte. Und litt.

Zurück zum Auto. Auf ins Krankenhaus. Dort wurde bereits alles vorbereitet.

Im Auto: Gib mir das Spray.

Ich gabs ihm nicht. Ich hielt durch. Das war der schwerste Weg in der ganzen Krankheit. Weil Kai nicht mehr Kai war. Deswegen. Kai war weg. Anstelle dessen trat jemand anders. Jemand, den ich nicht kannte. Und auch nicht mochte.

Im Krankenhaus in der Notfaufnahme führte man nochmal alle Untersuchungen durch. Weil – das kann ja gar nicht stimmen. Herr Lauckner kann ja noch sitzen. Irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen. Nachdem ich zwölf Mal bleiben solle, wo der Pfeffer wächst, abhauen könne, holte ich das Spray aus dem Auto. Nicht ohne es in der Welt zu versprühen. Bis auf einen ganz kleinen Rest.

Die Liebesbezeugungen, die ich dann hörte, als ich Kai die blöde Flasche hinwarf, erreichten mich nicht. Auch nicht seine Küsse und Umarmungen. Auch nicht seine Wärme. Seine Wörter. Es prallte ab.

Kai wurde am nächsten Morgen operiert. Als ich ihn danach besuchen wollte, war sein Zimmer leer. Intensivstation hieß es. WAS? Es traf mich vollkommen unvorbereitet. Problem: Kai war nicht schmerzfrei zu bekommen. Und so sah ich ihn auch da liegen. Auf Entzug. Schon wieder. Wegen einem Tag. Ich veranlasste – ohne Kai zu informieren, dass Kai nie wieder eine Flasche in die Hand bekam. Überall hielt man sich daran. Auch, wenn Kai immer wieder danach fragte, wie ich vor wenigen Wochen erfuhr. Zwei mal war er auch auf der Palli, um eine Flasche zu bekommen. Man gab sie ihm nicht. Danke. Danke. Danke.

Mir tut es so leid, dass Kai so leiden musste. Dass er da rein geschlittert ist. Ohne Hilfe kommt man da nicht wieder raus.

Es war die schlimmste Zeit in der Krankheitsphase. Weil er weg war. Ich sah in der Reha unsere einzige Chance. Unsere Ehe zu retten. Denn so? So konnte das nicht mehr funktionieren. Ich wollte es nicht mehr. Gefühle? Hatte ich keine mehr. Weg. Oder eingefroren. Ja. Genau. Tiefkühlkost. Und vertrauen? Vertrauen konnte ich Kai nicht. Und eigentlich auch nie wieder vollständig. Und den Rest unserer Monate schwebte dieses Damoklesschwert über uns. Unsichtbar. Aber zu fühlen. Für Kai und auch für mich.

Aber – abschließend zu diesem Thema möchte ich gern loswerden, dass wir mit Beginn unserer gemeinsamen Reha eine tolle Zeit hatten. Wir wuchsen wieder zusammen und flogen uns in die Arme, als Kai nach Bad Bocklet gebracht wurde. Ich fuhr mit Nils schon ein paar Tage eher. Und dann wurde es gut. Und wir haben es geschafft. Gemeinsam haben wir diese schwere Zeit überstanden. Eigentlich die schwerste überhaupt. Alles was folgte, war ein Klacks dagegen. Denn – es hat uns auch stark gemacht. Und Kai war froh, dass es ausgestanden war. Ich ebenso.

TBC – TO BE CONTINUED

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