Dreißigster

Auch in zweitausendundzehn gab es einen Mai. Es war ein Wochenende. Meine Eltern waren gekommen, um den Garten auf Vordermann zu bringen. Da steckt wieder eines meiner Hirn-Fotos fest. Die Sonne scheint, es ist recht warm, Vögel unterhalten sich für meine Begriffe zu laut und ungehalten. Nils flitzt im Garten rum, mein Papa mäht den Rasen und kümmert sich um die Dinge, die sonst noch so getan werden mussten. Meine Mutter und ich hatten die ehrenvolle Aufgabe shoppen zu gehen :-). Ein anständiges Geburtstagsgeschenk für die bald dreißig Jahre jung werdende Tochter muss schließlich noch besorgt werden.

In dieser Momentaufnahme sehe ich Kai. Ich kann noch genau sagen, was er anhatte. Eine schwarze Freizeithose und ein weißes Langarmshirt (ich liebte es, wenn er weiße Oberteile trug). Leicht gebückte Haltung. Schwach. Sehr schwach. Selbst das Gehen fiel ihm schwer. Im Schlepptau den Infusionsständer. Wir waren zu hause nunmehr ziemlich gut ausgestattet. Glucose-Infusionen, Beutel für die parenterale Ernährung, Zusatzstoffe, Spritzen, Kanülen, Schläuche, Desinfektionsmittel und und und. Kai war kurz draußen in der Sonne. Ich denke aber, er konnte es nicht ertragen, nichts tun zu können. Als wir zurück kamen, saß er blass und haarlos im Sessel und hörte Musik. Ich ging zu ihm, kniete mich vor ihn und legte meinen Kopf auf seine Beine. Nach einer Weile schaute ich hoch. Ihn an. Direkt ganz tief in die Augen. Und dann liefen sie. Seine Tränen. Tränen der Machtlosigkeit. Tränen der Kraftlosigkeit. Einfach schmerzhafte Tränen. Keine von der befreienden Sorte. In dem Moment war ich einfach da für ihn. Ich hielt ihn fest. Ohne Worte. Still. Auffangend. Kai weinte in den beiden Jahren vielleicht drei oder höchstens vier Mal. Für mich waren diese ersten Tränen die schmerzhaftesten. Diejenigen, die ich heute noch spüre, wenn ich an diese Situation zurück denke.

Aber Kai wäre nicht Kai, hätte er sich nicht ordentlich die Nase geputzt, tief durchgeatmet, noch eine Infusion angehängt und daran gearbeitet, wieder auf die Beine zu kommen.

Mein Geburtstag rückte immer näher. Ich hatte bereits Freunde und Familie informiert, dass mir einfach nicht nach Feiern zu mute wäre. Ich glaube, das konnte jeder nachvollziehen. Die einzigen, die ich an diesem Tag gern um mich haben wollte, waren Kai und Nils natürlich, sowie meine Eltern und meine Schwester samt Daniel. Und Kai. Ich möchte bitte kein Geschenk haben. Ehrlich nicht. Und das aus meinem Mund. Ich, die sowas von unwahrscheinlich gern Geschenke bekommt. Aber ich wollte in gar keinem Fall, dass sich Kai Köpfe zerbrechen musste und am Ende noch durch die Lande dafür reist. Nein.

Es war ein Samstag. Der 23ste. Es wird doch eh immer viel zu viel Aufhebens um die Runden gemacht. Man wird ja doch nur älter und nicht jünger. Und es ändert sich auch rein gar nichts. Ich weiß noch, als ich zehn Jahre jung war ist meine Mutter dreißig geworden (…in der DDR war das damals so…also mit den jungen Müttern…aus verschiedenen Gründen…). Und ich empfand damals, dass meine Mutter also nun wirklich alt geworden sei. So mit 30.

Ausschlafen durfte ich. Nicht eher kommen, bevor ich nicht geweckt werden würde. Aber, wenn das Haus voll ist, kann man eh nicht lang schlafen. Meine Schwester war schon gut schwanger zu dieser Zeit – kümmerte sich mit Kai gemeinsam um alles zu erledigende. Ich fand einen toll gedeckten Frühstückstisch vor, samt todschicker „Happy-Birthday-Dekorationsfahnen“ über dem Tisch hängend. Nils schenkte mir ein Bild. Also, ein Bild bei Nils war damals nicht viel anders, als es heute ist. Bunte Striche. Sehr expressionistisch im Prinzip. Da fällt mir ein – meinem Opa hat er auch dieses Jahr ein Bild gemalt. Zum Geburtstag. Ein Fußballspiel – Aue gegen Cottbus im Aue-Stadion. ABER, es hat geschneit, während des Fußballspiels. Deswegen war der Rasen weiß und außer ein paar Strichen nichts zu erkennen, vor lauter Schneetreiben.

Kai ging es an diesem Tag erstaunlich gut. So gut, wie schon Monate nicht. Vor allem, wenn man den Zustand mit der Verfassung vom Anfang des Wonnemonats verglich. Er hatte gute Laune, war grundstabil, aß etwas und sorgte dafür, dass ich einen tollen Tag hatte. Nach meinen Vorstellungen. Es begann mit einer Kette. Beim Frühstück. Die ich geschenkt bekam. Kai, du sollst doch nicht….Aber Nils und Kai steckten gemeinsam unter einer Decke. Und so bekam ich den ganzen Tag über Geschenke. Nils rannte jedes Mal freudestrahlend daher, wenn er mir wieder etwas bringen durfte. Alles war dabei, was ich mir so wünschen konnte. Ich wollte gar nicht wissen, was er alles dafür ausgegeben hat. Aber wenn so Namen wie Dior, Gaultier, Fossil usw. fallen, wird’s wohl etwas mehr gewesen sein. Ich bekam eine Monopol-Sahnetorte mit meinem Namen, wir grillten, spielten Volleyball im Garten – hatten Spaß zusammen. Das Telefon klingelte auch permanent. Manchmal ignorierte ich es einfach.

Abends zündeten wir ein Lagerfeuer an. Ganz unerwartet standen Joachim und Susanne im Garten. Über diesen Spontan-Besuch habe ich mich doch sehr gefreut. Die beiden kennen auch meine Eltern mittlerweile recht gut – meine Schwester eh. Wir hatten einen tollen Abend, tranken nicht wenig. Kai mixte Caipis für uns (eine heimliche Leidenschaft von ihm…Cocktails mixen…) und später gab es sogar noch ein Feuerwerk für mich. Hatte er extra auf die Seite geräumt – in der Silvesternacht.

Ich habe diesen Tag immer mit Erstaunen verfolgt. Auch im Nachhinein, wenn ich zurück denke. Kai ging es wahrlich gut. Brach jetzt am Ende die gute Zeit an? Die Zeit, in der alles heilen konnte und wir endlich wieder in eine Zukunft blicken konnten? Die Chemo hat er auch gut verkraftet. Und hübsch sah er aus. Mit seinem Flaum auf dem Kopf. Ich hab die Leute immer gezwungen, seine neuen Haare anzufassen. Die waren nämlich butterweich. Wie Babyhaar. Kai musste es erdulden, dass ich davon so begeistert war und ständig andere Hände auf seinem Kopf lagen. Aber er duldete es mit einem Augenzwinkern. Ich mein, wer SOLCHE Haare bekommt, der kann sich schon was drauf einbilden. Sie fielen auch nie wieder aus. Auch nicht bei der palliativen Chemotherapie während des kompletten darauf folgenden Jahres.
Zwischendurch dachte ich immer: irgendwie ist Kai „high“. Vielleicht high vom Leben. Vom Trend bergauf. Vom Blick nach vorn. Schritt für Schritt. Von diesem tollen Tag, an dem er mich nach Stich und Faden verwöhnte.

Heute würde ich das gern auch noch glauben.
Heute weiß ich es aber, dass es einen anderen Grund gab.
Fentanyl-Spray.

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