Mal zwischendurch – „Schlaflos irgendwo in Bayern“

Kennt ihr das? Das Ding mit den Plänen? Man nimmt sich dieses oder jenes vor und irgendetwas durchkreuzt dieses oder jenes.

Wenn man Kinder hat, wobei genau eines dafür schon reicht, dann kennt man das mit den Kreuzungen zur Genüge. Und genau jetzt durchkreuzt wieder so ein kleines Wesen meinen Plan. Denn der lautete wie folgt: ich gehe heute mal recht zeitig ins Bett, um für die kommende, sehr vielsprechend stressige Vorweihnachtswoche wenigstens mit genügend Schlaf gerüstet zu sein. Nur kommt heute nicht mein Kind dazwischen, sondern das meiner Freundin. Genauer gesagt dieses Kind, welches vielleicht heute Nacht geboren wird.

Gerade lag ich im Bett, las noch in meinem Krimi und dämmerte gedanklich schonmal weg. Da klingelte das Telefon. „Anja.“ „Was denn – geht’s los????“ „Ich glaube schon…so alle zehn Minuten hab ich derbe Wehen und es wird nicht besser. Kannst du Anni holen. Ich glaub, das schaff ich nicht mehr.“ „Klar – ich komme sofort.“ Meine Freundin wohnt keine hundert Meter entfernt. Somit konnte ich Nils ziemlich gut für diese Zeit allein lassen. Das haben wir schon ab und an geprobt.

Kurz bevor ich ins Bett ging, schmierte ich mich noch einen Salbencocktail ins Gesicht. Ja, man wird nicht jünger und wer möchte nicht „in Würde“ altern. Dazu gehört freilich, langmöglichst jung und frisch zu erscheinen. Für die Würde! Und da glaube ich den Machern meiner Cremes aufs Wort. Dass sie gegen Falten vorbeugen. Und ja – bereits mit Mitte zwanzig sollte man mit dieser Vorsorgemaßnahme beginnen. Dies erzählte mir im letzten Jahr fachkundig die schier makellos scheinende Verkäuferin eines einschlägig bekannten Drogeriemarktes. Mist. Sechs Jahre hatte ich schon verloren. Ist das wieder aufzuholen? Also, zurück zum Salbencocktail. Als i-Tüpfelchen bekam meine Hautpartie rund um den Mund besondere Zuwendung, da sich durch den Wintereinbruch bereits erste Risse abzeichnen. Und ja – ein weißer Rand um den Mund zierte mein Gesicht, als ich mich auf den Weg ins Oberdorf machte. Neben diesem Rand trug ich noch meinen Pyjama, Turnschuhe ohne Socken und eine Semino-Rossi-Sweatjacke mit Kapuze. Was solls. Schließlich handelt es sich ja um einen Notfall. Da kann man jetzt keinen Wert auf Äußerlichkeiten legen.

Anni liegt jetzt in meinem Bett – auf Kais Seite – und ich bin vorübergehend eine Pflegemutter. Nur leider bin ich selbst so aufgeregt, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Eher an einen Likör. Zur Beruhigung.

Nils und Anni kennen sich bereits seit ihren frühen Lebensmonaten, als sie ihr Dasein in einer Kinderkrippe fristen durften. So lernte ich meine Freundin kennen. Also eigentlich sollte ich sie schon früher kennen gelernt haben. Nämlich im Geburtsvorbereitungskurs. Da saßen wir uns gegenüber. Nur leider hatte ich da kein Auge für andere, werdende Mütter. Schon damals meinte ich, mich von allen anderen entschieden anders zu verhalten. Hab ich aber nicht. Mir kam das nur so vor. Irgendwann, als wir die Youngsters aus der Krippe holten und uns zufällig trafen meinte sie: Dich kenn ich doch. Du warst doch mit mir im Kurs!

Ich – neeee. Dich hab ich noch nie gesehen.
Tja nun. Doch. Es stimmte. Hab sie nur nicht erkannt. Und so entwickelte sich eine sehr gute Freundschaft. Haben viel durchgestanden und mitgemacht und waren immer – besonders in den Extremsituationen unserer beider Leben – für einander da. Nils und Anni waren bereits in der Krippe ein Herz und eine Seele. Sie der sich abzeichnende dominante, weibliche Part der Beziehung – Nils der „okay – wir machen es so, wie du möchtest, Anni“-Teil. Durch viele Verwirrungen des Schicksals ging Anni dann auch noch in den gleichen Kindergarten wie Nils und heute, nachdem sich ihre Mutter und ein Freund von uns sich ineinander verliebten und wir Beinahe-Nachbarn sind, ja heute gehen sie auch in die selbe Klasse in der Schule. Sie sehen sich oft und verstehen sich super. Anni spielt ebenfalls wie Nils leidenschaftlich gern Fußball und liebt Star Wars. Beste Voraussetzungen!

Wären, ja wären da nicht die üblen Gerüchte, die kursieren. Letztens stieg Nils heulend aus dem Schulbus aus. Das muss man sich mal vorstellen. Da haben doch tatsächlich VIERT- und FÜNFTKLÄSSLER behauptet, Anni und Nils wären“zamm“. Das ist mal harter Tobak. Und Nils war völlig verzweifelt. Er wäre doch nur ihr Freund, aber nicht in sie verliebt. Bittere Tränen waren das. Das kann ich Euch sagen. Da muss man auch erst einmal die richtigen Worte finden und erklären, dass erstens auf Gerüchte nichts zu geben wäre, und zweitens sie ihre Freundschaft durch solche Dinge nicht beeinträchtigen lassen sollen.

Nils, mein Schlingel, hat das aber gleich mal bei anderen ausprobiert. Zu behaupten, sein Freund wäre mit der Dora „zamm“. Da wurden dann gleich mal Finger umgebogen. Unter den Zweitklässlern. Da geht das jetzt schon los…mit den Beziehungsdramen.

Dabei beginnt es jetzt – mit sieben – damit, dass man als Junge schon auf sich achten muss. Also, die Mütze mit Schirm darf definitiv nicht so aufgesetzt werden, wie es vom Hersteller vorgesehen ist. Neeeeeiiiin. Wo denkt man hin! Das wäre nämlich total schwul. Der Schirm muss zur Seite zeigen. Kleinkindkram wie Lokomotiven, Baumeisterfreunde, Bauchmaschinen aller Art dürfen auf keinem Kleidungsstück mehr zu sehen sein. Man achte bereits jetzt darauf, fit zu sein und Muckis zu entwickeln. Papas Deo-Reste und Parfüms werden nebenbei auch mit aufgebraucht. Mama…das riecht so gut. Und das halbe Haus gleich mit. Denn die Überdosierung von Kosmetikprodukten hat Nils – wie sollte es anders sein – ebenfalls von Kai geerbt. Und die Haare. Ja die Haare müssen jetzt auch gestylt werden. Und mit Spray oder Gel fixiert. Selbstredend passt dann auf diese Pracht KEINE Mütze. Auch nicht, wenn es schneit. Und auch dann nicht, wenn das Thermometer Messwerte weit unter Null Grad verzeichnet. Sorry Mama. Aber das musst du doch verstehen. Uncool ist es ebenfalls nachmittags OHNE Jacke nach hause zu laufen. Ist doch warm. Mama, mir ist nicht kalt. Bei Drei Grad und Nebel.

Aber, ich merke auch, dass jetzt mit Sieben eine hoffentlich  nicht ganz so kurz andauernde Zeit der Hilfsbereitschaft anbahnt. Während letztes Jahr Nils Aktivitäten in Haus und Garten eher für Zusatzarbeit der Eltern sorgte, so kann ich jetzt mit gutem Gewissen sagen, dass Nils schon zu einer Hilfe wird. Den Schnee hat er heute ganz fabelhaft geräumt. Und zwar auch den wichtigen. Also den, auf den Wegen und in der Garageneinfahrt. Sonst wurde nämlich gern die Wiese vom Schnee befreit, aber die langweiligen Steinwege eher nicht so.

Unsere Plätzchen musste ich allerdings allein backen. Am Freitag. Da ist es wieder. Der vermeintliche Plan, zusammen den Nachmittag in der Küche zu stehen. Durchkreuzt! Gemeinsam bereiteten wir bereits am Donnerstag den Teig vor. Nun fiel aber überraschend Schnee und mein lieber Sohn wollte dann doch lieber Schlitten fahren gehen. „Mama, ich hab jetzt jeden Tag mitgemacht. Das reicht doch langsam, oder?“ Hallooooo? Wer wollte den unbedingt Plätzchen backen? Ich nicht! „Ach komm schon. Nächstes Jahr mach ich wieder mit. Versprochen!“ Naja, also gut. Ich fahr Dich hin – aber nach hause kommst du selbst. Ist nicht weit. Nicht, dass ihr denkt, ich würde Nils kilometerweit den Schlitten durch die Einsamkeit der Ländereien zerren lassen. Ausgemacht war, dass Nils nach hause kommt, wenn es dämmert. Dass er – um es zu verdeutlichen – bei Einbruch der Dunkelheit zu hause ist.

Ich kümmerte mich derweil um MEINE Plätzchen. 17 Uhr ist es dann ja schon recht finster – aber kein Nils in Sicht. Ich rief dann doch mal bei der anderen Mutter an. Die Kinder wären alle noch am Schlittenberg. Also gut. Ich vereinbarte mit ihr, dass sie anruft, wenn ihre Kids da sind. Dann weiß ich, dass Nils jeden Moment hier aufschlagen würde. Ich fragte mich wirklich, ob Nils darauf achtete, dass sie auf dem unbeleuchteten Berg nichts mehr sahen und es bereits STOCKDUNKEL war. Vielleicht wartete er auch nur darauf, dass es noch dunkler werden würde? Vielleicht hat die Mama ja das gemeint. Also nicht das Dunkle jetzt, sondern das wirklich richtig Finstere viel später. Und hier – auch hier sehe ich ganz eindeutig den Vater des Kindes. Zeitgefühl? Nicht vorhanden. Ein Sinn für Pünktlichkeit? Nicht vorhanden. :-)

Zwischendurch rief mich meine Beobachtungs-Mutter an und meinte, dass ihr Mann mit allen Kids noch ein Spiel im Schnee angezettelt hat. Danach würde Nils nach hause kommen. Keine fünf Minuten später hörte ich Nils laut plärrend vor unserer Tür stehen. Eigentlich brauchte er auch gar keinen Klingelknopf zu drücken. Man hörte ihn eh durchs halbe Dorf. Meine Güte. Was ist denn da passiert!!?!!! Fix und fertig und aus allen Poren dampfend stand mein todunglückliches Kind vor der Tür. „Ich bin zu spääääääääät. Und jetzt bekomm ich einen Megaaaaaaa-Anschiss von Dir. Bist du fertig mit den Plätzchen? Darf ich probieren?“ Es gab dann aber keine Schimpfe. Dafür war ich viel zu gut gelaunt. Außerdem hätte ich ihm ja eine Uhr mitgeben können. Kurz darauf rief die Beobachtungsmutter an. Nils wäre weg. Plötzlich war er nicht mehr aufzuhalten und musste dringend gehen. DAS war wohl der Moment, an dem ihm bewusst wurde: Mist. Es ist dunkel! Gefühlte zwei Stunden nach Einbruch der eben solchen.

Wir verzierten noch gemeinsam alle Plätzchen und dieses Jahr hat Nils mindestens ein Drittel der Plätzchen selbst dekoriert. Und zwar eins A. Mein sonst gar nicht grafisch talentiertes Kind hat wunderschöne Muster kreiert. Da können sich  meine Kunststücke dahinter verstecken. Und er half danach beim Aufräumen und Abspülen. Und zwar so, wie es sich gehört und ohne, dass danach die Küche unter Wasser steht oder Nils sich komplett umziehen musste, da durchgeweicht. Also. Sieben ist ein hervorragendes Alter.

Ich bin wirklich mehr als gespannt, was uns noch erwartet. Manchmal denke ich – oh weh. Jetzt ist er schon so groß. Schaffe ich das alles? Also gut? Dass es ein guter Junger bleibt? Nicht abdriftet? Keine Ahnung. Ich gebe mir größte Mühe. Eine gute Mutter zu sein. Manchmal auch der Vater aber schlussendlich wünsche ich mir einfach nur, eine echte Vertrauensperson für Nils zu bleiben.

So, und jetzt habe ich mich müde getippt.
Gute Nacht!

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