Die Operation

Kais Geburtstag feierten wir am 13. Februar 2010 ganz groß. Zwei Tage feierten wir durch. Wir feierten, dass es Kai überraschend gut ging. Und feierten, dass operiert werden konnte. Umfassend zwar, aber man konnte es wagen. Um alles zu erwischen. Ich habe sehr viel fotografiert – an unserem feiernden Wochenende. Mittags kam bereits meine elend dran seiende schwangere Schwester Janine mit ihrem Mann Daniel. Kai und ich haben in einer Gemeinschaftsproduktion die BESTE Soljanka gekocht, die die Welt je gesehen hat. Selbst die „Westbürger“ konnten wir davon überzeugen. Ging weg, wie warme Semmeln. Abends war das Haus voller lieber Menschen. Wir lachten, tranken, aßen und schenkten Kai fürs Krankenhaus einen iPod. Alle haben zusammengelegt. Wir konnten ihn sogar noch gravieren lassen. Ich weiß nicht, welches Abkommen die beiden – Kai und Nils – miteinander hatten. Nils ist jedenfalls fest davon überzeugt, dass ER den iPod vererbt bekommen hat. Ebenso die verwahrloste Playstation, die im Schrank ihr einsames Dasein fristet.

Alle wünschten Kai nur das Beste. Eine gute Operation, eine schnelle Genesung, ein Eliminieren des Krebses. Und schlussendlich ein langes Leben. Wie gern schaue ich mir die Bilder dieser Tage an. Mit ganz viel Freude und Freunde. Aber auch sehend, dass ich seit über einem Jahr den ein oder anderen leider nicht mehr in meinem Haus begrüßen durfte. Der ein oder andere Gast, der sonst immer vorbei geschneit kam, fehlt mir schon. Aber, so ist es das Leben. Nicht wahr? Nichts bleibt, wie es ist. Alles ändert sich. In stetiger und ständiger Bewegung. Feste Säulen der Freundschaft zeichnen sich ab. Die, die alles mit machen. Gutes und schlechtes. Verstehend oder eben nicht. Dafür aber tolerierend.

Zehn Tage später brachten Nils und ich – an einem Dienstag Nachmittag – Kai in die Klinik. Nils klagte über Bauchweh. Er wusste, dass Kai operiert werden würde. Das Krankenhaus kannte Nils noch nicht. Er hat den Opa mal besucht, als dieser am Knie operiert wurde. Selbst da war es für Nils ein großer Spaß, alle Knöpfe zu drücken und der stolze Star von Opas Station zu sein.
Ich erinnere mich, dass Kai und ich uns leicht in den Haaren hatten. Ich muss sagen, dass ich heute vieles anders sehe. „Sehender“ sehe. Dinge, dir mir damals nicht aufgefallen sind. Logisch. Ich steckte doch genau mit drin. In unserem Dilemma. Ich spürte, dass es Nils nicht gut ging. Da ich doch panisch bei Magen-Darm-Erkrankungen reagier(t)e (ha…und dann habe ich einen Mann mit der gravierendsten Magen-Darm-Krankheit überhaupt…) habe ich Kai gebeten, mir eine Einkaufstüte zu geben, die in seiner Tasche steckte. Nur für denn Fall. Dann hätte ich etwas, das ich Nils schnell unter den Mund halten könne. Kai weigerte sich. Standhaft. Wie so denn. Anja, du übertreibst mal wieder. Reiß dich jetzt zusammen. Pffffffff!
Vor Kais Patientenzimmer empfing uns einer der Chirurgen. „Herr Lauckner, es wird schwierig. Wir haben uns gerade noch mal die Bilder angesehen. Wir tun alles, was wir können, um Ihre Familie beisammen zu halten. Alles Gute – das wünsche ich Ihnen und mir!“ Und dann, genau dann kotzte Nils. Ohne, dass ich die Tüte in der Hand hatte. Klar, dass ich mir ein „Ich habs dir doch gesagt…“ NICHT verkneifen konnte. Die Schwestern kümmerten sich sehr liebevoll um Nils. Nicht Kai sondern der Spross wurde ins Bett gelegt und mit Tee versorgt.

An diesem Abend hatte ich maßlos Angst, dass Nils wirklich einen Infekt haben könnte und wir Kai noch anstecken würden. Vor lauter Hektik brachte ich die Desinfektionsmittelflasche nicht auf, die ich von meiner Mutter bekommen hatte. Um Keime und Bakterien in Chemozeiten uns vom Hals halten zu können. Glücklicherweise kam Joachim kurz vorbei und öffnete mir die Flasche. Freunde eben!

Am 23. sollte es morgens gleich losgehen. War ich nervös. Ich hatte in dieser Woche Urlaub genommen, um da sein zu können. Wenn etwas wäre. Oder eben auch, wenn mal nichts ist. Ich hätte eh nicht arbeiten können. An Kreativität ist nicht zu denken gewesen. Als dann 9 Uhr das Telefon klingelte und eine Kliniknummer angezeigt wurde, blieb mir fast das Herz stehen. „Hey Schatz! Holst du mich ab. Ich muss erst morgen früh 7 Uhr wieder da sein. Bin heut nicht dran. Kein Intensivbett frei. Und ohne geht nicht“ Grrrrr. Ich kann Euch sagen. Das ganze Spiel machten wir DREI MAL mit. Einmal war Kai bereits im Dämmerzustand vor dem OP, als er wieder zurück geschoben wurde. Dieses Hin und Her strapazierte unsere Nerven und auch unsere Zweisamkeit sehr. Ständig stritten wir. Wegen Kleinigkeiten. Kai war so schlecht drauf.
Am Donnerstag Abend brachte ich ihn dann wirklich endgültig ins Krankenhaus. Meine Mutter war inzwischen angereist, um mich zu unterstützen. Besonders bei dem bevorstehenden Gang auf die ITS.
Ich vergesse niemals, wie wir fest umschlungen im Eingangsbereich der Klinik standen. Rund herum bereits alles zur Ruhe gekommen. Nur noch gedimmtes Licht. Kein Mensch weit und breit. Ich versprach Kai, dass ich, wenn er gut durchkommt und sich Mühe gibt, den Ratschlägen und Tipps Folge zu leisten (alter Querulant!) dass ich mir die Haare wachsen lasse. Eine Langhaarfrisur. So, wie er sich es an mir eigentlich immer wünschte. Aber nie gewährt wurde ;-). Nun, heute trage ich die Haare kurz. Sind immer kürzer geworden in dem letzten Jahr. Ironie des Schicksals. Würde ich das an dieser Stelle nennen.

Nils ging es wieder besser. Heute weiß ich, dass er keinen Infekt hatte. Es lag ihm das Unbekannte im Magen. Das war auch das erste und einzige Mal. Dann wusste er ja Bescheid. Für sich und seine kindlichen Gedanken. So ging er wie gewohnt in den Kindergarten und spielte mit Freunden. Warum auch nicht. Das war auch der Weg, den wir verfolgten. Die Normalität nicht aus den Augen zu verlieren. Einen Alltag zu leben. Der einem Sicherheit und vorgegebene, feste Punkte aufzeigt, an die man sich immer halten könne, wenn es notwendig ist.

Ab dem späten Mittag des 26. Februar rief ich stündlich auf Station an. Er wäre noch im OP. Er wäre immer noch im OP. Jetzt wird er noch überwacht. Man weiß aber nichts genaues. Ich beschloss mit meiner Mutter einfach hin zu fahren. Am späten Nachmittag. Nils war bei lieben Freunden untergebracht. An dieser Stelle an alle Beteiligten ein großes Lob! Wir haben uns in dieser Zeit sehr, sehr gut aufgehoben und umsorgt gefühlt! Danke, Danke, DANKE!
Mitten in der Stadt klingelte mein Handy. Kais Chirurg, der ihn auch in allen weiteren großen und kleinen Operationen betreute und ihm sehr wichtig geworden war. „Frau Lauckner, ich ruf Sie jetzt einfach an. Aber ich bin selbst fix und alle nach dieser Operation und muss nach hause. Ich wollte aber gern noch mit Ihnen sprechen. Die gute Nachricht: wir konnten – nach ersten Schnelltests zu urteilen – die von Krebs befallenen Organe und Knoten vollständig entfernen. Die Geweberänder sind krebsfrei. Weiteres zeigt dann der histologische Befund in einigen Tagen. Sieben ganze Stunden operierten wir und mussten einiges entfernen.“ Meine Mutter war indes mal rechts ran gefahren. Ohne meine navigierenden Informationen wäre sie womöglich über all hingefahren. Nur nicht in die Klinik. „Jedenfalls war der Haupttumor, den wir entfernten, ca. acht mal neun Zentimeter groß. Wir mussten neben dem Magen die Milz, einen Teil der Leber, den Schwanz der Bauchspeicheldrüse, viele Lymphknoten und einen beachtlichen Teil des Zwerchfells entfernen. Viel Blut hat Ihr Mann verloren. Wir haben einige Blutkonserven benötigt. Und die Lunge wurde leider verletzt. Das hat zur Folge, dass wir ihn in ein künstliches Koma versetzen mussten und er noch beatmet werden muss.“

Tja. Das ist ja mal ordentlich. Ganze Arbeit geleistet. Aber in dem Moment hätte ich die ganze Welt umarmen können. ER HAT ES GESCHAFFT. Er hat – a) überlebt – b) haben sie alles erwischt. Keine Ahnung an wie viele Empfänger ich eine Rund-SMS mit den Daten verschickt habe. Ähnlich wie einer „Geburtsdaten-SMS“.  Noch froher war ich, dass meine Mutter den Telefondienst übernommen hat. Sie hat das perfekt gemacht und mit jedem gesprochen, der anrief, Wünsche loswerden und Infos erhalten wollte. Ich hätte das nicht gekonnt. Aber abweisen konnte ich trotzdem keinen. Auch, wenn dafür meine Kraft nicht mehr gereicht hätte.

Natürlich durfte ich Kai sehen – auch ohne Besuchszeit. (Auf der Intensivstation wird das etwas „strenger“ geregelt.) Niemals zuvor habe ich intensiv betreute Patienten „live“ gesehen. Und – eigentlich bin ich gänzlich ungeeignet, mich in Krankenhäusern aufzuhalten. Als Kind habe ich meine eigenen becremten Windpocken im Spiegel gesehen und bin umgefallen. Auch, als ich meine Mutter in einem Krankenhausbett liegen sah, musste ich mich übergeben und bin ebenfalls umgekippt. Als Nils – gerade zweieinhalb Jahre – aus dem OP kam und ihm die Mandeln gekürzt wurden, bin ich ebenfalls halb ohnmächtig geworden. Ich sehe es noch vor mir. Meine Mutter, die ihr schreiendes, von Sinnen seiendes Enkelkind beruhigt und zeitgleich meine Beine nach oben hält. Da denkt man sich schon: Herrschaftszeiten Anja – das ist dein EIGENES Kind und du drehst ab…meine Güte! Nun und genau diese Anja musste viele, viele Krankenhausbesuche absolvieren. Und jetzt? Jetzt bin ich quasi der Fachbesucher schlecht hin! Man wächst mit seinen Aufgaben. Durchaus.

Also – auf geht’s…grüne Mäntel anziehen, Mundschutz und Mütze, Schuhe wurden auch mit Folie bezogen. Ordentlich desinfizieren und ab durch die Schleuse. Kai hatte das Glück, in einem „echten“ Zimmer zu liegen. Mit einem Fenster (…das war mein Glück…) und nicht in einem durch Vorhänge abgetrennten Abteil. Und da sah ich ihn liegen. Draußen war es bereits finster. Dieses erste Bild hat sich eingebrannt. Ich fühlte mich total stark. Und doch zitternd. Meine Mutter im Rücken stehend und mich stützend. Dort lag Kai. Weit, weit weg von allem. Einen Beatmungsschlauch im Mund, angeschlossen an allem möglichen. Bleich. Haarlos. Friedlich. Aber irgendwie leblos. Ich glaube das trifft es ziemlich genau. Ohne Leben. Ich habe ihn geküsst, ihn gelobt und mich einfach nur daran gefreut, einen Kai liegen zu sehen, der diese furchtbare Krankheit nicht mehr im Körper hat. Und dann konnte ich dem Drang nicht mehr widerstehen und hob seine Decke auf Handhöhe an. Typisch Anja eben. Mal aushalten, etwas nicht zu sehen, nicht zu wissen? Nein.
Das hätte ich mal lieber sein lassen sollen. Das mit dem Nachschauen. Ein intensiver OP-Geruch (man riecht das…finde ich…ebenso riecht man, wenn Kai Chemotage hatte…), eine ebenfalls leblose eiskalte Hand, viele, viele Schläuche und eine elendig große Bandage auf dem Bauch. Das war dann zu viel. Am Schlimmsten ist für mich immer der Geruch. Damit komme ich nicht klar. Das musste ich auch echt üben, um es aushalten zu können. Und dann lief ich drei Schritte, gerade noch raus auf den Mittelgang und schwups…schwanden mir die Sinne. Sofort kam ein Pfleger gerannt, bereit, mir umgehend eine Infusion zu setzen und mich hinzulegen. Meine Mutter aber – so, wie sie eben ist: das brauch die nicht. Das macht die immer. Keine Sorge. So brachte mann mir Cola und Traubenzucker und das „ich-besuche-Kai-auf-der-Intensivstation“-Procedere hat begonnen. Ein Stuhl stand für mich ab diesem Zeitpunkt immer bereit, und das Fenster wurde gekippt. Und so übte ich. Sobald ich merkte, dass mein Kreislauf schwächer wird, ging ich raus in die Schleuse. Legte mich kurz quer über alle Stühle, trank einen Schluck und ging wieder rein. So lang, bis ich nie wieder Probleme hatte. Zum Schluss war ich auch ohne Begleitung bei Kai. Ich war doch sehr stolz auf mich…und Kai auch. Er sagte immer: Ach Anja. Dass du so viel mitmachen musst mit mir. Das tut mir wirklich leid.

Am 28. Februar waren meine beiden Eltern da. Wir saßen beim Frühstück, als das Telefon klingelte und ich die Nummer der ITS erkannte. Ich sags Euch. Das ist eines der wesentlichen Erleichterungen jetzt: dass ich nicht mehr einen kurzen Herzstillstand erleide, wenn das Telefon klingelt. Mir schoss das Blut in den Kopf und zeitgleich schwand es aus allen Adern. So fühlte ich mich. Und dann…mein halbohnmächtiger Mann hat doch tatsächlich daran gedacht, dass wir Hochzeitstag hatten und hat sich das Telefon geben lassen. Damit hätte ich ja nie und nimmer gerechnet.

Am Montag besuchte ich nach der Arbeit Kai dann das erste Mal allein. Er musste auch schon immer sitzen und aufstehen. Es dauerte auch noch Wochen, bis Kai wieder flach liegen konnte. Mir tut immer sofort der Rücken weh, wenn ich daran denke. Immer erhöht liegen zu müssen.
Kai durfte dann mal einen Schluck trinken. Wasser. Aber noch lange nichts essen. Ich fragte mich immer, ob Kai noch Hunger verspüren würde. Ein Magenknurren gab es nun ja nicht mehr. Und ich glaube, so ein richtiges Hungergefühl hatte er nie mehr. Essen musste er aus einer Pflicht heraus. Ich glaube, das war das Hauptproblem. Wegen der Pflicht – nicht nach eigenem Befinden essend – sondern, um zu überleben. Das packte er nicht.

Und ich hörte es schon von weitem. MEIN ganz persönlicher HORROR. Kai kotzte sich die Seele aus dem Leib. Weil mehr war ja nicht drin, in dem Leib. Weder Nahrung noch ein Magen, der die Nahrung hätte beherbergen können. Das erforderte so viel Mut und Kraft von mir. Ich erwähnte ja bereits, das ich mit der Brecherei auf absolutem Kriegsfuß stand. Und Kai – ja der hatte auch noch seine ganz besondere INTENSIVE Art. Vollkommen panisch befragte ich Ärzte und Schwestern am Stützpunkt. Ich kann immer wieder nur sagen, dass wir bestens aufgehoben waren und sich jeder sehr umfassend um uns gekümmert hat. Ich fragte mich – und die Fachkräfte – wie das sein kann. Wie bricht man, ohne Magen. Das geht doch gar nicht?!? Oh doch. Die folgenden zwei Jahre hat Kai das eindrucksvoll bewiesen. Und irgendwann hatte auch ich kein Problem mehr damit. Man wächst eben. Ohne Zweifel.

Ich fand, dass Kai jeden Tag schlechter aussah. Blasser. Dünner. Zerbrechlicher. Zum Glück aber nahm man sich meiner an. Stefan – ein befreundeter Anästhesist, der auch bei der OP dabei war, hielt mich immer – auch nach Dienstende – auf dem Laufenden. Es ist nun einmal so, dass ich ein Mensch mit meinem Analysefable bin, der sich nur sicher fühlt, wenn er weiß. Bescheid weiß. Egal wie schlecht die Informationen auch ausfallen. Wenn ich sicher sein kann, dass das auch der Status quo ist, kann ich damit umgehen. Mit Unwissenheit kann ich eben nicht umgehen. Daran über ich aber bis heute, um es besser werden zu lassen. Diese Charaktereigenschaft kann einem machmal ganz schön im Weg stehen. Stefan sagte immer „Anja, große Bauch-OP – langwieriger Heilungsprozess.“ Und es braucht einfach seine Zeit, bis der Körper das neue Blut sich zu eigen gemacht hat und gelernt hat, trotz allem zu funktionieren. Es ist mir immer wieder ein Rätsel gewesen, dass es geht. Und eigentlich, wenn man sich an nach vielem richtet und einiges beachtet, kann man ganz gut leben. Nur „sich richten“ und „beachten“ – das sind zwei Tätigkeiten die im absoluten Gegensatz zu K A I standen.That’s the problem. Man ist manchmal einfach nur machtlos.

Und ein weiteres Bild – ist echt ein ganzes Fotoalbum in meinem Hirn – zeigt Kai auf normaler Pflegestation. Und zwar fix und fertig und schmerzgeplagt. Im Nachhinein weiß ich jetzt, dass diese OP alles verändert hat. Besonders was sein Schmerzempfinden und seine Schmerzschwelle anbelangt. Die war quasi nicht mehr vorhanden. UND er sagt es nicht, wenn er sich nicht wohl fühlt. Wir beide wussten zum Schluss, dass es meiner Penetranz zu verdanken war, dass er trotz allem so gut wie möglich durchgekommen ist. Wäre Kai auf sich allein gestellt, oder hätte eine Frau gehabt, die ständig nur weinte, er wäre untergegangen. Enge Freunde und unsere Familien wissen das. Und Kai dankte es mir. In seinen letzten Tagen mit seinen Worten.

Kai verbot mir auch – damals – Hilfe zu holen. Er kommt schließlich zurecht. Naja. Mir doch egal, oder? Das mit dem Verbot…nöö. Darauf hatte ich ja jetzt mal keinen Bock. Und so sponn ich mir mein Untergrundnetzwerk, die uns immer halfen und Kai eigentlich nie etwas davon mitbekam. Alle halfen mit. Da aller erkannten, dass das der einzige Weg war, um Kai Erleichterung – und was noch viel wichtiger war: Linderung und Aufmerksamkeit zu beschaffen. Das fand ich toll. Meinem Lieblingsarzt im Klinikum musste ich auch erst einmal begreiflich machen, WIE Kai war. Lieber quält er sich durch den Tag, anstatt mal zu sagen: Leute, mir geht’s dreckig. Unternehmt gefälligst etwas dagegen. Im Krankenhaus ist es natürlich so, dass das Personal darauf angewiesen ist, dass der Patient Bericht erstattet. Und wenn Kai etwas niemals erstattete – dann einen Bericht jedweder Art. Es sei denn, man zog ihm ihn in ehefräulicher Manier  aus der Nase. Also – Kai – ich hol mir mal ein Wasser, okay? Bin gleich wieder da. Und während dessen ich natürlich mein Wasser holte, sprach ich zugleich auch mit den Göttern in Weiß. Kai hat echt Schmerzen. – Was? Davon hat er gar nichts gesagt. Wir waren doch vorhin erst drin….Tja. So war es immer. Immer. Immer. Immer. Ich kann Euch sagen – in der Schmerztherapie kenne ich mich bestens aus. Welche Mittel wann und wie und in welcher Dosierung anzuwenden ist, welche Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und Auswirkungen sie alle miteinander haben. Vom einfachen Ibuprofen über Novalgin bis hin zu Opioiden und Morphium. Tabletten. Tropfen. Säfte. Spritzen. Pflaster. Sprays. Infusionen. Ampullen. Schmerzpumpen.

Und dann sollte Kai doch tatsächlich nach dieser Mörder-OP an einem FREITAG entlassen werden. Ein Kai, der die Suppe nicht aß, der sich nicht an „ohne Magen“ gewöhnen konnte. Übrigens konnte er das niemals! Der seine Atemübungen nicht machte, der nicht sagte, wenn er Durchfall hatte oder sich dauernd übergeben musste. Niemals könnt ihr mir das antun und mich mit einem ganzen Wochenende damit ins eiskalte Wasser schmeißen. Natürlich wusste Kai nichts davon. Ich glaube, er wäre an die Decke gegangen. Wenn ich mal alles aufgeschrieben habe, und ihr vielleicht regelmäßig gelesen habt, könnt ihr sicher meine Reaktion ein wenig besser nachvollziehen. Eine Reaktion, die jetzt vielleicht unmenschlich wirkt. Anja, du kannst noch nicht Kai im Krankenhaus lassen, nur weil du damit nicht klar kommst. Ich sags direkt: doch, ich kann. Denn auch meine Kräfte sind begrenzt. Und die brauche ich auch noch für Nils. Und ich wäre maßlos überfordert gewesen. Kein Hausarzt erreichbar. Kein Onkologe. Nur Bereitschaftsdienste, die wir eh in Zukunft oft genug behelligen mussten. Irgendwann kannten uns dann viele bis alle. Aber am Anfang unserer „Karriere“ war ich noch viel zu unsicher. Und ich erklärte ja bereits, wie es sich bei Unsicherheiten mit mir verhält. Im Krankenhaus sagte man: Frau Lauckner, wir können das schon machen. Aber wir würden ihm auch nur das Essen bringen. Mehr nicht. – Mir doch egal. Es WÄRE aber jemand DA, der zu HILFE eilen könnte, wenn etwas wäre. Und so war es amtlich. Kai sollte am Montag entlassen werden. Vor allem – andere Patienten fahren nach dererlei Rumgeschnipsel erstmal zur Rehabilitation. Wir aber nicht. Kai musste der Chemo wieder den Vorrang geben. Sonst hätte er GAR KEINE Chance. Wobei eine Reha zu diesem Zeitpunkt meinem Sturkopf auch nichts gebracht hätte. So schlau bin ich jetzt auch.

Und so wurde Kai – keine zwei Wochen nach der Aufnahme auch schon wieder entlassen. Ich finde das trotz allem sehr, sehr wenig Zeit, wenn man das Ausmaß betrachtet. Es wird einem teilweise zu hause sehr, sehr viel zugemutet.

Nils war noch im Kindergarten und wir nutzten die Zeit, um heraus zu finden, was anders war. Viel war anders. Aber das wichtigste war geblieben. Die Liebe und die unendliche Zuneigung. Das war schön. Wunderschön. Ich sehe es noch genau…wie einen Film. Den ich hier aufschreibe. Und vor diesem Moment hatte ich solche Angst. Dass das Wichtigste ebenfalls abhanden gekommen ist. Zusammen mit den Organen. Aber nein. Und da wusste ich es – irgendwie kommen wir da durch. So lang es die Liebe und den Zusammenhalt gibt. Und den gab es. Mehr denn je. Je größer die Schwierigkeiten, die zu bewältigen waren, umso höher stiegen wir beide in unserer Beziehung zueinander. So sollte es sein. Genau so. Nicht anders. So war es.

Nach über dreitausend Wörter in diesem Post setze ich für heute einen Punkt.

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