Vermischtes – vermischt es – es vermischt sich

Ich bin ja ein Mensch, der lässt gerne mal Revue passieren. Ich passiere vor und zurück. Passiere vor mich hin. Hoch und runter. Ach, auch mal im Kreis und am Ende ja immer wieder gern. Manchmal ist es ein Fluch und manchmal ein Segen. Und meistens beides zugleich.

Mal nicht zu denken oder zu überlegen? Nein, das kann ich eigentlich nicht. Ich wüsste nicht mal so recht, wie das gehen soll. Aber, es gehört nun mal zu mir. Freunde und Nicht-Freunde kennen das zur Genüge. Fluch und Segen. Ich sags doch ;-).

So lag ich gerade auf der Couch und ließ den Nachmittag Revue passieren. Und da wurde es mir bewusst. Es vermischt sich. Beim Revue passieren lassen der Vorweihnachtszeit des vergangenen Jahres  vermischen sich zum Revue passieren lassen des vorletzten Jahres die Erinnerungen. Jetzt erinnere ich mich an den Dezember vor einem Jahr. Und da gab es sichtbar nur noch Nils und mich in diesem Haus.

Der heutige Novembertag in diesem Jahr war von den „Hard-Facts“ her sehr ähnlich dem Novembertag in Zweitausendundelf. Nur war heute etwas anders. Heute war es schön. Und zwar für Nils (für den war es letztes Jahr schon schön…) und für mich gleichermaßen. Und das auch noch bei einer Tätigkeit, die ich früher eher als „naja – man macht es eben der Kinder wegen“ empfunden habe. Bei der heißgeliebten Weihnachtsbäckerei. Verstreutes Mehl, daneben gelaufene Eier, verschütteter Zucker – alles in allem ein klebrig-staubiges Chaos in der Küche. Letztes Jahr überforderte es mich. Heute haben wir gleich noch einen neuen Teig für morgen angesetzt. Nils und ich wachsen tagtäglich mehr zu einem Team zusammen. Und das macht mich froh.

Ich muss zugeben, dass es in den letzten Monaten durchaus Momente gab, in denen mein Mutterdasein eher aus Pflicht denn einer Kür bestand. Manchmal ist es eben einfach zu viel gewesen, mit allem allein klar kommen zu müssen, klar kommen zu wollen und es am Ende auch zu tun. Doch jetzt, ja jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. Und dieser Nachmittag hat mir das einmal mehr gezeigt.

Ich habe letztens schon festgestellt, dass Nils über recht viel Erbmasse in der Küche  verfügt. Also – NICHT über MEIN vererbtes – eher das von Kai ist da gemeint. Er liebt es zu werkeln, zu helfen, zu rühren, zu probieren, zu kochen und zu backen. Und das auch noch mit Ausdauer – leider. Wenns mal wieder schnell gehen muss, steht das ja eher im Weg. Deswegen habe ich es abgeschafft – dass es mal wieder schnell gehen muss. Zumindest dann, wenn wir gemeinsam in der Küche stehen. Denn dann nehme ich mir die Zeit und werde darüber auch sehr gelassen. So führen wir einen Wettbewerb, wer die meisten Eier fallen lässt, wenn er sie aus dem Kühlschrank holt. Im Moment führe ich – mit dem Fallenlassen. Drei zu eins für die Mama. Und Nils ist auch der Aufpasser. Dass wir bloß nichts vergessen. Für die Schule probierten wir uns an einem Haselnuss-Karotten-Kuchen. Und als das perfekt geschlagene Eiweiß unter die Masse gehoben wurde, ohne zerstört zu werden (wie vom Rezept vorgesehen) und wir den Teig bereits in die Kuchenform füllten. Genau dann fiel Nils ein: Und Mama. Wo kommt jetzt noch das Mehl hin? Und hier steht auch noch etwas von B A C K P U L V E R. Tja. Nun. Kann ja mal passieren. Ist aber trotzdem gelungen – unser Kuchen. Naja, bis auf die Tatsache, dass der Kuchen leider nicht mehr aus der Form heraus zu holen war. Ich habe wohl entscheidendes vergessen – FETTEN & MEHLEN…ach ja – und warm sollte er auch noch sein – beim Stürzen. Birgit – meine Liebste und Beste – hat den Kuchen dann herausoperiert. Mit etwas Schokokleber fiel der Missstand auch gar nicht weiter auf. Und nachdem Nils der Gugelhupf in der Schule aus der  Hand gefallen ist…shit happens…wars eh egal.

Aber, ich schweife schon wieder ab. Fluch und Segen. Da haben wir es wieder.

Und meine liebe Birgit, die meine wachsenden Hausfrauqualitäten mit Interesse beobachtet und ab und an anschiebt, schenkte mir vergangene Woche als Krankenbesuchs-Mitbringsel (ja, mich erwischte die Grippe…) eine Stollen-Backform. ANGEBLICH ganz einfach, sagte sie. Gesagt – getan. Nur noch mal schnell anrufen und nachfragen: Also, auch diese Form muss ich fetten und bebröseln? Ja, Anja. Ganz genau. Grundsätzlich muss alles eingestaubt werden. Aja. Okay. Und sonst so? Ach die Kinder……..und hinter mir tönte Nils aus der Küche (eins zu eins KAI!): Mama, du wolltest doch nur eine Frage stellen und jetzt versinkst du schon wieder am Telefon. Komm jetzt. Also Birgit – sorry…ich muss. Der Chef ruft!

Nils und ich lernen ja aus unseren Fehlern. Heute rührten wir die Zutaten nicht wahllos durcheinander, sondern in der Reihenfolge des Rezeptes. Um auch ja nichts zu vergessen. Hat prima geklappt. Nur nochmal schnell Birgit anrufen – also die Form – wie gehört die gleich nochmal in den Ofen? Danke. Ja, das klingt plausibel. So mach ich es!

Und soll ich Euch was sagen? Spitze sieht er aus – unser erster Stollen. Wie er so bepudert in der Küche steht. Ich bin mehr als gespannt, ob es auch wie einer schmeckt.

Da wir beide topmotiviert ob unserer neuen Fähigkeiten waren, rührten wir gleich noch den Butterplätzchenteig fürs Wochenende an. Der Opa hat Geburtstag und der soll bei seinem Jubiläum doch auch gleich mal probieren dürfen. Nur sollte man – das wissen wir jetzt – ja Nils und ich – man sollte nicht einfach wahllos auf den NUR drei zur Verfügung stehenden Knöpfen auf der Digitalwaage herum drücken. Nur um vielleicht zu erörtern, ob sich da etwas tut (Hinweis: Erbmasse-Kai!). Bisher leistete sie uns sehr gute Dienste. Aber irgendwie scheinen wir eine Tastenkombination erwischt zu haben, die die dringend anzuzeigende Grammzahl entweder auf Null oder ins Quadrat setzte. Nun, was tun? Ausschalten? Hat nichts gebracht. Also gehen wir zum Äußersten und entfernten die alte Batterie um sie durch eine neue zu ersetzen. Ich fand das eine sehr gute Idee. Ihr nicht? Und schon haben wir wieder etwas dazu gelernt. Nämlich, dass man KEINESFALLS die 9 Volt 6LR61 Alkali Batterien ohne Quecksilber und Kadmium verkehrt herum anschließen sollte. Dann gibt es, wie wir jetzt wissen, einen ganz ausdrücklichen Ton „pflop“, es riecht komisch und zeitgleich hat die Wage das Zeitliche gesegnet. Wie Nils bei so Nichtigkeiten gern mal reagiert, fing er an zu weinen. ABER, ich kenne mich ja immer besser aus in diesem Haus, in dem so ziemlich alles in irgendeiner Ecke, Schublade, Kiste, Kasten oder Haltevorrichtung zu finden ist. Eine analoge Wage. Nennt man das so? Wenn eine Wage nicht digital ist? Tja, man muss sich eben nur zu helfen wissen.

Nils ging in die Badewanne, um sich vom Stollenstaub zu befreien. Während dessen zerließ ich Butter im Topf auf dem Herd. Laut Rezept braucht man diese zum Bestreichen des Stollens. Ich wollte mich nur kurz an den Rechner setzen, telefonierte schnell und irgendwann brach mir der Schweiß aus. DIE BUTTER…ich raste in die Küche und – ein Glück! Alles noch heil. Den letztmöglichen Zeitpunkt um die Butter vom Herd zu nehmen erwischte ich hiermit. Nicht wie letztens, als ich das Spinatbrot eine ganze Stunde zu lang im Ofen hatte, weil ich mich – mal wieder – mit Birgit am Telefon verquatschte. Und ich verquatschte mich derart intensiv, dass der Ofen irgendwann kläglich aufgab, mich mit seinem durch aus penetranten Piepsen daran zu erinnern: ausschalten! Nun. Gut. Innendrin war das Brot total saftig. Nur die dunkle, bissfeste Hülle – ehemals Kruste – musste man vorher weg brechen.

Mit Freude bepuderten wir den Stollen mit Staubzucker. Und zwar nicht nur den Stollen, sondern die Anrichte und den Küchenfußboden gleich mit. Was für ein Spaß. Besonders, da alles an den Schuhen hing und gerne auch weiter getragen wird. Über den Flurteppich zum Beispiel. ABER – Hauptsache wir hatten Spaß dabei.

Und so vermischt es sich. Die Gedanken. An letztes Jahr – wie anstrengend ich das fand. An vorletztes Jahr, wie toll ich das fand. Wir drängelten uns zu dritt in unserer klein gehaltenen Küche und gingen uns weder auf den Keks noch auf die Weihnachtsplätzchen. Es war schön. Idyllisch. Und es wohnte ein Zauber inne. In meinem Kopf sitzt eine Momentaufnahme. Ähnlich einem Foto. Kai rollt die Vanille-Gipferl, Nils sticht die Plätzchen aus und ich überwache den Ofen. Kerzen brennen, Musik läuft und wir sind einfach nur zufrieden. Und dieses Jahr war es ähnlich. Die Kerzen brannten, die Weihnachtsmusik lief, wir kneteten und überwachten den Ofen und waren ALLE BEIDE einfach nur zufrieden. Und das ist doch mehr als erstrebenswert: Zufriedenheit. Seinen Frieden findend. Und ich glaube, ich bin auf dem allerbesten Weg dorthin.

Und wenn ich weiterhin Revue passieren lassen, sehe ich die Weihnachtszeit mit Kai. Geruhsam. Begleitet von Chemotherapie, die ihn aber nicht aus der Ruhe bringen konnte. Schnee werfend. Schiebend. Bauend. Beim Erinnern an letztes Jahr habe ich auch wunderbare Momente in Petto. Weihnachtsmarktbesuche mit ganz, ganz lieben Freunden, Glühweinabende, Mädelsrunden, Skiabfahrten, Familientreffen. Mit einem kleinen traurigen Gefühl im Hinterherz. Und heute, an diesem Novembertag vermischt sich es. Die letzten beiden Jahre – beide zulassend, auslebend – mischen sich mit dem heutigen Tag. Ich denke zurück, an gestern, an letztes Jahr, an vorletztes Jahr und noch weiter zurück. Und sehe – wir gehen einen guten Weg. Auch ohne Kai.

Und das finde ich heute mal wirklich bemerkenswert. Es fühlt sich gut an. Und das war unser aller Wunsch. Dass es sich irgendwann im Herzen gut anfühlt und der Schmerz und der Verlust nicht mehr im Vordergrund stehen. Natürlich sind sie noch da. Aber meist in Wellen. Und diese Wellen werden auch sanfter und lassen sich nicht mehr ganz so oft blicken. Manchmal plätschern sie einfach nur so vor sich hin. Im Hinterherz. Dann denke ich: Ach Kai. Dir geht es gut. Uns auch. Obwohl du uns fehlst. Aber das mit dem Sterben. Das kann ich manchmal einfach noch nicht fassen. Dass du gänzlich weg bist.

Und so vermischt sich es – die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft. Es wird EINS. Ein Gesamtkunstwerk.

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